Alexander Strakosch
Strakosch, Alexander

Ingenieur, Waldorflehrer.

*23.08.1879 Brünn (damals Österreich-Ungarn)
†05.02.1958 Dornach (Schweiz)





Alexander Strakosch war Lehrer an der ersten Waldorfschule. Für diese Tätigkeit gab er seine erfolgreiche Laufbahn als Ingenieur im österreichischen Staatsdienst auf. Jahrelang arbeitete er als Vorstandsmitglied der deutschen Anthroposophischen Landesgesellschaft.

Als das 20. Jahrhundert begann, war Strakosch, Sohn aus einer kultivierten jüdischen Familie, 21 Jahre alt. Gymnasiast in Brünn, liebte er fremde Sprachen, die Philosophen des klassischen griechischen Altertums und konnte mit Begeisterung ganze Gesänge Homers zitieren (eine Fähigkeit, die er bis ins Alter beibehielt). Er dachte aber nicht daran, nun etwa Gelehrter zu werden, denn „früh schon fühlte ich mich zur Technik hingezogen“. Ohne zu zögern entschloss er sich für einen damals modernen Beruf: Ingenieur im Eisenbahn- und Wasserbau. „Was mich zur Technik hinzog, das war das Leben in der Natur.“ Es war die Zeit der großen Bahnbauten in den Alpen. Was die Technik an Mechanismen und Maschinen schuf, sah er jedoch nur als Hilfsmittel an, nicht als den eigentlichen Zweck: „Ich wollte der Natur abringen, was Menschen für den Verkehr brauchten. Eine gütige Schicksalsfügung ließ mich dann auch nach vollendetem Studium einige Jahre als Ingenieur in den schönsten Gegenden der österreichischen Alpenländer verbringen.“ (Strakosch 1947, S. 8)

Die Studienzeit erlebte Strakosch als Absolvent der Technischen Hochschule größtenteils in München. Das reiche kulturelle Leben der Stadt fesselte ihn über alle Maßen. Er hatte seit seinem 15. Lebensjahr in seinen freien Stunden viel gemalt, modelliert und gezeichnet. Gegenüber der Hochschule befanden sich die alte und die neue Pinakothek und auch die Glyptothek war in der Nähe. Bald lernte er junge Künstler kennen. Er besuchte häufig das „Café Stephanie“, in dem Wedekind, Max Halbe und andere Berühmtheiten verkehrten. (Ebd., S.10) Es wurde später als „Café Größenwahn“ bekannt. Strakosch fand Eingang in den Künstlerkreis um Kandinsky, mit dem ihn bald ein freundschaftliches Verhältnis verband. Eine Schülerin Kandinskys wurde seine Frau: Maria Giesler. Sie machte sich später durch die Gründung einer anthroposophisch orientierten Malschule einen Namen. Sie heirateten 1906 in Meran.

Im Jahre 1908 reiste Strakosch mit seiner Frau zur Klärung einer beruflichen Angelegenheit nach Berlin. Freunde empfahlen ihnen dort den Besuch der öffentlichen Vorträge Dr. Steiners im Architektenhaus. Strakosch in seinen Lebenserinnerungen: „So ungewohnt, ja unerhört der Inhalt seiner Rede war, man zweifelte nicht einen Augenblick an dem, was er vorbrachte, man hatte den unmittelbaren Eindruck: Das ist einfach so!“ (Ebd., S. 21)

Am nächsten Tag lud Steiner das junge Paar zu sich in die Motzstraße ein. Strakosch erzählte ihm von seiner „Vorbereitung für die Geisteswissenschaft“: das vorausgegangene intensive Studium der „Welträtsel“ von Ernst Haeckel und seines sich „so großartig hinstellenden Systems“, denn es habe ihm „mit einem Schlage und endgültig die sachliche Unhaltbarkeit der materialistischen Weltanschauung“ gezeigt. (Ebd., S. 33)

Nach dem Berliner Aufenthalt übersiedelte Strakosch nach Triest. Aber die Verbindung zu Steiner und den Anthroposophen riss damit nicht ab. 1909 nahm Strakosch am Budapester Kongress teil, auch die im selben Jahr beginnenden und bis zum Ersten Weltkrieg durchgeführten Sommertagungen in München haben sie besucht. In seinem Erinnerungsbuch erzählt er von vielen Begegnungen mit Steiner in diesen Jahren, von Reisen mit ihm, Ferienaufenthalten an der Adria. 1911 besuchte Strakosch den Kurs „Eine okkulte Physiologie“ in Prag. Öfter reiste er nach München. Als dort die Idee eines Baus für die Mysterienspiele diskutiert wurde, sprach Steiner darüber mit Strakosch und zog ihn als technischen Berater des Johannesbauvereins heran. Nach Steiners Angaben fertigte er ein Modell (1 : 20), das beim Brand des ersten Goetheanum vernichtet wurde.

Ende 1912 übersiedelte Strakosch nach Wien. Er wurde dort Vorstand der K. u. K. Signal-Werkstätte Wien-Ost. Daneben war er als Primgeiger Mitglied eines Quartetts und Orchesters.

Für die Arbeit im Wiener Zweig empfahl ihm Steiner, er möge Geometrie-Kurse geben, die durch die Art ihres Fortschreitens eine Einführung in die Anthroposophie geben könnten.

Das Ende des Ersten Weltkriegs erlebte Strakosch in Wien. Als ihn dort 1919 die Kunde von der Dreigliederungsbewegung erreichte, fuhr er nach Stuttgart, wo Steiner gerade die Seminare für die künftigen Lehrer der Waldorfschule vorbereitete, an denen Strakosch teilnahm. „Von da ab begann ein neues Leben“, schreibt Strakosch. „Bisher hatte ich einen Beruf ausgeübt, in welchen ich nichts hineintragen konnte von dem, was mein inneres Streben, der eigentliche Inhalt meines Lebens war. Von jetzt ab durfte ich mich als ganzer Mensch mit allen Kräften einer Tätigkeit widmen, für welche überhaupt erst durch das Wirken Rudolf Steiners der Boden geschaffen worden war.“ (Ebd., S. 42 f.)

1920 siedelte Strakosch nach Stuttgart über.

Strakosch wurde zur Führung einer Klasse berufen. Er erteilte Technologie-Unterricht, in dem er Maßstäbe setzte. „Überhaupt lag diesem an der Technik und ihrer menschlich-sozialen Bedeutung interessierten Menschen am Herzen, dass die Schule mit dem modernsten Zweig des Lebens verbunden bleibe.“ (Killian 1977, S. 195)

Es blieb jedoch nicht nur beim Lehramt. Er wurde Vortragsredner bei der Dreigliederung und in Hochschulkursen, 1921 Leiter des Forschungsinstituts beim „Kommenden Tag“. 1922 war er in der Leitung des „West-Ost-Kongresses“ in Wien. Bis April 1933 arbeitete er auch als Vorstandsmitglied der deutschen Landesgesellschaft. Zugleich war er als Autor tätig. Seine Ausführungen über den Menschen und dessen Verhältnis zur Maschine sind noch heute von Interesse.

In den 30er-Jahren wurde Strakosch durch die politische und rassistische Entwicklung in Deutschland aus den Zusammenhängen der Schule herausgerissen. Von 1934 an begann eine Zeit der Vortragsreisen im Ausland, vor allem in Italien und Frankreich, wozu ihn die glänzende Beherrschung der Landessprachen befähigte.

1938 ließ sich das Ehepaar Strakosch endgültig in Dornach nieder, verbrachte aber, wenn irgend möglich, längere Zeiten in Italien, Frankreich, Deutschland und in der Schweiz. Auch nach 1945 besuchte er Schulen und nahm an pädagogischen Tagungen teil. Er beschäftigte sich mit Plänen für eine Differenzierung der Oberstufe und für den Ausbau eines praktischen Zuges, nahm also künftige Entwicklungen voraus.

  Herbert Hahn schreibt, drei Faktoren seien es gewesen, die Strakosch bis ins Alter hinein jugendlich in der Seele erhielten: Der erste Faktor war, „dass er unausgesetzt daran arbeitete, ein bodenbeständiges Verhältnis zu den großen Grundgedanken Rudolf Steiners zu entwickeln“. Zweitens habe er die so „entscheidende Fähigkeit entwickelt, immer neu am Leben zu lernen“. Und drittens habe er „mit kongenialem künstlerischen Verständnis“ miterlebt, was durch seine Lebensgefährtin, die Malerin Maria Strakosch-Giesler, an Schöpfungen hervorgebracht wurde. (Hahn 1977, S. 194)

Dem Wachsen und Werden von anthroposophischer Bewegung und Anthroposophischer Gesellschaft war Strakosch eng verbunden. Er erlebte deren Konflikte wie eigenes Schicksal. Von Grund auf ein gebildeter und geselliger, auf den Ausgleich bedachter Mensch, verstand er es, auch mit völlig Andersdenkenden Gespräche zu führen und Gegensätzen eine „dritte Richtung“ zu geben. (Streit 1958)

Mario Zadow


Werke: Mensch und Maschine, Stuttgart 1928; Gefahr und Überwindung.
Technik und Erziehung, Leipzig 1931; Pflanzenformen als Ergebnis des
Gegenspieles gestaltender Kräfte, Stuttgart 1933; autobiografisch:
Lebenswege mit Rudolf Steiner, Bd. I/II, Straßburg/Dornach 1947/1952,
Dornach ²1994; Selbsterziehung und Lebensgestaltung, Freiburg i. Br. 1953;
Leben und Lernen im Zeitalter der Technik, Basel 1955; Geometrie durch
übende Anschauung, Stuttgart 1962, Bern ²o. J.; Beiträge in Sammelwerken;
Übersetzung ins Serbokroatische erschienen; zahlreiche Beiträge in G,
weitere in N, BfA, DD, EK, MaD, MbW, Msch, MVL, NfG, RSS, Ssp, WdN, ZP.
Literatur: Krause-Zimmer, H.: Alexander Strakosch, in: MaD 1958, Nr. 43;
Hiebel, F.: In memoriam Alexander Strakosch, in: N 1958, Nr. 9; Streit, J.:
Alexander Strakosch und die Bewegung, in: MaB 1958, Nr. 17; Lauer, H. E.
und Streit, J.: Alexander Strakosch, in: BfA 1958, Nr. 3; Hagemann, E.:
Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Wiesberger,
H.: Zur Geschichte des Seelenkalenders und des Kalenders 1912/13, in:
BGA 1972, Nr. 37/38; Krause-Zimmer, H., Hahn, H. und Killian, R.:
Alexander Strakosch, in: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977;
Schöffler 1987; Volkmann, H. v.: Betrachtungen zum Kursus „Eine okkulte
Physiologie“, in: MSt 1992, Nr. 2.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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