Ernst Bindel
Bindel, Ernst

Waldorflehrer, Mathematiker, Physiker.

*06.08.1890 Magdeburg (Deutschland)
†16.11.1974 Stuttgart (Deutschland)







Ernst Bindel gehörte zu den tragenden Gestalten der Stuttgarter Waldorfschule nach Steiners Tod. Als begabter Lehrer, Organisator und Autor wirkte er durch seine gediegenen Publikationen maßgeblich an der fachlichen und pädagogischen Qualität der Schule, am Aufbau der Waldorfbewegung in Deutschland nach dem Krieg sowie an der Wirkung in der Öffentlichkeit mit.

Bindel wurde als ältester von drei Söhnen in eine kleinbürgerliche, wohl behütete Familie ohne weltanschauliche Interessen geboren. Er überlebte kaum das erste Lebensjahr und war als Kind und Jugendlicher viel krank. Der Vater war Kaufmann in einer Maschinenfabrik. Bindel war oft Klassenbester, hatte schon früh Interesse an Mathematik, Sprachen und Musik, insbesondere an Richard Wagner, dessen Musikwerke er selbstständig am Klavier studierte. Aus praktischen Gründen entschloss er sich zum Studium der Mathematik, Physik und Chemie für das Lehramt, zunächst in Göttingen, dann in Berlin. Erst in Berlin fühlte er sich mit seinen künstlerischen Interessen am richtigen Ort. Er besuchte zahlreiche allgemein bildende Vorlesungen, u. a. bei Adolf Lasson und Max Dessoir. Im Fachstudium erlebte er u. a. Max Planck und Hermann Amandus Schwarz.

In einem kleinen „Akademischen Richard-Wagner-Verein“ um Richard Sternfeld lernte Bindel seine späteren Freunde und Kollegen Erich Schwebsch und dessen spätere Frau Felicia Sintenis kennen. Er intensivierte sein Studium des damals noch umstrittenen dichterischen und musikalischen Werkes von Wagner und begann sich mit dem Verhältnis von Wagner zur Schopenhauer´schen Gedankenwelt zu beschäftigen. Er wählte dieses Thema für eine Examensarbeit, die 1914 in den „Bayreuther Blättern“ publiziert wurde.

1911 wurde Bindel tief beeindruckt durch den Besuch der Wagner-Festspiele, der durch ein Stipendium des Sternfeld-Kreises ermöglicht wurde. Zur Vorbereitung der Abschlussprüfungen wechselte er an die ruhigere Universität Halle an der Saale und schloss im Sommer 1913 mit der Lehrbefähigung in reiner Mathematik, Physik und Philosophischer Propädeutik sein Studium ab.

Ende 1915 wurde er als Kraftfahrer in den Kriegsdienst eingezogen und hatte einen kurzen Einsatz bei Verdun. Im Juli 1916 wurde er zum Schuldienst entlassen. Er unterrichte in einer Realschule in Magdeburg, dann in Calbe. Ende 1916 heiratete er Ella Pinkwart, die er schon seit seiner Schulzeit kannte – sie hatten drei Kinder.

Im April 1917 wurde Bindel Mathematik- und Physiklehrer für die Oberklassen am Oldenburgischen Reform-Realgymnasium in Rüstringen bei Wilhelmshaven. Er wirkte maßgeblich bei der Begründung und dann in der Programmgestaltung im „Rüstringer Vortragswesen“, einer Art Volkshochschule zur Hebung der Allgemeinbildung, mit. Außerdem setzte er sich im „Konzertverein“ der beiden Städte ein. Er hielt einleitende Referate zu Musikaufführungen, schrieb Rezensionen für die Lokalzeitung, gestaltete und schrieb Programmhefte und verfasste längere Aufsätze über musikalische Themen. Daneben trat er selbst als Vortragender auf.

1921 fand die erste Begegnung mit dem Werk Rudolf Steiners statt. Bindel organisierte einen Einführungskurs in die Anthroposophie durch Johannes G. W. Schröder. Im Juli 1921 wurden Bindel und seine Frau Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Er begründete eine öffentliche anthroposophische Arbeitsgruppe, bei der die begriffliche Schulung im Vordergrund stand. Auf Anregung von Erich Gabert nahm er an der Erziehungstagung der Freien Waldorfschule in Stuttgart vom 7. bis 13. April 1924 unter Mitwirkung Steiners (GA 308) teil. Das verstärkte Wirken für die Anthroposophie in Rüstringen-Wilhelmshaven führte zu manchen neuen Freunden, aber auch zu entschiedenen Gegnerschaften. In diese Zeit fiel der Ruf, an der Freien Waldorfschule in Stuttgart Mathematik und Physik zu unterrichten.

Seit Ostern 1925 unterrichtete Bindel voller Begeisterung und Hingabe als begnadeter und humorvoller, aber anspruchsvoller Lehrer an der Waldorfschule in Stuttgart. Neben seiner Unterrichtstätigkeit engagierte er sich in der Schulverwaltung sowie in der Öffentlichkeitsarbeit und war viele Jahre Schatzmeister der Schule. Nach der zwangsweisen Schließung der Schule 1938 unterrichtete Bindel am Mörike-Mädchengymnasium in Stuttgart, später in Freudenstadt und Saulgau.

Bindel gehörte zu den frühen Mitarbeitern der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum unter Elisabeth Vreede. Er verfasste die von der Sektion herausgegebenen, zwischen 1933 und 1935 erschienenen „Rundschreiben zu den geistigen Grundlagen der Zahlen“.

Nach dem Krieg 1945 setzte sich Bindel für den Wiederaufbau der Waldorfschulbewegung ein. Unter anderem war er mitverantwortlich bei der Herausgabe der Zeitschrift „Erziehungskunst“, beim Wiederaufbau des Verlags „Freies Geistesleben“, beim „Bund der Freien Waldorfschulen“, als Berater bei Schulgründungen, beim Rudolf Steiner-Lehrerseminar in Stuttgart. Bis zu seinem 84. Lebensjahr (1974) erschien Bindel fast täglich an seiner Schule, immer bereit für Aushilfestunden.

Sein auch weit in die Öffentlichkeit hinauswirkendes schriftstellerisches Werk kam in den Jahren an der Waldorfschule zu voller Blüte. Besonders hervorzuheben sind die Werke „Die ägyptischen Pyramiden“, „Die geistigen Grundlagen der Zahlen“ und das auch in der mathematisch-musikalischen Fachwelt anerkannte Werk „Die Zahlengrundlagen der Musik“. In allen diesen Werken entfaltete Bindel auf solider geistesgeschichtlicher Grundlage reichhaltige Einsichten in Kulturströmungen, die der Mathematik, insbesondere dem Wesen der Zahlen, nahe stehen.

Renatus Ziegler


Werke: Die Ergänzung Schopenhauers durch Wagner/Tristan und Isolde, in:
Bayreuther Blätter 1914, Band 37; Das Rechnen im Lichte der Anthroposophie,
Stuttgart 1927, ²1966; Die Grundlagen der Mathematik im Lichte der
Anthroposophie, Stuttgart 1928, ²1967; Die ägyptischen Pyramiden als Zeugen
vergangener Mysterienweisheit, Stuttgart 1932, 51979; Die geistigen
Grundlagen der Zahlen, Band I/II, Stuttgart 1933/34, 51998; Logarithmen
für jedermann, Stuttgart 1938, ³1983; Die Zahlengrundlagen der Musik im
Wandel der Zeiten, Bd. I/II/III, Stuttgart 1950/51/53, ²1985; mit Arnold
Blickle: Zahlengesetze in der Stoffeswelt und in der Erdenentwicklung, in:
Beiträge zur Substanzforschung, Dornach 1952, als Sonderdruck Stuttgart
²1985; Pythagoras, Stuttgart 1962; Die Kegelschnitte, Stuttgart 1963;
Harmonien im Reiche der Geometrie, Stuttgart 1964; Die Arithmetik,
Stuttgart 1967; Johannes Kepler, Stuttgart 1971, ²1987; Die ersten fünf
Jahrsiebte meines Lebens, Stuttgart 1972; Beiträge in Sammelwerken;
Übersetzungen ins Französische, Spanische und Portugiesische erschienen;
zahlreiche Beiträge in ZP, EK, G, weitere in BeH, Ber, CH, DD, K, MaD, N, RMA.
Nachlass: Ellen Schalk, Cäsar-Flaischlen-Str. 3, D–70193 Stuttgart.
Literatur: Schwebsch, F.: Ernst Bindel zum 6. August 1960, in: MaD 1960,
Nr. 53; Hahn, H.: Ernst Bindel. Ein Dankeswort zum 70. Geburtstag, in: EK 1960, Nr. 9; Weißert, E., Rebmann, H.: Zum 80. Geburtstag von Ernst Bindel, in: EK 1970, Nr. 7; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Schalk, E.: Ernst Bindel, in: MaD 1975, Nr. 111; Unger, G.: Ernst Bindel, in: G 1975, Nr. 31; Schalk, E. u. a.: Ernst Bindel, in: Husemann, G., Tautz, J. [Hrsg.]: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Schöffler 1987; Deimann 1987; Schalk, E.: Zum 100. Geburtstag von Ernst Bindel, in: MaD 1990, Nr. 172; Ziegler, R.: Biographien und Bibliographien, Dornach 2001.




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