Ernst Uehli
Uehli, Ernst

Beamter, Waldorflehrer.

*04.05.1875 Andelfingen (Schweiz)
†16.11.1959 Zürich (Schweiz)







In einfachen, ärmlichen Verhältnissen geboren und nur mit elementarer Schulbildung aufgewachsen, erwarb sich Uehli im Selbststudium und mithilfe der Anthroposophie eine Bildung, die ihn befähigte, als Lehrer, Vertreter der sozialen Dreigliederung und schließlich als freier Schriftsteller auf kulturgeschichtlichem Gebiet vielseitig zu wirken.

Seine Kindheit und Jugend waren durch die Zuneigung einer frommen, ganz auf das Wohl des Sohnes bedachten Mutter und eine damals noch weitgehend reine Naturumgebung im Zürcher Unterland geprägt. Das erste Schuljahr verbrachte Uehli jedoch in städtischer Umgebung, in Bern. Bald fasste der Vater den Entschluss, mit dem ältesten Sohn nach Amerika auszuwandern. Mit den fünf zurückbleibenden Kindern zog die Mutter nach Hallau im schaffhausischen Klettgau, wo Uehli zwar wieder die schöne Naturumgebung hatte, aber unter schweren materiellen Entbehrungen aufwachsen musste. Er besuchte die äußerst einfache Dorfschule. Seine Schulbildung war minimal, sodass er die Aufnahmeprüfung für den Postdienst nicht bestand.

Es folgte eine dreijährige kaufmännische Lehre, wiederum in Bern. Dort begann auch seine autodidaktische Weiterbildung. Anregung in reichem Maße erhielt er im „Literarischen Freundschaftsbund“, einem Klub, der vom kaufmännischen Verein ausging und in welchem junge Leute mit Begeisterung Ibsen, Nietzsche und Wagner studierten und diskutierten. Uehli begann in diesem Zusammenhang die großen Epen und Dramen der Weltliteratur zu lesen. Die Idee, einmal Schriftsteller zu werden, regte sich schon während dieser Zeit. Auch mit den Ideen des Sozialismus machte er sich bekannt, sei es durch persönliche Begegnungen, sei es durch Lektüre der Werke von Marx und Engels. – Nach einer handwerklichen Tätigkeit als Volontär in einer Weinhandlung in La Chaux de Fonds arbeitete er ab 1896 während zehn Jahren in den Zollverwaltungen in Romanshorn am Bodensee und in Zürich.

1905 hörte er in St. Gallen erstmals Rudolf Steiner in einem Vortrag über das Planetensystem, etwas später in einem über das Johannes-Evangelium. Uehli kam auch mit Rudolf Steiner persönlich ins Gespräch. Das Thema Geisteswissenschaft und Kunst beschäftigte ihn besonders. Nach diesen Begegnungen wurde Uehli Schüler Rudolf Steiners. Als er 1908 aus beruflichen Gründen nach Zürich übersiedelte, kam er in engen Kontakt zur dortigen Theosophischen Gesellschaft. 1910 wurde er Leiter des Zschokke-Zweiges in Zürich.

In diesen Jahren traf ihn allerdings ein schwerer Schicksalsschlag: Er wurde mittellos, nachdem ein mit einem Journalisten zusammen gegründetes Pressekonferenzbüro Bankrott gegangen war. In der Not wandte sich Uehli an Steiner. Dieser wies ihn nach München, in das von Felix Peipers geleitete Ärztehaus. Dort betreute Uehli 1911–19 einen blinden und epileptischen jungen Mann. In dieser Zeit hatte er sein von der Anthroposophie durchdrungenes Wissen so weit entwickelt, dass er selbst Vorträge zu geistesgeschichtlichen Themen halten konnte, so z. B. über Richard Wagner, die germanische und keltische Mythologie, die Gralssuche. Albert Steffen sagte darüber anlässlich der Kremation im Jahre 1959: „Er einverleibte sich die Weltgeschichte und krönte sie mit der Kosmologie. Alpha und Omega war ihm das Mittelpunktsereignis der Menschheitsentwicklung: das Mysterium von Golgatha. Aber auch das gegenwärtige Geschehen, besonders den Umbruch in der Kunst, zog er in den Kreis seiner Betrachtung. Er suchte die neuen Impulse in der Malerei, den Expressionismus, zwischen Sphinx und Gral einzuordnen und ihm eine heilsame Bestimmung zu verleihen.“ (Steffen 1959, S. 192)

1913 heiratete Uehli die acht Jahre jüngere, aus Wien stammende Ernestine Baudisch. Sie schenkte ihm zwei Söhne, Ernst Eugen und Walter.

Als Rudolf Steiner nach dem Ende des Ersten Weltkriegs öffentlich für die soziale Dreigliederung wirkte, stellte sich auch Uehli in den Dienst dieser Bestrebungen. Er war 1919–22 Redakteur der Zeitschrift „Dreigliederung des Sozialen Organismus“ und ab Januar 1921 Leiter des Bundes für soziale Dreigliederung in Stuttgart. Im Sommer 1921 fand in dieser Stadt der öffentliche Kongress „Kulturausblicke der anthroposophischen Bewegung“ statt. Uehli sprach zu dessen Eröffnung. Rudolf Steiner hielt die Vortragsreihe „Anthroposophie – ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte“. Im Oktober 1921 entstand die Zeitschrift „Die Drei“, zu deren Mitbegründern Uehli gehörte. Er redigierte das Blatt bis 1923. Auch die Zeitschrift „Anthroposophie“ redigierte er in den Jahren 1922 und 1923. – Im April 1922 fand im Haag der Anthroposophisch-Wissenschaftliche Hochschulkurs statt. Uehli hielt, zusammen mit Rudolf Steiner und mehreren weiteren Rednern, zwei Vorträge zu den Themen „Dreigliederung des sozialen Organismus“ und „Die ägyptische Sphinx als phylogenetisches Entwicklungsproblem“.

Das Jahr 1923, also die Zeit unmittelbar nach dem Brand des ersten Goetheanum, wird gelegentlich als „Schicksalsjahr“ der Anthroposophischen Gesellschaft bezeichnet. Auch Uehli bekam dies persönlich zu spüren. Er war 1921-23 zusammen mit Carl Unger und Emil Leinhas im Zentralvorstand der deutschen Landesgesellschaft tätig. Im Zusammenhang mit der dringend notwendigen Neugestaltung der Gesellschaftsverhältnisse kam es im Januar 1923 zu schweren Auseinandersetzungen im so genannten Siebenerkreis. Uehli, der sich überfordert fühlte, zog sich daraufhin aus dem Zentralvorstand zurück.

In der Zeit 1924–37 wirkte Uehli als Lehrer an der Stuttgarter Waldorfschule, zunächst für Religion, dann neben Deutsch und Literatur vor allem für Geschichte und Kunstgeschichte an der Oberstufe. Was er sich an Mythologie, Geschichte, Kunstwissenschaft und Christologie erworben hatte, konnte jetzt als Zusammenschau in eine pädagogisch wirksame Form gegossen werden und bei den jungen Menschen im besten Sinne bildend wirken, denn die betreffenden Inhalte wurden von einer Persönlichkeit vorgebracht, die Wärme, Begeisterung und etwas wie „durchgeistigte Väterlichkeit“ ausstrahlte. Viele seiner Schüler tragen ein solches Erinnerungsbild in sich. Mit Caroline von Heydebrand gab er das in vielen Rudolf Steiner- und Waldorfschulen benützte Lesebuch „Und Gott sprach“ (1930) heraus.

1937 kehrte Uehli in die Schweiz zurück, wohl unter dem Eindruck der sich verdüsternden politischen Verhältnisse in Deutschland. Bis zu seinem Lebensende war er freier Schriftsteller und Vortragsredner. Was als Wunsch schon in seiner Jugend aufgekeimt war, konnte sich jetzt voll entfalten. Die Schwerpunkte seiner Arbeitsgebiete waren Kulturgeschichte und Anthroposophie. Sein literarisches Werk, das in den Jahren des Ersten Weltkriegs mit ersten Publikationen begonnen hatte, z. B. mit dem Buch „Die Geburt der Individualität aus dem Mythos“ (1916), erfuhr in diesem letzten Lebensabschnitt eine beträchtliche Erweiterung, nicht nur durch neue Titel, sondern auch durch Neuauflagen früherer Werke, die eine starke Verbreitung gefunden hatten. Uehli war sich bewusst, dass äußere Erfolge niemals Anlass sein dürfen, sich darin zu gefallen. „[...] wir müssen in uns etwas von einem inneren Verzicht anstreben, indem wir uns bemühen, solche Erfolge zu nehmen wie Keime, die wir in die Furchen des Lebens hineinsäen, wie Körner, die sterben müssen, um zu sprießen.“ So schrieb er 1934 in einem Aufsatz, betitelt „Für erfolgreiche Pädagogen“.

1939 ließ sich Uehli scheiden und ging seine zweite Ehe ein. Die aus Dresden stammende Eurythmistin Erna Elisabeth Schnell war bis zu seinem Tod seine Lebensgefährtin, die ihn von der künstlerischen Seite her stark unterstützte.

Mit seinen Werken errang sich Uehli auch Anerkennung außerhalb der anthroposophischen Kreise, so z. B. mit seinem bekannten Werk „Die Mosaiken von Ravenna“. Wiederholt wurde er von der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich sowie von den Gemeindebehörden des Geburtsortes Andelfingen geehrt. Anlässlich seines Hinscheidens sowie zu seinem 10. Todestag publizierten verschiedene schweizerische Zeitungen Nachrufe und Würdigungen seines reichen Lebenswerkes.

Andreas Dollfus


Werke: Die Geburt der Individualität aus dem Mythos, München 1916,
Dresden ³1937; Ein Sohn des Schicksals, München 1918, Stuttgart ²1918;
Eine neue Gralssuche, Stuttgart 1921; Rudolf Steiner als Künstler, Stuttgart
1921; Zwischen Sphinx und Gral, Stuttgart 1922; Nordisch-germanische
Mythologie, Basel 1926, Stuttgart ³1984; Die Mosaiken von Ravenna,
Straßburg 1935, Stuttgart 5 1970; Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst,
Stuttgart 1936, ²1980; Vorzeit der Schweiz, Zürich 1942; Leben und
Gestaltung. Festschrift zum 70. Geburtstag, Bern 1945, Stuttgart ²1975;
Der Kristall der sieben Einsamkeiten (E), Winterthur 1955; Kultur und Kunst
Ägyptens, Dornach 1955, ²1975; Mythos und Kunst der Griechen im Geiste
ihrer Mysterien, Dornach 1958, ²1979; Die drei großen Staufer, Dornach
1961, ²1979; Leonardo, Michelangelo, Raffael und die geistigen Grundlagen
der italienischen Renaissance, Dornach 1967; Die Adler-Imagination,
Stuttgart 1975; Bildgestalten und Gestaltenbilder, Stuttgart 1975; Beiträge
in Sammelwerken; Übersetzungen ins Italienische und Niederländische
erschienen; zahlreiche Beiträge in G, weitere in N, EK, Msch, DD, DsO, I,
MaD, R, St, TC, WdN.
Literatur: Wende, H.: Zum Gedenken an Ernst Uehli, in: Zürichsee-Zeitung
vom 3.12.1959; Steffen, A.: Ansprache zur Kremationsfeier in: N 1959, Nr.
48; Uehli, E.: Im Gedenken an Ernst Uehli, in: N 1959, Nr. 51 und 1960, Nr.
46; Beltle, E., Hahn, H.: Ernst Uehli, in: MaD 1960, Nr. 53; Weißert, E.:
Ernst Uehli, in: DD 1960, Nr. 1; Hiebel, F.: Vom Lebenswerk Ernst Uehlis,
in: G 1962, Nr. 12; Sandkühler, K.: Für Ernst Uehli, in: DD 1965, Nr. 2;
Beltle, E.: Ernst Uehli, in: MaD 1969, Nr. 90; Hiebel, F.: Eine Würdigung von
Ernst Uehli, in: N 1970, Nr. 35; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten
der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Brotbeck, K.: Ernst Uehli als Historiker,
Mythologe und Mensch, in: Ggw 1975/76, Nr. 1; Steffen, A. u. a.: Ernst
Uehli, in: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Schöffler 1987;
Deimann 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Kühne, W.: Die Stuttgarter
Verhältnisse, Schaffhausen 1989; GA 259, 1991; GA 342, 1993.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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