Alexander Baron von Bernus
Baron von Bernus, Alexander Oskar

Dichter, Publizist, Alchemist.

*06.02.1880 Aeschach bei Lindau/Bodensee (Deutschland)
†06.03.1965 Schloss Donaumünster bei Donauwörth (Deutschland)



In Alexander von Bernus verbinden sich der seherische Dichter und der okkulte Alchemist. Nimmt man sein Wirken als Herausgeber, Übersetzer englischer Lyrik, Stiftsherr und Freund von Dichtern, Malern, Musikern hinzu, darf man sein Leben als eine Art Gesamtkunstwerk betrachten.

Ungewöhnlich war der Lebensbeginn. Sein Vater, der bayerische Major Grashey, gab den Säugling zur Adoption an den Schwager, den Kaufmann Friedrich A. von Bernus (1838–1908). Die ersten Kinderjahre verlebte von Bernus im englischen Manchester, wo der Adoptivvater Teilhaber einer Tuchfirma war. 1887 zog er mit den Eltern nach Heidelberg. Nachhaltig prägte ihn dort die Atmosphäre des Stifts Neuburg, eines im Neckartal gelegenen ehemaligen Klosters, das der Familie als Erbteil zugefallen war.

Das ganze Stift war „gesättigt mit Astralität“, schrieb von Bernus später, „ich wartete von Dämmerung zu Dämmerung darauf, dass irgend etwas Jenseitiges sich mir mitteile, denn dass dies möglich sei, das fühlte ich, das unterlag für mich gar keinem Zweifel“ (Wachsen am Wunder, 1943). Als 13-Jähriger entdeckte er auf dem Schulweg die Schrift „Der Spiritismus“ (1893) von Carl du Prel und kaufte sie. Nachts traf er sich mit seinem Vetter zu spiritistischen Versuchen in der Stiftsbibliothek.

Nach dem Abitur in Speyer diente er bei den Badischen Leibdragonern in Karlsruhe. 1902 nahm er als Leutnant den Abschied, um in München Literatur und Philosophie zu studieren.

In Schwabing erblühte seine vielfältige Begabung. Am Ankunftstag besuchte er die Elf Scharfrichter, wenige Tage danach wurde er Mitherausgeber der Münchner Wochenschrift „Der Salon“, die er bis 1905 unter dem Titel „Freistatt“ weiterführte. Diese Tätigkeit sowie die von ihm gemeinsam mit dem Dichter Will Vesper 1907 ins Leben gerufenen „Schwabinger Schattenspiele“ erschlossen ihm Begegnungen und Freundschaften mit Künstlern und Literaten von Rang: Detlev von Liliencron, Frank Wedekind, Karl Thylmann, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke, Alfred Mombert, Friedrich Gundolf, Ricarda Huch, Karl Wolfskehl und Stefan George. Alexander von Bernus gehörte dem George-Kreis nicht an, aber er schloss lebenslange Freundschaften mit George-Verehrern wie dem Musiker Wilhelm Petersen, den Zeichnern Rolf von Hoerschelmann, Melchior Lechter und Karl Thylmann. Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Alfred Kubin. Vor dem Ersten Weltkrieg verbrachte er die Sommerwochen auf Stift Neuburg mit Münchner Freunden.

Die Schattenspiele (mit beweglichen Figürchen) waren das letzte bedeutende künstlerische Ereignis im Vorkriegsschwabing. Viele Stücke schrieb von Bernus selbst. U. a. wurde auch Justinus Kerner aufgeführt. Die ersten beiden Gedichtbändchen veröffentlichte von Bernus 1903/04; 1910 folgte „Sieben Schattenspiele“, 1912 das Mysterienspiel „Tod des Jason“.

Trotz seiner „angeborenen Veranlagung für das Okkulte“ (ebd.) machte ihn erst Hoerschelmann mit der Theosophie bekannt, als von Bernus ihm von seinen Rückerinnerungen an frühere Leben erzählte. Hoerschelmann besorgte ihm die wichtigsten theosophischen Werke von Helena Petrowna Blavatsky. „Das war eigentlich der Anfang meines Werkes zu diesem ganzen okkulten, theosophischen Gebiet und von da kam ich dann zur Astrologie, zur Alchemie und zur esoterischen Medizin, der mittelalterlichen Medizin und dann habe ich das meiste aus dem Paracelsus natürlich.“ (Rundfunkinterview vom 6.2.1952)

Im Herbst 1910, zur Zeit seiner ersten alchemistischen Versuche, begegnete von Bernus in München Rudolf Steiner. Beide empfanden große Sympathie füreinander. Wohl 1911 trat von Bernus in die Theosophische Gesellschaft ein. 1913 bot er Rudolf Steiner für den Bau des Goetheanum „geschenkweise“ Stiftsgelände an, doch die Entscheidung war bereits für Dornach getroffen.

Der wichtigste Beitrag von von Bernus zur anthroposophischen Bewegung, der er bis zum Tode Steiners angehörte – seine Bewunderung und Achtung Rudolf Steiner gegenüber war ebenso eindeutig wie seine ablehnend-kritische Haltung den meisten Anthroposophen und der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber –, war die Begründung der Vierteljahresschrift „Das Reich“. Sie erschien erstmals im April 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, und sollte eine Brücke zwischen der Anthroposophie und den literarisch-künstlerischen Zeitströmungen sein. Sie bestand bis 1920.

Rudolf Steiner schrieb den Eröffnungsaufsatz („Die Erkenntnis vom Zustand zwischen dem Tode und einer neuen Geburt“) und begrüßte das Unternehmen lebhaft. Die ersten anthroposophischen Autoren waren Carl Unger, Ernst Uehli, Albert Steffen, Felix Peipers; später kamen Hans Wohlbold, Alexander Strakosch und Ernst August Karl Stockmeyer hinzu. 1917 gründete von Bernus in München das Kunsthaus „Das Reich“ als Veranstaltungsstätte für Vorträge, Dichterlesungen und Ausstellungen.

Im Juli 1921 begründete von Bernus auf Stift Neuburg das spagyrisch-pharmazeutische Laboratorium „Soluna“. Nach dem Verkauf des Stifts (1926) führte er das Laboratorium in Stuttgart und später auf seiner Besitzung Schloss Donaumünster weiter. Erstaunlicherweise wurde es von den Nationalsozialisten nicht geschlossen, obgleich von Bernus mehrfach ihren Unwillen erregte. 1939 bescheinigte ihm ein parteitreuer Kritiker der Stuttgarter Monatsschrift „Literatur“ nach dem Erscheinen von „Mythos der Menschheit“, „dass derartige Offenbarungen heute zum Kompetenzbereich der Sicherheitsorgane gehören“. Im Oktober 1943 wurde von Bernus aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.

Nach 1945 publizierte er eigene Übertragungen englischer Lyriker. Als Literat und Dichter war er dem englischen Symbolismus, der Pansophie des 17. Jahrhunderts und der Romantik verhaftet. Der Verbindung von Dichtung und alchemistischer Weisheit gab von Bernus in dem Leitgedicht der Sammlung „Gold um Mitternacht“ den wohl schönsten Ausdruck.

Mario Zadow


Werke: Aus Rauch und Raum (L), Berlin 1903; Leben, Traum und Tod (L),
Berlin 1904; Pan. Romantisches Schattenspiel, München 1907; Maria im
Rosenhag (L), Karlsruhe 1909, ²1912; Die gesammelten Gedichte 1900–1915,
München 1918; Gesang an Luzifer, Weimar 1923, Nürnberg ³1961; Christspiel,
Weimar 1930; Alchymie und Heilkunst, Nürnberg 1936, Dornach 5 1994;
Wachsen am Wunder, Gelnhausen-Gettenbach 1943, Heidelberg ³1984; Das
Goldene Vlies (L), 1946; Schlosslegende, Nürnberg 1949; Die Blumen des
Magiers (E), Nürnberg 1950; Der Gartengott, Heidelberg 1960; Sieben
Mysterienspiele (D), Büdingen 1957; Novellen, Nürnberg 1984; Übersetzung
ins Französische erschienen; Beiträge in BeH, BfA, CH, EK, Er, G, I, R.
Literatur: Kars, G.: Das lyrische Werk von von Bernus, Dissertation, Wien
1937; Worte der Freundschaft für Alexander von Bernus (mit Bibliografie),
Nürnberg 1950; Wulf, B.: Alexander von Bernus, in: CH 1965, Nr. 2; Schmitt,
F. A.: Alexander von Bernus, Dichter und Alchymist. Leben und Werk in
Dokumenten (mit Bibliografie, 443 Titel), Nürnberg 1971; Zaiser, G.:
Feierstunde für Alexander von Bernus, in: MaD 1971, Nr. 98; Wehr, G.:
Alexander von Bernus – Dichter und Alchymist, in: G 1972, Nr. 12; Sladek,
M., Schütze, M.: Alexander von Bernus, Nürnberg 1981; Deimann 1987;
Gehlhaar, S.: Kreuzwege zum Geist, Darmstadt 1989.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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