Mikhail Michail Michael Cechov Tschechow Chekhov
Cechov Tschechow Chekhov, Mikhail Michail Michael Aleksandrovich
Pseudonym/Varianten: Tschechov, Chechov, Chekhov

Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge.

*16.08.1891 St. Petersburg (Russland)
†30.09.1955 Beverly Hills, Cal. (USA)
(alternatives Geburtsdatum: 28.08.1891 (weil orthodoxes Datum))













„Ein Stern in unmittelbarer Nähe des Herzens“, so charakterisierte Max Reinhardt einst das Wesen dieses außergewöhnlichen Schauspielers.

Cechov zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Zeit seines Lebens war er auf der Suche nach seinem Theater, dem „Theater der Zukunft“, wie er es nannte. Wie viele seiner Zeitgenossen studierte Cechov spirituelle Schriften unterschiedlichster Quellen, um an tiefere Ausdrucksmöglichkeiten im Schauspiel zu gelangen, und so begegnete er auch der Anthroposophie.

Aufgrund seiner antimaterialistischen Einstellung musste er aus Russland emigrieren. Es folgte eine rastlose Zeit in Europa und Amerika, die ihn mit nahezu allen bedeutenden Künstlern seiner Zeit zusammenführte. Auf der Grundlage dieses reichen Erfahrungsschatzes schuf Cechov ein schauspielmethodisches Werk von unermesslichem Wert.

Michail Aleksandrovich Cechov wurde am 16. (28.) August 1891 in St. Petersburg geboren. Sein Vater Aleksandr P. Cechov, der ältere Bruder des berühmten Schriftstellers Anton P. Cechov, war Journalist. Schon früh vermittelte er seinem Sohn die russische Literatur und die Gedankenwelt Schopenhauers und Nietzsches, die sein Weltbild stark prägen sollten.

Als 16-Jähriger (1907) trat Cechov in die Schauspielschule Suvorin in Petersburg ein, die er im Mai 1910 beendete. Sein Debüt als Schauspieler hatte Cechov im Oktober 1911 mit dem „Zar Fedor“ des gleichnamigen Schauspiels von A. Tolstoj am Petersburger „Kleinen Suvorin-Theater“ (Malyj Teatr).

Auf Vorschlag von Olga L. Knipper-Eechova wurde der junge Schauspieler Konstantin S. Stanislavskij vorgestellt. Stanislavskij erkannte, dass hinter Cechovs melancholischem Blick der Geist eines Genies schlummerte, und engagierte ihn 1913 an das „Moskauer Künstlertheater“ (MChAT).

Das MChAT war seinerzeit das wohl bedeutendste Theater Russlands. Hier arbeiteten die wichtigsten Vertreter der russischen Theaterreform (K. S. Stanislavskij, E. B. Vachtangov, V. I. Nemirovich-Danchenko, V. Mejerchold u. a.), deren Arbeit die Theaterkultur des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte. Die Zeit am MChAT formte die künstlerische Persönlichkeit Cechovs entscheidend und er avancierte bald zu einem der wichtigsten Schauspieler des Moskauer Künstlertheaters. In den Jahren 1917/18 musste sich Cechov für kurze Zeit von der Theaterarbeit aufgrund eines Nervenleidens zurückziehen. In den folgenden Jahren begegnete er den Schriften Rudolf Steiners. Zusammen mit dem russischen Symbolisten, Epiker und Lyriker Andrej Belyj organisierte er Zusammenkünfte und Vorträge zu Themen der Anthroposophie und begann auf der Grundlage seiner bisherigen Erfahrungen am MChAT ein eigenes Schauspielsystem zu entwickeln. Besonders die Eurythmie scheint hier eine maßgebliche Inspirationsquelle gewesen zu sein, die aus heutiger Perspektive gelegentlich als eine Fortsetzung des Stanislavskij-Systems verstanden wird.

1922, als der junge Vachtangov starb, übernahm Michail Cechov die Leitung des Ersten Studios am Moskauer Künstlertheater, das 1924 in das Moskauer Akademische Künstlertheater 2 umgewandelt wurde. Hier entwickelte er seinen legendären Hamlet.

In diese Zeit fielen auch die persönlichen Begegnungen mit Rudolf Steiner – 1922 in Berlin und 1924 in Arnheim (Holland).

Cechovs offen bekundete spirituell orientierte Einstellung stand im Gegensatz zur herrschenden Ideologie. Dies brachte ihn zunehmend in Schwierigkeiten und veranlasste ihn 1928 zur Emigration. Es folgte ein unstetes Wanderleben in Europa. Zunächst arbeitete Cechov in Wien und Berlin zusammen mit Max Reinhardt. Für kurze Zeit übernahm er die Leitung des jüdischen Theaters „Habima“.

Vermutlich zu dieser Zeit vertiefte Cechov im engen Kontakt mit Michael Bauer seine Studien in Anthroposophie.

Nachdem Marie Steiner Cechovs Angebot zur Zusammenarbeit an der Dornacher Goetheanum-Bühne abgelehnt hatte, ging er 1930 nach Paris, wo er ein russisches Theater gründete, dem jedoch kein Erfolg vergönnt war. 1932 führte ihn sein Weg ins Baltikum nach Riga und Kaunas, wo er erfolgreich als Schauspieler und Regisseur arbeitete.

In dieser Zeit arbeitete er bereits an einer Grundschrift zur Kunst des Schauspielers, hielt Schulungskurse ab und kündigte für September 1932 die Eröffnung einer Schauspielschule an, doch die politisch explosive Lage – Lettland und Litauen wurden durch den ausbrechenden Nationalismus erschüttert – veranlasste ihn, das Baltikum zu verlassen. Gastspiele führten ihn 1935 nach Brüssel, Paris und in die USA. Beatrice Straight sah ihn in einer Vorstellung am Broadway und lud ihn nach England ein, um dort zu arbeiten. Im Oktober 1935 gründete Michail Cechov in Dartington Hall, England, das „Cechov Theatre“, dem eine Schauspielschule angegliedert war.

Mit diesem Studio verbanden sich konzeptionell kühne Vorstellungen von einem wirtschaftlich, sozial und künstlerisch neuartigen Theater.

Im Dezember 1938 siedelte das „Cechov Studio“ in die USA über. Dort eröffnete Michail Cechov in Ridgefield bei New York ein neues Studio. Seine Schüler gingen mit ihren Produktionen sehr erfolgreich in den Staaten unter dem Namen „Cechov Players“ auf Tournee. Die gesamte Arbeit wurde auf die geistigen Grundlagen der Anthroposophie, insbesondere auf die künstlerischen Ansätze der Eurythmie und Sprachgestaltung, gestellt.

Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg 1942 wurden viele seiner Akteure zum Fronteinsatz eingezogen und das Studio musste seine Pforten schließen.

Obwohl es seiner künstlerischen Überzeugung widersprach, unterzeichnete Cechov aus ökonomischen Gründen einen Vertrag mit einer Filmgesellschaft in Hollywood. Es folgten weitere Engagements und so entstand eine stattliche Anzahl von Filmen unter der Regie von namhaften Regisseuren, wie Alfred Hitchcock, Ben Hecht u. a. Parallel zur Filmarbeit unterrichtete Cechov wieder – u. a. am A. Tamirov-Studio, das er von 1947–59 leitete. Zu seinen Schülern zählten später berühmt gewordene Stars wie Yul Brynner, Martin Ritt, Jack Palance, Marilyn Monroe und Ingrid Bergman.

Nachdem Cechov alle Verweise auf die Anthroposophie aus dem Manuskript seines Buchs „To the Actor“ gestrichen hatte, stimmte sein Verleger Harper der Veröffentlichung des Textes zu, der 1953 in New York erschien.

Am 30. September 1955 starb Michail Cechov in Beverly Hills, Kalifornien. Enge Freunde erzählen, er wäre bis zuletzt in die „Mysteriendramen“ Rudolf Steiners vertieft gewesen.

Jobst Langhans


Werke: Put‘ aktjora, Leningrad 1928; O technike aktjora, New York 1946;
Werkgeheimnisse der Schauspielkunst, Zürich 1979; Die Kunst des
Schauspielers, Moskauer Ausgabe, Stuttgart 1990, ²1998; On the Technique
of Acting, Complete Edition, New York 1991; Leben und Begegnungen.
Autobiographische Schriften, Stuttgart 1992; Übersetzung ins Polnische
erschienen; Beiträge in G, CH.
Literatur: Morgenstern, M.: Michael Bauer, München 1950, Stuttgart ²1965;
Woloschin, M.: Michail Eechov zum Gedenken, in: G 1956, Nr. 6; Fedjuschin,
V. B.: Rußlands Sehnsucht nach Spiritualität, Schaffhausen 1988; Veit, W.:
Ein neuer Chechov, Schostakowitsch, D.: Chechovs Moskauer Hamlet, in: G
1990, Nr. 40; Veit, W.: Symptomatisches Zeitschicksal, in: G 1993, Nr. 21;
Smit, P. de: Zur Autobiographie von M. A. Chechov, in: DD 1994, Nr. 12;
Hammacher, W.: Schauspielkunst und Sprachgestaltung, in: G 2002, Nr. 12.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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