Herman Weidelener
Weidelener, Herman

Spiritueller Lehrer, Pfarrer in der Christengemeinschaft, Sprach- und Mythenforscher.

*21.04.1903 St. Bartholomae (Deutschland)
†17.11.1972 München (Deutschland)



Nach einem raschen Hineinleben in Anthroposophie und Christengemeinschaft in jungen Jahren setzte Herman Weidelener seine lehrende und forschende Tätigkeit auf den Gebieten Mythologie, Sprach- und Religionswissenschaft nach seiner Trennung von der Christengemeinschaft 1933 außerhalb des Rahmens der organisierten Anthroposophie fort.

Herman Weidelener wurde als dritter Sohn des evangelischen Pfarrers Max Weidelener geboren. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums studierte er in Tübingen, Berlin und Rostock Theologie, Philosophie und Musikwissenschaften. Als junger Mensch kam er durch eine außergewöhnlich intensive direkte Begegnung mit Rudolf Steiner zur Anthroposophie. 1924 wurde er Mitglied der Freien Anthroposophischen Gesellschaft und schloss sich - als Theologiestudent - der Bewegung für religiöse Erneuerung an. Im Alter von 23 Jahren wurde er 1926 von Friedrich Rittelmeyer zum Priester der Christengemeinschaft geweiht. Von 1926 bis 1933 war er in Augsburg als Pfarrer tätig, zwischenzeitlich auch in der Stuttgarter Leitung der Christengemeinschaft. Er kam zu der Ansicht, Einzelheiten in der Durchführung und Handhabung der von Rudolf Steiner gegebenen Kultushandlungen und -texte ändern zu sollen, war skeptisch gegenüber einem Priesterstand und vertrat ein freies Priestertum jedes einzelnen; er führte sogar eigene Priesterweihen durch. Darüber kam es zu Auseinandersetzungen mit der Leitung der Christengemeinschaft. Der Konflikt endete 1933 mit der Amtsenthebung Weideleners und der Loslösung von der Christengemeinschaft. Einzelne Pfarrer (sein Bruder Helmut, Jutta Frentzel sowie die Mitinitiatorin der Bewegung, Gertrud Spörri), die in ihm einen vergleichbar bedeutenden geistigen Lehrer wie Rudolf Steiner sahen, folgten Weidelener, wie auch die meisten Mitglieder seiner Gemeinde, und verließen die Christengemeinschaft. Um Weidelener als Lehrer und Leiter, der nur noch frei vortrug und keine kultischen Handlungen mehr zelebrierte, bestand nun ein lockerer religiöser Kreis, der keinen Namen hatte. Im Rahmen seiner Gemeinschaft, deren Vorsteher und spiritueller Leiter er bis zu seinem Tode blieb, entfaltete Weidelener eine reiche, nicht auf Augsburg beschränkte Lehr- und Vortragstätigkeit (er hatte Anhänger in Stuttgart und trug vor allem dort, in München, Berlin und Osnabrück vor). Von den NS-Machthabern wurde er bald mit Arbeitsverbot belegt und zeitweise inhaftiert. Bei einem Verhör durch die Gestapo prägte Weidelener - nach dem Namen seiner Bewegung gefragt - spontan den Namen „Religionsphilosophische Arbeitsgemeinschaft“, der dann später beibehalten wurde. Weidelener wurde zum Russlandfeldzug eingezogen und geriet bei Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft.

In über 10.000 (!) Vorträgen (Nachschriften werden durch die Religionsphilosophische Arbeitsgemeinschaft herausgegeben) behandelte er vor allem folgende - oft sich durchdringende - Themen: abendländische Meditation und innere Schulung („Meditation [...] als Mittel aufgefasst, zu der Mitte vorzudringen, die 'Ich' in Wirklichkeit bin [... es geht um den] Versuch, von dieser erfahrenen Mitte aus, Seele und Leib mit Bewusstsein zu durchdringen und zu einer ganzheitlichen Lebensgestaltung zu gelangen.“ [Klappentext zu „Abendländische Meditationen“ 1986]); neutestamentliche Studien (ausführliche Evangelienbetrachtungen, besonders zu Johannes und Markus), wobei es ihm um eine neue Sichtweise, um ein „jesuanisches“ Christentum ging - das Ich des Jesus von Nazareth stand für ihn im Mittelpunkt; die Erforschung der zeitlosen Wahrheiten der Mythologie (etwa zeitgleich mit C.G. Jungs diesbezüglichen Studien); schließlich tiefgründige Sprach- und Lautbetrachtungen. Neben Sprachtagungen wurden - besonders von jungen Menschen wahrgenommen - auch Schauspieltagungen durchgeführt. In der Art des Philosophierens knüpfte Weidelener an Nietzsche an.

Herman Weidelener war eine besondere physische, psychische und geistige Vitalität zu eigen. Er war nie verheiratet, ein Leben in Gemeinschaften war ihm aber wichtig. Aus seiner jesuanischen Impulsierung heraus gründete er Wohngemeinschaften und lebte mit einigen seiner Schüler in einer Art spiritueller Gemeinschaft zusammen. Außerdem übernahm Weidelener das Altenheim Elmischwang; er gab auch Hinweise zu medizinischen Fragestellungen: Die „Waldhausklinik“ in Deuringen bei Augsburg, in der biologische Heilverfahren angewendet werden, wurde 1966 von Weidelener-Schülern gegründet.

Weidelener fühlte sich bis zu seinem Tode der Individualität Rudolf Steiners in geistiger Freundschaft verbunden und blieb immer Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Auch pflegte er weiterhin Freundschaften mit Anthroposophen, etwa dem Augsburger Anwalt Hans Merkel und der Bochumer Ärztin und Astrologin Olga Freifrau von Ungern-Sternberg.

Hans-Jürgen Bracker


Werke: Aufgaben auf dem Wege der inneren Schulung, Augsburg 1957;
Einführung in die Meditation, Augsburg 1958; Ergebnisse meditativer Arbeit,
Augsburg 1959; Das Licht des Gebetes, Augsburg 1963; Abendländische
Meditationen. Einführung in die Meditation, München 1986, ³1990; Die
Gralsburg, Augsburg 1998; Der Prüfungsweg Parzivals, Augsburg 1998; Was
ist Geist?, Augsburg 1998; Gawan, Augsburg 1999; Einheit als Lebenskunst,
Augsburg ³2003; Das Spannungsfeld der Seele, Augsburg 2004; Das aktuelle
Verzeichnis (2003) der von der Religionsphilosophischen Arbeitsgemeinschaft
herausgegebenen Nachschriften von Vorträgen Herman Weideleners umfasst
über 500 Titel; 2 Beiträge in CH.
Literatur: Gädeke, R. F.: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach
1992.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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