Walter Stein
Stein, Walter Johannes

Waldorflehrer, Publizist, Heilpraktiker.

*06.02.1891 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†07.07.1957 London (Grossbritannien)







Walter Johannes Stein gehörte zu den markantesten Schülern und Mitarbeitern Steiners, war einer der herausragenden Lehrer der ersten Waldorfschule in Stuttgart und engagierter Redner für Anthroposophie und soziale Dreigliederung. Seit 1933 war er in England als Wirtschaftskorrespondent, Redakteur und schließlich als Heilpraktiker tätig.

Er wurde im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts geboren und wuchs mit seinem älteren Bruder in einer kultivierten Familie auf. Sein Vater war Rechtsanwalt ungarischer Herkunft; seine Mutter, Theosophin, stand ihm besonders nahe. „In ihrer fein beschwingten, musikalisch anmutvollen Art gab sie ihren Kindern all das Schöne, das gerade ein echt österreichisches und ein echtes Wiener Gemüt vermitteln kann.“ (Hahn 1957, Nr. 41, S. 134)

Als Schule wurde – obgleich die Eltern protestantisch geprägt waren – das katholische Schottengymnasium gewählt, eine ehrwürdige Studienstätte für die Söhne des gebildeten Mittelstandes. Die Benediktiner führten das Gymnasium in ungewöhnlich moderner Weise. Die Lehrer und die Bibliothek öffneten den Schülern den Zugang zur Gesamtheit der europäischen Kultur ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der römischen Kurie. So war es kein Wunder, dass die Schüler in dem Bewusstsein lebten, einer Elite anzugehören, auf die man stolz sein durfte.

Und doch brachte es der hochintelligente Walter Johannes Stein zustande, sitzen zu bleiben. So wurde er Klassenkamerad Eugen Koliskos, der schon bald sein engster Freund wurde – eine Freundschaft, die bis zu dem frühen Tod Koliskos 1939 währen sollte. Als Steins Mutter ihren Sohn zur Theosophie „bekehren“ wollte, wies er sie zurück, versprach aber, ein Buch zu lesen, wenn sie von ihrem Drängen ablassen würde. Die Mutter gab ihm Steiners „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“. Stein vertiefte sich in das Buch und nahm es auch mit in die Schule. Kolisko sah es auf dem gemeinsamen Schulweg. Er lieh sich das Buch aus und las es in einer Nacht. Beide fingen Feuer (vgl. Tautz 1989).

Die Gymnasialzeit brachte keine weiteren Probleme und nach der Reifeprüfung nahm Stein das Studium der Mathematik, Physik und Philosophie in Wien auf. Gleichzeitig setzte er sich mit den Schriften Steiners auseinander. 1913 hörte er einen Vortrag von ihm in Wien, war tief beeindruckt und wurde sein persönlicher Schüler. Steiner gab ihm einen Rat im Hinblick auf sein Studium: „Lesen Sie die philosophischen Werke von Berkeley, der die Existenz der Materie geleugnet hat, und die von Locke, der alles auf die Sinneswelt gründen wollte. Schreiben Sie dann eine Erkenntnistheorie der geistigen Wissenschaft, indem Sie jeden dieser beiden einseitigen Standpunkte vermeiden [...]. Lernen Sie die Fülle der Welt durch Aristoteles kennen und den Erkenntnisakt als solchen durch die Philosophie von Fichte.“ (Hahn 1957, Nr. 42, S. 202)

Als Artillerie-Offizier der österreichisch-ungarischen Armee nahm Stein am Ersten Weltkrieg teil, in dem sein geliebter Bruder fiel. 1918 promovierte er mit einer erkenntniswissenschaftlichen Arbeit unter dem Titel: „Historisch-kritische Beiträge zur Entwicklung der neueren Philosophie“. In der Dissertation realisierte Stein den ihm von Steiner gegebenen Rat. Trotz des Krieges konnte er die Inhalte gelegentlich mit ihm besprechen und es wurde die erste akademische Arbeit, in der anthroposophische Gesichtspunkte erfolgreich vertreten werden konnten (s. Stein/Steiner 1985). In demselben Jahr heiratete er Nora von Baditz, die in Dornach Eurythmie studierte, und begann sich für die soziale Dreigliederung einzusetzen. Mit seiner Rednergabe, seinem martialischen Feuer und seiner kompromisslosen Schärfe der Argumentation machte er die zahllosen Diskussionen und Versammlungen zu Arenen, in denen er einen Geisteskampf für eine soziale Zukunftsperspektive austrug.

Als im Sommer 1919 deutlich wurde, dass die Bemühungen um eine soziale Neugestaltung nicht zum Erfolg führten, gehörte Stein zu den ersten Lehrern der Stuttgarter Waldorfschule – allerdings nicht in den ihm vertrauten Fächern Mathematik und Physik, sondern als Lehrer für Deutsch und Geschichte. In das Gebiet der Geschichte arbeitete er sich mit dem ihm eigenen Enthusiasmus ein; er plante ein groß angelegtes Werk zur Weltgeschichte, von dem ein Band zum 9. Jahrhundert 1928 erschien, der damals und später nicht unumstritten blieb. Als Lehrer und Mensch wurde Stein zu einer der prägendsten Gestalten für die Schüler dieser neuen Schule. Neben seiner Freundschaft zu Eugen Kolisko entwickelte er enge Beziehungen zu seinen Kollegen Herbert Hahn, Karl Schubert und Caroline von Heydebrand. Auch mit Maria Röschl und Ernst Lehrs verband ihn ein produktives und nahes Verhältnis. In diesen persönlichen Beziehungen kam eine ganz andere Seite seines Wesens zum Ausdruck: Verbindlichkeit, Anmut und Charme, gepaart mit der Fähigkeit, jede dieser Freundschaften zu einem menschlichen Ereignis werden zu lassen.

Sein Einsatz für die anthroposophische Arbeit über die Tätigkeit in der Waldorfschule hinaus war ebenso ausgeprägt wie bei vielen seiner Kollegen der ersten Stunde. Rudolf Steiner charakterisierte ihn 1922 nach einem Kongress in Den Haag: „Dr. Stein ist durch eine innere anlagegemäße Verwandtschaft mit der anthroposophischen Denk- und Forschungsart von Jugend auf wie selbstverständlich in diese hineingewachsen. Er ist ein scharfer Denker und trägt Anthroposophie wie die Selbstoffenbarung der eigenen Persönlichkeit mutvoll vor [...] Sie [die Zuhörer] müssten zu der Überzeugung kommen, dass es sich bei Anthroposophie um eine gewissenhaft begründete Erkenntnis- und Lebenssache handelt.“ (Steiner 1921/22, S. 309)

Der Tod Steiners 1925 bedeutete für Stein einen tiefen Einschnitt in seinem Leben, vor allem auch deshalb, weil er nun nicht mehr die zahlreichen Fragen mit ihm beraten konnte, die durch eine intensiv betriebene spirituelle Entwicklung in ihm brannten. Sein bedingungsloses Eintreten, mehr noch aber sein temperamentvolles und nicht selten heftiges Engagement für die von Ita Wegman repräsentierte Auffassungsrichtung innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft nach 1925 wirkten unselig. Es führte ihn zunehmend ins Abseits unlösbarer Konfrontationen. Er gab seine Aufgaben und Funktionen in der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft 1928 auf – seit 1923 gehörte er deren Vorstand an – und verließ 1932 nach 13-jähriger Mitarbeit die Stuttgarter Schule.

Er folgte einer Berufung nach England. Dort suchte Daniel Nicol Dunlop einen Mitarbeiter für ein Forschungsbüro der 1924 gegründeten World Power Conference. Dieser weitsichtige und verantwortungsbewusste Weltmann und Okkultist hatte schon damals die Notwendigkeit gesehen, die Energiequellen der Erde bewusst, das heißt global und sozial, zu handhaben. Als Mitarbeiter und Partner für dieses gewaltige Unternehmen hatte er Walter Johannes Stein gewählt. Stein selbst schrieb 1933: „Ich bin ins Wirtschaftsleben übergegangen. Bin Leiter und Organisator eines Research-Büros der World Power Conference [...]. Ich korrespondiere mit 107 Staaten und sammle Wirtschaftsnachrichten, um sie zu publizieren.“ (Tautz 1989, S. 207) 1935 begann er die Mitarbeit an der von Dunlop begründeten Monatsschrift „World Survey“, einem Weltwirtschaftsdienst. Im gleichen Jahr starb Dunlop – Stein verlor kurz darauf seine Stellung. Viele seiner Möglichkeiten und Perspektiven konnten sich ohne Dunlop nicht mehr realisieren. Dennoch erschien im Dezember 1935 die erste Ausgabe der Monatsschrift „The Present Age“, einer anspruchsvollen Wirtschafts- und Kulturzeitschrift, die Stein auf Anregung von Dunlop gründete. Neben einem internationalen Mitarbeiterstab verfasste er selbst zahlreiche Artikel. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste die Zeitschrift aufgegeben werden.

Stein hatte bereits früh einen ausgeprägten Sinn für medizinisch-therapeutische Fragen. In den 20er-Jahren hatte er begonnen, sich umfassende medizinische Kenntnisse anzueignen, hatte am zweiten Medizinerkurs Steiners 1921 (GA 313) teilgenommen und seine enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit den Ärzten Ita Wegman und Eugen Kolisko führten zu einer Verbindung mit dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim sowie zur Mitarbeit an der medizinischen Zeitschrift „Natura“. Schließlich führte das Erleben der Leiden von Tropenkranken auf einer Nordafrikareise 1931 zu dem Entschluss, therapeutisch tätig zu werden. Während des Zweiten Weltkrieges begann er, diese Orientierung umzusetzen. Ausgehend von der Heilmittelherstellung, kam er zunehmend in Kontakt mit Patienten, die seine Hilfe suchten. Bis zu seinem Lebensende 1957 blieb er als Heilpraktiker tätig. Selbst bezeichnete er sich als „Quack“, als Quacksalber. Fehlte ihm auch ein reguläres, naturwissenschaftlich fundiertes Medizinstudium, so entsprach es dem Wesen Steins, ausgiebige Studien und Forschungen im medizinisch-therapeutischen Fragenkreis voranzutreiben. Neben seiner heilpraktischen Tätigkeit hielt er medizinische Vorträge und beriet praktizierende Ärzte. Er hinterließ zahlreiche Entwürfe und Ausarbeitungen zu einem medizinischen Buch, die sich mit geistesgeschichtlichen Grundlagen und spirituellen Perspektiven einer modernen Medizin befassen.

Der heutige, durch den Verlauf des 20. Jahrhunderts skeptisch und zurückhaltend gewordene Zeitgenosse teilt gewöhnlich nicht das Lebensgefühl von vielen Mitarbeitern Steiners, in Kürze einen einschneidenden Wandel in der inneren Haltung der Menschheit und in ihrem sozialen Handeln zu erwarten. In Walter Johannes Stein lebte aber genau dieses: Er brannte vor Eifer und immer wieder neuer Hoffnung, dass sich die Welt entscheidend verändern könnte, wenn nur die richtigen Verbindungen zustande kämen. So erhoffte er viel von dem belgischen König, reiste in die Türkei, um Kemal Pascha Atatürk zu bewegen, die soziale Dreigliederung einzuführen, und durch seine zweite Frau, die Holländerin Johanna Lungen, suchte er einen persönlichen Kontakt zu Winston Churchill zu finden. Tatsächlich hat er während des Krieges eine Mission für ihn ausgeführt.

Im England der Nachkriegszeit war Walter Johannes Stein wohl der geschätzteste anthroposophische Redner und füllte oftmals jede Woche den Saal im Londoner Rudolf Steiner-Haus – dem ersten Haus dieses Namens, das 1925 in zentraler Lage eröffnet worden war. Er behandelte geistes- und kulturgeschichtliche, historische, soziale oder wirtschaftliche, pädagogische oder therapeutische Fragestellungen, denen fundierte Studien, eine energische und unablässige Auseinandersetzung mit dem Werk Steiners und eigene Erfahrungen zugrunde lagen. Sein wienerisch intoniertes Englisch war manchmal fast unverständlich, stieß aber seine englischen Zuhörer, die überwiegend aus kultivierten Kreisen stammten, nicht ab. Sie konnten nicht verstehen, dass ein so intelligenter Mensch ihre Sprache nicht besser erlernen könnte, und erklärten sich die Sachlage mit der Annahme, dass er absichtlich so sprach.

Stein wohnte – obwohl er seine Frau Johanna häufig sah – im Hause von Rachel Carr. Sie war eine gebildete und wohlhabende Dame der guten Londoner Gesellschaft, war geschieden und lebte mit ihren zwei jugendlichen Kindern in einem schönen Haus. Durch sie fand Stein etwas, was er bisher entbehrt hatte: eine Frau, die von ihm unabhängig war und die doch für ihn da war. Sie fehlte selten in einem seiner vielen Vorträge und fuhr ihn in ihrem Wagen zu den meisten Veranstaltungen außerhalb Londons. Die gesellschaftlichen Verhältnisse im England der frühen 50er-Jahre tolerierten allerdings diese Lebensform für einen Mann des öffentlichen Lebens nicht. Steins Leben im Hause von Rachel Carr bedeutete: „He is living in sin.“ Und so musste der für die anthroposophische Arbeit damals verantwortliche Cecil Harwood, der mit Stein befreundet war und sein Engagement ebenso schätzte wie seine umfassenden Kenntnisse, seine öffentliche Vortragstätigkeit im Rudolf Steiner-Haus einstellen.

Walter Johannes Steins Leben hinterlässt den Eindruck eines stürmischen Beginnens, dessen Abbrüche offensichtlich sind. Er lebte ganz in dieser Welt und genoss viele ihrer Freuden, aber wenn er über das Leben des Geistes sprach, fühlte der Zuhörer, dass er auch da ganz zu Hause war. Er war Kettenraucher und starb an den Folgen einer Operation im Alter von 66 Jahren.

Rudi Lissau/Bodo v. Plato


Werke: Die moderne naturwissenschaftliche Vorstellungsart und die
Weltanschauung Goethes, wie sie Rudolf Steiner vertritt, Konstanz
1919, Stuttgart ²1921; Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph,
Stuttgart 1920, ²1921; Die Dreigliederung des sozialen Organismus,
o. O. 1922; Weltgeschichte im Lichte des heiligen Grals, Stuttgart
1928, (4)1986; Die Arbeitsfrage in Geschichte und Gegenwart,
Stuttgart 1932; Das Gold in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart
1932; Was ist der Westen dem Osten schuldig?, Stuttgart 1932;
Erziehungsaufgaben und Menschheitsgeschichte, Stuttgart 1980; Der
Tod Merlins. Das Bild des Menschen in Mythos und Alchemie, Dornach
1984; W. J. Stein/Rudolf Steiner: Dokumentation eines
wegweisenden Zusammenwirkens, Dornach 1985 (enthält die
kommentierte Neuausgabe von Steins Dissertation); Beiträge in
Sammelwerken; viele kleinere Werke in englischer Sprache;
vervielfältigte Vortragsnachschriften; Übersetzungen ins Englische,
Italienische und Schwedische; zahlreiche Beiträge in AGB, AÖ, AT,
BeH, C, DD, DsO, EK, Er, Fw, G, K, MaD, MbW, MM,
N, Na, PA, Tom, VOp, WdN, ZP.
Literatur: Steiner, R.: Meine holländische und englische Reise, in: G
1921/22, Nr. 39; Hahn, H.: Walter Johannes Stein, in: MaD 1957 und 1958,
Nr. 41, 42, 44, 46; Zaiser, G.: In memoriam Walter Johannes Stein, in: BfA
1957, Nr. 9; Lewers, A.: Dr. Stein in England, in: GBl 1959; Grosse, R.:
Erlebte Pädagogik, Dornach 1968, ²1975; Husemann, G. u. a. [Hrsg.]: Der
Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Meyer, T.: Ludwig
Wittgenstein – Walter Johannes Stein, in: DD 1986, Nr. 1; Schöffler 1987;
Deimann 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Meyer, T.: Walter Johannes Stein,
Eine Lebensskizze, in: MaD 1989, Nr. 167; Tautz, J.: Walter Johannes Stein.
Eine Biografie, Dornach 1989; von Wistinghausen, D.: Walter Johannes Stein,
in: Mst 1990, Nr. 5; GA 259, 1991.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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