Marie Ritter
Ritter, Marie

Heilmittelherstellerin, Naturärztin.


.12.06.1924 München (Deutschland)

Marie Ritter gehört als Forscherin und Herstellerin von pflanzlichen Naturheilmitteln zu den Pionieren bzw. Vorläufern der anthroposophischen Pharmakologie.

Über die Herkunft und die Biographie Marie Ritters bis zum Jahre 1907 ist so gut wie nichts bekannt. Sie hatte hellseherische Fähigkeiten, aufgrund derer sie in Pflanzen Heilkräfte erkennen konnte. Aufgrund dieser Erkenntnisse stellte sie Pflanzenpräparate her. Sie war bereits in den 1890er-Jahren in Berlin Theosophin geworden, lernte Rudolf Steiner jedoch erst 1907 kennen. Sie lebte zu dieser Zeit bereits seit langem in Breslau, wo sie als ”Naturärztin” praktizierte. Kurz vor der Jahrhundertwende lernte sie Harriet von Vacano kennen.

Marie Ritter hatte in den 1890er-Jahren ihre sog. ”Photodynamischen Heilmittel” entwickelt. Bis das Herstellungsverfahren gesetzlich geschützt war, hatte sie lange zu kämpfen. Ihre fehlende Approbation bereitete ihr immer wieder Schwierigkeiten. Ihr enger ärztlicher Mitarbeiter wurde dann der wesentlich jüngere Dr. med. Max Hermann (der gemeinsam mit ihr 1907 Mitglied der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft wurde). Hermann hatte lange nach Alternativen zum herkömmlichen, ihn nicht befriedigenden Medizinbetrieb gesucht und war schließlich auf Marie Ritter hingewiesen worden. Als zugelassener Arzt übernahm er mehr und mehr die Praxis, so dass sie sich verstärkt ihrer Forschungsarbeit im Labor zuwenden konnte. 1905 stellte sie ihre Heilmethode in dem Buch ”Die neuro-dynamische Therapeutik” dar. 1912 ließ sie ein weiteres Buch folgen, das bis in die 30er-Jahre hinein immer wieder neu aufgelegt wurde. Ihre ”Kuren” zeitigten häufig gute Heilerfolge, sie wurde bekannt. Ihre ”Ritter-Naturheilmittel” fanden in Reformkreisen und darüber hinaus weite Verbreitung. Anthroposophische Ärzte (u.a. Felix Peipers, Ita Wegman) empfahlen sie, desgleichen Rudolf Steiner im ersten Medizinerkurs. - Nach einer Aussage Steiners helfen diese Mittel jedoch nur, solange die Krankheit noch im Ätherleib sei.

1908 wandte sich Marie Ritter brieflich an Rudolf Steiner mit der Frage nach einem Krebsmittel: ”Ist es erlaubt, dass ich meine Gedanken darauf richte, im Pflanzenreich die Heilmittel gegen beginnendes Carcinom und gegen Lungentuberkulose zu finden?” (zitiert nach Lüscher 1997, S. 235f.) Aus dieser Frage und Rudolf Steiners mündlicher Angabe eines Mistelpräparates in algenhaltigem Wasser ergab sich die Entwicklung eines ersten Mistelpräparats als Krebsheilmittel. Steiner besuchte sie in Breslau am 2. Dezember 1908, vermutlich wurde das Thema dort weiter erörtert. 1910 schreibt sie an Steiner: ”Mit Freuden habe ich Ihnen Viscum mali übersandt. Es wird dem Kranken gute Dienste tun, wenn er es aus Ihrer Hand erhält.” (Ebd., S. 236)

1908 wurde in Breslau ein Zweig der Theosophischen Gesellschaft gegründet, dem Max Hermann vorstand. 1911 nahm dieser - vermutlich mit Marie Ritter - an Rudolf Steiners Prager Zyklus ”Okkulte Physiologie” (GA 128) teil. (Ernst Müller, Geistige Spuren in Lebenserinnerungen. Unveröff. Manuskript im Archiv der Rudolf Steiner- Nachlaßverwaltung)

1912 zogen Marie Ritter und Max Hermann nach München, wo ihre Freundin Harriet von Vacano lebte und damals der sog. Johannesbau als anthroposophisches Zentrum geplant war. ”Die Aussicht, im Mittelpunkte des geisteswissenschaftlichen Lebens zu wohnen, fortgesetzt Vorträge und fachliche Belehrung von Dr. Steiner genießen zu können, lockte sie nach der bayerischen Hauptstadt.” (Dedo-Brie 1935) Hier setzten sie ihre Arbeit bis zu Marie Ritters Tod im Jahre 1924 fort. Gemeinsam veranstalteten sie jeden Donnerstag offene Zweigabende für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und Freunde, bis Hermann 1914 als österreichischer Militärarzt zum Kriegsdienst eingezogen wurde.

Im April 1920 nahm Marie Ritter auf Einladung Rudolf Steiners am zweiten Medizinerkurs teil. - Einige ihrer Mittel entwickelten anthroposophische Pharmafirmen (Weleda, Wala) weiter, z.B. wurde aus ihrer Ritter-Brustsalbe, die Rudolf Steiner der kranken Edith Maryon empfahl, der Plantago-Bronchialbalsam. Auch die Krebsmittel Iscador und Helixor gehen letztlich auf ihre Forschungen zurück.

Hans-Jürgen Bracker


Werke: Die neuro-dynamische Therapeutik, Leipzig 1905; Anleitung zum praktischen Gebrauch der photodynamischen Heilmittel, Breslau 1912, München 1937/1928 (9. Aufl.).
Literatur: Dedo-Brie, M.: Erinnerungen an Dr. Max Hermann, in: N 1935, Nr. 36; GA 260a, ²1987; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Lüscher, A. u. a.: Rudolf Steiner und die Gründung der Weleda 1997, Nr. 118/119.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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