Joseph Werr
Werr, Joseph

Tierarzt.

*02.05.1885 Neunburg vorm Wald (Deutschland)
†30.08.1954 Hergensweiler bei Lindau (Deutschland)



Die Pionierarbeit von Joseph Werr als Tiermediziner bedeutete viel für den Aufbau und die Entwicklung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise.

Er war Sohn eines Apothekers, besuchte das humanistische Gymnasium in Regensburg und machte 1905 Abitur. Nach dem Militärdienst bei der Feldartillerie studierte er zunächst Mathematik und Physik, seit 1907 Veterinärmedizin bis zur Approbation als Tierarzt 1911 an der Kgl. Tierärztlichen Hochschule in München. Er promovierte 1912 mit einer Arbeit über „Die Verwertbarkeit des Pantopons bei der Allgemeinnarkose des Hundes“.

Der Aufbau seiner ersten tierärztlichen Praxis in einem Dorf an der württembergisch-bayrischen Grenze wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, den Joseph Werr als Veterinär mitmachte. Nach Kriegsende nahm er seine Tierarzttätigkeit in Dischingen wieder auf. In seinem Bezirk lag das zum „Der Kommende Tag“ gehörige Hofgut Guldesmühle, das Immanuel Voegele als junger Verwalter führte. Es entstand bald eine enge Freundschaft, die 1920 zu seiner ersten Begegnung mit Rudolf Steiner und Eugen Kolisko führte. Das Auftreten der Maul- und Klauenseuche bot den konkreten Anlass, Rudolf Steiner um Rat anzufragen und Kolisko und Werr stellten Versuche mit der von Steiner empfohlenen Heilmethode an.

1921 wurde Werr Mitarbeiter an dem von Lili Kolisko geleiteten „Biologischen Institut der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum“ in Stuttgart. Dort wurden aufgrund der Angaben und Hinweise Rudolf Steiners die wichtigsten Weleda-Tierarzneimittel und ihre Anwendung erarbeitet. Eine Forschungsreise nach Südamerika von 1922–24 mit dem Ziel, die Bekämpfungsmöglichkeiten der Maul- und Klauenseuche weiterzubringen, blieb erfolglos und Werr baute erneut eine eigene Tierarztpraxis bei Augsburg und Anfang der 30er-Jahre in der Nähe von Lübeck auf. Sein Hauptanliegen konzentrierte sich auf die Entwicklung einer neuen Tierarznei- und Tierheilkunde nach geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten – jetzt im Zusammenhang mit den seit 1924 im „Versuchsring anthroposophischer Landwirte“ zusammengeschlossenen Bauern einerseits, mit den um die Herstellung von Heilmitteln sich bemühenden Wissenschaftlern der Weleda andererseits. Aus wirtschaftlichen Gründen konnte er sich allerdings nicht vollständig der Forschung zu tierzüchterischen und tiermedizinischen Fragen widmen, wie es seinen Fähigkeiten und Wünschen entsprochen hätte.

Seit Ende der 20er-Jahre trug er regelmäßig und viel beachtet auf landwirtschaftlichen Tagungen in Dornach, Marienstein, Bad Saarow u. a. vor. Er entfaltete eine ständig wachsende Beratungstätigkeit für die Mitglieder des Versuchsringes, nach dem Zweiten Weltkrieg für die entstehenden Arbeitsgemeinschaften der biologisch-dynamischen Bewegung.

1933 erschien sein Buch „Der Mensch und die Haustiere“, in dem er die Beziehungen der Naturreiche zum Menschen und im Besonderen die Beziehungen der Haustierentwicklung mit der Menschheitsentwicklung in einem sinn- und geistgemäßen Zusammenhang zu sehen versucht, um daraus Richtlinien für die Tierzucht und Tierheilung zu entwickeln. Neben zahlreichen Aufsätzen aus seiner Forschung und Praxis legte er kurz vor seinem Tod das Buch „Tierzucht und Tiermedizin im Rahmen biologisch-dynamischer Landwirtschaft“ als Frucht seines Schaffens vor.

Der mit Werr ebenfalls langjährig befreundete Apotheker der Weleda Wilhelm Spieß bemerkte in seinem Nachruf:

„Es war ihm nicht gegeben, leicht Anschluss an andere zu finden, umso mehr aber öffnete er dem durch jahrelangen Gedankenaustausch verbundenen Freund das Herz und ließ ihn Blicke tun in seine kompromisslose Gesinnung, aus der heraus er immer wieder treffende Urteile fällte, die getragen waren von einer über die einzelnen Situationen hinausstrebenden Zielsetzung und die bezeugten, dass er sich der Bedeutung der Arbeit, in die er sich gestellt hatte, voll und ganz bewusst war.“ (Spieß 1954)

Ulrike Remer-Bielitz


Werke: Die Verwendbarkeit des Pantopons bei der Allgemeinnarkose des Hundes. (Diss.), München 1912; Das Tier in der Landwirtschaft, in: Gäa Sophia, Bd. IV, Stuttgart 1929; Die Stirnbeinaufsätze der Wiederkäuer, in: Gäa Sophia, Bd. V, Stuttgart 1930; Der Mensch und die Haustiere, Dornach 1933; Tierzucht und Tiermedizin, Stuttgart 1953; Übersetzung ins Englische erschienen; Beiträge in AAV, BzL, D, DD, LE, MdV.
Literatur: Wachsmuth, G.: Dr. Joseph Werr, in: N 1954, Nr. 40; Spieß, W.: Dr. med. vet. Joseph Werr, in: N 1954, Nr. 42; Voegele, I.: Dr. med. vet. Joseph Werr, in: MaD 1954, Nr. 30, auch in: LE 1954, Nr. 9/10; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; GA 260a, ²1987; Schöffler 1987; von Keyserlingk, A.: Erinnerungen an frühe Forschungsarbeiten, Dürnau 1993; Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Remer-Bielitz, U., Seelbach, V. [Hrsg.]: Neue Wege in der Tierheilkunde, Dornach 2001; Koepf, H. u. Plato, B. v.: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert, Dornach 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org