Folkert Wilken
Wilken, Folkert

Hochschullehrer, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler.

*02.02.1890 Aachen (Deutschland)
†07.09.1981 Freiburg/Br. (Deutschland)





Folkert Wilken war im Nachkriegsdeutschland der wichtigste akademische Vertreter der sozialen Dreigliederung. Seine zahlreichen Werke zur Nationalökonomie – insbesondere sein Alterswerk „Das Kapital“ – gehören zu den umfassendsten Darstellungen anthroposophischer Sozialwissenschaft.

Im Jahre sozialer Revolutionen, des Sturzes Bismarcks, des die Arbeiterbewegung niederhaltenden „Sozialistengesetzes“ und der Gründung der Arbeiterinternationale kam Folkert Wilken als Frühgeburt auf die Erde. Sein freigeistiges Elternhaus hielt ihn von allem Religiösen fern. Die juristische Laufbahn des Vaters führte zu vielen wechselnden Wohnorten. In Bremen absolvierte er das humanistische Gymnasium, widmete sich intensiv der griechischen Sprache und dem Klavierspiel.

Nach einer vom Vater bestimmten Banklehre in Bremen, während der er die klassischen Philosophen studierte, begann er 1912 in Freiburg mit dem Studium der Nationalökonomie und Rechtswissenschaft und setzte es in München fort. Er beschäftigte sich intensiv mit Freud, Adler, C. G. Jung und der „Individualpsychologie“.

Zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg war er nicht tauglich, er übernahm leitende Aufgaben im Roten Kreuz. In einem Aufsatz von Friedrich Rittelmeyer, den er „mit Staunen und Ergriffenheit“ las, fand er den Hinweis auf das Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ von Rudolf Steiner, das er sofort erwarb, aber auf seinem stark intellektuell-akademisch geprägten Hintergrund kaum aufzunehmen vermochte. Von einem befreundeten Journalisten erhielt er das Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) mit der Bitte, ihm das Verständnis dieses Buches etwas näher zu bringen, und Wilken setzte sich mit einem ihm neuen Denken auseinander.

Durch Walter Blume und seine Frau wurde er in das anthroposophische Leben Münchens eingeführt. Von Hans Wohlbold erhielt er Einführungen in die allgemeine Anthroposophie, von Hans Büchenbacher in die Idee der Dreigliederung. Wohlbold und Carl Unger nahmen ihn 1923 in die Anthroposophische Gesellschaft auf.

In München promovierte Wilken in Betriebswirtschaft und wurde aufgefordert, sich 1923 an der neu begründeten Hochschule für Staats- und Wirtschaftswissenschaften in Detmold in Betriebswirtschaftslehre zu habilitieren. Die Detmolder Hochschule aber ging bankrott, Wilken habilitierte sich 1925 in Freiburg i. Br. in Nationalökonomie und wurde 1929 zum außerordentlichen Professor ernannt.

1936 bekam er einen Ruf als Ordinarius an die Technische Universität Dresden. Dort entwickelten sich intensive Beziehungen zu den Christengemeinschaftspfarrern Herman Groh, Gerhard Klein und Eduard Lenz. Durch seine Aufsätze über die Bruckner-Sinfonien wurde Erich Schwebsch auf ihn aufmerksam und eine freundschaftliche Verbindung entstand. Gerne hätte Wilken enger mit Roman Boos zusammengearbeitet, der ihn aber immer wieder schroff abwies. Nach eigenem Bekunden war eine wirkliche Begegnung und ein Zusammenwirken erst möglich, als er selbst das professoral-intellektuelle Denken so weiterentwickelt und umgewandelt hatte, dass er die Idee der sozialen Dreigliederung nicht nur abstrakt denken, sondern in der Wirklichkeit selbsttätig erleben konnte.

1939 wurde sein Dresdener Ordinariat von den Nationalsozialisten wegen seines anthroposophischen Hintergrundes und seiner Mitgliedschaft in der 1935 verbotenen Anthroposophischen Gesellschaft annulliert. Er musste Dresden verlassen.

Er kehrte als Privatdozent an die Universität Freiburg zurück, die Familie wurde hauptsächlich durch seine Frau, die Sprachgestalterin war, unterhalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er rehabilitiert und entfaltete als Ordinarius in Freiburg sein reiches sozial- und wirtschaftswissenschaftliches Schaffen. Er engagierte sich darüber hinaus beim Aufbau der anthroposophischen Arbeit in Freiburg und arbeitete u. a. mit Friedrich Husemann, Fritz Götte und schließlich auch mit Hans-Georg Schweppenhäuser zusammen.

Besonders bedeutsam war seine freundschaftliche Verbindung mit dem aus der Schweiz stammenden Unternehmer Ernest Bader, der viele der sozialen Anregungen Wilkens in seinem Unternehmen in England, „Scott-Bader-Commowealth“, umsetzte. Ernest Bader bezeichnete Folkert Wilken als den „Albert Schweitzer des industriellen Dschungels“. Diese Verbindung führte dazu, dass einige Bücher Wilkens auch in England erschienen.

Neben seiner Lehrtätigkeit erschienen in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren grundlegende Publikationen zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen, Wilken unternahm immer wieder zahlreiche Vortragsreisen und öffnete vielen Menschen den Zugang zur anthroposophischen Sozialwissenschaft. Einige seiner Werke wurden von Herbert Hillringhaus – zu dem eine immer stärkere freundschaftliche Bindung wuchs – im Verlag „Die Kommenden“ herausgegeben.

Obwohl er sich für die Anthroposophische Gesellschaft einsetzte, stand er den gesellschaftsinternen Auseinandersetzungen in seinem Umfeld und in der Geschichte distanziert und kritisch gegenüber. Auch hier nahm er in einer Publikation Stellung („Zur Wiedergeburt der Anthroposophischen Gesellschaft“).

Wenige Monate vor seinem Tode erschien der letzte Band seines umfassenden Werkes über das Kapital. In seiner Rede bei der Kremation schloss der Prodekan der Universität Freiburg, Werner Ehrlicher, mit den Worten: „Folkert Wilken hat ein wissenschaftliches Werk geleistet, das die Geschichte des menschlichen Geistes bereichert hat, – er war ein Lehrer, der im Vortrag seiner Gedanken nicht dogmatisch belehrt hat, sondern der in seiner Lehre immer wieder Anstoß geben wollte, über die Bedingungen unseres Daseins nachzudenken – er war ein Kollege, dessen bedächtige Toleranz die Aufgeregtheit unserer Zeit vergessen ließ und unaufdringliche Menschlichkeit verbreitete.“ (Ehrlicher, in: Wilken 1982, S. 223)

Ulrich Rösch


Werke: Grundzüge einer personalistischen Werttheorie, Jena 1924;
Volkswirtschaftliche Theorie der landwirtschaftlichen Preissteigerungen, Berlin
1925; Der Kreislauf der Wirtschaft, Jena 1926; Die Metamorphosen der
Wirtschaft, Jena 1931; Grundwahrheiten einer organischen Wirtschaft, Zürich
1934; Geistesgeschichtliche Entwicklungslinien des deutschen Schicksals,
Stuttgart 1948; Selbstgestaltung der Wirtschaft, Freiburg i. Br. 1949, ²1985;
Die Entmachtung des Kapitals, Freiburg i. Br. 1959; Die Befreiung der Arbeit,
Freiburg i. Br. 1965; Reform des Steuerwesens, Freiburg i. Br. 1968; Zur
Wiedergeburt der Anthroposophischen Gesellschaft, Freiburg i. Br. 1969; Das
Kapital – sein Wesen, seine Geschichte und sein Wirken, Schaffhausen 1976;
Das Kapital und das Geld, Schaffhausen 1981; Das Kapital und die Zukunft,
Schaffhausen 1981; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische
und Russische erschienen, Beiträge in A, BzD, DD, G, K, MaD, SfA, SZD.
Literatur: autobiografisch: Mein Leben, ein Weg zur Anthroposophie, in: MaD
1960, Nr. 51; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr.
Steiners, o. O. 1970; Wilken, H.:
Lippold, E.: Professor Folkert Wilken – ein begnadetes Gelehrtenleben, in:
MaB 1982, Nr. 72; ders.: Professor Folkert Wilken und sein aktuelles
Lebenswerk, in: MaB 1990, Nr. 88.
Freiburger Universitätsblätter 1981, Heft 74, 20. Jahrgang.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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