Hagen Biesantz
Biesantz, Hagen

Archäologe, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Leiter der Sektion für Redende und Musizierende Künste und der Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum.

*03.11.1924 Köln (Deutschland)
†04.12.1996 Dornach (Schweiz)













Hagen Biesantz war Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft von 1966–95, Leiter der Sektion für Redende und Musizierende Künste sowie der Sektion für Schöne Wissenschaften.

Er wurde am 3. November 1924 in Köln geboren. Der Vater war Jurist, die Mutter Johanna, geb. Thürlings, eine Kaufmanns- und Fabrikbesitzertochter. Nach vierjähriger Ehe trennten sich die Eltern. Hagen kam in die Familie seiner Tante, während die Mutter eine Ausbildung als Sozialpflegerin machte. 1935 entschlossen sich die Eltern, ihn in die renommierte Internatsschule Ilfeld im Harz zu geben. Kurz darauf starb der Vater. Die Erziehung des Kindes lag nun allein in den Händen der Mutter, welche inzwischen die Leitung des Pestalozzi-Landheimes in Zossen bei Berlin übernommen hatte. Während die Schule in den ersten Jahren noch ganz den humanistischen Idealen verpflichtet war, nahm das Leben dort später immer mehr eine sportlich-militärische Richtung an. Das Internat wurde in eine national-politische Erziehungsanstalt der Nationalsozialisten umgewandelt, es wurde zur Kaserne. Die Gewalttätigkeit seiner Kameraden traumatisierte ihn, militärischer Drill und „neuer Idealismus“ verletzten ihn.

Ein Ereignis, das sich 1942 kurz vor seinem Schulabschluss zutrug, ist bezeichnend, sowohl für die damaligen Verhältnisse am einst traditionsreichen humanistischen Gymnasium wie auch für den schon früh zutage tretenden Idealismus und Mut des Jünglings. Einer der Lehrer forderte die Jungen auf, vor der Einberufung noch „ein Kind für den Führer“ zu zeugen. Hagen Biesantz war so empört, dass er spontan vor Lehrern und Schülern eine flammende Rede über die „Würde der Frau“ hielt.

Nach Abschluss der Schule umging er den Eintritt in die Partei oder SS, indem er sich zum Dienst in der Luftwaffe meldete. Er wurde zum Kampfpiloten ausgebildet. Zu einem Einsatz kam es jedoch nicht mehr. Das Kriegsende erlebte er bei der Bodentruppe in der Nähe der deutsch-tschechischen Grenze.

Nach dem Waffenstillstand begann er noch im gleichen Jahr in Marburg mit dem Studium der Theologie und Religionsgeschichte und wechselte dann zur klassischen Archäologie. Als Nebenfächer studierte er Vorgeschichte und griechische Philologie. 1948 heiratete er Brigitte Naumann, die vor dem Abschluss ihres Medizinstudiums stand. Vier Kinder wurden ihnen im Laufe der Jahre geboren.

Bald schon begegnete Hagen Biesantz der Anthroposophie, vor allem zunächst durch die kunstbegeisterte Persönlichkeit Otto Frankes, Pfarrer in der Christengemeinschaft. Er trat 1948 in die Anthroposophische Gesellschaft ein, wo er sogleich in verschiedenen Arbeitszusammenhängen aktiv tätig wurde.

Nach Abschluss des Studiums und der Promotion (1952) folgten Jahre der akademischen Tätigkeit: Studienreisen in Italien, England, Frankreich und Griechenland als Stipendiat des Deutschen Archäologischen Instituts; Mitarbeit am Homer-Lexikon in Hamburg; Ausgrabungen in Thessalien unter der Leitung von Prof. Milojcic; erster Referent und Bibliothekar am Deutschen Archäologischen Institut in Athen; 1962 Habilitation an der Universität in Mainz mit der Arbeit „Die thessalischen Grabreliefs. Studien zur nordgriechischen Kunst“ (1965); 1963–66 Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Universität in Mainz, wo er von 1959–63 als Assistent tätig war. Die Studenten schätzten seine vielseitige und interessante Darstellungsweise. Hagen Biesantz engagierte sich während seiner Privatdozententätigkeit in Mainz für die Neugestaltung von Studiengängen im Bereich der Kunsterzieher und für Nachwuchsfragen im Hochschulverband und in der Rektorenkonferenz.

Hagen Biesantz führte eine über die ganze Welt ausgedehnte, rege Korrespondenz mit Archäologen und Wissenschaftlern angrenzender Wissenschaften und war mit vielen von ihnen befreundet. Während der Aufenthalte in Thessalien, bei denen er interessante Entdeckungen machte, knüpfte er nicht nur zu den archäologischen Kollegen, sondern auch zur Bevölkerung herzlich-freundschaftliche Beziehungen – er beherrschte die neugriechische Sprache sehr gut und war hoch geschätzt, als „Grieche“ angenommen. Seit 1963 arbeitete Hagen Biesantz im Vorstand des Arbeitszentrums Frankfurt und im Mitarbeiterkreis der Deutschen Landesgesellschaft mit. Ostern 1966 wurde er in den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ans Goetheanum berufen. Seine Tätigkeiten im ersten Jahr waren vielseitiger Natur – Vorträge, Seminare, Gestaltung der Jahresfesttagungen, ausgedehnte Reisetätigkeit.

Von 1967–69 leitete er die Sektion für Redende und Musizierende Künste mit Karl von Baltz, wurde 1977–79 von Josef Gunzinger vertreten, um die Sektion schließlich bis 1991 weiterzuführen. Die Leitung der Sektion für Schöne Wissenschaften wurde ihm 1983 übertragen, er führte sie bis 1987 und erneut von 1991–96. Außerdem leitet er zwischen 1978 und 1983 eine „Sektion für Kunstwissenschaft“. Diese Aufgaben führten dazu, dass er mit ungezählten Menschen aus aller Welt in Kontakt kam. Es war ihm immer ein besonderes Anliegen, für Gespräche auch mit denjenigen, die als Gäste nach Dornach kamen, zur Verfügung zu stehen.

Hagen Biesantz hatte die Gabe, in schwierigen Situationen und Diskussionen auf menschlich feine Art für Fairness und Sachlichkeit zu sorgen. Er baute in Dornach rasch Arbeitszusammenhänge und freundschaftliche Beziehungen zur Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung auf. Besonders war er Edwin und Eva Froböse verbunden. Er nahm an der Arbeit des Arlesheimer Kreises teil und pflegte vor allem über Carlo Pietzner und Georg von Arnim eine enge Beziehung zur Camphill-Bewegung.

1976 nahm Hagen Biesantz intensive Verbindungen zu der Anthroposophischen Gesellschaft in Nordamerika auf. Er hielt dort Vorträge in vielen Städten und auf Tagungen sowie regelmäßige Vortragsreihen über Christologie und Kunstgeschichte am Waldorf Institute of Mercy College in Detroit und in Spring Valley. In den USA heiratete er seine zweite Frau, Gail Caroline Faude.

In den letzten Lebensjahren entwickelte Hagen Biesantz erneut eine große Liebe zum Marionetten- und Puppenspiel. Begonnen hatte diese im Hause Franke in Marburg und in der Familie Naumann während der 40er-Jahre. Die persönliche Begegnung mit Elisabeth Schöneborn fand erst 1966 statt und führte zu einer intensiven Zusammenarbeit mit ihr. Er richtete am Goetheanum die Puppenspieler-Tagungen ein.

Bis zu seinem Lebensende war er, obwohl von Krankheit schwer gezeichnet, noch voller Pläne für Publikationen und Vorträge.

Er verstarb am 4. Dezember 1996 in Dornach.

Hans Georg Krauch


Werke: Kretisch-mykenische Siegelbilder, Marburg 1954; Die thessalischen
Grabreliefs. Studien zur nordgriechischen Kunst, Mainz 1965; Rudolf Steiners
Anthroposophie als Geisteswissenschaft, Stuttgart 1975; Auf dem Wege zu
einem neuen Sehen, in: Krüger, M. [Hrsg.]: Schöne Wissenschaften, Stuttgart
1978; mit Klingborg, A. u. a.: Das Goetheanum. Der Bauimpuls Rudolf
Steiners, Dornach 1978; Das Leitbild der sozialen Berufe, Stuttgart 1979;
Was trägt die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft zur Erneuerung der
Wissenschaften und Künste bei?, in: Geisteswissenschaft und
Gesellschaftsgestaltung, Dornach 1987; Herausgebertätigkeit, Beiträge in
Sammelwerken zu kunstwissenschaftlichen und archäologischen Themen;
Übersetzungen ins Englische, Französische, Italienische, Niederländische
und Schwedische erschienen; Beiträge in G, ny, MaB, N, NfG, RKw, RRM,
WKÄ, WNA.
Nachlass: Brigitte Biesantz, Dornach.
Literatur: Vollen, D.: Worte des Dankes an Hagen Biesantz. Hagen
Biesantz‘ Work in English Speaking Countries, in: RRM 1992, Nr. 22; Sease,
V. u.a., in: N 1996/97 Nr. 49; Krüger, C.: Im Gedenken an Hagen Biesantz,
in: Stl 1996/97, Nr. 4; Sease, V.: Hagen Biesantz, in: RRM 1997, Nr. 27.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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