Hugo Bergmann
Bergmann, Hugo

Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem.

*25.12.1883 Prag (Österreich-Ungarn)
†18.06.1975 Jerusalem (Israel)



Als die beiden Schwerpunkte im Leben Bergmanns lassen sich der Zionismus und die Anthroposophie bezeichnen, zu der er trotz seines vielseitig engagierten Eintretens für Person und Werk Steiners lebenslang ein ambivalentes Verhältnis behielt. Als Schüler Steiners begriff er sich gleichwohl. Als Nachkomme einfacher böhmischer, bäuerlicher Juden wuchs Bergmann in Prag auf, wo er als Schulkamerad Franz Kafkas das deutsche Gymnasium besuchte, an der deutschen Universität Prags Naturwissenschaften und Philosophie studierte und mit einer Arbeit über die Atomtheorie im 19. Jahrhundert promovierte. Da ihm als Juden, der die christliche Taufe ausschlug, die Habilitation versagt war, übernahm er zunächst die Stelle eines Bibliothekars an der Prager Universität.

Zionist wurde er bereits 1898. So war er auch zugegen, als Martin Buber (1878–1965) vor dem zionistischen Studentenbund „Bar-Kochba“ 1909–11 seine programmatischen „Drei Reden über das Judentum“ hielt. Damit begann die lebenslange Freundschaft mit Buber, dessen Ich-Du-Philosophie ihm wiederholt ein Anlass war, die Ergänzungsbedürftigkeit des dialogischen Denkens durch Mystik bzw. Anthroposophie zu erheben.

Die Bekanntschaft mit der Anthroposophie machte Bergmann etwa zur dieser Zeit, denn er heiratete 1908 die Apothekerstochter Else Fanta. Ihre Mutter, ?Berta Fanta (1866–1918), die der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft angehörte, empfing Rudolf Steiner zu Vorträgen in ihrem Salon am Altstädter Ring und ermöglichte Begegnungen mit ihm. Auf diese Weise traf Hugo Bergmann selbst mit Steiner zusammen. 1911 erlebte er ihn auf dem vierten internationalen Philosophen-Kongress in Bologna. Obwohl dessen Vortrag über „Die psychologischen Grundlagen und die erkenntnistheoretische Stellung der Theosophie“ dort „entsetzlich verhöhnt und verlacht“ worden sei, vertiefte Bergmann seine Beziehung zu ihm. Während seines Berliner Studiums 1912 wurde er dort – obwohl Nichtmitglied – zu den Vorträgen der Anthroposophischen Gesellschaft zugelassen. Es beeindruckten ihn auch die Aufführungen der Münchner Mysteriendramen.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg, an dem Bergmann als nationalbegeisterter österreichischer Offizier teilnahm, besuchte er 1910 Palästina und lernte in Jerusalem seinen künftigen Arbeitsplatz, die spätere Universitäts- und jüdische Landesbibliothek, kennen, die aus bescheidensten Anfängen heraus aufzubauen war. 1920 emigrierte er mit der Familie nach Jerusalem und übernahm eine Professur, zugleich immer auch politisch aktiv, im Sinne der Arbeiterpartei und im Sinne Bubers bestrebt, ein harmonisches Zusammenleben zwischen Arabern und Juden einzuleiten. Für die hohe Anerkennung seiner wissenschaftlichen und humanitären Qualitäten wurde Bergmann 1935 zum ersten Rektor der Hebräischen Universität ernannt. In dieser Eigenschaft und bis in sein hohes Alter hinein legte er in der israelischen Öffentlichkeit in Wort und Schrift für Anthroposophie und deren Verwirklichung Zeugnis ab, z. B. auf dem pädagogischen und heilpädagogischen Feld. In seinem Tagebuch- und Briefwerk finden sich hierfür zahlreiche Belege.

Anstoß nahm Bergmann daran, dass sein Freund Buber sich dem Werk Steiners als einer von ihm als gnostisch empfundenen „Geisteswissenschaft“ gegenüber prinzipiell verschloss. Bubers Skepsis gegenüber der spirituellen Dimension der Wirklichkeit beantwortete er – in Anerkennung des dialogischen Prinzips – u. a. mit dem Hinweis: „Wir sind diesen ,oberen Welten’ gegenüber genauso in die Erkenntnispflicht genommen wie gegenüber der Welt unserer Sinne.“ (Buber und die Mystik, 1963, S. 274) Bergmanns Eindruck, dass es ihm nicht gelungen sei, Buber auf diese Notwendigkeit aufmerksam zu machen, wird im Übrigen auch von ?Albert Steffen bestätigt, der mit Buber jahrzehntelang kollegial verbunden war und ihn nach Dornach eingeladen hatte.

Bergmanns eigene Beziehung zur jüdischen Mystik setzte spätestens um 1912 ein, als er sich gemeinsam mit dem anthroposophisch orientierten Wiener Kabbalisten ?Ernst Müller an der Sohar-Lektüre versuchte. Im Vorwort zur dritten Auflage (Zürich 1959) zu dessen einführendem Buch „Der Sohar und seine Lehre“ (Leipzig 1927) erinnert Bergmann daran, inwiefern diese Bemühung mit seinen eigenen Bestrebungen sowie mit denen von Gershom Scholem (1897–1982) verbunden ist.

Wie Benjamin Ben-Zadok mit Recht hervorhebt, hatte Bergmann die seltene Fähigkeit, verschiedene, oft weit auseinander liegende geistige Strömungen zusammenzuschauen. Und David Flusser, der aus Wien stammende Geistesgeschichtler und Jerusalemer Kollege Bergmanns, ergänzt: „Die Brücke, die er suchte von einer rein philosophischen Betrachtung zur göttlichen Welt, im weiten und übernatürlichen Sinne, schuf Bergmanns hervorragende Persönlichkeit. Die besondere Aura, die er ausstrahlte, ist ein Beweis dafür, dass ein Bemühen um eine vertiefte Philosophie und zugleich um eine wagsame und ungewohnte Religiosität Früchte tragen kann, denn in ihm weilte sowohl Weisheit als auch der Geist Gottes.“

Gerhard Wehr


Werke: Untersuchungen zum Problem der Evidenz der inneren Wahrnehmung,
Halle 1908; Das philosophische Werk Bernhard Bolzanos, Halle 1909; Begriff
und Wirklichkeit, in: Der Jude. Sonderheft zu Martin Bubers 50. Geburtstag,
Berlin 1928; Der Kampf um das Kausalgesetz in der jüngsten Physik,
Braunschweig 1929; Martin Buber und die Mystik, in: Schilpp, P.A./Friedmann,
M.: The Philosophy of Martin Buber, Stuttgart 1963; Die dialogische Philosophie
von Kierkegaard bis Buber, Heidelberg 1976; Tagebücher und Briefe I/II,
Königstein 1985.
Literatur: Ein Vortrag über Rudolf Steiner im Radio Jerusalem, in: BfA 1958,
Nr. 3; Hartmann, G.: Erinnerung an Hugo Bergmann, in: G 1975, Nr. 40;
Ben-Zadok, B.: Reine Liebe und sittliche Tat. Hugo Bergmann zum Gedenken,
in: DD 1984, Nr. 10; Wehr, G.: Zwischen Martin Buber und Rudolf Steiner.
Zu den Tagebüchern und Briefen Hugo Bergmans, in: G 1986, Nr. 3; Fiechter,
H. P.: Franz Kafka zwischen Anthroposophie und Psychoanalyse, in: G 1987, $
Nr. 6; Wehr, G.: Martin Buber. Leben, Werk, Wirkung, Zürich 1991; Vána, Z.:
Rudolf Steiner in Prag, in: BGA 1992, Nr. 109; Wehr, G.: „Was sollen uns die
oberen Welten?“ Martin Bubers Verhältnis zum Denken R. Steiners und Hugo
Bergmans Versuche einer Vermittlung, in: Im Gespräch. Hefte der Martin
Buber-Gesellschaft, Heidelberg 2001, Nr. 2; ders.: Hugo S. Bergmann, in:
DD 2002, Nr. 6; Voigts, Manfred: Mathematik und Telepathie. Zu Hugo
Bergmanns umgreifender Weltsicht, in: Bassler, Moritz (Hg.) Mystik,
Mystizismus und Moderne in Deutschland um 1900, Strassburg 1998




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