Gotthard Starke wirkte für die anthroposophische Heilpädagogik, ihren Sozial- und Kulturimpuls jahrzehntelang von Schloss Bingenheim bei Friedberg/Hessen aus - später der Lebensgemeinschaft Bingenheim - mit starker überregionaler Wirksamkeit. Er begründete den Verlag und die Zeitschrift „Das seelenpflegebedürftige Kind‟ und setzte sich unter anderem intensiv für den Aufbau einer bundesweiten Zusammenarbeit innerhalb der anthroposophischen Heilpädagogik ein durch Mitbegründung der Vereinigung der Heil- und Erziehungsinstitute für seelenpflegebedürftige Kinder, aus der sich später der Verband anthroposophischer Einrichtungen für Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit entwickelte.
Gotthard Starke wurde als zweiter von drei Söhnen einer Lehrerfamilie in Grünberg/Schlesien geboren. Zeitlebens sprach er mit großer Dankbarkeit und Achtung von seinem Elternhaus. Wesentliche Kindheitseindrücke sind die Begegnung mit der Musik, dem Theaterspiel, aber auch die Enttäuschung seines religiösen Suchens durch die Konfirmation. So wandte er sich der Jugendbewegung (Wandervogel) zu und fand durch den älteren Bruder Georg zu einer ersten Begegnung mit der Anthroposophie. Nach dem Abitur begann er in Berlin ein Studium der Philosophie, Geschichte und Musik, das er 1932 mit dem Staatsexamen in Musik abschloss. Er tauchte stark in das besondere geistig-kulturelle Klima Berlins zwischen Ost und West ein, erlebte aber dennoch, dass dort in der damaligen Zeit ein freies künstlerisches Wirken nicht möglich sein würde und ging - wiederum durch den Bruder vermittelt - nach Hamborn, wo er, im heilpädagogischen Zusammenhang unterrichtend, musikalisch und praktisch-pflegerisch tätig wurde.
Durch zwei für ihn lebensbestimmende Begegnungen in Hamborn - zum einen mit Ita Wegman und ihren therapeutischen und sozialen Impulsen, zum anderen mit der dort tätigen Ärztin Waltraut Hoffmann - fühlte sich Gotthard Starke im Hinblick auf eine spätere Tätigkeit innerhalb der Heilpädagogik zum Medizinstudium motiviert, das er in Berlin und Breslau absolvierte und 1941 mit dem Staatsexamen abschloss. 1942 erfolgte die Heirat mit Waltraut Hoffmann und zugleich die Einberufung zur Wehrmacht, die ihn als Truppenarzt nach Pommern, Bulgarien und Makedonien führte.
Nach Kriegsende fand er mit seiner Frau und den inzwischen geborenen Kindern Michael und Martina zunächst eine Bleibe in Horn am Bodensee. Von hier aus und nach der Promotion in Marburg suchte er intensiv nach einem neuen heilpädagogischen Wirkensfeld und fand dies zunächst in Rittershain bei Bebra in einer Arbeit mit Kriegswaisen. Bald schon ergab sich die Notwendigkeit, nach einem neuen und geeigneteren Anwesen zu suchen, und so siedelte die Gemeinschaft im Sommer 1950 in das Schloss des hessischen Dorfes Bingenheim um. Hier musste unter äußerst bescheidenen Verhältnissen der äußere und innere Aufbau geleistet werden, wobei sich der Schwerpunkt zur Heilpädagogik verschob. Außer der Schul- und Lebensgemeinschaft entstanden dort nach und nach zahlreiche Werkstätten wie auch eine Gärtnerei und kleine Landwirtschaft.
Gotthard Starke war innerhalb der von ihm mit impulsierten Lebensgemeinschaft nicht so sehr und nur der fachlich kompetente Mediziner, vielmehr war es die besondere Art seines Umganges mit den heilpädagogischen Kindern, seine enorme heilpädagogische Detailkompetenz und sein Sinn für eine ästhetische Gestaltung und Kultur des Alltags, die sein Wirken besonders charakterisierten.
Heilpädagogische Einrichtungen sollten nach seinem Verständnis zugleich Inseln des kulturellen Lebens sein. Mit seinen musikalischen Fähigkeiten als Pianist, Leierspieler, Komponist und Begleiter bei vielen Eurythmieproben regte er das künstlerische Leben und die Gestaltung der Jahresfeste in Bingenheim an. Die Bingenheimer Pfingsttage waren 1952-76 überregional ausstrahlende kulturelle Ereignisse. Dabei wurzelte Starkes Einsatz für künstlerisch-kulturelle Lebensgestaltung nie im rein Ästhetischen, sondern vielmehr in einer religiös- spirituellen Lebenshaltung, die ihn auch zur Bildung eines überregionalen Verantwortungskreises für die Pflege des religiösen Lebens in der Heilpädagogik und Sozialtherapie, zum Engagement für die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland sowie die Zusammenarbeit mit der Medizinischen Sektion am Goetheanum führte. Wesentliche Freundschaften verbanden ihn mit Kurt-Theodor Willmann, Albrecht Strohschein und Immanuel Voegele.
In persönlicher Hinsicht hatte Gotthard Starke 1958 den Tod seiner Frau und ein Jahr später den des Töchterchens Alma hinzunehmen. Mit Ina Starke-Conradski, seit 1960 Eurythmistin in Bingenheim, gewann er eine neue Lebenspartnerin für viele fruchtbare Jahre des gemeinsamen heilpädagogischen, künstlerischen und sozialen Wirkens.
Mit verschiedenen Initiativen zur Zusammenarbeit und Sozialgestaltung griff Gotthard Starke seiner Zeit voraus. So erkannte er früh die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Eltern und Angehörigen behinderter Menschen und setzte hierzu entscheidende Impulse. Er wirkte wesentlich mit bei der Begründung und Ausgestaltung des „Lauenstein Sozialfonds‟, eines überregionalen Hilfsvereins für in Not geratene Mitarbeiter. Seine Initiative zur Gründung eines eigenen Fachverbandes und anderer überregionaler Arbeitsformen sowie von Zeitschrift und Verlag wurde bereits erwähnt.
Als Gotthard Starke am 21. Februar 1987 nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie und Freunde in der Lebensgemeinschaft Bingenheim ruhig über die Schwelle ging, konnte er auf eine erfüllte Lebenswirksamkeit nach innen und außen zurückblicken.
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