Kaspar Appenzeller-Stokar
Appenzeller-Stokar, Kaspar

Arzt, Forscher.

*13.04.1927 Davos (Schweiz)
†03.03.1999 Richterswil (Schweiz)



Als anthroposophisch orientierter Arzt arbeitete Appenzeller während mehr als vier Jahrzehnten in St. Moritz, in der schweizerischen Gebirgswelt, in die er wegen eines chronischen Asthma-Leidens seine Wirkensstätte verlegen musste.

Appenzeller war das jüngste von drei Kindern von Hans-Eduard Appenzeller und Susanne, geb. Zellweger. Er besuchte in Zürich die Rudolf Steiner-Schule, absolvierte anschließend eine Maturitätsschule und begann 1947 sein Medizinstudium in Zürich. Mit einer Arbeit über Masernenzephalitis promovierte er 1954. Als begabter Cellospieler hätte er auch eine musikalische Ausbildung ergreifen können. Nach einer kurzen Assistentenzeit in einem Regionalspital übernahm er 1956 in St. Moritz eine Arztpraxis und wirkte dort bis 1998. Neben den Patienten aus dem Oberengadin suchten ihn solche aus der weiteren Umgebung, auch aus Deutschland und Italien, auf. Zu den Therapien gehörte die Heileurythmie. Aus der Zusammenarbeit mit einer Heileurythmistin entwickelte sich eine Gruppenarbeit am Heileurythmie-Kurs von Rudolf Steiner (GA 315). Appenzeller arbeitete ferner als Schularzt, so in der Schulgemeinde St. Moritz und an der Rudolf Steiner-Schule in Chur. 20 Jahre lang war er Präsident der Ärztegesellschaft St. Moritz.

Von besonderer Bedeutung sind seine Forschungsarbeiten. Im Vordergrund stand die Funktion des menschlichen Herzens, das in der Schulmedizin immer wieder mit einer mechanischen Pumpe verglichen wird. Dem steht die Darstellung Rudolf Steiners aus geisteswissenschaftlicher Forschung entgegen, wonach die Bewegung des Blutkreislaufs das Ursprüngliche, die rhythmisierende Herztätigkeit die Folge davon ist. Appenzeller untersuchte in diesem Zusammenhang die Entwicklung von Hühnerembryonen und fand diese Aussage bestätigt. Mit einem eigens hergestellten Film dokumentierte er dieses wichtige Ergebnis. Als Schularzt musste er bei sehr vielen Kindern die Herztätigkeit abhören. Daraus entstand eine erweiterte Herzauskultation im Zusammenhang mit dem ganzen Menschen. In dem Buch „Grundlagen für eine neue Art der Herzauskultation“ sind die Ergebnisse dieser Forschertätigkeit zusammengefasst und im Sinne einer erlernbaren Methodik dargestellt.

Die Embryologie in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung war ein weiteres Thema, das Appenzeller aus einem ganz besonderen Aspekt aufgriff: das Sechstagewerk des mosaischen Schöpfungsberichtes als makrokosmischer Vorgang und seine mikrokosmische Entsprechung in der Entwicklung des menschlichen Embryos. Diesen Zusammenhang beschreibt Appenzeller ausführlich in seiner Publikation „Die Genesis im Lichte der menschlichen Embryonalentwicklung“.

Schon als Knabe hatte sich Appenzeller mit dem Problem der Quadratur des Zirkels befasst. Die rein mathematische Betrachtung führt bekanntlich auf die Zahl p , die sich jeder rationalen Erfassung entzieht. Die menschliche Gestalt „löst“ das Problem insofern, als ein Kreis, der durch die Fingerspitzen bei waagrecht ausgestreckten Armen auf die Füße gelegt wird, flächengleich ist mit einem Quadrat, dessen Seiten die Füße, die Fingerspitzen und den Kopf tangieren. Appenzeller konnte dies aufgrund von Messungen statistisch mit hoher Genauigkeit nachweisen. – Auch an den zwei anderen mathematisch-geometrisch unlösbaren Problemen, der Verdoppelung des Quadrates und der Dreiteilung des Winkels, arbeitete er intensiv.

Mit der Anthroposophie war Appenzeller schon durch die Mutter in Berührung gekommen. Die aktive Auseinandersetzung damit begann mit 16 Jahren. Etwas später, während des Studiums, gründete er mit Altersgenossen zusammen die „Soziologisch-philosophische Arbeitsgruppe“. Dieser gehörte auch Johnnie Stokar, die er 1954 heiratete, an. – In dieser Zeit beteiligte er sich auch intensiv an der anthroposophisch-medizinischen Arbeit in der Schweiz, die unter der Leitung von Hans Werner Zbinden stand und in der Rudolf Steiner-Halde in Dornach stattfand. 1961 übernahm Appenzeller die Leitung dieser Gruppe, die regen Zuspruch fand. Sie veranstaltete in dieser Zeit jährlich zwei medizinische Tagungen. – 1977 wurde Appenzeller in die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung berufen.

In zahlreichen Vorträgen und Kursen gab Appenzeller seine Erkenntnisse an Ärzte, Lehrer und an ein allgemein anthroposophisch interessiertes Publikum weiter. Die immer durch konkretes Material gestützten Darstellungen erforderten vom Zuhörer ein besonderes Maß von qualitativem Betrachten und Denken nach der Methode der Metamorphosenlehre.

Kurz vor seinem Tode, auf dem Krankenbett der Paracelsus-Klinik in Richterswil, konnte Appenzeller seine letzte Veröffentlichung, „Der anthroposophische Seelenkalender im Lichte der Menschheitsentwicklung“, vollenden, gleichsam als Abrundung und Vermächtnis seines irdischen Wirkens.

Andreas Dollfus


Werke: Die Genesis im Lichte der menschlichen Embryonalentwicklung, Basel
1976, ²1989; Die Quadratur des Zirkels, Basel 1979; Grundlagen für eine neue
Art der Herzauskultation, Basel 1989; Der anthroposophische Seelenkalender
im Lichte der Menschheitsentwicklung, Basel 1999; Beiträge in BeH, MaB,
WNA.
Literatur: Streit J.: Dr. med. Kaspar Appenzeller als Publizist, in: MaB 1989,
Nr. 87; Müller, G.: Dr. med. Kaspar Appenzeller, autobiografisch: Der Autor
über die Entstehung seiner Bücher, in: Sonnengarten-Post 1999, Nr. 26; Streit,
J.: Im Gedenken an Dr. med. Kaspar Appenzeller, in: MaB 1999, Nr. 106;
Streit, J.: Kaspar Appenzeller-Stokar, in: MaB 1999, Nr. 107; Glöckler, M.:
Dr. med. Kaspar Appenzeller verstorben, in: N 1999, Nr. 11; Appenzeller, G.:
Dr. med. Kaspar Appenzeller-Stokar, in: N 1999, Nr. 17, auch in: RMG 1999,
Nr. 35, auch in: Mst 1999, Nr. 3, auch in: Selg, P. [Hrsg.]:
Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Suchantke, A.: Kaspar Appenzeller,
in: MaD 2000, Nr. 211.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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