Gertrud Spörri
Spörri, Gertrud

Mitbegründerin der Christengemeinschaft.

*08.12.1894 Bäretswil, Kanton Zürich (Schweiz)
†16.07.1968 Rüti, Kanton Zürich (Schweiz)





Mit einer Schwester und einem Bruder wuchs Gertrud Spörri auf. Ihr Vater hatte eine überschuldete kleine Weberei von seinem Bruder übernommen. Gertrud verließ bald die Schule und half dem Vater im Betrieb als Sekretärin. Im Ersten Weltkrieg arbeitete sie als Fürsorgerin in Zürich, auch noch in der Nachkriegszeit. Der Sohn eines wohlhabenden Fabrikbesitzers löste 1913 die Verlobung mit ihr. Sein Vater hatte von der unvorteilhaften Verbindung abgeraten. Aber die Schwester dieses Verlobten machte die 18-jährige Gertrud auf die Anthroposophie aufmerksam. Sie las „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“. Ab 1916 reiste sie von Zürich oft an Wochenenden nach Dornach und hatte manche Gespräche mit Rudolf Steiner.

Am Reformationstag 1916 hörte sie einen Pfarrer predigen: „Wir brauchen eine neue Reformation!“ War das alles?, fragte sich die junge Schülerin der Anthroposophie. – Im folgenden Jahr sah sie während einer Predigt innerlich einen Menschen am Altar und eine Kanzel zur Verkündigung und bemerkte erschreckend, dass sie das selber war. Das Bild blieb ihr und langsam reifte in ihr – auch durch viele Gespräche gefördert – der Entschluss, Theologie zu studieren. Zunächst wurde sie im Frühjahr 1918 Schülerin an einem privaten humanistischen Gymnasium und legte 1920 das Abitur ab.

Als einzige Frau unter 50 Studenten und um einige Jahre älter studiert sie nun Theologie in Basel, an fünf Tagen in der Woche. Am Wochenende ist sie fast immer in Dornach. Im Theologiestudium ist sie ohne besondere menschliche Kontakte tätig. Ihr reift alles Suchen zu der Frage: Wer ist Gott, was ist Gott, wo ist Gott? Gibt es geistige Grundlagen für die Taufe, für das Abendmahl

Im Mai 1920 fragt sie Rudolf Steiner zu diesem Lebensthema. Er antwortete, man müsse sich „der Kanzel bemächtigen“, dazu könne er noch viel intimer sprechen als jetzt zu den Ärzten, ob es andere Interessierte gäbe; im Frühjahr seien zwei Marburger Studenten mit ähnlichen Fragen da gewesen. (Gädeke 1992, S. 100) – Spörri hatte die Marburger Martin Borchart und Johannes Werner Klein im Februar in Dornach getroffen, aber sie bemühte sich nicht um einen Kontakt mit ihnen, sondern blieb allein mit ihrer Frage, ob man als Pfarrer im Sinne der Anthroposophie wirken könne.

Im Herbst nahm Gertrud Spörri am ersten anthroposophischen Hochschulkurs (GA 322) zur Eröffnung des ersten Goetheanum teil. Sie traf das Ehepaar Borchart, Rudolf Meyer, wohl auch Gottfried Husemann; aber Johannes Werner Klein, der von seiner Frage an Rudolf Steiner hätte berichten können, war nicht da.

Erst Anfang April 1921 traf sie Klein in Dornach. Jetzt tauschten sie ihre Gespräche aus und bemerkten, dass Rudolf Steiner auf eine Anfrage wartete. Klein formulierte sie. Spörri suchte Interessenten. In Berlin, wo sie weiter studieren wollte, traf sie Emil Bock. Der interessierte seinen Kreis. Spörri fuhr nach Stuttgart und nun kam es zu dem denkwürdigen Treffen von Spörri mit J. W. Klein, Ludwig Köhler und Gottfried Husemann, bei dem die endgültige Eingabe entstand und man schließlich zu Rudolf Steiner gebeten wurde (24. Mai 1921). Rudolf Steiner sagte, man müsse freie Gemeinden gründen, ein Kultus müsse sein, selbstverständlich müssten Frauen gleichberechtigt mitarbeiten. Ob der Kreis aller Interessierten in drei Wochen in Stuttgart zusammenkommen könne, das alles ausführlich zu besprechen

Gertrud Spörri erlebte in der aktiven Arbeit für die Bildung einer neuen religiösen Gemeinschaft die fruchtbare Erfüllung ihres Strebens. Jetzt organisierte sie den ersten Theologenkurs (GA 342), dann, dort angeregt, den zweiten in Dornach (GA 343). Sie sorgte für Quartiere, für die Verpflegung; sie leistete die ganze Korrespondenz, besorgte das Geld und die Reisedokumente für etwa 120 Teilnehmer in drei Wochen. Entsprechendes tat sie für die Gründungswochen 1922 und ein drittes Mal 1924, als die Gründer der Christengemeinschaft zum Apokalypsekurs (GA 346) in Dornach um Rudolf Steiner versammelt waren.

Im Winter 1921/22 fiel Gertrud Spörri wegen Krankheit und Tod ihres Vaters in der Schweiz lange Wochen für die Arbeit der „Zentralstelle“, die man in Berlin für die werdende Gemeinschaft eingerichtet hatte, aus.

Erst ab März 1922 kamen die Aktivitäten wieder in Fluss. Rudolf Steiner hatte eine Memorandenaktion vorgeschlagen und fragte anlässlich eines Treffens in Berlin jeden Teilnehmer, wo er im Sommer eine erste Gemeinde bilden wolle. Die wirklich Gründungswilligen versammelten sich im August zur Vorbereitung in Breitbrunn/Ammersee und fuhren anschließend nach Dornach. Mit den ersten Weihehandlungen am 16. und 17. September im Weißen Saal des ersten Goetheanum wurden 45 Priester geweiht, auch Gertrud Spörri. Sie übernahm in der Priesterhierarchie das Amt des Titular-Oberlenkers. Sie hatte durch das intensive Studium von „Wahrheit und Wissenschaft“ (GA 3) und durch das Erlebnis des Sterbens ihres Vaters innerste Sicherheit und Kraft zu diesen Schritten gewonnen.

In Stuttgart gründete Gertrud Spörri mit Friedrich Rittelmeyer und Emil Bock die Gemeinde und war außerdem ständig tätig für die Priesterschaft im Sinne ihres Amtes, besonders in der Entwicklung der Kultusgegenstände und im Kontakt mit Rudolf Steiner. Ihr ist die Initiative zum „Pastoral-Medizinischen Kurs“ (GA 318) zu verdanken, den Rudolf Steiner im September 1924 hielt. Er hat ihr als erster Priesterin in vielen Gesprächen geholfen, ihre Aufgaben zu leisten, was – z.B. unter so vielen Männern – nicht immer leicht war. Auf seinen Vorschlag hin beschäftigte sie sich intensiv mit der Geschlechterfrage und veröffentlichte aus diesen Arbeiten später die Bücher „Die Frau am Altar“ und „Uroffenbarungen der Liebe im Werden der Menschheit“. Ebenso lebte sie immer intensiv mit dem Prolog des Johannes-Evangeliums, woraus die Schrift „Die göttliche Bestimmung des Menschen“ entstand.

Die herausragende Lebensleistung aus der Anthroposophie und für die Christengemeinschaft ist hiermit skizziert.

Die Tragik ihres Lebens bestand darin, dass sie ihr Gelübde, die Kultusformen nicht zu ändern, brach. Friedrich Rittelmeyer musste sie beurlauben, sie vom Amt entbinden und sie erklärte am 6. März 1933 ihren Austritt.

Ihrem Lebensmotiv, immer anderen zu helfen, ist sie weiter nachgegangen, zunächst in verschiedenen sozialen Tätigkeiten in Deutschland, anschließend in der Schweiz für das Internationale Rote Kreuz und in einer Tuberkulose-Heilstätte. Nach einer Hüftoperation starb sie an einer Thrombose in der Nähe ihres Geburtsortes.

Rudolf F. Gädeke


Werke: Die Frau im Priesterberuf, Stuttgart 1929; Die Frau am Altar,
Stuttgart 1931; Der Jünger (E), o. O. 1934; Die göttliche Bestimmung des
Menschen, Augsburg 1948; Die Vermittlung des religiösen Lehrgutes, in:
Ein Weg zur notwendigen religiösen Erneuerung, Berlin o. J.; Uroffenbarungen
der Liebe im Werden der Menschheit, München [1965]; mit Beil, H. E. A.:
Gib mir das Wort – oh Herr – gib mir das Schweigen (L), Hamburg 2001;
zahlreiche Beiträge in CH, weitere in FB, N.
Literatur: Thiersch, H.: Gertrud Spörri, in: MaB 1969, Nr. 46; Schöffler 1987;
Gädeke, R. F.: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach 1992;
Gehlhaar, F.: Die Christengemeinschaft 1924–1945, Darmstadt 1992; GA
343, 1993; GA 344, 1994.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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