Rudolf Treichler
Treichler, Rudolf senior

Philologe, Waldorflehrer.

*23.02.1883 Wien (Österrreich)
†16.04.1972 Wiesneck (Deutschland)







Rudolf Treichler, der ältere, gehörte zu dem von Rudolf Steiner berufenen Urkollegium der ersten Waldorfschule in Stuttgart. Er lebte und lehrte aus seinem sanguinischen Temperament, aus seiner umfassenden literarischen Bildung, aus einer unerschöpflichen Begeisterung und Offenheit für das Kommende und aus seiner Verehrung für Rudolf Steiner und dessen Werk.

Als ein jüngerer ehemaliger Lehrerkollege dem 80-jährigen Rudolf Treichler nach einigen Jahren wiederbegegnete und ihm wohlmeinend sagte: „Sie haben sich ja gar nicht verändert“, antwortete Treichler „Oh – das ist mir aber peinlich“. Darin ist sich Treichler treu geblieben bis ins 90. Lebensjahr: in seiner Bereitschaft und Fähigkeit sich zu entwickeln und sich zu verändern – und in seinem Humor.

Er ist am 23. Februar 1883 im kaiserlichen Wien geboren, als Sohn eines aus der Steiermark nach Wien gekommenen katholischen Bauernsohnes, der sich in Wien zum Uhrmacher und Juwelier hochgearbeitet hatte. Die Mutter stammte aus einer gebildeten, aufgeschlossenen evangelischen Familie der thüringischen Residenzstadt Gotha. Zunächst in Wien aufgewachsen, entschlossen sich die Eltern Rudolf wegen seiner körperlichen Zartheit aufs Land zu schicken. Vier Jahre, von 1891 bis 1895 verbrachte er in der damals berühmten Erziehungsanstalt Schnepfenthal bei Gotha. Die Trennung von den Eltern fiel dem Knaben schwer, aber die kulturreiche Landschaft um Gotha, Erfurt, Eisenach, Weimar und Jena prägten ihn stark in seiner Neigung zum „schmökern“, seinem Interesse für Literatur und einer fortschrittlichen aufgeschlossenen Gesinnung. Die Gymnasialzeit schloss er 1902 in Wien mit der Matura ab, schon sehr bewusst in der geschichtlichen Spannung zwischen dem österreichisch-katholischen und dem preußisch-protestantischen Element lebend.

Im gleichen Jahr starb der Vater, dessen kleines Erbe dem 19-jährigen immerhin das Studium ermöglichte. Zwischen Theater und Philologie schwankend, entschied er sich schließlich für ein Studium der Neuphilologie (Germanistik und Romanistik in Wien). Schon zum Sommersemester 1903 wechselte er nach Bern, später (1904) nach Heidelberg und dann wieder nach Wien, wo er das Studium 1907 mit einer Dissertation über den Österreichischen Schicksalsdramatiker Adolf Müllner („Adolf Müllner und das Wiener Burgtheater“) abschloss. Dies war die Voraussetzung für die noch im gleichen Jahr in Bern geschlossene Ehe mit der dort kennen und lieben gelernten Studentin Ella Rickli. Sie, die melancholisch-ruhige, musisch begabte, war ihm, dem sanguinisch temperamentvollen, immer suchenden eine treue Lebensgefährtin in 61-jähriger Ehe.

Ursprünglich wollte Rudolf Treichler, wenn nicht Schlauspieler, dann Lehrer werden; doch fühlte er sich nach abgeschlossenem Studium nicht hineinpassend in den staatlichen Schulbetrieb, wie er 1919 an Emil Molt schrieb. „Ihn drängte es nach einer Menschenschule, in der ein moralischer Kontakt die Grundlage pädagogischen Wirkens ist.“ (J. Tautz)

12 Jahre, von 1907 bis 1919 lebte Rudolf Treichler als „Privatgelehrter“, als Lehrer in Privathäusern und pädagogischen Instituten, als Schauspieler an der Bayerischen Landesbühne von Gümbel-Seiling und kurzfristig auch als Buchhändler an verschiedenen Orten in Österreich, der Schweiz und Deutschland – dabei immer auf der Suche nach seiner eigentlichen Aufgabe und Bestimmung.

„Die Lebenslinie Rudolf Treichlers kreuzte den Weg Rudolf Steiners im Jahre 1909. Seine weltanschaulichen und religiösen Fragestellungen hatten ihn nach den Büchern von Helena P. Blavatsky und Annie Besant greifen lassen und schließlich zu Rudolf Steiners Grundschrift “Theosophie“ geführt. Nun folgte er der Einladung eines Bekannten, Oskar Grosheintz, an Rudolf Steiners Vortragszyklus über das Lukas Evangelium in Basel teilzunehmen. Es war September 1909 und Rudolf Treichler im 27. Lebensjahr, in einer Phase, in der die naturgegebenen Entwicklungsantriebe versiegen und die bewusste Selbstbildung anfangen muss. Nach einem, in den Zyklus eingeschobenen öffentlichen Vortrag Rudolf Steiners über „Die Rätsel in Goethes Faust“ wurde er dem Redner vorgestellt und ein Gespräch vereinbart. In dessen Verlauf erhielt er den Rat, sich mit dem Faust zu beschäftigen und die geistigen Hintergründe für dieses Werk im Leben Goethes aufzusuchen. Die Situation war zeichenhaft: Rudolf Treichler, Teilnehmer am zweiten Zyklus in der Reihe der Evangelien-Auslegungen, in dem Rudolf Steiner die Substanz der christlichen Einweihung den Hörern ins Bewusstsein hob, wird auf das Faust-Thema, auf den Grundmythos der Neuzeit verwiesen: Die Auseinandersetzung von Faust und Mephisto, die Rudolf Steiner das ‚Fundament für die Zukunfts-Pädagogik‘ genannt hat (20. November 1914). Zehn Jahre später war Rudolf Treichler Waldorflehrer in Stuttgart.“ (J. Tautz)

Dazwischen lagen viele Orte, Umzüge und Begegnungen mit Persönlichkeiten des kulturellen und des theosophischen und anthroposophischen Lebens, so beispielsweise mit Christian Morgenstern, Michael Bauer, Albrecht Wilhelm Sellin, Marie Steiner, Sophie Stinde, Gräfin Pauline von Kalckreuth, Ernst Uehli, Albert Steffen und Gustav Meyrink.

Wenn auch noch nicht im beruflichen Leben, so hatte Rudolf Treichler doch in seinem inneren Suchen und Streben seit der ersten Begegnung mit Rudolf Steiner 1909 in Basel seine Orientierung gefunden. Er wurde Mitglied der theosophischen Loge zuerst in Bern, später in München und vollzog dort 1913 den Übertritt in die neugegründete Anthroposophische Gesellschaft; er war Zuhörer zahlreicher Vorträge und Zyklen Rudolf Steiners in verschiedenen Orten und hielt selbst Einführungskurse zum Beispiel über Steiners „Die Geheimwissenschaft im Umriss“. Für Rudolf Treichler war Rudolf Steiner „wie ein viel größerer, viel älterer, ein weiser Bruder; ein Menschenbruder im höchsten, reinsten Sinne, - der sich um einen unreifen, aber suchenden und strebenden jüngeren bemühte.“ (Wege 1974) Er hatte seinen Geisteslehrer gefunden und wurde bereits 1909 von Steiner in die esoterischen Stunden eingeladen.

1909 war die Geburt des ersten Sohnes Rudolf in Schondorf am Ammersee; 1912 die Geburt des zweiten Sohnes Hans in Freimann bei München. Ab 1910 waren Rudolf Treichler und seine Frau Ella Besucher der ersten Aufführungen der Mysteriendramen von Rudolf Steiner in München.

“Im Jahr 1919 kam Ernst August Karl Stockmeyer auf seiner Rundreise zur Suche nach Lehrern für eine neu zu gründende Schule auf geisteswissenschaftlicher Grundlage auch nach München. Das war der richtige Ruf für mich zur richtigen Zeit! .. Ich meldete mich, wurde angenommen und für den ersten Seminarkurs im Sommer 1919 eingeladen, zusammen mit etwa einem Duzend werdender Pädagogen, um uns die neue Pädagogik der ‚Waldorfschule‘ zu erarbeiten, die von Emil Molt, - zunächst als Schule seiner Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik – in Stuttgart gegründet wurde.“ (1974)

Zunächst ging er allein nach Stuttgart, um die Lehrervorbereitungskurse von Rudolf Steiner zu hören. „Die Vorbereitungszeit für die Lehrer dauerte nur 2 ½ Wochen. Viel wurde ihnen abverlangt, denn die neue Lebensform des Lehrerseins mussten sie aus eigener Kraft entwickeln. Rudolf Steiner hielt die drei bekannten Grundkurse, die zum Fundament der Waldorfpädagogik geworden sind: ‚Allgemeine Menschenkunde, als Grundlage der Pädagogik‘, ‚Methodisch-Didaktisches‘, ‚Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge‘ – 45 Darstellungen an 15 Arbeitstagen; dazu kamen noch Sonntagsvorträge und die Ausarbeitung der Seminaraufgaben.“ (J.Tautz über GA 293-95)

Es war „eine unermesslich reiche und anstrengende Zeit für das Häuflein der Teilnehmer am Seminar“. (1974) Sie hatten den „Ruf“ vernommen, von dem Rudolf Steiner beim Festakt der Schuleröffnung am 7. September 1919 sprach. „Endlich war das Ende der Vorbereitungen gekommen und mit einer tief ernsten Anrufung der waltenden geistigen Mächte wurde jeder einzelne Kandidat mit einem feierlichen Handschlag zu seinem hohen Werke verpflichtet. Im festlichen Zuge begab sich die junge Schule durch die Stadt zum Stadtgarten, wo für Eltern und Freunde durch Rudolf Steiner und Emil Molt die feierliche Eröffnung der neuen Schule erfolgte. Am nächsten Tag begann der Unterricht mit 253 Kindern in acht Klassen in den provisorisch eingerichteten Räumen des Restaurants „Uhlandshöhe“, das damit als solches ausgedient hatte. Es war der 9. September 1919 – der Geburtstag der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart.“ (1974)

Treichler selber übernahm zusammen mit Ernst August Karl Stockmeyer die Führung der siebten und achten Klasse, sowie Sprachunterricht in Französisch, Latein und Griechisch. Er hatte in seinem 37. Lebensjahr seine Lebensaufgabe gefunden. Seine Lern- und Wanderjahre waren endgültig vorüber – es begann die Zeit der Selbstprüfung und der Lebensgestaltung aus dem Geist der Anthroposophie und für ein Leben für die neue „Erziehungskunst“. Schon im ersten Jahr der Waldorfschule war Treichler an Rudolf Steiner herangetreten mit der Frage, ob eine Schülerbibliothek eingerichtet werden sollte und mit der Bitte, ihm bei der Aufstellung derselben behilflich zu sein. Rudolf Steiner sagte zu und sichtete die von Treichler besorgten Bücher, von denen dann ein Teil in den Fundus der neugegründeten Schülerbibliothek überging.

„Aus der Verbundenheit mit dem wertvollsten Bildungsgut, das in der Schülerbibliothek gesammelt war, erwuchs ihm eine schöpferische, schriftstellerische Tätigkeit: seine ‚Nikolaus-Legende‘, seine Nacherzählungen, z. B. des ‚Guten Gerhard‘ und der Faust-Sage, seine Herausgabe und Kommentierung des Goetheschen Märchens, seine Klassenspiele und Rätseldichtungen.“(J. Tautz)

Treichler hielt Vorträge und Seminare über literarische und sprachwissenschaftliche Themen, zum Beispiel im Oktober 1920, in der zweiten Woche des Hochschulkurses in Dornach, im März 1921 bei den „Freien anthroposophischen Hochschulwochen“ in Stuttgart, am 3. September 1921 beim Kongress im Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus „Kulturausblicke der anthroposophischen Bewegung“ und im Juni 1922 beim „Zweiten internationalen Kongress der anthroposophischen Bewegung zur Verständigung westlicher und östlicher Weltgegensätzlichkeit“ in Wien.

Als theaterbegeisterter Österreicher ist es nicht verwunderlich, dass Rudolf Treichler eine große Liebe zu den Oberuferer Weihnachtspielen entwickelte. So ist es ihm zu verdanken, dass 1921 zum ersten mal in Stuttgart, im Saal der Anthroposophischen Gesellschaft das Oberuferer Christgeburt- und das Dreikönigspiel aufgeführt wurden. Er selbst spielte den Stichl, später noch viele Jahre an der Waldorfschule. Auch dichtete er selbst Weihnachtsspiele für seine Klassen.

Treichler wirkte auch – schnitzend – am Bau des ersten Goetheanum in Dornach mit. Bis 1938 die Stuttgarter Waldorfschule geschlossen wurde, war er unermüdlich an der Schule engagiert, wie er auch sofort ab 1945 beim Wiederbeginn nach dem Krieg aktiv dabei war, den Klassen- und Sprachunterricht wieder aufzunehmen und bis ins hohe Alter der Schule verbunden blieb, als Berater für Klassenspiele und für die Schülerbibliothek. Im 90. Lebensjahr ist Rudolf Treichler gestorben. „Das Staunen-Können wahrer Hirten Gesinnung lebte in diesem liebenswerten Österreicher, der durch seinen sprühenden Humor auch die Schwerblütigen mitreißen konnte.“ (J. Tautz)

Markus Treichler


Werke: Kasper als Prinz und die Rätselprinzessin, Stuttgart 1929, ²1971;
Der letzte König, Stuttgart 1959, 1987 (4. Aufl.); 12x12 Rätsel, München
1964, ²o. J.; autobiographisch: Meine persönlichen und künstlerischen
Begegnungen mit Max Gümbel-Seiling, in: Max Gümbel-Seiling in memoriam,
Den Haag 1966; Wege und Umwege zu Rudolf Steiner, Fellbach 1974, auch
in: Beltle, E., Vierl, K. [Hrsg.]: Erinnerungen an Rudolf Steiner, Stuttgart
1979; Der gute Gerhard, Stuttgart o. J., 1993 (7. Aufl.); zahlreiche Beiträge
in EK, weitere in BBW, BeH, CH, MaD, MbW, WdN.
Literatur: Scheck, H.: Zum Gedenken an Dr. phil. Rudolf Treichler senior, in:
N 1972, Nr. 38; ders. Rudolf Treichler, der Ältere, in: MaD 1972, Nr. 101 und
MaD 1983, Nr. 141; Tautz, J. u. a.: Rudolf Treichler, in: Husemann, G.,
Tautz, J. [Hrsg.]: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977;
Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Plato, B. v. [Hrsg.]:
Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org