Peter Schilinski
Schilinski, Peter

Lehrer, Sozialwissenschaftler.

*23.09.1916 Berlin (Deutschland)
†24.12.1992 Wasserburg/Bodensee (Deutschland)









Peter Schilinski setzte sich fast ein halbes Jahrhundert für sozialgestalterische Gedanken auf anthroposophischer Basis ein. Seine Tätigkeit hatte eine gewisse Breitenwirkung.

Er wurde in einer streng katholischen, bürgerlichen Familie geboren. Im 16. Lebensjahr erlitt er einen Unfall, von dem eine starke Gehbehinderung zurückblieb. Nach einem Studium in Berlin und Greifswald arbeitete er als Erzieher und Lehrer in Pommern, bis er nach Schleswig flüchtete. Er hatte geheiratet und eine Tochter bekommen, doch nach 1945 lebte er getrennt von seiner Familie.

Zunächst war er Mitglied einer sozialistischen Basisgruppe, entdeckte aber bald durch seine existentiellen Interessen an sozialen Problemen durch Lektüre der „Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) die Anthroposophie. Von da an setzte er sich unermüdlich schriftlich und mündlich dafür ein, die revolutionären Gesichtspunkte und Orientierungen Steiners in einem gegenwärtigen Kontext, vor allem gegenüber jungen Menschen zu erschließen. Bald fand er Gleichgesinnte und wurde Mitbegründer der Witthüs-Teestuben auf Sylt, ein Arbeits- und Lebenszusammenhang, in dem er 1954–70 maßgebend tätig war.

Mit seinen Initiativen war er einer der Vorläufer der pazifistischen Ostermarsch-Bewegung und kämpfte unermüdlich gegen atomare Aufrüstung und die Wiederbewaffnung Deutschlands. In der APO-Zeit setzte er sich in Berlin für soziale Gestaltungsperspektiven auf Grundlage der Dreigliederung ein. Er begründete 1958 mit Ursula Weber die „Zeitschrift für Jedermann“ (später charakteristischerweise „Jedermensch“), redigierte und verkaufte oft selbst das stets politisch engagierte Blatt, das bald einen aktiv mitdenkenden Leserkreis um sich gruppieren konnte. Mit finanzieller Unterstützung dieser Gruppierung konnte 1971 ein Bau für das Internationale Kulturzentrum Achberg erworben werden, dessen Unterhalt aus Pachterträgen der Sylter Teestuben ermöglicht wurde. Als ein Hauptvertreter des „dritten Weges“ zwischen sozialistischen und kapitalistisch-liberalen Gesellschaftsmodellen rief er Sympathisanten und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft immer wieder zu sozial-orientiertem und politisch-engagiertem Handeln auf.

Im Oktober 1972 war er Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Dreigliederung des sozialen Organismus. 1976 begründete er das Modell Wasserburg, dessen Zentrum die Wohn- und Arbeitsgemeinschaft Gasthaus/Hotel Eulenspiegel war. In Hamburg gründete er eine zweite Teestube als engagiertem Ort der Kommunikation.

Er öffnete durch seine unausgesetzte Aktivität und seinen Gegenwartsbezug zahlreichen Menschen einen Zugang zu den Ideen und Realisierungen der Anthroposophie. Als cholerischer Außenseiter mit einem erfahrungsgesättigten, herzhaften Denken wurde er von vielen geliebt, von anderen gemieden. Persönlich ging er den Weg einer systematischen Geistesschulung. Wie so viele Menschen, die sich in erster Linie um die soziale Frage bemühen, stand er sich nicht selten selber im Weg, litt darunter, arbeitete daran. Er war ein moderner Mensch im besten Sinne, ein Suchender, Irrender, sich immer erneut Bemühender.

In seinen letzten Lebensjahren ist seine körperliche Behinderung gravierender geworden, doch führte er seine Gesprächskreise für soziale Dreigliederung und Anthroposophie bis kurz vor seinem Tod weiter. Seine Initiativen werden von seinen Schülern heute noch weitergepflegt.

Jan Pohl


Werke : Modelle gesellschaftlicher Neuordnung, Berlin 1970; Mann/Frau, Frau/Mann-Erfahrungsberichte, Bd. I/II, Wasserburg 1984; Der Meditationsweg des Abendlandes, Wasserburg 1984, ²1994; Kommentare zu den „Kernpunkten der sozialen Frage“, Wasserburg 1984, ²1994; Wahrheit und Liebe verbinden (mit Beiträgen über ihn), Wasserburg [1995]; Soziale Dreigliederung. – Eine Einführung , Wasserburg 1998; Liebe ist Interesse am anderen, Wasserburg 1998; Beiträge in I3, Je, ZFJ.
Literatur : Brüll, R.: Der „Eulenspiegel“ des „Modell Wasserburg“, in: I3 1978, Nr. 2; Reisch, G. u. a.: Am Morgen des 24. Dezember, in: Je 1993, Nr. 566; Brutschin, R.: Blitzlicht aus Wasserburg, in: Je 1993, Nr. 567; ..., M., Andres, C.: Lieber Peter!, in: Je 1993, Nr. 568; Koschek, D.: Blitzlicht aus Wasserburg, in: Je 1993, Nr. 571; Kerl, T.: Blitzlicht aus Wasserburg, in: Je 1993, Nr. 577; Neve, M: Zum Tod von Peter Schilinski, in: La 1993, Nr. 1; Aregger, G.: Zum Tod des „Dreigliederers“ Peter Schilinski, in: Ggw 1993, Nr. 1.




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