Fritz Graf von Bothmer
Graf von Bothmer, Fritz Fridrich Eduard Maximilian

Waldorflehrer.

*21.12.1883 München (Deutschland)
†13.11.1941 Salzburg (besetztes Österreich)





Die von Fritz Graf von Bothmer im Rahmen der Waldorfpädagogik entwickelte Gymnastik hat seinen Namen über die Waldorfschulen und die anthroposophische Bewegung hinaus bekannt gemacht. Dabei hat er seine Berufung erst spät – nach dem 35. Lebensjahr – erfahren und sie ist mit einem einschneidenden Wandel auf seinem Lebensweg verbunden. Obwohl er seine pädagogische Arbeit unvorbereitet antritt, wird er zum Schöpfer einer völlig neuen Bewegungskultur und -erziehung. Für seine innere Entwicklung ist es sicherlich von Bedeutung, dass Bothmer die zentrale Wende in seiner Biografie zum Ausgangspunkt für sein eigenständiges Lebenswerk macht.

Das Entscheidungsjahr seiner Biografie ist 1922. Bothmer ist im Dezember des Vorjahres 38 Jahre alt geworden. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolution ist er von tiefen Zweifeln an seiner Aufgabe als Offizier erfüllt. Nach dem Ende der Monarchie erlebt er unter den Soldaten einen erschütternden Zerfall sittlicher Werte. So sucht er nach einer Möglichkeit, seine Familie durch eine zivile Berufstätigkeit zu ernähren. Aber sein Vorhaben, als Buchhändler zu arbeiten, lässt sich nicht verwirklichen. Besonders während der militärischen Unterdrückung kommunistischer Unruhen im Ruhrgebiet erlebte Bothmer, dass er die Ursachen des sozialen Protestes völlig anders einschätzte als seine Vorgesetzten: Rudolf Steiners Thesen zur sozialen Dreigliederung gaben ihm einen weiteren Horizont für den notwendigen gesellschaftlichen Wandel.

Die Lebenskrise, in der sich Bothmer nach dem Kriegsende befand, zeichnet sich in ihrer ganzen Eindringlichkeit, wenn man sich seine Herkunft vergegenwärtigt. Schon sein Vater und die männlichen Vorfahren waren durch mehrere Generationen Offiziere im Infanterie-Leibregiment des bayerischen Königs. So war es selbstverständlich, dass der 1883 geborene Fritz die gleiche Laufbahn einschlagen würde. Im Alter von sechs bis zwölf Jahren besuchte er eine Lateinschule in München, die Ferien verbrachte er auf dem Landgut der Familie in Mecklenburg. Dann starb sein Vater überraschend, als Fritz vor der Aufnahme in die königliche Pagerie stand. Während seiner Zeit als Page vom 14. bis zum 18. Lebensjahr erhielt er eine grundlegende humanistische Bildung. Die vier Jahre wurden für den schüchternen und bescheidenen Jungen zu einer schweren Zeit der Selbstbehauptung.

Mit 18 Jahren trat Bothmer als Fähnrich in das königliche Regiment ein, dem er dann seit 1904 als Leutnant angehörte. Doch seine Interessen standen im Gegensatz zu den Umgangsformen des Militärs. Sein besonderes Anliegen war schon damals die Anleitung junger Menschen. Im Rahmen der so genannten „Wehrkraft“ beispielsweise unternahm Bothmer Wanderungen mit einer Schar von Jungen, nicht um ihre körperliche Gesundheit, sondern um ihre Selbstbeherrschung zu stärken. Dabei bezog er seine Energie nicht aus einem kräftigen Körper, sondern allein aus eigener Selbstüberwindung.

Im Winter 1905 lernte er in dem Kreis um Wassily Kandinsky und Gabriele Münter zwei junge Maler kennen: Hanns Strauß und Max Wolffhügel. Besonders einschneidend erlebte es der junge Graf aber, als seine Mutter schon 1904 Vorträge von Rudolf Steiner hörte und bald der Theosophischen Gesellschaft beitrat. Auch er nahm die Impulse der Anthroposophie mit großer Offenheit auf und wurde 1907 Mitglied. Dabei begann er sich bereits zu fragen, ob er im Militär tatsächlich seine eigentliche Lebensaufgabe finden könnte. Steiners Anregung, eine pädagogische Aufgabe anzustreben, griff er damals nicht auf.

Zunächst blieb er in den vorgezeichneten Bahnen. Seine Liebe zur bildenden Kunst führte ihn in den Jahren 1908 und 1909 nach Italien und Griechenland, einmal auch bis Konstantinopel. Tiefe Eindrücke hinterließen die Besuche antiker Stätten wie Olympia auf ihn. Als 29-Jähriger heiratete er im Oktober 1913 die fünf Jahre jüngere Hildegard Freiin von der Tann-Rathsamhausen.

Der Krieg brach aus und in den ersten Jahren der jungen Familie wurde Graf von Bothmer an ständig wechselnde Einsatzorte in Frankreich, Serbien und Rumänien geführt. Dabei erlebte er 1914 in Peronne eine überraschende Wiederbegegnung mit seinen Malerfreunden Wolffhügel und Strauß, die dort im Lazarett ihren Dienst versahen.

Mit Kriegsende erreichte Bothmer die Lebensmitte und damit eine Zeit der Neuorientierung. Sein Dienst bei der Infanterie erschien ihm gänzlich sinnentleert. Der Tod der Mutter im Oktober 1920 löste eine weitere Bindung an die eigene Herkunft und Vergangenheit. Und während sich im Heer die nationalistischen Tendenzen verstärkten, suchte er nach Verwirklichung von Idealen des Weltbürgertums im Sinne Goethes.

Dann überstürzen sich 1922 die Ereignisse: Im Januar besucht Bothmer nach langer Zeit wieder einen Vortrag Steiners in München, nach dessen Ende es zu einem ersten Gespräch über seine mögliche Berufung an die Waldorfschule kommt – Max Wolffhügel hatte Steiner auf seinen Freund aufmerksam gemacht. Zu Ostern wird er vom Kollegium gebeten, nach Stuttgart zu kommen und im Unterricht zu hospitieren. Im Mai gerät er nach einem Vortrag Steiners – wieder in München – in ein Handgemenge mit nationalistischen Störern. Im Juni erfolgt die Berufung an die Waldorfschule und zu Pfingsten nimmt Bothmer Abschied vom Militär.

Die folgenden Jahre ab September 1922 widmet er der Ausarbeitung der neuen gymnastischen Übungen. Sein Ausgangspunkt ist dabei das Erleben des Menschen im Raum: „Sich im Raume fühlen, Raumeskräfte erleben, deren Brennpunkt der Körper ist, die ihn durchziehen und formen – das scheint ein Weg zu sein, um das Abstrakte, Mechanische in der Körperübung zu überwinden und wieder zu Geistigem aufzusteigen.“ (Gymnastische Erziehung, S. 92) Rudolf Steiner würdigt seine Bemühungen ausdrücklich in einer Lehrerkonferenz Ende Oktober 1922. Bothmer fühlt sich ermutigt. Bereits am 1. März 1923 stellt er die Grundzüge seiner Übungen in der Konferenz vor.

Seine fortlaufenden Entdeckungen gymnastischer Bewegungswirkungen stehen immer im Zusammenhang mit seinen Erfahrungen im Unterricht und den Gesichtspunkten der anthroposophischen Menschenkunde. Auch die von ihm beschriebenen Entwicklungsstufen der Kinder in Bezug auf die Bewegungserziehung gehen auf die Wahrnehmungen an den Schülern und ihre Verarbeitung zurück. Umgekehrt wirkt seine innere Haltung und Aufrichtekraft vorbildhaft auf die Kinder zurück: „Man sah auf die hohe Gestalt des Lehrers hin, auf seine straffe und doch gelöste Haltung. In seiner Sprache und im Blick lebten eine besondere Richtkraft. Er sprach langsam, kaum ein Wort zuviel, suchte sogar manchmal das passende, aber dann saßen seine Worte wie Speerwürfe, doch voller Liebe.“ (Braumiller 1977, S. 322) Bothmer arbeitet nach dem Tod Steiners 1925 entschlossen an der Entwicklung des Turnunterrichts weiter. Überdies wird er 1925 von Marie Steiner gebeten, Schauspielern in Dornach Unterweisungen in seiner neuartigen Körperschulung zu geben. So ergeben sich vielfältige Gelegenheiten, seine Übungen auch vor interessierten Erwachsenen systematisch darzustellen und weiterzuentwickeln.

Die folgenden Jahre sind der kontinuierlichen Arbeit an der Waldorfschule gewidmet, wo er bei Schülern und Kollegen gleichermaßen geschätzt ist. Zunehmend wird die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine existenzielle Bedrohung für die Arbeit der Schule. Bothmer engagiert sich in den Bemühungen um eine Fortführung des Unterrichts und übernimmt schließlich die von außen aufgezwungene Funktion eines „Schulleiters“. So kommt es ihm zu, am 30. März 1938 die Schließung der Waldorfschule durch eine Ansprache an Schüler und Lehrer mitzuteilen – einfache Worte, die vielen Waldorfschülern tief in Erinnerung blieben: „Ich habe nun die Aufgabe, hier auszusprechen, dass auf Geheiß der württembergischen Regierung die Waldorfschule geschlossen ist. Wir wollen unsere Schule versiegeln in den tiefsten Tiefen unseres Herzens auf die Zukunft durch die Kraft der Liebe.“

(Bothmer, A. 1997, S. 79)

Während seiner letzten Lebensjahre schreibt Bothmer sein Buch, in dem er die von ihm entwickelten Übungen ausführlich darstellt. Es wird 1941 fertig gestellt, im selben Jahr, in dem eine schwere Lungenerkrankung bei ihm diagnostiziert wird. Fritz Graf von Bothmer stirbt am 13. November in Salzburg.

Peter Loebell


Werke: Gymnastik und Turnen, in: Kolisko, E. [Hrsg.]: Bilder von der Freien
Waldorfschule, Stuttgart 1927; Gymnastische Erziehung, Dornach 1959,
Stuttgart ³1989; Caroline von Heydebrand, in: Husemann, G., Tautz, J. [Hrsg.]:
Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Übersetzung ins Englische
erschienen; Beiträge in EK, G, Leh, MPK, N, Pfa.
Literatur: Dessecker, E.: Zum 80. Geburtstag Fritz Graf von Bothmers, in: N
1963, Nr. 51; Rösing, C.: Zum 25. Todestag von Fritz Graf von Bothmer, in: N
1966, Nr. 46; Gräfin von Bothmer, A., Krause-Eppinger, G.: Mitteilung über die
Begründung der Graf Bothmer-Schule für Gymnastik, in: N 1967, Nr. 47;
Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O.
1970; Wolffhügel, M., Stein, W. J., Braumiller, R.: Fritz Graf von Bothmer, in:
Husemann, G., Tautz, J. [Hrsg.]: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart
1977, dies. auch in: MPK 1950, Nr. 1, Wolffhügel überdies in: MaD 1951, Nr.
18; Ruckgaber, K. H.: Bericht über die klinische Anwendung der Bothmer-
Gymnastik, Heide, P. von der: Bothmergymnastik, in: BeH 1986, Nr. 2;
Kürzdörfer, S.: Fritz von Bothmer und seine Gymnastik, in: Leh 1987, Nr. 34;
Schöffler 1987; Gräfin von Bothmer, A.: Fritz Graf von Bothmer – die
Biographie mit Selbstzeugnissen, Stuttgart 1997; Wistnghausen, Dagmar von:
Typoskript 1990




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