Marta Fuchs
Fuchs, Marta

Kammersängerin.

*01.01.1898 Stuttgart (Deutschland)
†22.09.1974 Stuttgart (Deutschland)
(Geburtstag ist exakt)



Marta Fuchs wuchs behütet in einem künstlerischen Elternhaus auf. Die Mutter sang mit schöner Naturstimme, der Vater war Malermeister, Innungsvorstand und Stadtrat. Später wurde er der ständige Begleiter, Impresario und Kritiker-Helfer seiner berühmten Tochter.

Marta besuchte das Königin-Katharina-Stift, studierte an der Hochschule für Musik bei Max von Paur, bei Kammersänger Lang, ebenfalls in Stuttgart, vertiefte die Ausbildung bei Möhlknabl in München und Venzo in Mailand. Mit etwa 25 Jahren begann sie ihre Laufbahn als Konzertsängerin in der Stimmlage Alt und gastierte in den bedeutendsten Konzertsälen in Deutschland und der Schweiz. Sie sang Konzerte und Oratorien. Dann ergänzte sie ihre Ausbildung durch dramatischen Unterricht bei Koreny-Scherk in Stuttgart und legte so in der Synthese von Gesang und Schauspiel die Grundlage für ihre einmalige Karriere in der damaligen Zeit.

1928 debütierte Marta Fuchs auf der Opernbühne am Stadttheater Aachen. Dort sang sie Glucks Orpheus, Zucena in Verdis Troubadour und die Carmen.

Clemens Kraus rief sie zu den Salzburger Festspielen. Anlässlich eines Besuches in Aachen erlebt Fritz Busch ihre Gesangkultur und engagiert sie 1930 an die Staatsoper Dresden. Am 27. August singt sie die Amneris in Verdis „Aida“, ihre Antrittsrolle. Weiterhin singt sie Teile ihres Alt-Repertoires, doch schult sie ihre Stimme zum hoch dramatischen Sopran um. Sie wirkte bei fünf Uraufführungen mit. Nach der Aufführung von Leo Janaceks „Jenufa“ 1944, in der sie die erste Dresdner Küskrin war, schrieb ihr der Theatertheoretiker und Philosoph Fedor Stepun: „Eine wirklich vollkommene Vereinigung von Spiel und Gesang und damit eine wahre Erfüllung der Oper habe ich bis jetzt nur in dem großartigen Komödiantentum des genialen Schaljapin und in Ihrer so ganz anderen priesterlichen verinnerlichten Kunst verwirklicht gefunden und wenn Ihnen Ihre Gestaltung so vollkommen gelungen ist, so liegt das nicht zuletzt darin, dass Ihr Spiel sich stilistisch nicht im Naturalistisch-Psychologischen, sondern im mysterienhaft-tragischen Raum bewegt.“ (Brief s. Kopien an M. Fuchs, Archiv der Christengemeinschaft)

Tiedjes wollte sie nach Berlin holen. So gehörte sie zugleich seit 1935 dem Ensemble der Staatsoper und des Deutschen Opernhauses Berlin an und gastierte in Amsterdam, Prag, Paris, London, Florenz, Wien. Ein Angebot der Metropolitan-Oper in New York lehnte sie ab. Sie wollte kein „Star“ werden. Marta Fuchs entfaltete sich zu der wohl bedeutendsten Wagner-Sopranistin ihrer Generation. Von 1933 bis 1942 stand sie im Mittelpunkt der Bayreuther Festspiele und sang dort Kundry (1933–37), Isolde (1938), Brünhilde (1938–42). Die Rezensionen waren hymnisch. Furtwängler nach einer Isolde am 3. Februar 1944 in Berlin: Eine so schöne Darstellung und eine solche Verklärung im Liebestod habe er noch nie erlebt ...

Erich Schwebsch, der Waldorflehrer, Musiker und Kunstwissenschaftler lebte und lehrte damals in Dresden. Er war von ihrem Gesang und ihrer Darstellung auf das Tiefste beeindruckt und schrieb eine eigene Schrift über sie: „Durch sie war ein Maßstab der geistig reinen Leistung da ... So gehört die Leistung dieser Künstlerin in die tiefere Geschichte des Wagnerschen Werkes ... Sie bewegt sich wissend und doch nicht intellektuell an der ewigen Schwelle der geistigen Kunst, wo Sinnliches zur Offenbarung eines Geistigen wird ...“ (Archiv der Christengemeinschaft)

In der höheren Synthese von höchster Gesangkultur und schauspielerisch-dramatischer Fähigkeit setzte sie für die Bühnenkunst einen neuen Maßstab. Marta Fuchs übte als aktives Mitglied der Christengemeinschaft und seit 1924 als Anthroposophin und Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft ihre Rollen meditativ: Sie trat als Interpretin zurück und ließ die Rolle in Stimme und Geste auferstehen. Zeitlebens lebte sie ihr gesundes schwäbisch tingiertes Naturell mit wunderbarem Humor dar. Als Klemperer in London mit ihr eine Partitur durchging, bei der sie mit schwäbischem Akzent die Töne nur andeutete, glaubte er an ein Fiasko. Nach dem ersten Akt kam er mit Tränen in den Augen zu ihr, er konnte die Verwandlung nicht glauben.

Im Nationalsozialismus erwies sich ihre Seelenstärke: mit Hitler und Göring persönlich bekannt, setzte sie sich mit ihrem Namen in Petitionen für den Fortbestand der anthroposophischen Arbeit ein. Am 25. Juni 1941 setzte sie sich darüber hinaus furchtlos für die Aufhebung der Maßnahmen ein, die gegen die Christengemeinschaft verhängt wurden.

Der totale Krieg beendete die große Karriere. Nach dem Untergang Dresdens am 13. Februar 1945 floh Marta Fuchs in ihr Haus am Tegernsee, dann nach Stuttgart, sang noch gastweise an der Stuttgarter Oper, auf Tagungen der Christengemeinschaft und 1948 bei einer Lehrertagung; sie zog sich schließlich zurück und arbeitete intensiv anthroposophisch mit Joanna Thylmann. Wo sie auch war, war sie Mittelpunkt und erweckte Heiterkeit und die Stimmung völliger Lebensbejahung. Unintellektuell, doch weise, äußerst bescheiden trotz großen Ruhmes, war sie eine hervorragende Vertreterin der Anthroposophie, verbunden mit einem christlichen Herzen.

Eine persönliche Anekdote: Zu ihrem Geburtstag bekam sie vom Reichsmarschall Göring jeweils eine große Bonbonniere geschenkt. Die gab sie mir weiter: „Johannes, die sind braun, von dene ess’ ich kei’ Stück.“ Ich aß sie gerne ... In einem Altersheim in Stuttgart-Sonnenberg vollendete sie am 22. September 1974 ihr Künstlerleben. Kurt von Wistinghausen hielt die Ansprache beim Bestattungsritual.

Johannes Lenz


Literatur: Weißert, E.: Lehrertagung in der Stuttgarter Waldorfschule, in: MaD 1948, Nr. 6; Wistinghausen, K. v.: Marta Fuchs, in: MaD 1975, Nr. 111; Sieweke-Opitz, R.: In memoriam Marta Fuchs, in: N 1974, Nr. 45; Kutsch, K. J.; Riemann, L.: Großes Sängerlexikon, Bern 1997; Hochmuth, H: Chronik der Dresdner Oper, Hamburg 1998; Werner, U.: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–45), München 1999; Lenz, J.: Erinnern für die Zukunft, Stuttgart 2002.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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