Louis Werbeck
Werbeck, Louis Michael Julius

Musikpädagoge.

*05.05.1879 Hamburg (Deutschland)
†20.01.1928 Hamburg (Deutschland)



Louis Werbeck wirkte als Philanthrop, Künstler und Anthroposoph.

Aus einer ärmlichen Familie kommend, hatte Louis Michael Julius drei Schwestern und einen Bruder. Aufgrund seiner außerordentlichen Fähigkeiten erlernte er früh das Geigenspiel und gab schon vom 15. Lebensjahr an Konzerte, unterrichtete aber vor allem Schüler. Bereits 1902 begegnete er der Anthroposophie, die er fortan gründlich studierte. Sehr früh hörte er Rudolf Steiner in einem Vortrag, wahrscheinlich 1903; davon berichtet er Emil Leinhas, der davon seinerseits einen außerordentlichen Lebensgewinn zog. Er hörte dann 1910 den Zyklus „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“ (GA 15) von Rudolf Steiner in Kopenhagen und führte in diesem Zusammenhang ein persönliches Gespräch mit Steiner, das ihm viel bedeutete. 1910 trat er in die Theosophische Gesellschaft ein. Er heiratete die international gefeierte Sängerin Valborg Svärdström, für die er immer wieder Reisen organisierte, die er beim Singen oft selbst begleitete.

Die Anthroposophie beschäftigte den philanthropisch engagierten Autor, der schon früh mit Freunden ein „Brockenhaus“ begründet hat sowie ein Wohnzentrum für Kinder und junge Menschen, das während der Kriegszeit von seiner Frau geleitet wurde.

Schon früh ist bei ihm die Breite einer vielfältigen künstlerischen Begabung erkennbar. Neben der Musik füllt die Dichtung seine Seele aus. Da heißt es bei dem 20-Jährigen in einem bezeichnenden Gedicht:

„[...] Es geht ein Stammeln, irr im Schlaf, / Und ein prophetisch Ahnen. / Füllt, die des Tages Sehnsucht traf, / Wie glückverkündend Mahnen. / Und aus der todgeweihten Form / Will sich ein Geist entringen, / der kühn nach wandelloser Norm, / sich göttlich will durchdringen. – / Und hier und da – ein Schmetterling / Im Rausche einer früher Wonne – / Löst sich aus seines Staubes Ring / Ein Mensch zur Gottessonne. / Und starrt geblendet in das Licht, / Greift trunken nach der Krone – / Doch eine Morgenschwinge bricht / Im Glanze der letzen Throne. / Was er verkündet, wird zum Spott/Im blinden Trümmerhaufen, / Am Kreuz muss er Sieg und Gott / Mit Qual und Tod erkaufen [...]“

Er veröffentlichte seine Gedichte in einem ersten Band unter dem Titel: „Sursum corda“; es folgen „Der Fruchtkorb“, „Erlösung“ und andere. Er hat zu Liliencron, der ihn über die Maßen lobt, beste Beziehungen, auch der Prinz Schönaich-Carolath empfiehlt ihn aufs Wärmste. In seiner sozialen Arbeit der „Künstlerhilfe“ kann er beurteilen, wie es den Einzelnen geht. Er vermag auch die Verbrecherschicksale zu beurteilen – eine schwere Aufgabe, der er sich früh widmet, um seine tief erlebte Unzulänglichkeit daran zu erfahren.

Er studierte sieben Jahre die Anthroposophie, danach ist er von ihr überzeugt und durchdrungen. Das Jahr 1910 stellt den Durchbruch für ihn dar. Die Anthroposophie entwickelt sich von einer esoterisch anders gearteten Entwicklungsart allmählich zu einer Tathandlung, vermittelt zunächst durch die Kunst. Diese Entwicklung macht auch die persönliche Entfaltung von Louis Werbeck mit. Er steigt 1923 ganz entschieden als Tätiger in die Anthroposophische Gesellschaft ein, und zwar mit in den deutschen Vorstand, nachdem er schon früher im Pythagoras-Zweig in Hamburg verantwortlich mitgewirkt hatte, der sich innerhalb kurzer Zeit zum größten Zweig entwickelte. Durch ihn wurden hunderte von Gesprächen geführt, mit dem häufigen Ziel einer Mitgliedschaft. Er war selbst von einer tiefen Begeisterungskraft beseelt. In ihm lebte ein großer Idealist und Menschenfreund, der sich, nach Rudolf Steiners Wort, Ideen zu Idealen schaffen konnte (Leinhas, 1928).

So entstand in ihm ein ganz entschiedener Wille, sich für das Werk Steiners auch öffentlich einzusetzen. Mit der Schrift „Eine Gegnerschaft als Kultur-Verfallserscheinung“ – sie erscheint in zwei Bänden, unter den Titeln: „Die christlichen Gegner Rudolf Steiners“ und „Die wissenschaftlichen Gegner Rudolf Steiners“ (beide Stuttgart 1924) – setzt er sich mit den Angriffen gegen die Anthroposophie und Rudolf Steiner auseinander. Dabei behandelt er vorzüglich das Werk Steiners. Dabei ist eine seiner Methoden, aufzuzeigen, dass die Art und Weise, wie die kritisierten Gegner vorgehen, zu den absurdesten Äußerungen führt. Schließlich wird alles im Kapitel „Albernheit, unfreiwilliger Humor, Absurdität, Lüge, Perfidie, Gotteslästerung“ zusammengebracht – ein makabrer Ausdruck der Zeit. So analysiert er engagiert und klug die Phänomene der Zeit, die sich also in sich widersprüchlich erweisen. Die Gegnerschaft beschäftigt ihn intensiv. „Es war eine bewusst angetretene Höllenfahrt, was er damit unternahm. Ich sehe den Gram und das Entsetzen auf seinem Antlitz, die sich ihm einprägten bei dieser jahrelang geübten Auseinandersetzung mit Beschränktheit, Fanatismus und vor allem mit bewusster Bosheit, die sich in der Bekämpfung der Anthroposophie abgründig tief offenbarten.“ (Rudolf Meyer 1928) In der Schweiz wird dann Rudolf Steiner wegen einer dieser Schriften zur Zahlung einer Strafgebühr verurteilt, als er von einem Böswilligen verklagt wird.

Er war ein aktiver Teilnehmer der Weihnachtstagung 1923/24. Er sprach auch die Dankesworte an Rudolf Steiner vor dem Abschlusswort.

Werbeck war von außerordentlicher Schaffenskraft. Viele hunderte von Menschen gelangten durch seine Sprachkraft auf den Weg zur Anthroposophie, nachdem sie mit ihm gesprochen hatten. Ständig gingen seine Wirkungen in die Welt, unendlich segensreich. Doch er erlebte sein Wirken auch immer wieder verfälscht und missverstanden. Wenn er aus hohen Absichten wirkte, erfuhr er vielfach, wie sich bei anderen Neid und Missgunst einschlichen. Das trug mit zu seinem inneren Missmut bei und höhlte wohl auch die innere Schaffenskraft aus. Er ist durch Herzversagen, das sich schon einige Zeit zuvor andeutete, in verhältnismäßig frühen Jahren, fast 49-jährig, hinweggerafft worden. Gleichwohl steht sein Bild unverrückbar als das eines tätigen Menschen, eines wirksamen Anthroposophen klar vor der Seele des Schauenden.

Stefan Leber


Werke: Sursum corda (L), Hamburg 1902; Der Fruchtkorb (L), Hamburg 1905; Wider Elend und Armut. Soziale Studien, Hamburg 1906; Erlösung: ein dramatisches Gedicht, Neustadt an der Haardt 1908; Betrachtungen und zeitgemäße Anregungen, Hamburg 1913; als Mitherausgeber: Poesie im Zuchthaus, Hamburg 1913; Die Frau des Gefangenen, Hamburg 1914; Philanthropie und Weltkrieg – eine Zeitbetrachtung, Hamburg 1915; Das stille Reich. Gedanken zur Philanthropie, Hamburg 1916; Musenopfer. Ein tragischer Akt, Hamburg 1918; Wir heißen Euch hoffen!, Hamburg 1918; Die christlichen Gegner Rudolf Steiners, Stuttgart 1924; Die wissenschaftlichen Gegner Rudolf Steiners, Stuttgart 1924; Beiträge in DD, G, N.
Literatur: Leinhas, E.: Louis M. J. Werbeck, in: N 1928, Nr. 5; Meyer, R.: Louis M. J. Werbeck-Svärdström. Dem Künstler und Menschenfreund zum Gedächtnis, in: A 1928, Nr. 7; GA 262, 1967; Faig-Werbeck, M.: Zum 100. Geburtstag von Louis M. J. Werbeck, in: MaD 1979, Nr. 129; Schöffler 1987; GA 260a, ²1987; Lindenberg, Chronik 1988; GA 259, 1991; GA 260, 5 1994.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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