Ernst Weißert
Weißert, Ernst
Pseudonym/Varianten: Weissert

Waldorflehrer, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland.

*20.07.1905 Mannheim (Deutschland)
†02.01.1981 Stuttgart (Deutschland)





Ernst Weißert war der für die Entwicklung der Waldorfschulen in Deutschland prägendste Waldorflehrer der Nachkriegszeit, der mit seiner ausgesprochenen Menschenliebe und Menschenkenntnis, seinem glänzenden Personengedächtnis sowie mit seinem unbedingten Einsatz für die Pädagogik Rudolf Steiners den Aufbau des Bundes der Freien Waldorfschulen und der deutschen wie der internationalen Waldorfschulbewegung voranbrachte.

Geboren wurde Ernst Weißert in Mannheim, dessen barocke Architektur, Nationaltheater und Kunsthalle ihn prägten. Bereits mit zwölf Jahren wuchs er in eine Assistenztätigkeit beim Vater hinein, der Lehrer an der Mannheimer Hilfsschule wie auch in reichen jüdischen Familien war. Selbst wurde er nach zweieinhalb Jahren in der Bürgerschule Schüler im humanistischen Karl-Friedrich-Gymnasium. Als 13-Jähriger erlebte Weißert das Ende des Ersten Weltkrieges und die Revolutionsszenen in Mannheim mit und wandte sich zunächst, aus väterlicher Tradition, der liberalen Volkspartei zu. 1919/20 befand er sich bei der Linken und den Wandervögeln, bei deren Zusammenkünften lebensbestimmende Freundschaften entstanden und eine Jugend sich versammelte, die – sich von der wilhelminischen Gesellschaft absetzend – nach einem Leben in Wahrheit und geistgetragener Gemeinschaft suchte.

Etwa in dieser Zeit und noch als Schüler wandte er sich dem Theater zu, wurde Statist am Nationaltheater, nahm Schauspielunterricht, spielte tragende Rollen in Inszenierungen seines Gymnasiums und bereitete sich auf seine künftige Schauspielertätigkeit vor. Ostern 1924 machte er das Abitur.

In diesen Jahren lernte er im Elternhaus seines Mitschülers Gerhard Klein, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, Rudolf Steiner kennen und hörte bereits als 17-Jähriger Vorträge Steiners in Mannheim.

Unmittelbar nach dem Abitur besuchte Ernst Weißert die zweite Stuttgarter Erziehertagung der Waldorfschule, auf der er dem pädagogischen Impuls Rudolf Steiners lebenswendend begegnete. Ernst Weißert gab alsbald seinen Wunsch, Schauspieler zu werden, auf und entschloss sich, den Lehrerberuf zu ergreifen. Im Sommer 1924 wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und im August desselben Jahres Mitglied des Tübinger Pädagogischen Arbeitskreises, in welchem sich Studenten auf eine pädagogische Tätigkeit in der Waldorfschule vorbereiteten. Dieser intensive Sommer wurde gekrönt durch einen goldenen Herbst: die Teilnahme am dreiwöchigen Dramatischen Kurs (GA 282) und den zeitgleichen Karma-Vorträgen (GA 238) Rudolf Steiners in Dornach.

Mit dem Pädagogischen Arbeitskreis übersiedelte er für zwei Jahre nach Jena-Zwätzen, wo, wie er selbst sagte, das Studium an der Universität mehr gastweise stattfand. Hier fanden sich Menschen zusammen, die mit der Waldorfpädagogik den Wagen für den neuen Zeitgeist bauen wollten. Treue zu Rudolf Steiner und seinem Erziehungsimpuls verband sie.

Im September 1926 setzte Ernst Weißert seine philologischen und archäologischen Studien in Heidelberg fort. Als er Ostern 1927 das Angebot erhielt, für zwei Jahre als Hauslehrer in Athen zu arbeiten, griff er zu; er blieb auch in Athen, als die Familie, mit der er gekommen war, wieder nach Deutschland zurückkehrte. Am Deutschen Archäologischen Institut wurde die Begegnung mit dessen damaligem Direktor Ernst Buschor eines der bestimmendsten Erlebnisse seines Lebens. Nach dieser Zeit, in der sich ihm das Wesen der griechischen und vor allem der plastischen Kunst lebendig erschloss, fand er sich wieder am Archäologischen Institut in Heidelberg ein und überbrückte das Interregnum zwischen Ludwig Curtius und Otto Lehmann-Hartleben sowie Arnold von Salis. Im Oktober 1928 heiratete er dort eine Deutsch-Griechin und bekam bald darauf seinen ersten Sohn. 1930 ging die Ehe auseinander. Im Herbst 1930 brachte er sein „ungewöhnlich und ungeordnet“, „zu unsystematisch“ (Weißert 1981, S. 65) abgewickeltes Studium mit dem Staatsexamen zu einem Abschluß.

Da die Stelle für den Griechisch- und Lateinunterricht an der Stuttgarter Waldorfschule bereits durch seinen Freund Friedrich Hiebel besetzt war, leitete Erich Schwebsch Ernst Weißerts Bewerbung an die Rudolf Steiner-Schule in Berlin weiter, wohin er dann bald zog. In Berlin lernte er seine zweite Frau und Fachkollegin Elisabeth Caspari kennen, die er bald darauf heiratete und mit der er im Laufe der Jahre zwölf Kinder, neun Jungen und drei Mädchen, bekam. Ostern 1931 nahm Ernst Weißert seine Lehrertätigkeit an der Rudolf Steiner-Schule in Berlin auf, zunächst für Griechisch, Latein, Französisch und Turnen, später als Klassenlehrer. Nach 1933 wurde die politische Lage für Elisabeth und Ernst Weißert immer schwieriger, da Elisabeth einer bedeutenden jüdischen Familie entstammte. Im Sommer 1937, als auch die Lehrer an Privatschulen auf Hitler vereidigt werden sollten, entschloss sich das Kollegium der Rudolf Steiner-Schule zur Selbstschließung. Mit etwa 85, darunter etwa 30 jüdischen, Kindern und vier Kollegen führte Ernst Weißert bis Ostern 1939 einen Umschulungskurs der ehemaligen Rudolf Steiner-Schule durch, dann war er als Privatlehrer tätig. 1941 wurde er wegen „Fortsetzung einer verbotenen Pädagogik“ von der Gestapo verhaftet, kam aber nach wenigen Wochen wieder frei. Er setzte seinen Privatunterricht als Lehrer für Latein, Griechisch und Kunstgeschichte fort. 1943 wurden seine Frau und Kinder evakuiert. 1944 zog auch er nach Tübingen, wo er wieder als Lateinlehrer tätig war, bis der Stellungsbefehl kam, den er in eine Sanitätstätigkeit in Ulm umändern konnte.

Nach Ende des Krieges übernahm Ernst Weißert die Volksschule in Weilheim mit 82 Kindern und allen Klassen. Bereits Ostern 1946 wurde er Oberstufenlehrer an der Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe für die Fächer Deutsch, Geschichte und Kunstgeschichte. In den folgenden 19 Jahren wohnte er – bescheiden und jeder Bürgerlichkeit fremd – mit seiner Familie in einer von den Amerikanern geschenkten Baracke auf dem Schulgelände, die zu einem Haus der offenen Tür wurde. Ernst Weißert blieb bis zu seinem Schlaganfall im September 1968 Lehrer an dieser Schule, also 22 Jahre lang mit einem vollen Pensum; übrigens in den Anfangsjahren für zwei Klassen gemeinsam, also für 90 oder mehr Schüler in einem Klassenzimmer. Ernst Weißert war ein begeisternder Lehrer. Sein ungezügeltes Interesse an der Welt weckte mitreißende Begeisterung, seine Wärme Liebe bei den Schülern.

Etwa 1946 begann der Wiederaufbau der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, den Ernst Weißert zunächst vom Arbeitszentrum Stuttgart aus mitgestaltete. Mit seiner Einfühlungskraft, seinem menschenverbindenden Realitätssinn und mit seinem manchmal auch eruptiven Einsatz für die Rechte der Individualität half er geduldig die gesellschaftsinternen Auseinandersetzungen zu überwinden. Ernst Weißert wurde im Oktober 1959 in den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland berufen, von 1961–78 war er einer ihrer Generalsekretäre.

Ostern 1946 proklamierte Ernst Weißert die Neubegründung des Bundes der Freien Waldorfschulen, der bereits 1933 für die damals neun Schulen als Verhandlungspartner mit den Behörden in Berlin improvisiert worden war. Erich Schwebsch, mit dem eine jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit entstand, übernahm die Leitung. Nach Schwebschs Tod 1953 übernahm Ernst Weißert dessen Aufgaben und die Leitung im Bund der Freien Waldorfschulen. Seit 1969 arbeitete Ernst Weißert ganz für den Bund der Freien Waldorfschulen, der damals 28 Schulen umfasste. In den 70er-Jahren, als ein Gründungsboom die Schulbewegung rasch wachsen ließ, verstärkte sich seine prägende Wirksamkeit. Die Zeichen der Zeit lesend, rief er die Schulbewegung dazu auf, alles Überlebte abzustreifen und das Zukunftsträchtige wach zu ergreifen.

In seiner Darstellung „Pädagogische Religion“ beschreibt er, wie die Fähigkeit zu einer Erziehungskunst heranwachsen kann: „Der Lehrer muss sich immer fragen, wie er ein Organ der Nähe zum Kindeswesen entwickelt.“ Er wird sich um einen „geistig-pädagogischen Tastsinn“ bemühen. „Dieser Tast- oder Kindersinn erschließt allmählich eine Seelenhaltung voll Verehrung, Liebe, Hingabe“. Und solche „Hingabe gegenüber dem Zarten, dem Jungen und Wachsenden“ (Weißert 1971, S. 491f) wird zur Kunst der Menschenbehandlung als einer spirituellen Aufgabe des 20. Jahrhunderts.

Ernst Weißert „erfand“ die jährlichen Lehrertagungen, mit denen er die Schulbewegung vorwärts zu bringen und zugleich zu ihren Ursprüngen zurückzuführen trachtete, bis zu seinem Tod treu unterstützt von Manfred Leist und Marianne Gründler. 1950 kamen die öffentlichen Sommertagungen und 1956 die Eltern-Lehrer-Tagungen hinzu, in denen er Zusammenhang stiftend als Sprachkünstler wirkte und der Gesamtzusammenhang der Schulbewegung zur erlebbaren Realität wurde. Ob vor einem großen Saal oder im Einzelgespräch, Ernst Weißert, der im besten Sinne leidenschaftliche Mensch, fand die richtigen Worte, die beflügelten, ermutigten, korrigierten. Sein Verhältnis zu den einzelnen Menschen der Schulbewegung, den Lehrern, Eltern, den Mitarbeitern in Haus und Küche, den Schülern war von tiefstem Interesse und warmer Teilnahme geprägt, sodass jeder sich individuell wahr- und aufgenommen fühlte. Doch konnte er auch in gedanklicher Schärfe, unnachgiebiger Wahrhaftigkeit und unbequemer Deutlichkeit die inneren und äußeren Aufgaben benennen. Ernst Weißert wurde der „gestaltende Sozial-Baumeister von unverwechselbarer Könnerschaft“ (Leber 1981, S. 12).

Ernst Weißert entdeckte Aufgaben und trieb sie unbeugsam voran. Er begründete den Lehrerrundbrief, die Pädagogische Forschungsstelle, das Gründungswilligen-Treffen – Zusammenkünfte der Gründungsinitiativen einer Waldorfschule – und setzte sich auch für die Gestaltung der internationalen Schulbewegung ein, indem er den Haager Kreis, ein internationales Wahrnehmungsorgan, anregte und die Freunde der Erziehungskunst (1971) gründete.

Ernst Weißert, der in den letzten Lebensjahren zunehmend erblindete, wurde durch sein strahlendes inneres Sehen erlebbar, mit dem er noch kräftig an der Michaeli-Konferenz 1979 teilnahm und den Impuls in sich trug, eine große Konferenz der Pädagogischen Sektion für Lehrer aus aller Welt zu veranstalten, um eine Verstärkung des anthroposophischen Grundimpulses in die ganze Schulbewegung einzupflanzen.

Er lebte nach dem Motto: „Wir erleben und machen Schweres durch, um danach noch Schwereres aushalten zu können.“

Nana Göbel


Werke: Pädagogische Religion, in: EK 1970, Nr. 12 und 1971, Nr. 12; Der Bund der Freien Waldorfschulen. Entstehung – Aufgaben – Lebensformen, Stuttgart 1974; Lebenslauf, in: EK 1981, Nr. 2; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzung ins Spanische erschienen; zahlreiche Beiträge in EK, weitere in AdE, BBW, CH, G, Leh, MaD, Msch, N.
Literatur: Leist, M.: Pfaff-Preis für Initiativen im Bildungswesen, in: Leh 1971, Nr. 3; Eine Ehrung für Ernst Weißert, in: MaD 1971, Nr. 98; Smit, J.: Im Gedenken an Ernst Weißert, Gerbert, H.: Erinnerung an Ernst Weißert, in: N 1981, Nr. 5; Wilkens, H.: Einblicke unterwegs, in: G 1981, Nr. 5; Hiebel, F.: Zu Stuttgarter Gedenkfeier für Ernst Weißert, in: N 1981, Nr. 9; Becker, H.: Ernst Weißerts pädagogisches Vermächtnis, in: G 1981, Nr. 13; Weismann, E. u.a.: Ernst Weißert, in: MaD 1981, Nr. 135; Lindenberg, C.: Ernst Weißert, in: DD 1981, Nr. 2; Ahr, L. u.a.: Ernst Weißert, in: Leh 1981, Nr. 22; Tautz, J., Leist, M., Leber, S. u.a.: Ernst Weißert, in: Leh 1981, Nr. 23; Schuchardt, W.: Ernst Weißert und das historische Gewissen, in: Leh 1982, Nr. 24; Schöffler 1987; Fucke, E.: Siebzehn Begegnungen, Stuttgart 1996; Vögele, W. G.: Paul Klein und Ernst Weißert, in: BGA 1998, Nr. 120.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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