Carl Jerome Bessenich
Bessenich, Carl Jerome Jérome

Maler, Grafiker.

*22.06.1893 Burg Gladbach, Kreis Düren/Rheinland (Deutschland)
†13.09.1973 Dornach (Schweiz)

Als Leiter der Sektion für Bildende Künste hat Jérôme Bessenich das Leben am Goetheanum über 15 Jahre lang mitgestaltet.

Jérôme Bessenich wurde am 22. Juni 1893 in Burg Gladbach, Kreis Düren, Rheinland geboren. Der Vater, ein erfolgreicher Landwirt, Besitzer der alten Wasserburg in der fruchtbaren Dürener Gegend, hatte wenig Sinn für den musischen Knaben. Die Mutter verstand ihn. Sie war fromm und ging jeden Morgen um sechs Uhr zur Messe und ließ den kleinen Sohn als Ministranten aufnehmen.

Der ältere Bruder war ein schöner fescher Junge, Frömmigkeit und Künstlerisches lagen ihm fern. Er war der ausgesprochen bevorzugte Liebling des Vaters. Jérôme hatte bei seiner Geburt ein Muttermal an der rechten Seite des Kinns. Man wollte es mit der Hilfe von Röntgenstrahlen entfernen und verbrannte ihn derartig, dass er zeitlebens einen großen unschönen dunkelblauroten Flecken behielt.

Jérôme hatte die Begabung für die Malerei mitgebracht. Kleine Landschaftsskizzen des Siebenjährigen wirken wie von einem erwachsenen Könner. Erstaunlich, wie er sich da im Hell-Dunkel ausdrückt, keine linearen Konturen zeichnet, wie es sonst Kinder tun. Er hat von Flora, der Blumengöttin, erzählen gehört. Er malt sie über eine grasgrüne Wiese eilend, mit wehendem Kleid, das Füllhorn in der Linken, mit der Rechten Blumen streuend., ein rührendes Bildchen des Sechsjährigen. Alles, was seine Phantasie berührt, will er malen.

Der Vater wollte den Sohn zum Landwirt erziehen, also wollte er ihm den Künstler frühzeitig austreiben. Das Malen wurde verboten. Am Sonntagmorgen malte er heimlich in einem ungeheizten leeren Turmzimmer. Sein Malpapier legte er auf den Fußboden. Farben hatte ihm eine Tante geschenkt.

In der Messe, bei Weihrauch und Kerzenlicht fand sein kindliches Herz, was es ersehnte. Beim Ministrieren fiel ihm aber einmal das schwere Messbuch zu Boden, ein schlimmes Erlebnis. Er schämte sich zu Tode.

Er war ein guter Schüler. Die Dorfschule und das Gymnasium in Düren besuchte er gerne. Alles was zu den schönen Wissenschaften gehört, liebte er. Nachdem er das Abitur mit Leichtigkeit bestanden hatte, verlangte der Vater, dass er Landwirtschaft studierte. Er musste in Heidelberg in ein Corps eintreten. Die Usancen des Corps-Lebens: Mensuren schlagen, Trinken, dem Vorgesetzten „parieren“, auch wenn er das Blödsinnigste verlangt, setzten ihm furchtbar zu. Jérôme bekam eine schwere Gelbsucht. Sein Patenonkel, ein Medizin-Professor, rettete ihn aus dieser Hölle. Er kam nach Strassburg, aber immer noch zum Landwirtschaftsstudium, was er absolut nicht wollte. Er meldete sich dort zum Militär. Er war ein guter Reiter, der Umgang mit Pferden war ihm vertraut. 1913 wurde er Husar, 1914 kam er in den Krieg. Damals ritt man noch mit aufgepflanztem Bajonett auf den Feind los. Er wird dreimal verwundet und kommt nach Bonn ins Lazarett. Jetzt erklärt er dem Vater eindeutig, dass er niemals Landwirt werden wird. Der Vater ergrimmt und enterbt ihn. Der Bruder war gefallen, die Schwester erbt mit ihrem Mann das Gut.

Das ihm verbleibende Pflichtteil des Vermögens reicht ihm, Botanik in Bonn zu studieren. Er macht seinen Doktor und wird Assistent bei Professor Fitting am Botanischen Institut. Dort lernt er auch seine Frau kennen, die ebenfalls Naturwissenschaft studiert und die er 1921 heiratet.

Jérôme hatte einige Malerfreunde gewonnen. Helmuth Macke, ein Verwandter von August Macke, brachte ihn in das Haus von August Mackes Witwe. Dort trifft er viele Maler und findet viel Anregung.

Er begegnet dem Bruder von Felix Peipers, der in Bonn die Irrenanstalt als Psychiatrie-Professor leitet. Seine Tochter, Inge Peipers, befreundet sich mit Bessenichs, heiratet den Geiger Karl Glaser, der Anthroposoph ist, und bringt Bessenich in den Kreis um Hans Hoesch, der ein großer Musik-Mäzen in Kabel bei Hagen in Westfalen war. Hoesch besaß in seiner Instrumentensammlung Streichinstrumente von Amati, Stradivari und Jacobus Steiner. Das Geheimnis des Lackes beschäftigte ihn, da dieser eine große Rolle für den Klang des Streichinstruments spielt. Er ließ auch neue Instrumente bauen. Mit Bessenich, der sich mit dem Firnis der Ölmalerei der Renaissance befasst hatte, konnte er einen sehr guten Geigenlack entwickeln.

In diese Zeit fällt seine Begegnung mit der Anthroposophie.

In Bonn geht er frühmorgens, ehe die Arbeit im Institut beginnt, in den Bonner Hofgarten malen. Er studiert Anthroposophie, so gründlich und konsequent, dass er bald den Bonner Zweig leitet.

1927 kommt er das erste Mal nach Dornach, wird aber nicht in die Malschule von Henni Geck oder Hildegard Boos-Hamburger aufgenommen. Bei Mieta Waller-Pyle studiert er die Skizzen zur Kuppel-Malerei.

Nach diesem Aufenthalt in Dornach wurde er schwer krank. Eine Kopf-Grippe macht ihn einige Jahre unfähig, seine Arbeit zu tun. Bessenichs zogen sich auf einen kleinen Landsitz im Siebengebirge über dem Rhein – Oberdollendorf – zurück. Frieda Bessenich verdiente das Geld als Repetitorin, die Studenten auf ihre Examina vorbereitete. Ohne die ständige Fürsorge seiner Frau hätte Jérôme nie seinen Weg gehen können.

Sie verwandte alle ihre hervorragenden Fähigkeiten: Intelligenz – Organisationstalent – Geschick im Umgang mit Menschen – in erster Linie für ihn; damit er malen konnte. In Dollendorf entstanden die ersten Aquarelle. Bisher hatte er in Öl oder Pastell gemalt. Der Einfluss der französischen Impressionisten war bemerkbar.

Als er sah, dass nach der Machtübernahme Hitlers kein Boden für einen Anthroposophen und Künstler seiner Art sei, ließ er alles hinter sich und zog 1934 nach Dornach. Hier wurde er gerne empfangen, wohl bekannt durch sein Wirken in Bonn.

In der Atelier-Wohnung des Hauses Blommenstein lebten die Bessenichs auf kleinstem Raum mit ihrem elfjährigen Sohn Wolfgang. Es gab nur das Atelier und zwei ganz kleine Zimmer. Aber es konnte sich hier ein weltweites Leben entfalten. Viele Gäste aus anderen Ländern kamen. Die Mitarbeiter des Goetheanum trafen sich hier u.a. Friedrich Häusler, Günther und Richard Schubert, Herrmann Wilhelm Weissenborn, Waldemar Schornstein, Paul Bühler. Jérôme zeichnete Rötelportraits von allen.

Tagsüber verlief das Leben in strengster Disziplin. Jérôme brauchte die Morgenstunden zum Malen und Arbeiten. Kein Mensch durfte ihn stören. Er lernte Sprachen. Nach einem halben Jahr sprach er so gut Französisch, dass er in Paris Vorträge hielt und Ausstellungen machen konnte. Für seine Italienreise lernte er Italienisch.

Seine Frau tat auch hier alles, um ihm die nötige Ruhe zu geben.

Nach kurzer Mittagspause verließ er auf seinem Fahrrad mit Skizzenblock das Haus zum „Motive suchen“. Im Birstal mit Bäumen und Büschen, in der Ermitage in Arlesheim fand er sie reichlich. Die Landschaft um Dornach war damals noch ganz paradiesisch. Bei schlechtem Wetter ging er trotzdem „sich umschauen“.

Abends war er gerne gesellig. Frau Bessenich spielte ein kleines Clavicord und sang dazu Mozart-Arien oder Bach. Es wurde Flöte gespielt oder Gedichte wurden vorgelesen. Jérôme saß immer dabei und skizzierte die Szene. Er ging in jede Eurythmie-Aufführung.

Als er nach Dornach kam, wurde er oft wegen seiner Bilder mit weiblichen Akten angegriffen, die manche Hüter der „Zucht und Sitte“ in Dornach streng verurteilten. Er bekam anonyme Briefe. Er schüttelte nur den Kopf und meinte, die Empfindungen, mit welchen diese Leute seine Bilder betrachteten, seien nicht seine Sache. Auf die Frage, warum er meist weibliche Gestalten male, antwortete er, diese seien weniger verfestigt und dem Urbild näher und er malte getrost so, wie er es gut fand.

Es trat die Frage an ihn heran, eine Ausstellung einzurichten. Die erste kleine Ausstellung machte er im sogenannten „Backofen“ der Schreinerei, einem kleinen Oberlicht-Saal. Beteiligt waren die Holländer C. A. Feldmann und Johann van Laer, Gräfin Sophie Schönborn und Bessenich selbst.

Er begann die Ausstellungen am Goetheanum einzurichten. Er öffnete die Tür für viele Künstler – auch jene, die noch nicht Rudolf Steiners malerischen Anregungen verfolgten, die aber gerne ihre Kunst mit dem Goetheanum verbinden wollten, und die er für gute Maler ansah. Es waltete Großzügigkeit in den Ausstellungen. Die Gefahr der Weltanschauungskunst war gebannt. Jetzt hielt auch die gegenstandslose Malerei ihren Einzug.

Im Jahr 1957 wurde Bessenich zusammen mit Emil Schweigler zum Leiter der Sektion für Bildende Künste berufen. Es gibt wohl kaum zwei unterschiedlichere Maler als diese beiden. Schweigler, der Grafiker, nahm seinen Anfang bei den Farbübungen von Rudolf Steiner und wurde langsam zum Maler. Bessenich brachte alles von Anfang an mit und musste dann seinen neuen Weg suchen. Sie waren verschieden wie Morgen- und Abendröte.

Bessenich liebte die südlich maritimen Landschaften. An der Côte d‘Azur in Südfrankreich, in Triest, in Ostia bei Rom, in Pompei ließ er sich inspirieren. Pompei mit seinen Fresken und dem rauchenden Vulkan hatte es ihm angetan. 1939-45 war Ascona am Lago Maggiore sein Ferienort. Im Saleggi, der Ebene um die Maggia-Mündung, mietete man billige Quartiere – See und Berge ringsum. Er malte viel in Ascona. Viele Freunde trafen sich dort während der Kriegszeit (Niunia und Ralph Kux, Gräfin Sophie Schönborn, Jan Stuten, Margarete Eckinger, Gerhard Schmidt, Waldemar Schornstein mit Familie). Jérôme saß morgens auf seinem Klappstühlchen im Maisfeld oder am Seeufer und malte die Umgebung. Es sind viele schöne Landschaftsbilder entstanden. Er verkaufte seine Bilder gut. Die Landschaften mit Bäumen, die Blumenbilder, meist die leuchtenden Sommerblumen Mohn, Rittersporn, Akelei, Iris, goldene Schafgarbe und Heliantus, schmücken viele Räume in vielen Ländern. Die Farben klingen. Der Komponist Leopold van der Pals komponierte eine „Bessenich-Suite“ zu dem Bild „Blumenprozession“. Albert Steffen sagte einmal scherzhaft: „Stoßt ins Horn, stoßt ins Horn! Geboren ist der Rittersporn.“ In vielen Dornacher Gärten wurde plötzlich Rittersporn angepflanzt. Hinzu kommen zunehmend geheimnisvoll mythologisch anmutende Bilder. Dazu führte ihn wohl die Frömmigkeit der Kindheit im Katholizismus, verwandelt durch die Christologie Rudolf Steiners. Er hatte auch eine starke Beziehung zum Griechentum.

Durch den 1956 erschienenen Bildband „Zwischen Mond und Sonne“ mit den farbigen Bildtafeln und Aphorismen zur Kunst lernen wir diese Bilder deuten. In der Gedichtsammlung „Von der Rechtfertigung des Schönen“ spricht er sich als Dichter aus.

Landschaften mit Meeresküsten und flammenden Vulkanen – die Gottesmutter vor der Kathedrale und hineinverwoben jene weiße Gestalt, die er immer sucht, von der es im Gedicht „Ostern“ heißt:

„Der weiße Jüngling dessen reine Glieder/bei der Gefangennahme in der Au/Gethsemanes erschienen für die Brüder/steht als Erfüller an des Grabes Bau.“ Diese Gestalt finden wir auf vielen dieser Bilder.

Frieda Bessenich leitete das Blut-Kristallisationslabor im Glashaus und arbeitete mit vielen Ärzten zusammen. Die finanzielle Lage war gesichert, von Deutschland bekamen sie wieder Geld aus ihrem Vermögen. Bessenichs bauten ein Haus, und Jérôme hatte einen herrlichen Blumengarten, in den er direkt vom Atelier gehen konnte. Er war umgeben von Bäumen und blühenden Sträuchern. Aber er war oft krank und dann kein einfacher Patient. Eine empfindliche Reizbarkeit war ihm seit seiner Krankheit 1927 geblieben.

Als seine Frau 1969 an einem Herzinfarkt starb, war das ein schwerer Schlag für ihn. Er war verwaist. In der Casa Christoforo, Ascona, und in der Ita Wegman-Klinik, Arlesheim, wurde er oft aufgenommen. In Dornach gab eine Haushälterin der anderen die Türe in die Hand. Das Schwerste war, dass er zunehmend erblindete. Das Malen wurde unmöglich.

Gedichtet hat er noch kurz bis vor seinem Tod. 1972 heiratete er Lena Wehner, seine letzte Hausdame. Er war dann sehr oft in der Ita Wegman-Klinik, und zuletzt in der Altersabteilung des Dornacher Bezirks-Spitals.

Dort starb er voll bewusst. Kurz vor seinem Tod sagte er: „Das muss jetzt auch noch getan werden“.

Diese letzten schweren Jahre hat er heroisch getragen.

Ilse Hackländer


Werke: Zwischen Mond und Sonne. Ein Bilderbuch, Basel 1942; Fragmente in
Versen. Gesammelt von Freunden des Malers, o. O. 1953; Klassische und
romantische Malerei im Zusammenhang mit Goethes Weltanschauung, o. A.;
Zwischen Mond und Sonne. Fragmente, Dornach 1956; Die Rechtfertigung des
Schönen, Dornach 1957; Gegenstand und Erscheinung, Dornach 1962; Tod und
Auferstehung im Kunstwerk. 16 Vorträge aus den Jahren 1936-1964, o. A.;
zahlreiche Aufsätze und Gedichte in G und N, weitere in DD.
Literatur: Boos, R.: Atelierbesuch, in: G 1930, Nr. 23; Bühler, P.: Ausstellung
Carl Jérôme Bessenich und Walter Linsenmaier, in: G 1944, Nr. 18; Künstler
aus dem Kreis des Goetheanum, Bern 1945; Hiebel, F.: Zur
Jubiläumsausstellung von Jérôme Bessenich, in: G 1963, Nr. 31; Gleiny, C.:
Eine Ausstellung von Jérôme Bessenich, in: G 1966, Nr. 39; Hagemann, E.:
Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970;
autobiographisch: Kurzes Schlußwort zu einer langen Lebensarbeit, in: N
1971, Nr. 48; Baltz, K. v.: Jérôme Bessenich, in: N 1973, Nr. 47.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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