Franz Thomastik
Thomastik, Franz

Musikinstrumentenbauer.

*26.04.1883 Holleschau/Mähren (damals Österreich-Ungarn)
†19.11.1951 Wien (Österreich)





Franz Thomastik widmete sich seit 1911 dem Musikinstrumentenbau. Dank seiner Entdeckung der Flachbandumspinnung für Streichinstrumentensaiten wurde – und ist – seine Firma „Dr. Thomastik und Mitarbeiter“ weltbekannt. Er war der einzige Fachmann auf diesem Gebiet, der mit Rudolf Steiner in einem wiederholten Austausch über eine Erneuerung der Musikinstrumente stand. Die wenigen aus seiner Hand erhaltenen gebliebenen Instrumente haben einen warmen, vollen Klang und zeigen in ihrer Gestaltung, dass Franz Thomastik in allen Einzelheiten eigene Lösungen suchte und seinem Stoff den Zauber elementarer Lebendigkeit einhauchen konnte.

Franz Thomastik wurde am 26. April 1883 im mährischen Städtchen Holleschau geboren. Sein Vater war Landwirt und Kaufmann. Als Franz den Wunsch äußerte, Geige zu spielen, sagte ihm sein Vater: „Dann baue dir selber eine.“ Später war ihm der Geigenklang allgemein unbefriedigend; er suchte nach neuartigen Klängen. Thomastik lernte Geigenbau in Markneukirchen und Mittenwald, studierte und wurde 1909 in Wien zum Doktor phil. promoviert – ein Jahr zuvor hatte er eine erste Begegnung mit der Anthroposophie.

Er baute in Wien eine Werkstatt auf und 1911 fand eine erste öffentliche Vorführung seiner neu entwickelten Streichinstrumente statt. Vom Kriegsdienst, zu dem er 1914 eingezogen wurde, kam er vier Jahre später mit einer Schussverletzung am Knie zurück, die ihm fortan das Gehen erschwerte. Nach Kriegsende musste er seine Wiener Werkstatt neu aufbauen und gab ihr 1921, angeregt durch die Ideen der sozialen Dreigliederung, den Namen „Dr. Thomastik und Mitarbeiter“.

Im Dezember 1920 hielt er einen Vortrag am Goetheanum (Nachwort Rudolf Steiners in GA 283). Er war ein glänzender Redner, 1920–22 hielt er zahlreiche Vorträge in Österreich und in Deutschland über Pädagogik, Dreigliederung und Musikinstrumentenbau. Dabei propagierte er die einheitliche Mittelschule und eine Wahlreform. Bei dem Wiener „West-Ost-Kongress“ 1922 wurden seine Instrumente vorgeführt. Sein Ideenreichtum und sein Tatendrang führten ihn dazu, gewagte Standpunkte vehement zu vertreten, gewiss war er kein anpassungs- und kompromissfreudiger Mensch. Als die Anthroposophische Gesellschaft in Österreich 1923 neu gegründet wurde, verweigerten er und seine Mitarbeiter ihre Eingliederung, sie bildeten eine „autonome Gruppe auf sachlichem Feld“.

Franz Thomastik war vor allem ein Erneuerer, der längst nicht alle Ideen ausarbeiten konnte, die er formulierte. Neben der Entwicklung neuartiger Saiten sind folgende seiner Innovationen bekannt: ein neues organisches Klangprinzip mit dem sog. Durchgehenden Steg; die Verwendung verschiedenster Hölzer im Geigenbau; die Veredelung der Hölzer in blutwarmen Wasserbädern; Versuche an Lack- und Kolophoniumsorten; ein neues Notenschriftdiagramm – „Diagramm Tonschrift von Franz Thomastik“ –; Pläne für eine Neugliederung der Streichinstrumentenfamilie (Thomastik 1922). Die Idee eines Septetts aus sieben verschiedenen Holzsorten wurde erst 1995 durch Arthur Bay realisiert. Ebenfalls dachte Franz Thomastik an die Realisierung eines Paukenharmoniums (ebd.). Einen neuartigen Konzertbau dachte er sich als Paraboloid.

1944 wurde die Firma samt allen Aufzeichnungen, Modellen und Vorräten durch eine Bombe zerstört. 1948 stellte Franz Thomastik eine neuartige Knieviola her und 1950 arbeitete er mit Ludwig Kremling an der Herstellung neuer Sorten „Künstler-Kolophonium“ mit Metallzusätzen. Die geplante Kolophoniumherstellung wurde von Renate M. Schmidt als „Liebenzeller Metall-Kolophonium“ fortgesetzt.

1951 starb Franz Thomastik am 19. November in Wien, nachdem im Jahr zuvor ein Schlaganfall seine Kräfte erheblich reduziert hatte. Außer der Firma in Wien arbeitete sein ehemaliger Lehrling Karl Weidler in Nürnberg, der seit 1952 mehrere Jahre in intensiver Zusammenarbeit mit dem Mitbegründer des Choroi-Impulses, Norbert Visser, stand.

Christian Ginat


Werke: Die Musikalische Bedeutung der Orchesterinstrumente, Vortrag am 18. Februar 1922 in München, Nachschrift von Konrad Weidler, Heidenheim; Die Stahlsaite als Kulturfaktor, Wien 1932.
Literatur: Infeld, O.: Dr. Franz Thomastik, in: N 1952, Nr. 2; Müllner, L.: Zwei Geigenmacher, in: N 1952, Nr. 39–41; Marx, D. [Hrsg.]: Neue Streichinstrumente, darin: Schmidt, R. M.: Franz Thomastik, Bexbach 1964, ²1984; Kremling, L.: Tonqualitäten und Bildgestaltungen, Dornach 1968; Weidler, K.: Über die neuen Weidler-Instrumente, in: MaD 1978, Nr. 123; Marx, D.: Bericht über die Entwicklung der Weidler-Streichinstrumente, Hamburg [1979]; Schmidt, R. M.: Der Geigenbauer Franz Thomastik, in: N 1983, Nr. 17; Hiebel, F.: Entscheidungszeit, Dornach 1986; Schöffler 1987.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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