Hanns Voith
Voith, Hanns

Unternehmer.

*26.04.1885 Heidenheim an der Brenz (Deutschland)
†07.01.1971 Heidenheim (Deutschland)
(anderer Todestag 8.)





Hanns Voith wirkte als Unternehmer einer weltbekannten Maschinenfabrik in Heidenheim an der Brenz. Im Rahmen seiner Firma setzte er sich für eine anthroposophisch inspirierte Lehrlingsarbeit ein und unterstützte großzügig pädagogische, künstlerische und wissenschaftliche Initiativen, die auf der Grundlage der Anthroposophie arbeiteten. Seine Frau gründete die Heidenheimer Waldorfschule. Mit anthroposophischen Sozialwissenschaftlern und Unternehmern arbeitete er über Jahre im „Heidenheimer Arbeitskreis“ an den Grundlagen einer anthroposophischen Unternehmensführung und Wirtschaftsgestaltung.

Er wurde am 26. April 1885 als jüngster von insgesamt sechs Geschwistern in Heidenheim an der Brenz geboren. Heidenheim war damals eine kleine aufstrebende Industriestadt im östlichen Teil der Schwäbischen Alb. Sein Vater, der Geheime Rat Friedrich von Voith, war ein typischer Pionier der industriellen Gründerzeit. Er hatte die bescheidene mechanische Werkstatt seines Vaters, Johann Matthäus Voith, 1867 mit 25 Mitarbeitern übernommen und sie mit Erfindergeist und unternehmerischer Begabung binnen kürzester Zeit zu einem weltbekannten Unternehmen ausgebaut, das Papiermaschinen und Wasserturbinen herstellte. In seinem Todesjahr zählte der Betrieb 3.000 Mitarbeiter.

Hanns Voith verbrachte seine Kindheit inmitten des wachsenden Werkes, er kannte die Mitarbeiter seines Vaters und wurde so auf ein Leben mit der sich rasch entwickelnden Technik vorbereitet. Dankbar war er seinem Schicksal, dass er das erste Telefon, die ersten Autos und Flugzeuge sowie die erste elektrische Kraftübertragung miterlebt hatte. Gerne erinnerte er sich an die Freundschaft und die gemeinsamen technischen Unternehmungen von Gottlieb Daimler und seinem Vater – die beiden begeisterten Ingenieure experimentierten noch selbst mit Motoren. Dennoch empfand er in seiner Familie eine gewisse Fremdheit. Es schien ihm rückblickend notwendig, dass er, um die Entwicklung der Technik wirklich hautnah erleben zu können, sich in dieser Zeit und in dieser, ihm eigentlich wesensfremden Familie inkarnieren musste.

Obwohl er der Jüngste der Familie war, war es selbstverständlich, dass er nach dem Besuch des Gymnasiums in Stuttgart und dem Studium des Maschinenbaus an der Technischen Hochschule in Dresden 1913 in das väterliche Geschäft eintrat. Zusammen mit seinen älteren Brüdern führte er das wachsende Unternehmen und trug die Verantwortung für viele neue Entwicklungen technischer und organisatorischer Art.

Hanns Voith war seinem Wesen nach jedoch nicht in erster Linie Techniker oder Unternehmer, sondern ein musischer Mensch, ein Liebhaber der Künste und der Literatur mit universeller Bildung, vor allem interessiert an philosophischen und sozialen Fragen. Seine Suche nach einer geisterfüllten Weltanschauung führte ihn während des Ersten Weltkriegs zur Begegnung mit der Anthroposophie. Schon 1911 war durch Rudolf Steiner in Heidenheim eine Loge der Theosophischen Gesellschaft begründet worden. Alfred Meebold, auch ein gebürtiger Heidenheimer, lebte in diesen Jahren in seiner Heimatstadt und setzte sich erfolgreich für die Verbreitung der Anthroposophie ein. Meebold wurde Hanns Voiths Mentor und Lehrer, er führte ihn in die anthroposophische Geisteswissenschaft ein. Als Meebold später wieder auf Reisen ging, pflegten beide eine intensive Brieffreundschaft, bis Meebold in den 50er-Jahren in Neuseeland starb. Die persönliche Begegnung mit Rudolf Steiner war für Hanns Voith das bedeutendste Erlebnis seines Lebens. Soweit möglich, fuhr er zu Vorträgen Rudolf Steiners nach Dornach und nahm insbesondere auch an den Vorträgen zur Dreigliederung teil. Im Jahre 1924 wurde er Mitglied der Ersten Klasse der Freien Hochschule.

Mit vielen aktiven Anthroposophen verband Hanns Voith bald eine enge Freundschaft, beispielsweise mit der Eurythmistin Marie Savitch. Die Begeisterung für die Eurythmie führte auch dazu, dass er vor allem das Eurythmeum in Stuttgart und Köngen, wo zwei seiner Töchter später studierten, finanziell förderte. Else Klink gehörte zum engeren Freundeskreis der Familie Voith.

Die Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen in der Anthroposophischen Gesellschaft in den 30er- und 40er-Jahren belasteten Hanns Voith und führten dazu, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg keinen aktiven Anteil mehr am Leben des Heidenheimer Zweiges nahm. Er setzte sich jedoch mit seiner zweiten Frau Lore, geb. Roecken, mit der er sechs Töchter hatte, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg für die praktische Verwirklichung der Anthroposophie ein.

Der zur Firma gehörende Talhof in Heidenheim wurde auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt, desgleichen das Hofgut Rengoldshausen bei Überlingen, das er 1932 erwarb. Beide Höfe wurden Musterbetriebe der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Hanns und Lore Voith pflegten enge Kontakte zur landwirtschaftlichen Bewegung, insbesondere zu Ehrenfried Pfeiffer und Erhard Bartsch. Hanns Voith unterstützte seine Frau bei der Gründung der Freien Waldorfschule Heidenheim, die zu Beginn in einem Gebäude auf dem Firmengelände untergebracht war.

Die Lebensarbeit Hanns Voiths zeichnete sich durch Treue gegenüber dem Werk seiner Väter sowie durch Liebe und Sorge für die Mitarbeiterschaft aus. Als beide Brüder während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg starben, konnte der jetzt über 60-Jährige seine eigenen Intentionen frei verwirklichen. Seinen Impuls, das Kapital in einer Stiftung zu neutralisieren, konnte er wegen der Erben seiner Brüder, die als Mitgesellschafter an der Firma beteiligt waren, nicht verwirklichen. Eine Studienreise, die er 1949 auf Einladung der amerikanischen Regierung in den USA unternahm, um die neuen „human relations“ in der Industrie zu studieren, bestätigte seine Intentionen, für die arbeitenden Menschen etwas zu tun. So initiierte er großzügige, zukunftsweisende soziale Einrichtungen. Er führte beispielsweise für die Lehrlinge seiner Firma zusätzlich zu der rein technisch-handwerklich orientierten Ausbildung einen allgemein bildenden und künstlerischen Unterricht unter menschenkundlich fundierten Gesichtspunkten ein. Die Voith´sche Ausbildungsstätte wurde lange Jahre von Anthroposophen geleitet – insbesondere von Eberhard Meyer und Karllutz Saum, die Pionierleistungen auf dem Gebiet der Lehrlingsausbildung vollbrachten. Künstler wie Michaela Strauß, Felix Goll oder Winfried Johannes Zastrow – um nur einige zu nennen – wirkten über Jahre an dieser Initiative mit.

Mit anthroposophisch orientierten Unternehmern und Sozialwissenschaftlern wie Fritz Götte und Emil Leinhas gründete er nach dem Zweiten Weltkrieg den „Heidenheimer Arbeitskreis“, der sich viele Jahre lang zu Wochenendtagungen traf. Der Kreis setzte sich geisteswissenschaftlich und praxisorientiert mit Steiners Ideen zur sozialen Frage und zur Dreigliederung sowie mit Wirtschaftsfragen auseinander und gab Hanns Voith viele Anregungen im Hinblick auf sein soziales Engagement in der Firma.

Mit Sorge verfolgte Hanns Voith die großen Gefahren, die sich aus der technischen Entwicklung, besonders der Nuklear- und beginnenden Computertechnik und der Chemie ergaben. Er setzte sich dafür ein, dass wissenschaftliche Forschungen, durch die Anthroposophie erweitert, der materialistischen Wissenschaft und Technik entgegengesetzt wurden. Mit dem am Dornacher Forschungsinstitut tätigen Paul-Eugen Schiller und anderen anthroposophischen Wissenschaftlern verband ihn eine tiefe Freundschaft. Er besuchte regelmäßig die Forschungslaboratorien in Dornach. Alexandre Leroi, der Gründer des Krebsforschungslabors Hiscia und der Lukas-Klinik, kam oft nach Heidenheim, da die Firma Voith mit dem Bau einer Zentrifuge für die Iscadorherstellung betraut war. Leroi setzte sich mit der Weleda-Firmenleitung für die Gründung des „Vereins für Bewegungsforschung“ ein, der in Herrischried im Schwarzwald seine Forschungen aufnehmen sollte. Hanns Voith gehörte mit zu den Gründern. Leroi brachte durch die Gründung dieses Arbeitszusammenhangs Theodor Schwenk, George Adams und Georg Unger zu einer gemeinsamen Arbeit für die Strömungsforschung. Voiths Hoffnungen, dass dort das Wasser verlebendigende Technologien entwickelt werden würden – vor allem auch als Gegenwirkung zu den negativen Einflüssen der Wasserkraftanlagen auf die Wasserqualität –, erfüllten sich nicht.

Zwei gemeinnützige Einrichtungen – die Cultura GmbH und die Hanns-Voith-Stiftung – wurden mit seiner Hilfe errichtet und versuchen seine sozialen und kulturellen Impulse auch in der heutigen Zeit weiter zu fördern.

Die weit ausstrahlende Menschlichkeit und Moralität dieses an sich bescheiden auftretenden, zurückhaltenden Menschen manifestierte sich in einem wahrhaft „königlichen“ Abschied, den ihm seine Heimatstadt und die Mitarbeiter und Freunde bereiteten anlässlich seines Übertritts in die ihm vertraute Welt des Geistes am 7. Januar 1971.

Martina Mann


Werke: Im Gang der Zeiten. Erinnerungen, Tübingen 1960, Stuttgart ³1980; Beiträge in DD, EK, G, MaD, N.
Literatur: Götte, F.: Vom Heidenheimer Arbeitskreis, in: MaD 1951, Nr. 15; autobiografisch: Im Gang der Zeiten; Schweitzer, A., Walter, B., Voith, H.: Ein Briefwechsel, in: G 1966, Nr. 25; Kreutzer, R.: Meine Ziele, München 1967; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Grosse R.: Dr. Johannes Matthäus Voith, in: G 1971, Nr. 5; Schühle, E.: Dr. Hanns Voith, in: MaD 1971, Nr. 95; Götte, F.: Hanns Voith, in: MaD 1971, Nr. 96; ders.: Ein Industrieller und ein Mensch, in: DD 1971, Nr. 2; Heinze, H.: Dr. Hanns Voith, in: LE 1971, Nr. 1; Götte, F.: Anläßlich des 100. Geburtstages von Hanns Voith, in: MaD 1985, Nr. 54; Schöffler 1987.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org