Ernst Müller
Müller, Ernst

Philosoph, Mathematiker, Gelehrter der jüdischen Esoterik.

*21.11.1880 Mißlitz, Südmähren (damals Österreich-Ungarn)
†05.08.1954 London (Grossbritannien)











Ein Universalgelehrter von umfassender Bildung und weit gespannten Interessen von Mathematik und Musik über Sprachwissenschaft bis hin zu jüdischer Esoterik und Mystik, ein Mensch von rührender Hilflosigkeit im praktischen Leben, jedoch mit intensiver Anteilnahme am Leben und Wohlergehen vieler Freunde, ein moderner Mystiker und weltanschaulicher Brückenbauer zwischen esoterisch-religiösem Judentum und anthroposophisch vertieftem Christentum.

Beide Eltern von Müller waren Rabbinerkinder, der Vater Landarzt; sie hegten dem traditionellen Judentum gegenüber pietätvolle Erinnerungen, ohne selbst traditionell eingestellt zu sein. Das gemeinsam mit dem Vater betriebene Studium der klassischen deutschen Literatur, die hebräische Lektüre des Alten Testaments sowie die starke Musikalität seiner Mutter prägten seine Kindheit. Ohne äußeren Anlass begann Müller sehr früh mit einem frommen, tiefreligiös geprägten Leben mit häufigem Tempelbesuch und strenger Beachtung religiöser Vorschriften.

In Brünn bestand er 1898 die Matura mit Auszeichnung. Ein orientierungsloser Studienbeginn führte 1899 zu einer Krise und einem Abbruch des Jura-Studiums. Nach einem Aufenthalt in einer Kaltwasser-Heilanstalt kehrte Müller zurück nach Wien und begann ein philosophisches und mathematisch-naturwissenschaftliches Studium. Seine akademischen Lehrer waren u. a. Leopold B. Gegenbaur, Franz Exner, Ludwig Boltzmann, Anton Lampa.

Zugleich entwickelte Müller ein reiches gesellschaftliches Leben innerhalb jüdischer Kreise in Wien. Er wurde Anhänger der mehr geistig ausgerichteten Strömung im Zionismus und arbeitete in verschiedenen Funktionen bei mehreren jüdischen Zeitungen mit. 1900 lernte er Martin Buber und 1903 Hugo Bergmann kennen.

1903 erhielt er die Lehrbefähigung, die Promotion erfolgte 1905 mit einer Dissertation über „Bewusstseinsprobleme“ (verschollen) bei Laurenz Müllner und Friedrich Jodl an der Universität Wien.

Nach einem Jahr Lehrtätigkeit an einem Gymnasium in Ungarisch-Brod (Mähren) bewarb sich Müller 1907 um eine Stelle am neu gegründeten hebräischen Gymnasium in Jaffa, Palästina. Dort blieb er wegen interner Auseinandersetzungen nur ein halbes Jahr und verdiente sich die nächsten eineinhalb Jahre mit Unterricht an einer landwirtschaftlichen Schule sowie mit Privatstunden und Berichterstattungen seinen Lebensunterhalt.

Müller kehrte 1909 nach Wien zurück. Nach eigenem Bericht gingen die stärksten Eindrücke in Palästina von Menschenbegegnungen sowie von der Atmosphäre der christlichen Stätten aus.

Wieder in Wien, führte ihn sein Bruder Edmund im Herbst 1909 in die theosophische Gemeinschaft um Frau Reif-Busse ein, die zur Keimzelle des ersten Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft in Wien wurde. Anfang 1910 hörte er Steiner in der Vortragsreihe „Makrokosmos und Mikrokosmos“ (GA 119), nahm im Sommer an der Aufführung des ersten Mysteriendramas in München teil und hatte mehrere persönliche Gespräche mit ihm.

Neben seiner Arbeit als Redakteur der Zeitschrift „Palästina“ von 1910 bis 1912 arbeitete er sich intensiv in die Theosophie/Anthroposophie ein.

1911 wurde Müller von dem mit ihm verwandten Bernhard Münz, dem Leiter der Bibliothek der jüdischen Kultusgemeinde in Wien, als Bibliothekar angestellt. Er wurde später Vizedirektor dieser damals größten und bedeutendsten jüdischen Bibliothek Europas. Sie bot ihm eine ideale Voraussetzung für seine nun bald einsetzende Beschäftigung mit jüdischer Esoterik, insbesondere mit der Kabbala. Zugleich begann Müller eine Lehrtätigkeit innerhalb von Studiengruppen der Theosophischen, ab 1913 Anthroposophischen Gesellschaft. Dort befreundete er sich mit Robert und Richard Lissau.

Die Kriegszeit verbrachte Müller ohne Kampfeinsatz als „Verpflegsoffizier“ in der Etappe, zuerst in Baja, Ungarn, und später in Zelenika an der Boka Kotorska (Montenegro).

Müllers Grenzgänge zwischen jüdischen und anthroposophischen Kreisen blieben nicht ohne Spannungen, die aber immer wieder durch konkrete Menschenbegegnungen überwunden werden konnten. So konnte eine zeitweise Entfremdung zwischen Müller und dem anthroposophischen Leben in Wien am Anfang der 20er-Jahre aufgrund latenter antisemitischer Neigungen durch die Freundschaft mit Hans Erhard Lauer wieder rückgängig gemacht werden.

Auf Anregung Steiners beschäftigte sich Müller mit den mathematischen Untersuchungen von Oskar Simony zur Verallgemeinerung der Rechenoperationen. Dies führte ihn auch zu Simonys Untersuchungen zur Topologie von Knoten und gefalteten Bändern sowie deren Zusammenhang mit den Primzahlen.

Mit der Mathematisch-Astronomischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum trat er nach deren Gründung 1924 in engen Kontakt, insbesondere zu deren Leiterin Elisabeth Vreede und zu George Adams. Er beteiligte sich an Arbeitstreffen und Publikationen. 1924 wurde er Mitglied der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Er erteilte den Kindern der Wiener Rudolf Steiner-Schule Gesangsunterricht, dichtete und komponierte Kinderlieder für sie.

Bald nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland wurde die Bibliothek nach der Pogromnacht am 10. November 1938 vorübergehend geschlossen. Müller wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Ihm gelang die Emigration, unter anderem durch die Hilfe von Adams. Er verließ am 21. Juni 1939 Österreich und reiste über die Schweiz (letzter Besuch in Dornach) nach London. Seine spätere Frau Frieda folgte ihm kurz darauf; sie heirateten 1941.

In London verblieb Müller die letzten 15 Jahre seines Lebens in mühseligen, bescheidenen und durch Krankheit erschwerten Verhältnissen. Er hatte dort wieder regen Kontakt mit jüdischen und anthroposophischen (Adams u. a.) Kreisen sowie mit Priestern der Christengemeinschaft. Sein Lebensthema blieb die Verbindung von Judentum, Christentum und Anthroposophie.

Renatus Ziegler


Werke: Die Anamnesis: Ein Beitrag zum Platonismus, in: Archiv für Geschichte
der Philosophie 1912, Nr. 2; Der Sohar und seine Lehre, Wien 1920, Zürich (4)
1959; Kinderlieder, Wien 1930; Vom Zahlenerleben in der Musik, in: DD 1930,
Nr. 9 und 10; Oskar Simony und seine topologischen Untersuchungen, in:
Mathesis, Stuttgart 1931; Vom Aufbau des Dodekaeders, Stuttgart 1931;
History of Jewish Mysticism, Oxford 1946, London ²1948; Mein Weg durch
Judentum und Christentum, in: Judaica 1952, Nr. 4; Beiträge in BfA, CC,
DD, G, MM, Msch, MVL, N, Na, No, WKÄ.
Als Übersetzer: Bialik, Ch.: Gedichte, Wien 1911, ³1935; Abraham ibn Esra:
Buch der Einheit, Berlin 1921; Der Sohar, Wien 1932, 7 1995.
Nachlass: Hans-Jürgen Bracker, Sernatingenstraße 10,DE-78351
Bodman-Ludwigshafen; Archiv am Goetheanum, Dornach; Leo Baeck
Institute, London und New York; Jewish National and University Library,
Dept. of Manuscripts and Archives, Jerusalem; Archiv der Rudolf Steiner-
Nachlassverwaltung, Dornach.
Literatur: Lauer, H. E.: Dr. Ernst Müller, in: BfA 1954, Nr. 9; Halla, F.: Dr.
Ernst Müller zum Gedächtnis, in: N 1955, Nr. 2; Bracker, H.-J.: Ernst Müller.
Porträt eines Mitteleuropäers, in: No 1994, Nr. 2/3; Bracker, H.-J.: Der
Einzelne und die Einheit der Menschheit. Ein Hinweis auf den Zionisten und
Anthroposophen Ernst Müller, in: No 1997, Nr. 5; Ziegler, R.: Biografien und
Bibliografien, Dornach 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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