Stanislas Stückgold
Stückgold, Stanislas

Ingenieur, Maler.

*18.05.1868 Warschau (damals Russland)
†09.01.1933 Paris (Frankreich)



Sein Vater war ein wohlhabender jüdischer Kaufmann, der Großvater ein berühmter Rabbi. Die Mutter schickte ihn schon als Dreijährigen in die jüdische Schule, wo er die hebräische Bibel auswendig lernen musste und es offenbar besser konnte als alle älteren Schüler. Noch als kleiner Junge lief er eines Tages fort, um Lehrling bei einem berühmten Maler zu werden, wurde dann aber schleunigst zurückgeholt. Es war die erste und bis zum 38. Lebensjahr einzige Begegnung mit der Kunst. Nach dem Abschluss des Gymnasiums studierte er am Warschauer Polytechnikum, wurde Ingenieur, setzte dann aber in Zürich und an der Sorbonne seine Studien der Chemie und Philosophie fort. Weil Polen damals Russland unterstand, diente er anschließend in der russischen Armee. In Berlin und Düsseldorf wurde er Assistent am staatlichen chemischen Laboratorium, leitete später in Warschau eine chemische Fabrik und gründete ein freies technisches Büro. Nach Erfindungen in der Textilindustrie und der Kesselfeuerung arbeitete er in London bei Eisenbahn- und Dampfschiffunternehmungen. Danach leitete er wieder eine Fabrik in Warschau und arbeitete mit Kohlebergwerken zusammen.

Wie es zu seiner Lebenswende kam, beschreibt er 1917 in einem Brief an Paul Westheim: „Im Kampf gegen den russischen Imperialismus 1905/06 stand ich in den Reihen der Kämpfer für die Freiheit Polens und des geknechteten Judentums. Ich lernte mehrfach am eigenen Leibe das Grauenhafte der politischen russischen Gefängnisse kennen. Und ich strebte danach, die Menschheit davor behüten zu können. Unsere Partei unterlag. [...] Ich wurde von der russischen Geheimpolizei verfolgt und suchte Schutz bei einer Freundin, einer polnischen Aristokratin von eigentümlichen, ich möchte sagen, seherischen Anlagen. Diese befahl mir förmlich, mich der Kunst zu widmen. Ich sträubte mich mit aller Kraft dagegen und hielt es für verrückt. Denn ich war schon 38 Jahre alt, Ingenieur, und stand völlig abseits von jeder Kunstbetätigung. Sie drang nur umso stärker in mich, da sie überzeugt war, dass ich nur auf diese Art der Menschheit dienen könnte. Und ich fing als Bildhauer an. Selbstredend war schon im Anfang das Religiös-Geistige der Motor, der mir meine Kräfte trotz der Unbeholfenheit in Spannung hielt. Ich widmete mich nun der Malerei.“ Ein halbes Jahr studierte er an der Kunstakademie in Warschau Bildhauerei, wechselte dann aber nach München an die Malschule des gebürtigen Ungarn Simon Hollósy, der seinerseits bereits 1896 mit der Malschule teils in die ungarische Provinzstadt Nagybánya übergesiedelt war und die dortige Künstlerkolonie begründet hatte. Inzwischen verbrachten die Künstler die Wintermonate in München, den Sommer in Nagybánya. Dort lernte er 1908 seine spätere Gattin Elisabeth von Veress ( Elisabeth Steffen-Stückgold) kennen. Mit ihr zog er nach Paris, arbeitete zunächst wieder als Bildhauer, wurde dann aber für ein Jahr Schüler von Henri Matisse und verkehrte mit allen Großen der Kunstmetropole. Durch Joseph Brummer ergab sich eine kostbare Freundschaft zu dem greisen Zöllner Henri Rousseau, die Elisabeth so schildert: „Ich sehe zwei Künstler, wie Kinder verschieden und doch verwandt, vor mir. Sie öffnen sich arglos ihre Traumeswelten, die größere Wirklichkeiten besitzen als die irdischen [...].“ (E. Steffen, 1961, Bd. I, S. 277)

Da Stückgold sich in neun Sprachen verständigen konnte, fiel es ihm nicht schwer, fast jedem in dessen Muttersprache zu begegnen. 1909 stellte er zum ersten Mal aus, wobei André Salmon, Guillaume Apollinaire und Pablo Picasso lobend auf ihn aufmerksam machten. Während der Sommermonate weilte er mit Elisabeth malend in ihrer Heimat Ilonda (Österreich-Ungarn), wo sein erstes großes Porträt „Der Großvater“ entstand und im September die Tochter Felicitas mit einer schweren Behinderung geboren wurde.

Um 1913 muss er den russischen Kunsthistoriker Trifon G. Trapesnikov kennen gelernt haben, der ihm und Elisabeth von Rudolf Steiner erzählte. In der Hoffnung, bei ihm Hilfe für ihr gelähmtes Töchterchen zu finden, zogen sie nach München, wo Stückgold am 3. September 1913 durch Trapesnikov in die Anthroposophische Gesellschaft eintrat. Auf der Suche nach der Kunst als einer geistigen Sprache ergab sich rasch die Berührung mit dem Kreis des Blauen Reiters und Marianne Werefkin vermittelte ihm bei Hans Goltz eine Ausstellung. Im Herbst konnte er auch bei Herwarth Walden ausstellen. Im gleichen Jahr eröffnete er eine Malschule, die allerdings bei Kriegsbeginn zunächst geschlossen werden musste, aber bereits 1915 wieder eröffnet und bis 1921 weitergeführt werden konnte. 1918 wurde er in die Revolutionswirren hineingezogen und verhaftet, bis sich seine Unschuld erwies. 1919/20 gingen die Lebenswege von Stückgold und Elisabeth auseinander. Während sie mit Felicitas unter dem Schutz des Dichters Albert Steffen in die Nähe Rudolf Steiners nach Dornach zog, lebte er zeitweise in Zürich und wiederum mit einer eigenen Malschule von 1923 bis 1926 in Paris.

Nach seinem Tod am 9. Januar 1933 in Paris gewannen Elisabeth Stückgold und Albert Steffen André Salmon für eine Retrospektive in der Galerie Bernheim-Jeune. Weitere Ausstellungen und Retrospektiven folgten bis 1993.

André Salmon schreibt über Stückgolds Werk: „Sein Wunsch war, eine tonale Geometrie zu erfinden, um sich der Unvergänglichkeit des unbeständigen Traumes zu versichern. War es ihm überhaupt erlaubt, gegen den Geist, der in ihm wohnte, zu sündigen und nicht alles dem Sieg des Geistes unterzuordnen? Und war das überhaupt eine Sünde gegen die Kunst? Stückgold hat den Zwiespalt wohl erkannt. Es lag nicht in seiner aufrichtigen und kämpferischen Natur, sich dem zu entziehen. Er hat sich bis zum Sterben damit aufgerieben, das unvereinbar Erscheinende zu vereinen. Als Mystiker hat er sich der Kunst bedient. Als Künstler hat er sein ganzes handwerkliches Können daran gesetzt, eine wohl geformte, sichtbare Sprache für seine Schauung zu schaffen.“(Salmon 1954, S. 8f) Es entstanden in leuchtenden Farben Landschaften, Blumenbilder, vor allem aber Porträts, u. a. von Martin Buber, Albert Einstein, Else Lasker-Schüler, Pierre Berthier und Albert Steffen. Weiler fasst seine eigenen Ausführungen zusammen: „So ist die Stückgold’sche Malerei der Ausdruck einer Art des Sehens, wie Kinder sehen: des Glaubens, dass in Kontur und Linie das Sein der Dinge wesentlich gegeben sei, während Schatten und Töne dem Flüchtigen und Unwirklichen angehören. Und dieses Sein erscheint in Stückgolds Bildern in absoluter Ruhe [...] In zeitlosem Fürsichsein liegen die Dinge da.“ (Weiler 1962, S. 80) Dies wird besonders deutlich in den Tierkreisbildern mit ihren vignettenhaften, oft heraldischen Formen, deren Entstehen Steffen 1958 schildert: „Aber er schaute auch in den Abgrund, in die totale Schwärze, in die Tiefe der Nacht hinein, und er beseelte diese Finsternis dadurch, dass er die Psalmen hebräisch für sich meditierte, sie sogar leise vor sich hinsang und dadurch eine innere Farbe in sich erweckte, und diese innere Farbe erfüllte dann die Dunkelheit und gestaltete ein wundersames Blau daraus. Aus diesem Blau entstanden für Stückgold die Imaginationen der Tierkreisbilder. [...] Er nannte Blau ,die Mutter der Farben’.“ (A. Steffen,   1923, S. 22f)

Und Th. Däubler: „[...] Hätten die Sterngläubigen bereits wieder einen Tempel, so müsste Stückgold ihn ausschmücken.“ (Zitat nach Weiler 1962)

Angela Matile


Nachlass: Einige Werke in der Albert Steffen-Stiftung, zahlreiche weitere in der Kunstsammlung des Goetheanum und in Privatbesitz.
Literatur: Bernus, A. v.: Ausstellung Stanislaus Stückgold in München, in: R 1917, Nr. 2; Steffen, A.: Das Tierkreisbilderbuch, in: Kleine Mythen, Zürich 1923, Dornach 4 1983; Salmon, A.: Stanislaus Stückgold, Paris 1954; Steffen, A.: Die Sinngebung der menschlichen Existenz durch die Kunst, Mainz 1958, Dornach ²1992; Gleiny, C. E.: Stanislaus Stückgold, in: G 1958, Nr. 36; Steffen, E.: Selbstgewähltes Schicksal, Dornach 1961, ²1978; Weiler, C.: Stanislaus Stückgold, Wiesbaden 1962; Seiser, R.: „Kunstwerke, mit Ich-Blut ernährt“, in: CH 1962, Nr. 9; ders.: „Du aber bist von Farben umhaucht ...“, in: CH 1963, Nr. 5; Probst, M.: Stanislaus Stückgold, in: G 1969, Nr. 35; Steffen, A.: Reisetagebuch, Dornach 1978; Ratnowsky, E.: Stanislaus Stückgold, in: N 1992, Nr. 49.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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