Anna Zehnder
Zehnder, Anna Iduna

Ärztin.

*22.07.1877 Birmenstorf, Aargau (Schweiz)
†08.03.1955 Ascona (Schweiz)



Ihre frühe Kindheit steht unter dem prägenden Eindruck einer wunderbaren Landschaft und Umgebung, aber auch unter Erfahrung von Krankheit und Tod. So wird bereits veranlagt, was ihr späteres Leben auszeichnen wird.

Eltern und Großeltern verwalten ein Landgut und eine von Vorfahren im eigenen Gelände entdeckte Mineralquelle in Birmenstorf. Als Anna Iduna fünf Jahre alt ist, sterben beide Eltern innerhalb von drei Wochen an Tuberkulose. Auch sie erkrankt und erleidet einen ersten Blutsturz. Anna Iduna lebt nun für die nächsten sechs Jahre gemeinsam mit ihren zwei Geschwistern weiter bei der Großmutter auf dem Landgut. Im Dorf wird das kleine Anneli wegen seiner kindlich-liebevollen Hinwendung zu den Kranken und Leidenden geliebt, es geht hin und erzählt ihnen Märchen: ein bleibender Schatz von der geliebten Mutter ...

Sie besucht nun vom 12. bis zum 20. Lebensjahr in der Stadt Aarau – nach dem Tod der Großmutter lebt sie mit ihren Geschwistern bei einem Großonkel – die Bezirksschule und das Lehrerinnenseminar. Danach macht sie in Zürich die Matura und beginnt mit dem Medizinstudium, das sie aber wegen eines weiteren Blutsturzes und einer schweren Lungentuberkulose unterbrechen muss. Sie geht ins Hochgebirge zur Kur. Drei Jahre später – die Krankheit ist geheilt – studiert sie in Basel weiter Medizin und schließt 1914 – bereits 36-jährig – mit dem Staatsexamen ab.

Kurz darauf, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, übernimmt Anna Iduna die Vertretung eines befreundeten Chefarztes im Lungensanatorium in Aegeri am Zugersee. 1917 wird sie erste Assistentin in der chirurgischen Abteilung im Spital von Zug.

Da alle befragten Lungenspezialisten ihr dringend von andauernder ärztlicher Arbeit abraten, siedelt sie 1918 mit ihrer Freundin und Lebensbegleiterin Emmy Thurnheer nach Ascona ins Tessin über, um einem zweiten Herzenswunsch zu folgen: Sie wendet sich ganz der Malerei zu und wird Schülerin des bekannten rumänischen Malers Segal, der sie für hoch begabt hält.

Doch die plötzliche Erkrankung des einzigen Arztes in Ascona gibt ihrem Leben 1920 eine schicksalhafte Wende: Er bittet sie um sofortige Vertretung, da er für die anstrengende Arbeit in Ascona, Losone und Arcegno niemand findet. Sie sagt für vier Wochen zu und so wird in der Gegend erst jetzt bekannt, dass die Malerin eigentlich eine Dottoressa ist.

Nun arbeitet sie wieder als Ärztin. Sie fühlt eine innere Verpflichtung zu diesem Beruf und die Frage, ob die Kräfte dazu reichen würden, wird von den folgenden Jahrzehnten beantwortet werden: Da der Arzt nicht mehr in die Arbeit zurückkehren kann, wird sie seine Nachfolgerin.

Mit 42 Jahren, kurz nach der Übersiedelung nach Ascona, begegnet Anna Iduna Zehnder der Anthroposophie. Um sich in das Lebensumfeld einer ihrer Patientinnen – einer Russin – einzuleben und eine angemessene Therapie zu entwickeln, lässt sie sich ein Buch bringen. Es ist eine grundlegende Schrift Rudolf Steiners, das die beiden Freundinnen gemeinsam lesen. Sofort erkennt sie zu ihrer großen Freude etwas längst Ersehntes und Vermisstes.

Bei der ersten Begegnung mit Rudolf Steiner 1923 schaut er sie aufmerksam an und sagt ihr, dass sie ab sofort – wenn auch noch nicht Mitglied – an allen Veranstaltungen, auch der bevorstehenden Weihnachtstagung, zugelassen sei.

Anthroposophie wird nun zum Lebensquell und zur tiefen inneren Verpflichtung. Der Weg nach innen, die jahrelange konsequente innere Schulung prägen mehr und mehr die Arbeit mit den Patienten.

In ihrem Haus – auf einem Felsenhügel über dem Lago Maggiore liegend und von einem terrassenförmig aufsteigenden, von Anna Iduna geliebten und gepflegten Garten umgeben – empfangen die beiden Frauen die aus der ganzen Welt anreisenden Patienten. Der Empfangssalon soll – mit Originalgemälden der Ärztin, einem Flügel, einer großen Bibliothek und einem wunderbaren Blick auf den Lago Maggiore – so künstlerisch-anregend gewesen sein, dass mancher Patient es fast bedauert habe, wenn er zur Konsultation gerufen wurde.

Warmherzig und unvoreingenommen werden ihre Begegnungen mit den Menschen geschildert. Ihr umfassend künstlerisches Wesen und ihre stete Schulung machen sie zur Meisterin in Malerei, Eurythmie und Sprachgestaltung. Sie verordnet Heileurythmie-Übungen und übt diese auch sofort mit den Patienten ein. Dieses Beheimatetsein im Wesensmäßigen, das in Sprachgestaltung und Eurythmie unmittelbar wirksam ist, öffnet ihr beim Üben den erkennenden Zugang zu den Patienten, wie ein offenes Buch, in dem sie lesen und daraus die entsprechende individuelle Therapie entwickeln kann.

Mutstimmung, Freiheit und Unerschrockenheit sprechen aus allen Schilderungen über ihr Leben und Wirken. Sie weiß um das Geheimnis der „zweiten Gesundheit“, weckt Hoffnung und Lebensmut. Selbst bei schwersten Erkrankungen wie Epilepsie und Schizophrenie erzielt sie Heilerfolge.

Ärztekollegen wie Hans W. Zbinden oder Werner Belart, Freunde wie Martha Kühn, Jakob Streit oder Edwin Froböse oder die – zunächst durch Arbeitskontakte mit ihr bekannte – Fürsorgerin Margrit Kaiser-Braun schildern die eindrücklich nachhaltige Kraft und das künstlerisch-eigenständige und originelle Ringen der Ärztin, sei es im Umgang mit Patienten, im Forschen mit Kollegen, in anthroposophischem Studium und Üben, aber auch im Umgang mit der Situation innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Sie sei immer erstaunlich gut und gründlich orientiert gewesen über Neuerscheinungen und Vorgänge und habe durch unbefangenes Beobachten, denkendes Betrachten und Besonnenheit im Urteil tief beeindruckt.

Nach Möglichkeit hat sie Rudolf Steiner-Schulen und andere Institutionen finanziell unterstützt und nicht selten soll sie auch bei Patienten auf ihr Honorar verzichtet haben.

Anna Iduna Zehnders Vermächtnis umfasst – nebst den eindrücklichen Erinnerungen an ihr therapeutisches Wirken – ihr menschliches, malerisches und dichterisches Werk.

Christa Seiler


Werke: Gedichte und Sprüche, Ascona 1956; Gedichte für Kinder, Basel 1968, ²1982 (die 2. Aufl. auch in einer Dialektausgabe); Kassette über ihre Gemälde, Dornach o. J.; Beiträge in BfA, G, MaB, Msch, N.
Literatur: Schmidt, E.: Anna Iduna Zehnder, in: N 1955, Nr. 14; Zbinden, H. W.: Dr. med. Anna Zehnder, in: MaB 1955, Nr. 7; Belart, W.: Dr. med. Anna Iduna Zehnder, in: Ggw 1955/56, Nr. 2; Kühn, M.: Erinnerungen an Dr. med. Anna Iduna Zehnder, in: Msch 1957, Nr. 7/8; Froböse, E.: Gedenkblatt, in: BfA 1957, Nr. 7/8; ders. [Hrsg.]: Dr. Anna Iduna Zehnder zum Gedenken, Dornach 1958; ders. Im Gedenken an Dr. Anna Iduna Zehnder, in: BfA 1958, Nr. 3; Streit, J.: Dr. Anna Iduna Zehnder zum Gedenken, in: MaB 1958, Nr. 17; Froböse, E.: Dr. Anna Iduna Zehnder zum Gedächtnis, in: MaB 1965, Nr. 35; Streit, J.: Zum 40. Todesjahr von Anna Iduna Zehnder, der Ärztin und Malerin von Ascona, in: MaB 1995, Nr. 99; Kühn, M.: Anna Iduna Zehnder, in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000.




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