Olav Aukrust
Aukrust, Olav

Lehrer, Dichter

*21.01.1883 Lom,Gudbrandsdalen (Norwegen)
†03.11.1929 Lom,Gudbrandsdalen (Norwegen)





Olav Aukrusts Lebensthema war die Kraft des Wortes. Er war prägender Vertreter des Grundtvig’schen Volkshochschulgedankens in Norwegen und darüber hinaus einer der großen Dichter nordischer Lyrik.

Aukrust wuchs auf dem Hof seiner Eltern, Ola und Mari, in einem der beeindruckendsten Gebirgstäler von Gudbrandsdalen zwischen zerklüfteten Felsen an einem Gletscherfluss auf. Seine Kindheit war erfüllt von den alten norwegischen Erzählungen und Liedern seiner Großmutter. Er zeigte früh musikalische Begabung und lernte Geige spielen. Seinen Jugendtraum, Musiker zu werden, musste er allerdings nach der Amputation eines Fingers der linken Hand aufgeben. Auf diese Zeit gehen seine ersten dichterischen Versuche zurück.

Nach der Schulzeit studierte er am Lehrerseminar und war schon als 23-Jähriger mit den großen Dichtungen der Weltliteratur vertraut. Er befasste sich eingehend mit Religions- und Philosophiegeschichte, vor allem mit Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche.

1907 begann er als Lehrer an der Volksschule in Folldal und wohnte im Haus des Lyrikers Ivar Mortensson-Egnund, der ihm bald Freund und Lehrmeister wurde. Beide Dichter verstanden sich als Seher, die, vom Boden der Heimat, vom Volkstum getragen, wegweisend den Menschen vorangehen. Mortensson beschäftigte sich zu dieser Zeit mit altnordischer Epik und interessierte sich für Spiritismus und Theosophie. Als Rudolf Steiners Werk um 1907 in Norwegen bekannt wurde, kam Mortensson durch Marta Steinsvik und andere Freunden mit seinen Ideen in Berührung. Sie fielen auch bei dem jungen Aukrust auf fruchtbaren Boden.

Nachdem er zwei Jahre an einer Fortbildungsschule unterrichtet hatte, war er von 1910 bis 1913 Lehrer an der Østfold Volkshochschule. Der Schulleiter, Olaf Funderud, beschreibt Olav Aukrust in seinen Tagebüchern als inspirierenden, genialen Lehrer, der zwar von seinen Schülern bewundert wurde, durch sein reizbares Temperament bei Kollegen und Schulleitung jedoch Anstoß erregte. Seine Lehrtätigkeit an der Volkshochschule brachte Olav Aukrust erneut mit den reformpädagogischen Ideen des dänischen Dichters Grundtvig, des Begründers der nordischen Volkshochschulbewegung in Berührung. Im Zentrum der Schulidee steht der Gedanke, dass die Macht des Geistes nur in Freiheit wirken kann und sich im lebendigen, gesprochenen Wort offenbart. Ziel ist, eine Schule fürs Leben zu sein, Begeisterung zu wecken und Entwicklung zu fördern. Der Grundtvig’sche Impuls war in Gudbrandsdalen weit verbreitet und hatte bereits Aukrusts Vater Ola geprägt. Er bereitete in gewisser Weise den Ideen Rudolf Steiners den Boden. Olav Aukrust heiratete Gudrun Blekastad, deren Familie stark von Grundtvig beeinflusst war und sich in den folgenden Jahren zunehmend mit Anthroposophie auseinander setzte.

Olav Aukrust wirkte zwei Jahre als Volkshochschulleiter, bis er 1915 eine eigene Schule, „Dovre“, gründete. Unter den Lehrkräften waren außer ihm selbst ein Schwager, der Maler Hallvard Blekastad, und bald auch die Schriftstellerin Ingeborg Møller. Nach einigen Jahren musste die Schule geschlossen werden, da Aukrust sich immer mehr seiner Dichtung widmete: 1916 erschien sein Gedichtzyklus „Himmelvarden“, der von den meisten Kritikern zunächst abgelehnt wurde. Die erste würdigende Besprechung war die von Einar Lunde in der Zeitschrift „Vidar“. Er charakterisiert das umfangreiche Werk als edle, intime Lyrik von hohem Rang. Und doch sei der Gedankeninhalt nicht weniger bedeutungsvoll: „Ein Parzivalscher Entwicklungsbogen ... Die Entwicklung einer Seele durch die Inkarnationen im wilden und gewaltigen Kampfe mit der Trägheit des Stoffes und den Mächten der Finsternis ... Wer nicht Himmelvarden kennt, der kennt nicht das Beste in der neuen norwegischen Lyrik.“ („Vidar“ Nr. 7–8/1917.) Diese Einschätzung wurde nach und nach auch von den meisten Literaturkritikern geteilt. Erst 1926 erschien Olav Aukrusts nächstes Werk, „Hamar i hellom“, das ein reich facettiertes Bild vom norwegischen Landleben gibt. „Solrenning“, von vielen als die vorzüglichste seiner Dichtungen betrachtet, wurde erst 1930 posthum herausgegeben.

Die Impulse, die Aukrust als junger Lehrer von Ivar Mortensson-Egnund erhalten hatte, vertieften sich durch seinen Briefwechsel mit der von ihm sehr geschätzten Helga Geelmuyden, damals Vorsitzende der Vidargruppe. Mit seinem Schwager, Hallvard Blekastad, der in diesen Jahren Mitglied der Vidargruppe wurde, verband ihn ein enges Verhältnis. Auch die Zusammenarbeit und Freundschaft mit Ingeborg Møller trugen dazu bei, ihn mit anthroposophischen Ideen vertraut zu machen, und nachdem er während einer Europareise Rudolf Steiner in Dornach gehört hatte, wurde er 1921 Mitglied der Vidargruppe.

Sein ganzes Leben lang litt Olav Aukrust unter zahlreichen Krankheiten. Am 3. November 1929 starb er, geschwächt und ausgebrannt, erst 46-jährig in seiner Heimat an einem Gehirnschlag. Dennoch galt er bereits als einer der großen Dichter Norwegens. Und mehr noch: Wäre seine Dichtersprache übersetzbar, könnte man Olav Aukrust über die Grenzen Norwegens hinweg kennen lernen, – so Erich Trummler, der hervorragende Kenner der norwegischen Sprache und Literatur – „man würde ihn bald zu den größten lyrischen Dichtern unserer Zeit zählen.“

Terje Christensen


Werke: Himmelvarden, Kristiania (Oslo) 1916; Hamar i Hellom, Oslo 1926; Solrenning, Oslo 1930; Emne, Oslo 1930; Norske terningar, Oslo 1931; Beiträge in Hrb, N und OeF.
Literatur: Das große Brockhaus, Bd. II, Leipzig 1929 (15. Aufl.); Paasche, F.: Olav Aukrust zum Gedächtnis, in: G 1930, Nr. 3; Aus einem unveröffentlichten Briefwechsel des norwegischen Dichters Olav Aukrust, in: G 1930, Nr. 37; Lunde, E.: Olav Aukrust, in: V 1930, Nr. 5; Trummler, E.: Østfold Folkehøiskole i sitt 25 år, in: OeF 1935, Sondernr.; von Wilpert, G. [Hrsg.]: dtv-Lexikon der Weltliteratur, Bd. I, München 1971; The New Encyclopaedia Britannica, Bd. I, Chicago 1991 (15. Aufl.).




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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