Heinz Vogel
Vogel, Heinz Hartmut

Arzt.

*22.08.1914 Fürfeld (Kreis Alzey) (Deutschland)
†02.08.1995 Eckwälden (Deutschland)





Heinz-Hartmut Vogel wurde am 22. August 1914 in einem Pfarrhaus als fünftes von sechs Kindern geboren, sein Geburtsort liegt in der Nähe der Nibelungenstadt Alzey in Rheinhessen. Er verband sich mit der Landschaft und der Geschichte dieser Gegend. Seine Geburt liegt um den Beginn des Ersten Weltkrieges, was er als biografisch schicksalhafte Signatur auffasste. Den Zweiten Weltkrieg machte er als Sanitätsoffizier, vor allem in Russland, mit. Dieses „Miterleben des Zeitenschicksals“ war auch für seine spätere Arbeit und Intention bezeichnend. Die Schulzeit verbrachte er anfangs in dörflicher Umgebung, dann kurze Zeit am Gymnasium in Heidelberg. Die Heidelberger Zeit wurde sehr bald auf eigenartige Weise beendet. Die ältere Schwester, die in Darmstadt zur Schule ging, sah im Alter von 15 Jahren ein Plakat mit der Ankündigung eines Vortrages über Waldorfpädagogik, sie hörte den Vortrag, fuhr nach Stuttgart und meldete sich an der dortigen Waldorfschule an. Die Schwester war sehr aktiv und veranlasste, dass ihr Bruder Heinz-Hartmut ebenfalls an die Stuttgarter Waldorfschule kam; auch die Schwester Gertrud und der jüngere Bruder Lothar folgten. Heinz-Hartmut wurde in die sechste Klasse aufgenommen, die damals aus drei Parallelklassen mit je 50 Schülern bestand. Von den etwa 60 Waldorflehrern beeindruckten ihn insbesondere Eugen Kolisko und Walter Johannes Stein. 1931 nach dem Abitur folgte der Militärdienst und anschließend das Medizinstudium an der Militärärztlichen Akademie. Er hatte dort das Glück, bei bedeutenden Lehrern wie Sauerbruch und von Bergmann zu hören. Nach Kriegsbeginn wurde er als Sanitätsoffizier eingesetzt und machte vor allem die Kämpfe in Russland mit, erlebte dort als Arzt den furchtbaren Winter 1941/42, später den Rückzug bis Westpreußen. Wie durch ein Wunder bekam er den Befehl, am letzten Kriegstag von der Weichselmündung nach Hela zu gehen, und entging dadurch der russischen Gefangenschaft. Bald nach der Entlassung aus der Gefangenschaft begann er eine Assistentenstelle am Biologisch-Homöopathischen Krankenhaus in München-Höllriegelskreuth, in dem Margarethe Hauschka Chefärztin war und Rudolf Hauschka ein Laboratorium zur Herstellung von Pflanzenheilmitteln eingerichtet hatte. Hauschka entwickelte eine Herstellung mit Licht- und Wärmerhythmen. Diese Methode wurde später grundlegend für die WALA-Heilmittel. Nach einer kurzen Tätigkeit zusammen mit Walther Bühler auf der Burghalde in Bad Liebenzell-Unterlegenhardt übersiedelte er mit Familie nach Heidenheim, wo er Betriebsarzt bei der Firma Voith wurde und nebenbei eine Privatpraxis betreiben konnte.

In dieser Zeit wurde das Interesse für soziale und politische Fragen geweckt, das dann zur Gründung des „Seminars für Freiheitliche Ordnung“ führte. Vor allem durch seinen Bruder Diether wurde er auf den Nationalökonomischen Kurs von Rudolf Steiner aufmerksam und auf die „natürliche Wirtschaftsordnung von Silvio Gesell“. Er lernte „nach und nach“ das „ungeheuerliche soziale Unrecht“, das mit unserem Währungssystem zusammenhängt, kennen. Auch die unverdienten, spekulativen Gewinne der Bodeneigentümer durch die ständig steigende Nachfrage nach Grund und Boden gehören zu diesem Unrecht. Die Initiative zur Gründung des „Seminars für Freiheitliche Ordnung“ ging von den drei Brüdern Vogel, Heinz-Hartmut, Diether und Lothar (Lothar Vogel), aus, zusammen mit einigen Freunden wie Dr. Winkler, Prof. Diehl u.a. Zu gleicher Zeit wurde auf Veranlassung von Hermann Mahle ein Dreigliederungskollegium in Stuttgart begründet, an dem auch Karl Heyer, Emil Leinhas, Herbert Hillringhaus, Fritz Götte und andere teilnahmen. Es kam zu Kontakten mit der Freiburger Schule, der auch Ludwig Erhard angehörte, ohne dass eine nähere Verbindung entstehen konnte.

Die Grundlage des „Seminars für Freiheitliche Ordnung“ wurde vor allem möglich durch die Schrift von Diether Vogel, „Die freiheitliche Ordnung von Kultur, Staat und Wirtschaft“, die auch Grundlage für das spätere Herrschinger Seminar war. Es folgte eine Schriftenreihe „Fragen der Freiheit“ von bisher über 180 Heften, von Lothar Vogel initiiert, mit grundlegenden Ausarbeitungen zu sozialen Fragen, vor allem auch im Hinblick auf die Dreigliederung. Durch die Seminare kam es zu Kontakten mit Fachleuten aus zahlreichen Lebensbereichen, mit denen undogmatisch über alle sozialen Fragen diskutiert werden konnte. Vogel sagte mir einmal: „Ich habe immer Verbindungen mit Menschen, die ich einmal kennen lernen durfte, weiter gepflegt.“ 1963 kam es zur Übersiedlung nach Eckwälden und zur vollen Mitarbeit in der Firma WALA als Arzt, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Gesellschafter. Er war auch federführend für das WALA-Mitarbeitermodell zur Überwindung des Lohnverhältnisses. Ein Fernziel war, dass jeder Mitarbeiter nach Maßgabe seiner Verantwortung mit dem vollen Arbeitsertrag am Leistungsergebnis der Firma Anteil haben sollte: vom Angestellten zum Mitunternehmer.

In den 60er-Jahren spitzte sich die gesundheitspolitische Situation zu, nachdem die Europäische Gemeinschaft für alle Arzneimittel einen schulmedizinischen Wirksamkeitsnachweis verlangte. Es kam 1973 zur Gründung der „Ärztlichen Aktionsgemeinschaft für Therapiefreiheit“ und bald folgend zur Gründung der „Hufelandgesellschaft für Gesamtmedizin“ (Vereinigung der Ärztegesellschaften für Biologische Medizin), die die öffentlich-politische Auseinandersetzung aufnehmen konnten. Heinz-Hartmut Vogel war Gründungsmitglied beider Gesellschaften und bis zu seinem Tod in ihnen aktiv. Für die Auseinandersetzung kamen uns seine Verbindungen – wissenschaftliche und persönliche – mit führenden Leuten des Rechtslebens zugute. So entstand durch seine Initiative das wichtige „Leibholz-Gutachten“ zur Frage der Therapiefreiheit vor allem im Hinblick auf die EG-Regelungen. So konnten die gesundheitspolitischen Aktivitäten aufgrund der früheren Arbeiten des Seminars juristisch bestens abgesichert werden. Eine Zusammenarbeit mit Gerhard Kienle, der vor allem die wissenschaftliche Auseinandersetzung führte, brachte ein fruchtbares Ergebnis. Vogel wirkte auch bei den Aktivitäten der Bürgerinitiativen mit, die damals in vielen Städten entstanden und zu großen Veranstaltungen führten.

Trotz seiner schweren Krankheit in den letzten Lebensjahren arbeitete er an Arzneimittelbildern, an den Beziehungen von Krankheit und Arznei und vor allem an den Monographien anthroposophischer Arzneimittel. Er verstarb am 2. August 1995.

Karl Buchleitner


Werke: Jenseits von Macht und Anarchie, Köln 1963, ²1970; Zur Entwicklungsgeschichte, Physiologie und Pathologie der Wirbelsäule, Eckwälden 1964; Die Allergie, Eckwälden 1968; Woran scheiterte bisher die Bildungsreform?, Eckwälden 1969; Die Herrschaft der Experten. Technokratie statt Demokratie, Bad Boll 1970; Die Ordnung der Kultur, des Staates und der Wirtschaft für die Gegenwart, Bad Boll 1981; Beiträge zu einer medizinischen Menschenkunde, Bd. I/II, Heidelberg 1984/1987; Das Elternrecht und die Freiheit der Lehre, Heidenheim o. J.; Wege der Heilmittelfindung, Bd. I/II, Bad Boll 1994; Das Leben – ein Weg, Schaffhausen 1995; Die vier Hauptorgane: Herz, Niere, Leber, Lunge, Bad Boll 1995; Organe der Ich-Organisation, Bad Boll 1996; Zur Krankheitsdisposition, Bad Boll 1997; zahlreiche Beiträge in FrFr, BeH, weitere in BzD, DD, G.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Schriefer, J. u.a.: Heinz-Hartmut Vogel zum 80. Geburtstag (mit Bibliografie), in: Mst 1994, Nr. 4; Soldner, G.: Im Gedenken an Dr. Heinz-Hartmut Vogel, in: RMG 1995, Nr. 14, auch in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Kossmann, K.: Dr. med. Heinz Hartmut Vogel, in: N 1995/96, Nr. 28; Roggatz, M.: Heinz-Hartmut Vogel, in: MaD 1996, Nr. 196.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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