André Bjerke
Bjerke, André
Pseudonym/Varianten: Andre

Dichter und Übersetzer.

*30.01.1918 Oslo (Norwegen)
†10.01.1985 Oslo (Norwegen)



André Bjerke war in seiner Zeit einer der produktivsten Dichter Norwegens und seine Gedichte erlangten große Verbreitung. Durch Jahre hatte er Goethe und Rudolf Steiner studiert und viele seiner Gedichte sind von diesem Einfluss geprägt. Seine weit gefächerte schriftstellerische Arbeit umfaßt Essays, Kriminalromane und Kinderbücher, er hat bedeutende Werke der Weltliteratur ins Norwegische übersetzt.

Er wuchs als Einzelkind in einer Künstlerfamilie auf. Die Mutter, Karin, war Pianistin und der Vater, Ejlert, ein klassisch orientierter Dichter. Im Elternhaus waren häufig Künstler und Schriftsteller zu Gast. Während solcher Zusammenkünfte konnte der kleine Knabe mit auswendig gelernten Gedichten und Erzählungen auftreten. Als Gymnasiast versammelte er immer wieder Freunde um sich und alle möglichen politischen, literarischen, religiösen und philosophischen Fragen wurden diskutiert. Karl Brodersen, der spätere Steinerschullehrer, und Jens Bjørneboe, der spätere Dichter, oder auch Andrés Vetter, waren unter ihnen. Ein Buch über Søren Kierkegaard, geschrieben von dem dänischen Anthroposophen Johannes Hohlenberg, hatte im Kreis Eindruck gemacht. Zunächst war Kierkegaard der erste Gegenstand des Interesses, aber bald wollten sie andere Bücher von Hohlenberg lesen und die Anthroposophie wurde ein neues Thema. Die drei Freunde Bjerke, Brodersen und Bjørneboe fingen an, Rudolf Steiners Grundwerke zu lesen und fanden später den Weg zu Curt Englerts Vorträgen über Goethes Leben und Werk, die dieser ab November 1941 über zwei Jahre im Rahmen des Oslo-Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft hielt.

Als Studium hatte Bjerke Mathematik gewählt. Dafür hatte er eine gewisse Begabung, aber nach einer Zeit wechselte er zur Sozialökonomie. Er suchte mehr Lebensnähe. Er absolvierte die ersten Jahre des Studiums mit gutem Resultat, aber wegen der Kriegswirren als Folge der Okkupation durch die Nazis und wegen des Beginns seiner dichterischen Laufbahn brach er das Studium ab.. Sein erster Gedichtband erschien 1940 mit dem Titel „Syngende Jord“ (Singende Erde) und hatte großen Erfolg. Hier traten schon seine dichterischen Hauptmotive hervor: der Schicksalsfaden des Lebens, das Suchen nach dem Spirituellen, die Lebensbejahung, tiefer Ernst und erlösender Humor.

Auffallend war die Formsicherheit, die vollendete Form nach klassischem Muster mit Rhythmus und Reim. Jetzt war sein Beruf klar: Schriftsteller. Die folgenden Jahre gab er regelmäßig neue Gedichtbände heraus, bis 1974 13 an der Zahl. Daneben schrieb er acht Kriminalromane unter dem Pseudonym Bernhard Borge. Als Übersetzer beherrschte er die englische, deutsche und französische Sprache und er hat Lyrik u.a. von Goethe, Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Conrad Ferdinand Meyer, Albrecht Haushofer, Oskar Wilde und Edgar Allan Poe ins Norwegische übertragen. Für die Theaterbühnen des Landes übersetzte er Shakespeare, Shaw, Molière, Racine und Schiller. Durch viele Jahre arbeitete er mit Goethes Faust und konnte am Ende seines Lebens das Erscheinen seiner Übersetzung des Faust II erleben, Faust I hatte er bereits 1966 vollendet. Zählt man alle Bücher zusammen, die seinen Namen tragen, Gedichtbände, Übersetzungen, Kriminalromane, Prosaerzählungen, Kinderbücher, Komödien, Essay-Sammlungen und redigierte Anthologien, kommt man auf 160 Titel in 45 Jahren. Oft arbeitete er bis spät in die Nacht hinein, ja sogar bis zur Morgendämmerung. Er sagte mit Oscar Wilde: „Der beste Schlaf ist vor dem Mittagessen.“ Nicht zuletzt war er ein passionierter Schachspieler und einer der Besten in den Landesmeisterschaften der 50er-Jahre.

Goethes Farbenlehre hatte ihn während mehrerer Jahre interessiert. 1955 schrieb er in der neu herausgegebenen anthroposophischen Zeitschrift „Horisont“ darüber einen Aufsatz. Im selben Jahr hatte er die Initiative, einen Studienkreis über Goethes Farbenlehre im Vergleich mit Newtons Theorie zu bilden. Teilnehmer waren Physiker und Mediziner der Universität von Oslo, Lehrer aus der Rudolf Steiner-Schule und Bjerke selbst als Leiter der Arbeit. Es wurden Experimente gemacht, studiert und diskutiert. Als eine Frucht dieser Arbeit schrieb Bjerke das Buch „Neue Beiträge zu Goethes Farbenlehre“. Die norwegische Ausgabe erschien 1961 und eine deutsche Übersetzung folgte 1963.

In der Kulturdebatte des Landes erwies sich Bjerke als mutig und schlagkräftig. Er wandte sich gegen das wissenschaftlich begründete, materialistische Weltbild, das keinen Platz mehr für den Menschen hat, egal, ob es sich um die Evolutionslehre, die Geschichtsauffassung oder andere Gebiete handelte. In Zeitungen und Zeitschriften schrieb er über wissenschaftliche Fachbücher, er konnte Denk- und Faktenfehler nachweisen und mit Humor und Ironie die Forscher dem Gelächter ausliefern. Bjerke schrieb immer mit Scharfsinn und Eleganz, sein schwungvoller Stil bildete einen Kontrast zu den trockenen Darstellungen der Wissenschaftler. Er erregte Proteste, er war gefürchtet, er wurde bewundert. In diesem Kulturkampf wirkte er zusammen mit seinen anthroposophischen Freunden Ernst Sørensen, Øistein Parmann, Leif Wærenskjold und Jens Bjørneboe, die wie er bedeutende Schriftsteller waren.

Sie alle engagierten sich auch im norwegischen Sprachstreit, der besonders in der Zeit von 1950 bis 1970 den öffentlichen Diskurs beherrschte. Die offizielle Sprachpolitik wollte damals die zwei norwegischen Schriftsprachen zu einer Sprache vermischen. Für Bjerke und seine Mitstreiter war es selbstverständlich, dass die Sprache keine Angelegenheit der Politiker und Bürokraten sein dürfe. Die gesunde Sprachentwicklung geschieht – so war ihre Überzeugung – als Teil eines lebendigen Geisteslebens, wenn die Sprache gepflegt wird. Die Gegner der staatlichen Sprachpolitik wurden Mitglieder des „Riksmålsforbundet“, eines Landesbundes, der für die freie Weiterentwicklung der klassischen Schriftsprache arbeitete. Bjerke und seine anthroposophischen Freunde waren damals in diesem Bund führend. Von 1950 bis 1966 redigierte er die Zeitschrift des Bundes, „Ordet“ (Das Wort), und schrieb einen großen Teil der Artikel. Er verfasste auch ein Wörterbuch und kleinere Lehrbücher über Stilistik, Metrik und Poetik. Dazu reiste er ständig im Land umher und hielt Vorträge über die Sprachfrage. Die offizielle Mischsprachen-Politik wurde 1970 aufgegeben. Dazu haben Bjerke und seine anthroposophischen Freunde einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Bjerke war dreimal verheiratet. In der ersten Ehe kamen ein Sohn und eine Tochter zur Welt, in der zweiten eine Tochter. Ständig war er im Lichte der Öffentlichkeit, der populäre Dichter mit den unpopulären Auffassungen, doch im Privatleben war er ein scheuer Mensch, der Ansammlungen von Menschen eher mied. Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wurde er 1955. Er behielt lebenslang die Mitgliedschaft, nahm aber an den Zweigabenden und Tagungen während der letzten 20 Jahre seines Lebens nicht mehr teil.

Sein aktives Leben reduzierte sich stark, als er im Frühjahr 1981 einen Schlaganfall erlitt, die letzten vier Jahre verbrachte er im Rollstuhl. In der Krankheitszeit konnte er jedoch noch seine Faust-Übersetzung zu Ende bringen. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung wurde er mit dem hoch angesehenen „Ridder av St. Olavs Orden“ ausgezeichnet.

Die letzte Lebenszeit wandte er sich zwei Übersetzungsaufgaben zu. Schon 1978 hatte er mit Studien und Vorarbeiten zu einer Übersetzung des Johannesevangelium begonnen. Diese Arbeit nahm er jetzt wieder auf und brachte die Übersetzung bis zu einer Fassung, die noch nicht druckreif war. Die zweite Aufgabe war die Übersetzung von Emil Bocks Werk „Die drei Jahre“. Bjerke schätzte Bocks Werke und hatte schon 1977 „Kindheit und Jugend Jesu“ ins Norwegische übertragen. Mit dieser letzten Übersetzung war er beschäftigt, bis ihm die Lebenskräfte versagten. Ein Drittel des Werkes konnte er vollenden. Der Verlag sorgte für die Fertigstellung und das Buch erschien 1991.

Als André Bjerke im Januar 1985 durch die Christengemeinschaft beigesetzt wurde, war der Saal im Krematorium vollbesetzt. Hier waren Regierungsabgeordnete, Redakteure von Rundfunk und Presse, Schriftsteller, Komponisten, Schauspieler, Anthroposophen und viele Menschen aus dem Volke, die seine Gedichte liebten, ein Bild für die Ausstrahlung dieses strebenden Menschen.

Oddvar Granly


Werke: Syngende jord (L), Oslo 1940; Nattmennesket (Kriminalroman), Oslo 1941, 2003 (8. Aufl.); De dødes tjern (Kriminalroman), Oslo 1942, 2001 (9. Aufl.); Fakkeltog (L), Oslo 1942; Regnbuen (L), Oslo 1946; Døde menn går i land (Kriminalroman) 1947, 2002 (7. Aufl.); Eskapader (L), Oslo 1948; Dikt om vin og kjærlighet (L), Bergen 1950; Skjult mønster (Kriminalroman), Oslo 1950, 1988 (9. Aufl.); Den hemmelige sommer (L), Oslo 1951; Den Bakvendte familieboken (Humoristisches mit Eidem, O. und Keilhau, C.), Oslo 1949, ²1951; Prinsessen spinner i berget (L), Oslo 1953; Slik frøet bærer skissen til et tre (L), Oslo 1954; Fuglen i fikserbildet: fragmenter av en livsanskuelse (Essays), Oslo 1955; Hva er god stil? Oslo 1955; Rim og rytme: en liten verselære, Oslo 1956; Babels tårn: naerbilder av norsk sprogstrid (Essays), Oslo 1959; En kylling under stjernene (L), Oslo 1960; Nye bidrag til Goethes farvelære, Järna 1961; Tryllestaven: syv historier om noe bortenfor (E), Oslo 1961; Hva er godt riksmål? Spørsmål og svar (Essays) 1962, ²1967; For anledningen: prologer gjennom 15 år, Oslo 1963; Enhjørningen (Kriminalroman), Oslo 1963, 1991 (6. Aufl.); Sproget som ikke ville dø (Essays), Oslo 1964; Med alle mine fugler (L), Oslo 1965; Arnulf Øverland – vårt språks konservator og fornyer (Essay), Oslo 1965; En skrift er rundt oss (L), Oslo 1966; Dannet talesprog (Essays), Oslo 1966; Skyros, Egeerhavet (L), Oslo 1967; Reiser gjennom århundrene: i syv stilepoker (Essays), Oslo 1967; Det finnes ennu seil (L), Oslo 1968; Hårdt mot hårdt (Essays), Oslo 1968; Spillet i mitt liv: en amatør ved sjakkbrettet (Essays), Oslo 1968, ²1975; Onkel Oscar kjører videre (Kriminalnovellen), Oslo 1970; I syklonens sentrum: fem essays om diktere, Oslo 1970; Hobbydetektiven: historiene om Klaus Vangli (Kriminalnovellen), Oslo 1971; Med kritiske øyne (Essays), Oslo 1971; En helt almindelig lek (L), Oslo 1973; Før teppet går opp: prologer gjennom 25 år, Oslo 1973; Et strå i vind (L), Oslo 1974; Djevelens omgangsfelle og andre essays, Oslo 1974; Sol, måne og elleve stjerner (L), Oslo 1975; Grenseland - fem år efter (Essays mit Harald Tusberg), Oslo 1977; Samlede dikt (L), Oslo 1977; I byen min (L) 1979; Versekunsten: rytme og rim (umgearbeitete Ausgabe von Rim og rytme von 1956), Oslo 1980; Fortellinger ved peisen (E), Oslo 1981; André Bjerke i lek og alvor (Utvalgte skrifter) Oslo 1982; I kampens glede: essays og sakprosa i utvalg, Oslo 1986; Erindringen om fremtiden, Oslo 2001; Beitræge in Ordet, Hor, L.
Literatur: Hansen, J. E.: André Bjerke, det bevegelige menneske, Oslo 1985; Norsk biografisk leksikon, Bd. I, Oslo 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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