Valentin Tomberg
Tomberg, Valentin

Schriftsteller, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Estland.

*26.02.1900 St. Petersburg (Russland)
†24.02.1973 Mallorca (Spanien)
(anderer Geburtstag: 27.)







Valentin Tomberg gehört ohne Zweifel zu den am stärksten umstrittenen Persönlichkeiten in der Geschichte der anthroposophischen Bewegung. Umstritten war er zu Lebzeiten und er ist es posthum geblieben. Er – der tief von russischer Geistigkeit mitgeprägt war – brachte eine spirituelle Begabung in die Bewegung, die sich intensiv zentralen okkulten Themenkreisen zuwandte. Seine Publikationen lösten schon bald heftige Kontroversen aus. Eine ihm eigene Folgerichtigkeit, dem „Gesetz, nach dem er angetreten“, treu zu bleiben, führte ihn nach der Lebensmitte schließlich nicht nur von den gesellschaftlichen Zusammenhängen der Anthroposophie, sondern auch von deren Ausdrucks- und Schulungsformen weg. Er begründete eine eigene Esoterik, die nach seinem Tod vernehmlich zu wirken begann.

Valentin Tomberg wird in eine Beamtenfamilie estnischer Abstammung geboren und evangelisch-lutherisch erzogen. Er besucht in St. Petersburg die angesehene Petrischule, ein humanistisches Gymnasium, an dem er sich unter anderem die Grundlagen seiner vorzüglichen Fremdsprachenkenntnisse erwirbt. 1917 war er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft in Russland geworden. Das im Wintersemester 1917/18 begonnene Jurastudium bricht er wegen der Revolutionswirren ab.

Tomberg findet Zuflucht in der estnischen Hauptstadt Tallinn (Reval), eine Anstellung bei der Postdirektion verschafft ihm ein bescheidenes Auskommen. 1922 heiratet Tomberg die um 19 Jahre ältere Helene Glasenap, geb. Leuvie. 1925 tritt er, der sich längst intensiv der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners zugewandt hat, in die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ein. Bereits kurze Zeit später ist er Vize-Generalsekretär der estnischen Anthroposophischen Gesellschaft, 1927 wird er Mitglied der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, 1932 Generalsekretär in Estland.

Zwei biografisch bedeutsame Ereignisse prägen dieses Jahr 1932: die ersten Lieferungen seiner umstrittenen „Betrachtungen über das Alte Testament“ erscheinen in Tallin; Tomberg verbindet sich mit Maria Belozwetowa, geb. Leitnekker-Demsky de Montfort, die 1933 seine zweite Ehefrau wird. Mit deren ersten Gatten, dem Philosophen Nikolai Belozwetow, bleibt er in lebenslanger Freundschaft verbunden. Sein Anerbieten, als Dozent nach Dornach zu gehen, wird im selben Jahr vom Vorstand unter Berufung auf finanzielle Schwierigkeiten abgewiesen. Infolge der Publikation der „Betrachtungen“ und der durch die neue Eheschließung eingetretenen Distanzierung seitens Marie Steiners sowie der Krise der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die 1934/35 zu einem Höhepunkt kommt und auch die estnische Landesgesellschaft ergreift, legt Tomberg 1935 alle offiziellen Funktionen nieder.

Er betreut fortan einen privaten Studienkreis, setzt aber seine öffentliche Vortragstätigkeit im Baltikum fort. Zuwendung erfährt er durch die aus dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossene Elisabeth Vreede. Bereits 1935 tritt er in die von ihr mitbegründete „Vereinigung der Freien Anthroposophischen Gruppen“ ein. 1937 teilt er dem Dornacher Vorstand seinen Austritt aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft schriftlich mit.

Unterstützt von Vreede und holländischen Anthroposophen, übersiedelt Tomberg mit seiner Frau und dem Sohn Alexis 1938 nach Holland, wo er eine Anstellung als Sekretär des estnischen Honorarkonsuls erhält. Er entfaltet eine reiche Vortragstätigkeit und arbeitet weiter an zentralanthroposophischen, christologischen Themen, nimmt aber auch zu aktuellen Zeitereignissen Stellung. Früh hatte er den dämonischen Charakter des Nationalsozialismus durchschaut. Während der Zeit der deutschen Besetzung der Niederlande im Jahr 1940 kommt es zum Bruch mit dem Vorsitzenden der holländischen Anthroposophischen Gesellschaft, Willem Zeylmans van Emmichoven. Damit endet auch in Holland Tombergs Mitarbeit im Rahmen offizieller anthroposophischer Zusammenhänge.

Mit dem Kölner Professor für Rechtsphilosophie Ernst von Hippel, mit dem er seit Jahren freundschaftlich verbunden ist, widmet sich Tomberg verstärkt Fragen religiöser Gemeinschaftsbildung und des religiösen Kultus. Nach ergebnislosen Gesprächen mit dem Erzoberlenker der Christengemeinschaft, Emil Bock, nähert sich Tomberg mit seinem nächsten Freundeskreis der katholischen Kirche an, in die er dann, wohl noch im Laufe des Krieges, eintritt. 1944 übersiedelt Tomberg nach Godesberg. Er beendet das bereits in Holland unter Betreuung von Hippel begonnene Jurastudium mit der Promotion. In diesen Jahren entstehen umfangreiche rechtsphilosophische Studien. 1948 erfolgt die Übersiedlung nach London, später nach Reading, um als Mitarbeiter der BBC die Aufzeichnungen des sowjetischen Rundfunks zu bearbeiten. Er führt ein zurückgezogenes Leben und beschäftigt sich, neben Vorträgen vor allem in katholischen Kreisen, mit der Niederschrift seines Spätwerks, das an die Werke französischer Okkultisten des 19. Jahrhunderts und an katholische Spiritualität anknüpft. Tomberg stirbt während eines Aufenthalts auf Mallorca, zwei Tage vor Vollendung seines 73. Lebensjahres.

Tomberg ist nach eigenen Aussagen bereits als 15-Jähriger aufgrund innerer Erlebnisse zu dem Entschluss gekommen, sich vollständig dem Ideal spirituellen Lebens zu widmen. Er ist zunächst beeinflusst durch die Werke russischer Esoteriker, etwa Gregori O. Meubius, dessen Tarot-Buch einen nachhaltigen Einfluss auf ihn ausübt. Der junge Tomberg steht Gruppierungen wie dem durch Papus neu gegründeten Martinisten-Orden nahe, ohne jedoch einer von ihnen beizutreten. Über die Theosophische Gesellschaft entdeckt er das Werk Rudolf Steiners. In einem 1921 geschriebenen Brief an Steiner – zu einer persönlichen Begegnung kommt es allerdings nicht – bekennt er sich zu der von ihm vertretenen Geisteswissenschaft, betont zugleich deutlich seinen Willen zu geistiger Selbstständigkeit und deutet auf Gefährdungen hin, denen er sich als auf okkulten Wegen Strebender bewusst ist. Tombergs anthroposophisches Werk der 30er-Jahre entfaltet die Intention eigenständiger – freilich auf Steiners Vorarbeit fußender – Geistesforschung auch literarisch. Nach einer Reihe von Einzelaufsätzen in der Zeitschrift „Anthroposophie“ entstehen in dieser Zeit die Betrachtungen über das Alte Testament, über das Neue Testament, über die vier Christusopfer, über die Grundsteinmeditation u. a.m. Ausgehend von Mitteilungen Rudolf Steiners gibt er dessen Forschungsergebnissen zum Teil neue Akzentsetzungen, gestaltet überraschende Zusammenstellungen disparat erscheinender Motive und ergänzt sie durch erweiterte Inhalte. Die konzis komponierten Studien der anthroposophischen Periode beziehen, aufbauend auf dem Begriffsvokabular Rudolf Steiners, auch eigene Strukturbegriffe ein, die gelegentlich zu okkult-meditativen Schemata verdichtet werden. Die in klarer Sprache gehaltenen Aufsätze sind von religiöser Hinwendung zu den behandelten Themen durchzogen und berücksichtigen moralische Dimensionen des okkulten Wissens und Strebens. Der Offenbarungscharakter der Anthroposophie erhält eine starke Betonung.

Manche Eigentümlichkeiten seiner deutsch verfassten anthroposophischen Schriften sind auch für sein Opus magnum der Spätzeit konstitutiv, dem in französischer Sprache geschriebenen, unter dem Autorennamen „Anonymus d’Outre Tombe“ posthum veröffentlichten „Große Arkana des Tarot“. Der Bezug auf Steiner, dessen methodische Anknüpfung an die neuzeitliche Wissenschaftskultur und der Gebrauch seiner Begriffsbildungen fallen hier allerdings vollständig weg. Bezugspunkte sind nunmehr die hermetische Tradition, die französischen Okkultisten des 19. Jahrhunderts, Dogmatik und Mystik des Katholizismus, daneben werden viele andere religiöse und spirituelle Traditionen illustrierend oder erläuternd mit einbezogen. Tomberg entwickelt, ausgehend von der Bildsymbolik der Tarot-Karten, einander differenziert durchdringende Geist-Ebenen – Mystik, Gnosis, Magie und hermetische Philosophie – zu einem kohärenten Lehrorganismus. In dessen Mittelpunkt steht eine Einweihungslehre, die sich um Christus als „Initiator von oben“ rankt.

Tomberg hat zu Lebzeiten und posthum innerhalb der anthroposophischen Bewegung stets polarisiert. Die Ursache liegt im Inhalt und in der Art seiner Lehrweise in beiden Perioden, nicht in streitbaren Charaktereigenschaften. Tomberg wird von nahen Freunden durchweg als freundlich, bescheiden und humorvoll geschildert. Gelegentlich finden sich auch Beurteilungen, die auf Beeinflussbarkeit deuten. Mit Sicherheit kann auf den außergewöhnlichen Fleiß, die intensive Lernfähigkeit und eine Lebensleistung geblickt werden, die unter zeitweise extrem schweren äußeren Bedingungen bescheidener Brotberufe und familiärer Belastungen in erstaunlicher Weise durchgehalten werden.

Die Auseinandersetzung um Tombergs Werk und Person ist weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. Verehrer Tombergs sehen in ihm einen legitimen Nachfolger Steiners als Eingeweihten und Geistesforscher, von einigen wird die Ebene des „Hermetismus“, die Tomberg vertritt, gegenüber der Anthroposophie als höher stehend verstanden, sein Wirken innerhalb des Katholizismus wird als eine Art Mission angesehen, die durch eine veränderte Zeitlage infolge der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs eingetreten sei. Kritiker lesen in Tombergs Fortschreiben der Anthroposophie in den frühen Schriften ein gedankliches Konstrukt als Resultat spiritueller Selbstüberschätzung, die Form und Inhalt seines katholisch-hermetischen Wirkens erscheint ihnen als unvereinbar mit anthroposophischem Streben. Die schärfste Ablehnung kommt von denjenigen Kritikern, die in ihm einen okkult inspirierten Gegner des Werks Rudolf Steiners sehen. Dass er mit Jesuiten in äußerem Kontakt gestanden habe, wie öfter behauptet wird, konnte dokumentarisch nicht nachgewiesen werden. Allerdings sei, so die Kritiker, „Jesuitismus“ im Sinne eines okkulten Gegenentwurfs gegen ein auf Freiheit bauendes esoterisches Christentum nicht unbedingt mit äußeren Kontakten verknüpft. Gewisse Gerüchte um ein angeblich fragwürdiges Ehe- und Sexualleben entbehren offenbar nachweisbarer Grundlagen.

Die in den anthroposophischen Schriften kaum zu ziehende Unterscheidungslinie zwischen Steiner und Tomberg, der dort wenig entwickelte wissenschaftliche und methodische Unterbau, welcher der eigenen Forschungsleistung zureichende Plausibilität oder gar Evidenz gäbe, machen es schwer, wenn nicht unmöglich, Tombergs damaliges Schaffen sowie sein „Sondergut“ sachlich zu würdigen. Eine Reihe von Menschen erlebt nach eigenen Aussagen an diesen Schriften aber wichtige Anregungen für ihr religiös-spirituelles Leben. Einige Zeitzeugen seiner Vortragstätigkeit schildern den tiefen Eindruck, den sie von seinem Sprechen empfangen haben. Erschwert wird der vorurteilsfreie Zugang zu seinem Wesensbild z.T. durch esoterische Ansprüche, die um Tomberg herum – sehr früh schon durch Belozwetow – aufgekommen sind und weiterhin aufkommen, aber auch durch Haltungen harscher Ablehnung ihm gegenüber.

Für die zweite Periode muss zunächst gelten und auch respektiert werden, dass Tomberg sich bewusst und willentlich aus den geistigen und sozialen Zusammenhängen der Anthroposophie gelöst hat. Esoterik kann, dem späten Tomberg zufolge, niemals Wissenschaft sein. Zwar bleibt Tomberg nach eigenem Zeugnis Rudolf Steiner als Mystiker innerlich in Verehrung verbunden, er lehnt aber nunmehr dessen zentrales Projekt, Esoterik und Okkultismus im Zusammenhang neuzeitlicher Wissenschaft zu entwickeln, entschieden ab. Damit wird ein wesentliches Moment der Steiner’schen Anthroposophie zurückgewiesen. Der späte Tomberg vertritt zwar nicht einen strengen „Traditionalismus“, etwa im Sinne René Guénons, der den Ertrag der neuzeitlichen Wissenschaftskultur samt und sonders ablehnt, er erweist sich aber als konservativer, wenn auch durchaus in vieler Hinsicht toleranter Esoteriker. Eine Reihe von Aussagen des Spätwerks – etwa die positive Würdigung des Papsttums und des Unfehlbarkeitsdogmas, der Exerzitien des Ignatius von Loyola oder seine eigenwillige Interpretation des Bösen – lässt sich kaum mit zentralen Anschauungsweisen Steiners zu diesen Themen vereinbaren. Duktus und Gebärde des dort niedergelegten esoterischen Weges als Ganzes unterscheidet sich in essenziellen Aspekten von dem in der Steiner’schen Anthroposophie angeregten. Wesentliche spirituelle Akzentsetzungen können zu der berechtigten Rückfrage Anlass gegeben, ob die Quintessenz dieses Wegs nicht von heute fälligen spirituellen Fähigkeitsbildungen in subtiler Weise ablenkt. Wie immer dies auch letztendlich zu beurteilen sein wird: Das Werk enthält in jedem Fall eine Fülle bemerkenswerter Darstellungen und Motive und darf in seiner Weise als bedeutend gewertet werden.

Tombergs Nähe und Ferne zur Anthroposophie erscheint in der Rückschau als ein Rätsel, aber auch als Herausforderung und Chance, sich eigener spiritueller Erkenntnisgrundlagen zu vergewissern. Eine besonnene, ergebnisoffene Erforschung dieses Rätsels, die mit liebevollem Interesse für die Individualität – ihre Vorzüge und ihre Problematik – keineswegs in Widerspruch steht, dürfte diesbezüglich fruchtbarer sein als alle Hagiographien und jede Polemik.

János Darvas


Werke: Anthroposophische Betrachtungen über das Alte Testament,
Tallinn 1933, Herdwangen-Schönach ²1989; Einige Ergebnisse der
Arbeit an der Grundsteinmeditation Rudolf Steiners, Tallinn 1936,
Herdwangen-Schönach ²1992; Anthroposophische Betrachtungen
über das Neue Testament, Bd. I/II, Tallinn/Rotterdam 1936/1938,
Herdwangen-Schönach ²1991; Geisteswissenschaftliche
Meditationen über die Apokalypse des Johannes, o. A.; Sieben
Vorträge über die innere Entwicklung des Menschen, Rotterdam
1938; Die vier Christusopfer und das Wiedererscheinen des Christus
im Ätherischen o. A., o. O. ³1994; Degeneration und Regeneration
der Rechtswissenschaft, Bonn 1946, o. O. ²1974; Die Großen
Arcana des Tarot. Meditationen, Bd. I/II/III/IV, o. A. 1972; o. O.
( 4 ) 2000; Lazarus, komm heraus, Basel 1985; Schlüssel zum
Geheimnis der Welt, Freiburg i. Br. 1987; Aufsätze 1930–1938, o. O.
1999; Aufzeichnungen. Vortragsnachschriften, Schönach 2001;
Übersetzungen ins Englische, Französische, Niederländische
und Schwedische erschienen; Beiträge in A, AP, Atn, Er, Her, G, KAA,
N.
Literatur: Lubienski, S.: Vor der Schwelle, Driebergen 1975,
Rendsburg ²1987; Kriele, M., Finsterlin, H.: Aufsätze, in: Er 1986,
Nr. 1, 2 und 3; Morgante, J.: Valentin Tomberg: Two Views. The
Tomberg Controversy, Barnetson, M.: Valentin Tomberg in Relation
to Rudolf Steiner, in: NAA 1990, Nr. St. Johns; Joseph, M.: Qui était
Valentin Tomberg?, in: Tou 1994, Nr. 31; Prokofieff, S. O., Lazaridès,
C.: Der Fall Tomberg, Dornach 1995; Heckmann, L.: Valentin
Tomberg. Leben – Werk – Wirken, Bd. I.1. 1900–1944/Bd. II.
Quellen und Beiträge zum Werk, Schaffhausen 2001; Röschert, G.:
Valentin Tomberg. Versuch einer Heimholung, in: DD 2002, Nr. 5.




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