Valborg Werbeck
Werbeck, Valborg
geb.: Svärdström

Sängerin, Gesangspädagogin.

*22.12.1879 Gävle (Schweden)
†01.02.1972 Eckwälden-Bad Boll (Deutschland)





Valborg Svärdström-Werbeck gehörte zu ihren Lebzeiten zu den bekanntesten Sängerinnen Schwedens. Sie gastierte erfolgreich an zahlreichen Opern Europas. Auf der Grundlage von Angaben Rudolf Steiners entwickelte sie eine eigene Methodik, die für den künstlerischen Gesang, vor allem aber für eine therapeutische Dimension neue Wege erschließt. Sie wird heute in der „Schule der Stimmenthüllung“ gepflegt und weiterentwickelt.

Valborg Svärdström-Werbeck wurde am 22. Dezember 1879 in Gävle (Schweden) als Älteste von sechs Geschwistern geboren. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr lebte Valborg im nördlichsten Teil von Schweden, einer äußerst rauen Gegend am Rande der Zivilisation. Sie war als Wildfang bekannt und jederzeit bereit für ihre Freiheit zu kämpfen. Schon früh pflegte Valborg zu allen sich bietenden Gelegenheiten den Gesang. Als sie zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Stockholm. Dort wurde ihr Talent entdeckt, so dass sie im Umkreis der bekannten Musikerzieherin Alice Tegnér bald zu einer Art Kinder-Star wurde.

Obwohl sie auch ein reges Interesse an der Medizin hatte, entschied sich Valborg nach dem Abschluss der Schule aufgrund ihrer außergewöhnlichen stimmlich-musikalischen Begabung für den Gesang. Nach den üblichen Studien am Konservatorium debütierte sie 21-jährig mit der „Mignon“ von Ambroise Thomas, der „Susanne“ von W. A. Mozart und der „Lakmé“ von Léo Delibes und wurde sogleich in das Ensemble der Königlichen Hofoper aufgenommen. Ein wahres „Svärdström-Fieber“ ergriff die Stadt, als die blutjunge Begabung die großen Partien der legendären „Schwedischen Nachtigall“ sang. „Wir alle dachten, sie wird eine zweite Jenny Lind“, schrieb später der bedeutendste romantische Komponist Schwedens, Hugo Alfvén, ein Altergenosse und enger Freund Valborg Svärdströms.

Nach einigen Jahren bedingungslosen Einsatzes an der Oper – sie sang bis zu acht Hauptrollen innerhalb einer Saison – erhielt sie das „Jenny-Lind-Stipendium“. Es galt als nationale Ehrung und ermöglichte ihr einen Freiraum für Reisen und Studienaufenthalte im Ausland – so u. a. bei Desirée Artot in Paris. Nach einer weiteren erfolgreichen Periode an der Stockholmer Oper begegnete sie ihrem Lebensgefährten, dem jungen deutschen Dichter Louis Werbeck. Sie heirateten 1906 und zogen nach Deutschland. Svärdström sang in zehn verschiedenen Sprachen in fast allen europäischen Ländern, von London bis St. Petersburg und war eine gefeierte Interpretin. Zwischen 1908 und 1911 vertieften sich beide in das Studium der Anthroposophie und lernten Rudolf Steiner kennen. Die Bedeutung der Anthroposophie ahnend erwog Valborg Svärdström-Werbeck ihre große sängerische Begabung für eine praktische Tätigkeit im Rahmen der anthroposophischen Bewegung aufzugeben, was Rudolf Steiner energisch zurückwies. Er machte ihr deutlich, dass mit dem Gesang ein höherer geistiger Auftrag verbunden sei, der weit über das Vortragen von Kunstwerken hinausreicht: Bei Konzerten wirklich begnadeter Sängerpersönlichkeiten könne für alle Zuhörer das Vorgefühl eines gereifteren Menschentums eintreten, denn die Hörer ahmen unbewusst einen Kehl-Ohr-Atemprozess nach, den sie keineswegs aus sich selbst heraus zu erzeugen vermöchten. Dieses Vorgefühl erhebe die menschliche Seele zu dem Erlebnis einer höheren moralischen Stufe, die wie eine innere Vision aufscheint. Der Mensch wisse aus tiefster Überzeugung, diese Stufe kann erreicht werden, und beginne danach zu streben. Es sei das ganze Erlebnis eines solchen Gesanges wie die Berührung, die Begnadung der Zuhörer mit ihrem eigensten, höheren Selbst.

Valborg Svärdström hatte zwar bei erfahrenen Lehrern studiert – u. a. bei Signe Hebbe, einer persönlichen Schülerin von Jenny Lind –, hatte jedoch in Vorbereitung ihrer Opernkarriere auch Schulungsmethoden kennen gelernt, die ihre natürliche, ursprüngliche Gesangsanlage gefährdeten. In der Auseinandersetzung mit diesen Gefahren für die Stimme begann sie forschend nach neuen Methoden zu suchen. Die Begegnung mit Rudolf Steiner brachte sie in diesen Fragen wesentlich weiter; bis zu seinem Tode 1925 blieb sie mit ihm über Fragen des Gesangs und der Schulung des Sängers kontinuierlich im Gespräch. Gleich zu Beginn gab er ihr eine Meditation zur Vertiefung und Vergeistigung der sängerischen Atmung, die sehr schnell zur Folge hatte, dass ihre Atmung im Gesang unwahrnehmbar wurde. Später gab er ihr zum Teil sehr schwer auszuführende Übungen, die sie selten oder gar nicht an ihre Schüler weitergab. Ein meditativ-religiöses Erlebnis über die künftige Ordnung der Klangströme bildete ihr „ein Heiligtum“. In der Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner bestimmten ihre eigenen Forschungs- und Übungsergebnisse den Gang der Unterweisungen. Hatte sie etwas Neues entdeckt, beleuchtete er ihre Forschungsergebnisse in ihrer Tragweite und Bedeutung und stellte sie in Zusammenhänge, die sie alleine nicht hätte finden können. Ihr grundlegendes Buch „Die Schule der Stimmenthüllung“ ist eine Frucht dieser Zusammenarbeit. Wenn Valborg Svärdström-Werbeck in seinen Vorträgen anwesend war, ging Rudolf oft auf ihre unausgesprochenen Fragen ein und machte längere Ausführungen über die Gesangskunst und das Wesen der Musik. Bewusstseinsgeschichtlich gesehen sucht Svärdströms Gesangsansatz die Stimme des Menschen im Gesang in das Überpersönliche hineinwachsen und so in ein kosmisches Bewusstsein gelangen zu lassen. Als Valborg Svärdströms gesangspädagogische Arbeit immer intensiver zu werden begann, begleitete Rudolf Steiner dies mit großer Aufmerksamkeit. Er bemerkte – was im Hinblick auf andere Künstler oder Wissenschaftler äußerst selten geschah –, dass ihre Kunst mit dem Innenraum des ersten Goetheanum, seinen Formen und Anforderungen harmonierte. „...Der Innenraum des Goetheanum schien einen nicht durch Künstlerisches abgerundeten Vortragszyklus nicht zu dulden. Ich glaube, man empfand es wie eine Notwendigkeit, wenn Frau Marie Steiner von dem Orgelraum herab ihre Rezitations- und Deklamationskunst in die Vortragsveranstaltungen einfügte. Wir haben ja auch die Freude gehabt, wiederholt Frau Werbeck-Svärdström von diesem Orgelraum herab, einmal mit ihren drei Schwestern, ihre herrliche Kunst entfalten zu hören. Den Teilnehmern wird, was sie da hören durften, gewiss unvergesslich sein.“ (GA 36, 1961, S. 331).

In diesen Jahren begann sie auch eine gesangstherapeutische Arbeit zu entwickeln, die sie später zunehmend vertiefen sollte.

Nach dem Tode Rudolf Steiners setzte Valborg Svärdström-Werbeck ihre Arbeit alleine fort. Sie unterstützte die Chor-Arbeit Wilhelm Dörflers, die ganz im Sinne der von ihr in Hamburg gegründeten „Schule der Stimmenthüllung“ von 1932 bis 1939 am Goetheanum geführt wurde. Zudem sammelte sie einen beträchtlichen Schülerkreis um sich. Ihre Forderungen als Lehrerin waren außerordentlich rigoros und streng – manche(r) Hochbegabte hielt dem nicht stand.

Der therapeutische Ansatz trat zunehmend in den Mittelpunkt. Mit anthroposophischen Ärzten wie Ita Wegman und Eugen Kolisko entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit. Bei der „World-Conference on Spiritual Science“ in London 1928 stellte sie ihre künstlerische und therapeutische Arbeit vor. Durch das intensive Engagement Koliskos für ihre Arbeit erkannte auch Karl König ihre Bedeutung, doch trotz mancher Anregung seinerseits wurde ihr Impuls erst seit den 70er-Jahren in der Camphill-Bewegung aufgenommen.

Der Tod von Louis Werbeck 1928 bedeutete einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben.

Als seit 1933 die anthroposophische Arbeit in Deutschland durch den Nationalsozialismus immer mehr eingeschränkt wurde, musste auch Valborg Svärdström-Werbeck ihre „Schule der Stimmenthüllung“ in Hamburg schließen. Schon 1934 hatte Walter Johannes Stein sie aufgefordert, ihre Gesangsmethode in einer Aufsatzfolge für die von ihm in England herausgegebene Zeitschrift darzustellen. Nach der Schließung ihrer Schule gab Valborg Svärdström-Werbeck neben der schriftlichen Darstellung ihrer Methode Kurse an der Waldorfschule in Den Haag und entwickelte in diesem Zusammenhang auch Übungen für Kinder.

Die Kriegsjahre verlebte sie zurückgezogen in Schlesien, anschließend lebte sie bis zu ihrem Tod in Eckwälden bei Bad Boll. Seit Kriegsende, seit ihrem 66. Lebensjahr, konzentrierte sie sich gänzlich auf die therapeutische Arbeit. Sie knüpfte wieder Kontakte nach Dornach, wo sie regelmäßig drei Monate des Jahres arbeitete. Auf medizinischem Gebiet arbeitete sie besonders mit den anthroposophischen Ärzten Ernst Marti und Otto Neeracher zusammen, aber auch weiterhin mit Karl König in Schottland. Im hohen Alter stehend, begann sie selbst noch einige musikalische Kompositionen zu schreiben.

Der Tod vieler ihrer früheren Schüler bewirkte zuweilen eine resignative Stimmung, da Valborg Svärdström-Werbeck keine Wege sah, wie ihr Werk in der Zukunft fortgesetzt werden könne. Ende der 60er-Jahre lernte Jürgen Schriefer sie kennen, griff ihre Anregungen auf und in ihren letzten Lebensjahren entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit, die auf einen Umkreis jüngerer Musiker ausstrahlen konnte. Der Ansatz der „Schule der Stimmenthüllung“ wurde seit den 70er-Jahren in vielen Ländern durch Kurse weiter gepflegt. Im Jahre 1969 konnte ihr Buch in einer Neuauflage erscheinen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Valborg Svärdström-Werbeck starb im 93. Lebensjahr am 1. Februar 1972 in Eckwälden, bis zuletzt die Arbeit der Jüngeren mit voller Anteilnahme begleitend.

Jürgen Schriefer


Werke: Die Schule der Stimmenthüllung, Breslau 1938, Dornach 5 1993;
Übersetzungen ins Englische, Französische, Holländische, Schwedische,
Hebräische und Portugiesische erschienen; Beiträge in N, I.
Literatur: Ahlbom, P.: Valborg Werbeck-Svärdström, in: As 1973, Nr. 5;
Gerlach, U.: Valborg Werbeck-Svärdström, in: MaD 1973, Nr. 103; Stuhlmann,
R.: Sänger einst und jetzt, in: N 1973, Nr. 15; Schriefer, J.: Leben und Werk
von Valborg Svärdström-Werbeck, in: N 1980, Nr. 6; Schöffler 1987; Mikkola,
S.: Werbecksång på internat. sångmöte, in: Mlb 1998, Nr. Maj.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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