Kurt von Wistinghausen
von Wistinghausen, Kurt Roderich Thomas Clas

Mitbegründer der Christengemeinschaft, Verleger.

*13.05.1901 Reval (damals Russland)
†09.03.1986 Filderstadt-Bonlanden (Deutschland)



Er war ein ruhig-besonnener Menschenfreund, der eine 56-jährige Tätigkeit im Zentrum der Christengemeinschaft in Stuttgart leistete. Auf der einen Seite hatte er den vornehmen Stil eines selbstbewussten adligen Baltendeutschen, auf der anderen eine Bescheidenheit, Zurückhaltung und ein Freiraumgeben für sein Gegenüber. Er wirkte zart und eher schmächtig, wie jemand, der es gelernt hatte, mit einem zerbrechlichen Leib lange und vorsichtig umzugehen. Sein Haupt war oval-rundlich und seine blauen Augen schauten, wie wenn er noch nie mit jemandem Streit gehabt hätte. Seine Sprache war nicht laut, aber mit einem frischen baltischen Akzent, oft mit einem leichten Humor. Man merkte Kurt von Wistinghausen wohl an, dass er gewohnt war, Anordnungen zu geben, aber nicht herrisch.

Kurt von Wistinghausen gehörte zum Gründerkreis der Christengemeinschaft. Mit Rudolf von Koschützki und Rudolf Meyer bildete er die so genannte „Troika“ in Breslau. In den 36 Jahren seiner Leitung des Verlages Urachhaus und der Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ war er ein fleißiger und treuer Arbeiter, immer von hoher Qualität. Er wusste sich auch durchzusetzen, wenn Artikel und Aufsätze der Pfarrerkollegen nicht ganz der Formkraft und Sprache der Zeitschrift oder des Verlages entsprachen – manchmal auch zum Leidwesen der Autoren.

Zurückhaltung zeichnete ihn aus im Hinblick auf seine Forschungen – beispielsweise zu den zwei Jüngern Johannes, einen zweiten Apostelkreis um Johannes-Lazarus und wie Petrus sich damit verband –; Stille charakterisierte seine priesterlich-seelsorgerische Tätigkeit.

Er war geistesgegenwärtig. An einem Sonntag bei der Menschenweihehandlung in der großen Kirche in Stuttgart – Pfarrer Karl Ogilvie schritt gerade zur Kanzel, um die Predigt zu halten – hastete ein Fremder die Stufen zum Altar empor und begann vor der irritierten Gemeinde mit einer Predigt. Kurt von Wistinghausen, im Gewand dabeisitzend, erhob sich, schritt ruhig auf den Fremdprediger zu, legte die Hand auf dessen Schulter und als jener stammelte: „Aber der Herr hat es mir doch eingegeben“, antwortete er freundlichbestimmt: „Aber doch jetzt nicht hier!“ und leitete ihn liebenswürdig aus dem Weiheraum heraus.

Kurt von Wistinghausen wurde am 13. Mai 1901 in Reval in einer deutschbaltischen Adelsfamilie geboren. Sein Vater war Chirurg und praktischer Arzt. Er wuchs mit den älteren Brüdern Werner und Lothar und mit dem jüngeren Almar ( Almar von Wistinghausen) in Estland auf. Bei der Übersiedlung der Familie nach Deutschland war er 17 Jahre alt. Er besuchte bis dahin die Ritter- und Domschule in Reval, dann in Berlin das Schiller-Gymnasium und legte das Abitur im Februar 1921 am Uhland-Gymnasium Tübingen ab. Vom Sommersemester 1921 an studierte er Germanistik und Kunstgeschichte, dann auch Religionswissenschaft und Theologie in Tübingen und Breslau, war in der Jugendbewegung aktiv und kam in Kontakt mit der Haaß-Berkow-Gruppe. Nachdem er „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ und die „Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) gelesen hatte, hörte er Einführungsvorträge von Hermann Heisler und einen öffentlichen Vortrag Rudolf Steiners am 8. Juni 1920 in Stuttgart.

Nachdem Alfred Heidenreich ihn im Winter 1921/22 um Mitarbeit bei der Begründung der Christengemeinschaft bat, machte er die Arbeitswochen in Charlottenburg und Nürnberg mit, nahm an der Breitbrunner Versammlung teil und erhielt die Priesterweihe am 17. September 1922 in Dornach. Im Frühjahr 1922 trat er in die Anthroposophische Gesellschaft ein. Er war Teilnehmer des anthroposophischen Hochschulkurses in Berlin (GA 81) und des „West-Ost-Kongresses“ in Wien. Anlässlich des Koberwitzer Kurses (GA 327) wurde er in die Erste Klasse der Hochschule aufgenommen. In der Gemeinde Breslau kümmerte er sich insbesondere um die Jugend. Seit 1925 wurden wegen einer Lungenkrankheit häufige Kuraufenthalte nötig. Von da an übernahm er bis zum Verbot der Christengemeinschaft 1941 verlegerische und administrative Arbeiten und war seit 1945 erneut in der Gemeindearbeit engagiert.

Taco Bay/Hartmut Wittkowsky


Werke: Sobor Christian (deutsch: Die Christengemeinschaft), Stuttgart 1927;
Der neue Gottesdienst, Stuttgart 1960, 4 1987; Grundlegung der Ehe,
Stuttgart 1963; Das neue Bekenntnis, Stuttgart 1963, ²1983; Die erneuerte
Taufe, Stuttgart 1967, ²1983; Estland – Ferne Welt – Ein Jugendweg,
Stuttgart 1969, ²1971; Der verborgene Evangelist – Studie zur Johannes-Frage,
Stuttgart 1983; Am Webstuhl der Zeit – Offenbare Geheimnisse im
christlichen Festeskreis des Jahres, Stuttgart 1988; Beiträge in Sammelwerken;
Herausgeber mehrerer Werke; zahlreiche Beiträge in CH, weitere in A, DD,
EK, G, MaD, MC, N, Pfa, Stuttgarter Zeitung, Tch, Das Volk, Zwiespruch.
Literatur: Frieling, R. u.a.: An den Schriftleiter dieser Zeitschrift, in: CH
1971, Nr. 5; Bock, E.: Briefe, Stuttgart 1968; Kacer, G.: Kurt von
Wistinghausen, in: MaD 1986, Nr. 156; Autobiografisches: Blattmann, G.,
Mayer, J., Kelber, W.: Kurt von Wistinghausen zum Gedenken, in: CH 1986,
Nr. 4; Nordmeyer, B.: Das Zeitliche segnen, in: CH 1986, Nr. 5; Lasch, E.:
Kurt von Wistinghausen, in: MC, Nr. Pfingsten; Deimann 1987; Schöffler
1987; Gädeke, R. F.: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach 1995.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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