Jan Stuten
Stuten, Jan Adriaan

Musiker, Dirigent, Bühnenbildner.

*15.08.1890 Nijmegen (Niederlande)
†25.02.1948 Arlesheim (Schweiz)









Jan Stuten war nicht nur Musiker, ihm war es auch gegeben, die vielen Aufgaben, die ihm das Leben zutrug, aufzugreifen und künstlerisch zu gestalten. Sei es als Schauspieler, Bühnenbildner oder Architekt: Sein Stilgefühl, das sich nie verkrampfte, auch in den bildenden Künsten wie in musikalischem Fluss immer neue Wege suchte, kann richtungsweisend bleiben.

Als junger Holländer, aus vermögenden Verhältnissen stammend, findet Jan Adriaan Stuten mit 21 Jahren in Vorträgen Rudolf Steiners über „Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes“ (GA 134) Richtung und Ziel seiner Bestrebungen. Nach einer musikalischen Grundausbildung in Holland richtet er seine Studienorte nach vorhandenen oder sich entwickelnden Zentren der anthroposophischen Bewegung. Dem Bratschen-Studium in Amsterdam und Utrecht folgen Köln (1910), wo es auch zu einer ersten Begegnung mit Rudolf Steiner kommt, München und Basel (1914) mit Komposition und Dirigieren. Er wohnt in Dornach und kann dort während des Ersten Weltkrieges bleiben. Vor allem zusammen mit Max Schuurman ermöglicht er Rudolf Steiner, in lockerer Folge Szenen aus Goethes „Faust“ einzustudieren, da die meisten anderen Männer von ihren Krieg führenden Nationen eingezogen wurden. Die Damen, die während des Krieges in Dornach bleiben konnten, entwickelten am „Faust“ viele neue Elemente der Eurythmie, die als wesentliches Stilmittel beitragen konnten zur späteren, zunächst gar nicht geplanten Gesamtaufführung. Jan Stuten spielt den Faust und komponiert die Musik. Rudolf Steiner gibt zum „Prolog im Himmel“ konkrete musikalische Motiv-Folgen. Diese erweisen sich auch in der weiteren musikalischen Durchführung als fruchtbar. So geht während des Krieges die Arbeit am Bau langsam, aber kontinuierlich weiter, bis das erste Goetheanum 1920 u. a. mit einer Komposition Jan Stutens provisorisch eröffnet wird.

Während des Silvester-Vortrags 1922 und der eurythmisch-dramatischen Darstellung des „Prolog im Himmel“ – nicht einmal zehn Jahre nach Baubeginn – brennt versteckt das Feuer, das bis zum nächsten Morgen den Bau in Asche legt. In der denkwürdigen, trotz der Brandkatastrophe beibehaltenen Aufführung des „Oberuferer Dreikönigs-Spiels“ am 1. Januar 1923 spielt Jan Stuten den Herodes.

1924 gibt Rudolf Steiner einen Kurs für Schauspieler über „Sprachgestaltung und dramatische Kunst“ (GA 282). Hier fanden sich zum großen Teil die Menschen und Gruppierungen, mit denen Marie Steiner später in intensiver, nie unterbrochener Schulung die Mysteriendramen, den „Faust“, die Dramen Albert Steffens und während des Zweiten Weltkriegs Dramen Friedrich Schillers einstudieren wird. Stuten lernt hier die Aufgaben und Ziele einer neuen Bühnenkunst kennen und in Bezug auf die Dekoration nicht die Formen, sondern die Farben nach bestimmten Regeln und Gesetzen zu stilisieren. Viele, oft einschneidende Ereignisse dieser und der folgenden Jahre finden sich nicht nur gespiegelt, sondern ins immer Gegenwärtige komponiert in Jan Stutens Werk. In den Musiken für Verstorbene „klingt zusammen ein Kult des Empfangens … Sie reichen in einer aus der Individualität des Verstorbenen wirkenden Art über die Schwelle des Todes hinüber.“ (Wörsching 1949).

1928 wird das zweite Goetheanum eröffnet. Stuten entwirft Bühnenbilder für die ersten Mysteriendramen, großflächig und großzügig, die nach 60 Jahren noch bespielt wurden. 1932 folgt der erste Teil des „Faust“, mit Musik und Bühnenbild von Jan Stuten, 1938 ist der ganze Faust fertig, bis auf den „Walpurgisnachts-Traum“, der erst 1946 aufgeführt wird. Daneben überträgt Stuten Entwürfe Albert Steffens für seine Dramen auf die Bühne und komponiert einleuchtend-entsprechende Musiken. Für die Eurythmie entstehen unter anderem musikalische Kompositionen zu „Olaf Åsteson“ und zu den „Zwölf Stimmungen“, der Tierkreis-Dichtung von Rudolf Steiner.

1934/35 wird am Basler Stadttheater seine Oper „Merlins Geburt“ aufgeführt und 1945 komponiert er „Lila“, ein Singspiel von Goethe. In dieser Zeit heiratet er Frida Geisel (genannt Heidi). 1935 entwirft er ein Haus, sein „Landhaus Stuten“ (heute „Haus Jenny“), im Süd-Westen des Goetheanum gelegen. Im frei gezeichneten Grundriss entdeckt er nachträglich geometrisch greifbare Kompositionsgeheimnisse. Dies Haus ist, charakteristisch für ihn, weniger persönlichen Bedürfnissen als den Gästen gewidmet: eine große und doch freundlich einladende Empfangshalle und ein nach außen mit einem Halbrund sich zu einem Naturpark öffnender und doch abgeschlossen wirkender Musikraum bestimmen die Mittelachse, auf einer Seite flankiert von einer winzigen Küche.

Wie kaum ein anderer hat Jan Stuten das künstlerische Leben am Goetheanum auch durch seine offene Geistigkeit mitgestaltet. Doch als nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern wieder frei geatmet werden konnte, schien Jan Stuten „vereinsamt und traurig“ zu sein. Die ihn am tiefsten angeregt hatten – Marie Steiner und Albert Steffen –, waren sich fremd geworden, und ihm war die Bühne und Dornach fremd geworden, obwohl mit 1949 ein großes Goethe-Jahr bevorstand. Stuten fühlte sich gedrängt, nach einem neuen Tätigkeitsfeld auszuschauen.

England wollte ihm diese Möglichkeit bieten. Christiaan, seinen Sohn, hatte er schon in ein Internat vorausgeschickt. Übersiedlung und Hausverkauf mussten vorbereitet und abgewickelt werden. Francis Edmunds, der ihm in letzter Lebenszeit tief freundschaftlich verbunden war und der ihm den Weg nach England bereitete, erzählt von einem bis in die Morgenstunden dauernden letzten Gespräch. Wenig später, am 25. Februar 1948, stirbt Jan Stuten. „Sein Ausdruck war unaussprechlich friedvoll, das gütigste Lächeln lag über ihm. Er staunte in die Ewigkeit …“ (Francis Edmunds).

Michael Blume


Werke: 90 Kompositionen zur Eurythmie bzw. Lieder mit Klavierbegleitung.
Musik zu 10 Dramen; Orchesterwerke zu Jahres-, Trauer-, Geburtstags-,
Einweihungs- und Richtfesten; mit anderen: Denkschrift 1925–1935, Dornach
1935; Tatsachenbericht I, Dornach 1945; Beiträge in N, G.
Literatur: Steffen, A.: Jan Stuten, in: G 1940, Nr. 34; Groddeck, M.: Jan
Stuten, in: Bef 1948, Nr. 23/24; Teichert, W., Wörsching, F.: In memoriam
Jan Stuten, Dornach 1949; Poeppig, F.: In memoriam Jan Stuten, in: MfM
1949, Nr. 9; Turgenieff, A.: Einige Erinnerungen an die ersten Dornacher
„Faust“-Aufführungen 1915–1918; in: BGA 1963, Nr. 10; Hagemann, E.:
Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; GA 260a,
²1987; Ginat, C.: Verzeichnis musikalischer Werke, Dornach ²1987;
Lindenberg, Chronik 1988; Froböse, E. und E.: Jan Stuten, in: BGA 1990,
Nr. 105; dies.: Im Gedenken an Jan Stuten. Jan Stuten zum 100.
Geburtstag, in: RRM 1991, Nr. 21; Veit, W.: Bewegte Bilder, Stuttgart 1993;
Hollenbach, H.: Erlebnisse aus den frühen Dornacher Jahren, in: RRM 1995,
Nr. 25; Jüngel, S.: Dem Goetheanum das Künstlertum hingegeben, in: N
1998, Nr. 32/33; Graf, W.: Leopold van der Pals, Dornach 2002.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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