Michael Wilson
Wilson, Michael Henry

Musiker, Heilpädagoge, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft, in Großbritannien.

*01.07.1901 Birmingham (UK)
†22.12.1985 Stourbridge (UK)
(anderer Todestag 21,)



Michael Wilsons Leben stellt einen jener seltenen Fälle dar, dass jemand die Lebensumstände findet, die vollkommen dazu geeignet sind, ihn seine höchsten Ziele erreichen zu lassen. Seine vielfältigen Begabungen verwandelte er so, dass er Anthroposophie durch seine Arbeit mit behinderten Kindern in West Midlands und in der Öffentlichkeit Englands zur Erscheinung brachte. Ich werde neun Bilder von verschiedenen Situationen seines Lebens zeichnen, die zusammen eine große Geschichte erzählen.

Eine Regenbogenbrücke über einem eilig dahinfließenden silberblauen Fluß verbindet die Erde mit einer leuchtenden Burg auf einem hohen Berg, über dem lachend zwei gelborangene Irrlichter tanzen und Gold in alle Richtungen verstreuen. –

Ich sah dieses Bild als kleines Kind, es wurde zum Keim meiner späteren Arbeit mit den Mysteriendramen. Ich sah das Bild in einem Theater, das Michael selbst entworfen und gebaut hatte, einschließlich der gesamten Beleuchtungsapparatur. Im Laufe seines Lebens hat er den farbenprächtigen, musikalischen, spielerischen Reichtum des Goethe’schen Märchens „Die grüne Schlange und die schöne Lilie“ in die Kraft seines eigenen Wesens verwandelt. –

Eingemummt in dicke Winterkleidung, mit Kletterschuhen und einem Eispickel in der Hand, angeseilt an seine Kletterkameraden, stapft er entschlossen durch den weißen ewigen Schnee zum Gipfel des Matterhorns, der im tiefblauen Himmel vor ihm liegt. – Als aktives Mitglied des Alpenvereins während seines ganzen Lebens war Michael ein erfahrener Bergsteiger, der viele der höchsten Gipfel Europas bezwang. – Bekleidet mit einem makellosen schwarzen Anzug und weißem Hemd mit Fliege, die Geige am Kinn, gleiten die Finger seiner linken Hand leicht und geschmeidig den Steg entlang, während die rechte den Bogen führt. Als erster Geiger leitet er souverän das Orchester unter seinem Dirigenten Sir Thomas Beecham. – Obwohl Michael sich in der Schule auf die Fächer Physik und Chemie spezialisiert hatte, die ihn in die Lage versetzen sollten, die erfolgreiche Chemiefabrik seines Vaters zu übernehmen, entschied er sich, an der Royal Academy of Music Violine und Dirigieren zu studieren. Enge Freundschaft verband ihn mit Sir Adrian Boult und 1929 wurde er zweiter Dirigent des British National Opera Orchestra unter Sir John Barbirolli. –

Ein mittelgroßer, gedrungener und sehr gesunder junger Mann mit braunem Haar wechselt in einem etwas heruntergekommenen Mietshaus in Birmingham mit großer Sorgfalt die Windeln eines epileptischen Kindes, während der Rest der Kindergruppe darauf wartet, gewaschen und angezogen zu werden. – Ebenfalls im Jahre 1929 wurde Michaels erfolgreiche Geigerkarriere durch eine Begegnung mit dem deutschen Heilpädagogen Fried Geuter unterbrochen. Geuters Entschlossenheit, der Heilpädagogik auf anthroposophischer Grundlage in Birmingham einen Ort zu schaffen, begeisterte Michael dafür, zusammen mit ihm das Sunfield Children’s Home für schwerbehinderte Kinder zu gründen. –

In einer Werkstatt, inmitten von elektrischen Geräten, Drähten, Glühbirnen und großen, mit Salzwasser gefüllten Krügen, durch die elektrischer Strom geleitet wird, ist Michael darin vertieft, ein Dimmersystem für die besonderen Farbtöne und -qualitäten zu erfinden, die er für seine Stücke braucht. – In seiner Zeit bei der English Opera Company hatte Michael ein Beleuchtungssystem für die neue Bühne entworfen. Seine Kenntnisse der Chemie und Physik ermöglichten ihm, diese Arbeit im Sunfield Children’s Home weiterzuführen, das 1932 nach Clent umgezogen war. Er entwickelte eine Farbtherapie, die sich für die Kinder dort als revolutionär erweisen sollte. –

Bekleidet mit einem Pilotenanzug, Helm und Schutzbrille, eingezwängt in die Kabine eines einsitzigen Segelflugzeuges in 5.000 Meter Höhe durch und über die Wolken schwebend, nutzt er die wechselnden Winde und lauscht ihrer Sinfonie. – Seine Begierde, von den Elementen zu lernen und mit ihnen zu arbeiten, führte ihn zur Kunst des Segelfluges, die er von dem erfahrenen Piloten Ralph Brocklebank erlernte, der später sein Kollege im Sunfield wurde. –

Michael Wilson hat den Vorsitz einer Konferenz der Farbengruppe der „Physical Society“ und versucht, das Gespräch über die Theorien Newtons hinaus zu Goethes Farbenlehre zu lenken. Mit klarem Sinn führt er die Gruppe über die Grenzen ihres physikalischen Wissens hinaus. – Seine kontinuierliche Forschungsarbeit über Goethes Farbenlehre brachte ihn mit den kompetentesten Experten und erfolgreichen Unternehmern zusammen, z. B. mit Kodak, Fernsehgesellschaften und den Entwicklern der Polaroid-Kamera. Er schrieb verschiedene Bücher und zahlreiche Artikel über dieses Thema und wurde niemals müde, das Umfeld der physikalischen Farbwahrnehmung und das Wesen des farbigen Schattens zu erforschen. –

Michael am Esstisch mit seiner Frau Betty, seiner Tochter Diana und seinen Söhnen Robin und Christopher bei einer traditionellen englischen Mahlzeit mit Roastbeef, Yorkshire-Pudding, Bratkartoffeln und Gemüse. Ein warmherziger, stiller Familienmensch, der seine Kinder damit belustigt, dass er seiner Hörhilfe Pfeiftöne in der Melodie von „God Save the Queen“ entlockt. – Wie so viele Pioniere der Anthroposophie hatte Michael nicht viel Zeit für seine Familie, doch immer genug, um seinen Kindern eine Atmosphäre von intensiver Aufrichtigkeit und Vertrauen zu schaffen. Er hatte die Fähigkeit, ein Gefühl für Wahrheit herrschen zu lassen. –

In einer kleinen Holzhütte am Ende des Gartens sitzt der alte weise Mann und arbeitet mit hoher Konzentration an der schwierigen Aufgabe, die Mantrengruppen der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ins Englische zu übersetzen. – Das Problem wissenschaftlicher Klarheit und spiritueller Genauigkeit, die Fähigkeit, Verallgemeinertes in durchsichtige Begriffe zu fassen, sollte Michaels Vermächtnis werden. Ihm war die Wahrheit erst Wahrheit, wenn sie durch das Herz des Einzelnen gegangen war. –

Er kam am 1. Juli 1901 in Birmingham zur Welt und starb am 22. Dezember 1985 in Stourbridge. „Was immer ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, scheint sein Lebensmotto gewesen zu sein.

Christopher Marcus


Werke: What is Colour? The Goethean Approach to a Fundamental Problem,
Clent 1949, ²1983; mit Brocklebank, R. W.: Complementary Hues of After-
Images, in: J. Opt. Soc. of Am. 1955; Two Colour Projection Phenomena, in:
J. of Photogr. Sc. (London) 1960, Nr. 4; Land’s System of Two-Colour
Projection, in: J. Brit. Inst. of Radio Eng. 1961, Nr. 6; Colour and Perception,
in: Contemporary Physics 1961, Nr. 2; The Phenomenon of the Coloured
Shadows and its Significance for Colour Perception, in: Die Farbe 1962, Nr.
1/6; Colour Between Science and Art, in: J. of the Colour Group 1966, Nr. 5;
Übersetzung ins Niederländische erschienen; Beiträge in AM, ANS, AQ,
ARw, G, GBl, MaK, PQ, SFo.
Literatur: Rettig, R. G.: Michael Wilson’s North American Tour, in: NAA 1958,
Nr. 75; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Sease, V.: Michael Wilson, in: N 1986, Nr. 3; Clement, D.:
Michael Wilson, in: N 1986, Nr. 23, auch in: ASN 1986, Nr. 1; Reynolds, D.:
A Further Tribute to Michael Wilson, in: ASN 1986, Nr. 2.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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