Marcello Haugen
Haugen, Marcello Mikael Martin

Hellseher, Heilpraktiker.

*06.07.1878 Kongsberg (Norwegen)
†30.12.1967 Lillehammer (Norwegen)







Marcello Haugen ist eine schillernde Gestalt aus der Frühzeit der anthroposophischen Bewegung.

Marcello Haugen, eigentlich auf den Vornamen Martin getauft, wurde am 6. Juli 1878 in Kongsberg geboren. Sein Vater, Thoreus Hansen Haugen, im Kongsberger Silberbergwerk als Bergmann tätig, war mit Elen Marie Mikaelsen verheiratet. Marcello hatte acht Geschwister und soll schon früh hellseherische Fähigkeiten gezeigt haben, die seine Umgebung beängstigten. Nach Abschluss von fünf Schuljahren versuchte er sich in mehreren Berufen, unterbrach eine Buchdruckerlehre und beendete eine Bäckerlehre. Mit 20 Jahren wurde er Lokomotivputzer bei der Eisenbahn. Marcello Haugen machte schon damals durch seine besonderen Fähigkeiten auf sich aufmerksam, er heilte Menschen, erteilte Ratschläge und sagte die Zukunft voraus. Seine besondere Ausstrahlung suchte er nicht zuletzt durch das Gerücht einer sagenumwobenen Herkunft zu nähren, womit er seinen Ruf als Wahrsager legitimierte. Man erzählte sich, dass Marcello Haugens Vater Thoreus eigentlich ein Findling sei, der von einer Zigeunerbande zurückgelassen und dann in die Familie aufgenommen worden wäre. In seiner unvollendeten Autobiografie hat Haugen diese Geschichte sehr detailliert ausgemalt. Unter anderem führte er seine Abstammung auch noch auf einen italienischen Adeligen zurück – darum nannte er sich seit 1909, von einer Italienreise zurückkehrend, Marcello. Archivuntersuchungen konnten Haugens Darstellungen nicht im Geringsten bestätigen. Es wurde vielmehr deutlich, dass seine Vorfahren schlichte, alteingesessene Leute waren – Bauern, Häusler und Handwerker. Auch sein dunkles Aussehen ist für einen Norweger nicht außergewöhnlich.

Als Angestellter der Eisenbahn lebte Haugen mehrere Jahre im Umkreis von Lillehammer und kam mit theosophischen Kreisen in Berührung, zuerst vermutlich mit Einar Lunde und Ivar Fosse. Man begegnete ihm in der Anthroposophischen Gesellschaft mit großem Interesse und nahm ihn freundschaftlich auf. 1913 wurde er aufgrund von Empfehlungen Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Wenig später kündigte Marcello Haugen seine Stelle bei der Eisenbahn, um sich in Deutschland dem Studium der Anthroposophie zu widmen. Dort angekommen, trat er sehr bald als Hellseher und Heiler auf und stellte seine Dienste in Rechnung. Besonders die Damen waren von ihm begeistert, sie lagen ihm geradezu zu Füßen, nicht zuletzt wegen seiner attraktiven äußeren Erscheinung. Haugens Fähigkeiten wurden bald Anlass für allerlei Sensationen. Es verbreiteten sich die fantasievollsten Geschichten: Der deutsche Generalstab habe sich „unter der Hand“ an Haugen gewandt, er sei zum österreichischen Kaiser geführt worden, um diesem politische Ratschläge zu geben, und Ähnliches mehr.

Für die neu gegründete Anthroposophische Gesellschaft, die durch solche Gerüchte um ihr öffentliches Ansehen fürchten musste, erwies sich Haugens Auftreten schon bald als eine Belastung. Die Einschätzungen, die die Mitgliedschaft ihm entgegenbrachte, waren von außerordentlichen Fehlurteilen gekennzeichnet. Steiner hatte Haugen ein naturwissenschaftliches Studium empfohlen, damit er auf eine zeitgemäße Weise seine innere Entwicklung voranbringen könne – er beachtete dessen Rat aber nicht. Die anthroposophische Gesellschaft sollte den Rahmen bieten, in dem Haugen durch die Geisteswissenschaft „erzogen“ werden sollte, denn das Ziel der Anthroposophie liegt nicht in der Kultivierung atavistischer Fähigkeiten, sondern im reflektierten Erarbeiten übersinnlicher Erkenntnisse. Stattdessen begegnete man Haugen jedoch ganz anders, man bewunderte seine Fähigkeiten und verehrte ihn, kurz: Man fasste ihn als „Erzieher“ auf. So wurde Marcello Haugen, der wenig Verständnis für die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft zeigte, 1914 aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Für die norwegischen Mitglieder kam die Mitteilung über den Ausschluss unerwartet und die Freunde, die ihn empfohlen hatten, fühlten sich unangenehm berührt. Besonders Richard Eriksen ging die Misere nahe, da er die Verantwortung für die Aufnahme Haugens trug. Eriksen zog sich in der Folge aus seiner Tätigkeit für die Gesellschaft zurück, jedoch nicht ohne ein kritisches Schreiben an den Zentralvorstand in Stuttgart zu richten, das von 25 Mitgliedern mit unterzeichnet war. In der letzten Passage des Schreibens heißt es: „Es scheint uns, dass wir unseren Feinden unnötig Waffen in die Hände legen, wenn es wahrheitsgemäß von uns gesagt werden kann, dass wir Mitglieder ausschließen, ohne dass sie Gelegenheit haben, sich zu verteidigen.“ (Unveröffentlicht, Brief vom 13. Juni 1914, Archiv der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung) Es ist offensichtlich, dass sich zahlreiche Mitglieder der Probleme, die mit Marcello Haugens Persönlichkeit zusammenhingen, nicht in ausreichendem Umfang bewusst waren.

Marcello Haugen kehrte nach Norwegen zurück und war in der Folge in mehreren Bereichen tätig, u. a. als Geschäftsmann. Nebenbei wirkte er als Hellseher, der den Bauern half, verschwundene Tiere wiederzufinden und zahlreichen Menschen mit seinem Rat zur Verfügung stand. Auch seine Heilkräfte wurden von vielen Menschen in Anspruch genommen, sodass er bald in ganz Norwegen bekannt wurde. Haugen verstand sich besonders gut auf die Naturheilkunde und war ein kompetenter Heilpflanzenkenner. Er ließ sich nach seiner Rückkehr in Lillehammer nieder und baute ein imposantes Haus, das er „Svarga“ – Friede – nannte. Das Gebäude wurde über die Jahre erweitert und mit einer Kapelle für Meditation und Gebet ausgestattet. Nach einiger Zeit verband sich Haugen mit der Rosenkreuzerorganisation AMORC und gründete etwa 1960 die erste norwegische Loge, die den Namen „Marcello Haugen Pronaos“ erhielt. Fast 90-jährig starb er am 30. Dezember 1967 in Lillehammer.

Dass Marcello Haugen mit seinen besonderen Fähigkeiten vielen Menschen eine Hilfe war, ist zweifellos. Er wird jedoch in seiner Bedeutung überschätzt. Ein Zusammenhang mit der anthroposophisch orientierten Arbeit kann nur insofern hergestellt werden, als an Haugen deutlich wird, worum es der Anthroposophie und der Anthroposophischen Gesellschaft nicht geht. Diese Urteilsfähigkeit auch in der Nachwelt zu schärfen, mag eines seiner Verdienste sein.

Terje Christensen


Werke: unter dem Pseudonym Schouten Beek, H.: Eventyr for barn og voksne. Kristiania 1920; Betragtninger over en dag, Kristiania 1923; später mehrere Auflagen. Faksimileausgabe herausgegeben von Rosenkorsordenen AMORC, Oslo 1980.
Literatur: Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft, An die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, in: MDS 1914, Nr. VII; Parmann, Ø.: Marcello Haugen, Oslo 1974, ³1989; Christensen, T.: Fra antroposofiens første tid i Norge III, in: L 1988, Nr. 4; Parmann, Ø: Ein Leben im Spannungsfeld zwischen ererbter Hellsicht und Anthroposophie, in: G 1989, Nr. 25; Christensen, T.: Sigøynerslekt og adelig herkomst – eller ingen av delene?, in: L 1989, Nr. 2; Trapp, U. u. a.: Rudolf Steiner, ein Hamburger Logenvortrag und der Fall Marcello Haugen. Der Ausschluß Marcello Haugens. Briefe von Camilla Wandrey an Rudolf Steiner, in: BGA 1990, Nr. 105; Christensen, T.: Litt om Marcello Haugens farsslekt, in: Norsk slektshistorisk tidsskrift 1994, Nr. 4.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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