Boris Tullander
Tullander, Boris

Ökonom, Publizist, Sozialwissenschaftler.

*06.06.1907 St.Petersburg (Rußland)
†28.05.1991 Bromma (Schweden)



Das Verständnis für die Gesetze des sozialen Organismus zu wecken, um Geistesleben, Recht und Wirtschaft in gesundes, heilsames Zusammenwirken zu bringen, war sein Lebenseinsatz.

Geboren wurde er im zaristischen Russland, wo seine Vorfahren sich zusammenfanden. Seine Mutter, Marie Sophie Fischer, war die Tochter des Cellisten und Konzertmeisters Loi Fischer. Der Vater, Constantin Tullander, kam aus Schweden und wurde Direktor der größten Brauerei Russlands.

So konnte er in wohlhabenden Verhältnissen die Kindheit mit einer jüngeren Schwester und einem Bruder verbringen. Er hat noch den alten Glanz erlebt, die tiefe Gläubigkeit der Orthodoxie, dann aber den Ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution 1917: das Haus durchsucht, der Vater entführt, die Mutter allein mit den Kindern findet Hilfe beim schwedischen Konsul. Der Vater kommt frei, zusammen bestiegen sie das letzte Schiff nach Schweden, nur mit Handgepäck.

Durch Lebensmittelhandel, Malzextrakt für Brauereien, baute der Vater eine neue Existenz auf.

Schon 1918 war Boris wieder in der Schule: in der privaten Realschule Råsunda am Rande Stockholms, wohin die Familie 1919 zog, dann im privaten Gymnasium Beskowska Skolän. 1927 legte er das Abitur ab und begann das Studium der Nationalökonomie. Mit 25 Jahren erscheint sein Buch „Aktiv Idealism“. Es richtet sich an junge Menschen, die Antwort suchen auf die Fragen „nach dem Ziel und Verstehen der Ursachen und dem Zusammenhang, von der Notwendigkeit in diesem gewaltsamen Hervorrollen, diesem halb mechanischen, halb organischen Geschehnis, das jetzt Leben genannt wird. (...) Der Weltkrieg hinter uns, die Revolution der Welt vielleicht vor uns. Etwas sagt, dass Eile notwendig ist“ (aus seinem Vorwort).

In den 30er-Jahren war er teils am „Institut für Meinungs- und Marktforschung“, teils in einem „Gemeindeplanungsbüro“ und er war Assistent bei Gunnar Myrdal für eine demographisch-wirtschaftliche Untersuchung. Nach dem Examen 1940 arbeitete er wissenschaftlich, auch für seine Dissertation.

1943 wird er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Schweden. Die Künstlerin Gerda Gerell (deren Schwester eine Freundin von Boris’ Schwester war) war auf sein Buch gestoßen und brachte ihm die Anthroposophie nahe. Er war in der Redaktion und an der Herausgabe der Zeitschrift Kunskapsvägen, die unter dem Titel Kosmos bis 1947/48 eine Fortsetzung fand, verantwortlich tätig. 1946 wurde er Hochschulmitglied, nachdem er mit Anna Gunnarson intensiv am Schulungsweg gearbeitet hatte. Sie hatte seine meditative Veranlagung erkannt und zeitlebens freundschaftlich gefördert. 1950 heiratet er Inga Melin, eine junge Witwe mit der vierjährigen Tochter Agneta, die er adoptiert. 1951 wird Tochter Sophie geboren.

Er promovierte 1956 mit der Arbeit „Die Entwicklung ökonomischer Ideen mit besonderer Berücksichtigung der Werttheorie.“ Er erhielt einen Lehrauftrag an der Universität in Uppsala, hielt Vorlesungen und Seminare.

1959 übernimmt er die Studienstätte in Fånoo, wo in offenen Seminaren und Kursen Gesellschafts- und Lebensfragen angegangen werden. Seine Frau leistet dabei einen bedeutenden Hausmutter-Einsatz. Sieben Jahre können sie durchhalten. Mit Åke Kumlander führt er einen ökonomischen Studienkreis in Stockholm mit Auswirkungen bis Järna. Es wird am Nationalökonomischen Kurs (GA 340) Rudolf Steiners gearbeitet. Aber auch eine Studiengruppe über Christologie betreut er, immer ringt er um das Christusverständnis.

Boris Tullander hat immer versucht, zu den Quellen vorzustoßen. So fuhr er auch nach dem Krieg gleich nach Dornach, um in der Sozialwissenschaftlichen Sektion mitzuwirken. Da er sich gegen die „Oasenidee“ Albert Steffens wandte, hatte dies bald ein Ende. Er hat auch Marie Steiner persönlich aufgesucht. Als sich 1970 der „Club of Rome“ bildete, hat er sich für dessen Ideen eingesetzt, dann aber bemängelt, dass diese zu wenig konsequent verfolgt wurden.

In den 70er- und 80er-Jahren war er oft an den Zürcher Sommertagungen, dann auch in Achberg, wo er sein Dreigliederungsmodell vorstellte. Von Manfred Schmidt-Brabant wieder in die Sozialwissenschaftliche Sektion integriert, vertrat er leidenschaftlich, dass vom „sozialen Hauptgesetz“ Rudolf Steiners aus das soziale Problem angegangen werden müsse.

Unermüdlich schrieb und vervielfältigte er seine „Korrespondenz zu den Fragen der Lage der Menschheit“, die er an einen großen Freundeskreis verschickte.

Aus seiner tiefen Religiosität war für ihn die Tatsache der Wiedererscheinung des Christus im Ätherischen so von Bedeutung, dass er das in Schweden von zwei Religionsforschern herausgegebene Werk „Wir erlebten Christus“ ins Deutsche übersetzte.

Seine Frau war ab 1969 Waldorflehrerin in Stockholm und hat ihn in den letzten Jahren fürsorglich begleitet, in denen er schon fast nur noch in der geistigen Welt weilte.

Conrad Schachenmann


Werke: Aktiv idealism, Stockholm 1932; De ekonomiska idéernas utveckling med särskild hänsyn till värdeteorin. Dissertation, Uppsala 1956; als Übersetzer: Hillerdal, G., Gustafsson, B.: Sie erlebten Christus, Basel 1979; Beiträge in As, BfA, Kos, Kv und MaB.
Literatur: Streit, J.: Anthroposophische Sommertagung in Zürich, in: MaB 1969, Nr. 9; Deimann 1987; Marstander, R.: Boris Tullander, in: Mlb 1991, Nr. Nov.




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