Julius Solti
Solti, Julius

Arzt.

*13.04.1899 Szigetvár (damals Österreich-Ungarn)
†08.03.1983 Hamburg (Deutschland)







Als umfassend ausgebildeter praktischer Arzt trug Solti wesentlich zum Aufbau der anthroposophischen Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg bei. Seine Wurzeln hatte er bei Paracelsus und in den Tempellehren des alten Ägypten.

Sein Vater Gyula Solti war Oberbuchhalter einer Sparkasse, die Mutter Amalie, geb. Weichart, entstammte einer in Szigetvár ansässigen gut situierten Bäckerfamilie. Sein Bruder war sechs Jahre älter. Als katholischer Messjunge nahm Julius tiefe Eindrücke auf. Er besuchte ein deutschsprachiges Gymnasium in Pécs und legte am 1. März 1917 das Abitur ab. Er wollte Musiker oder Ingenieur werden, wurde aber zunächst als Kanonier in den Ersten Weltkrieg geschickt. An der Front reifte sein Entschluss, Medizin zu studieren – ein Traumbild, in dem ein ägyptischer Tempelweiser ihn auf den Arztberuf hinwies, bestärkte ihn. Er begann sein Studium 1919 in Graz – als armer Student, der zeitweilig nicht einmal ein Paar zueinander passender Schuhe besaß. Am 17. Juni 1921 legte er das Rigorosum ab.

Durch einen Vortrag von Eugen Kolisko begegnete er im Frühjahr 1922 der Anthroposophie. Er erhielt von Rudolf Steiner eine Karte für den Wiener „West-Ost-Kongress“ im Juni. Nach dem Kongress wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. 1923 missbilligte er die Gründung der Freien Anthroposophischen Gesellschaft und zerriss seine Mitgliedskarte. Seine reuige Bitte um Wiederaufnahme erfüllte Steiner nicht mehr. Sie erfolgte erst im Dezember 1925 im Pythagoras-Zweig, Hamburg.

Über München gelangte er 1923 zur Fortsetzung des Studiums nach Leipzig, wo er mit Unterbrechungen bis 1927 im Hause der Schriftstellerin Elise Wolfram wohnte. Er promovierte im November 1924 mit einer Arbeit zum Verständnis des Gallensäurestoffwechsels („Oberflächenspannungsbestimmungen bei Körperflüssigkeiten“). Bis Juli 1927 assistierte er an Leipziger Kliniken und wäre gerne Chirurg geworden, hatte aber keine sichere Hand. Über kurze Stationen in der Stuttgarter Klinik von Otto Palmer und bei Friedrich Husemann in Freiburg kam er im Juni 1928 an den Sonnenhof nach Arlesheim, wo er auf Ita Wegman stieß. Ihre Begegnung verlief unglücklich. Sie schlug ihm vor, als Assistent zu Viktor Thylmann, dem ersten anthroposophischen Arzt in Hamburg, zu gehen.

1929 stabilisierten sich seine Lebensverhältnisse: Am 4. Juli erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft; am 10. Juli die Approbation als Arzt; am 1. August heiratete er die Sprachgestalterin Erna Knauer – bei der Hochzeit in Dornach vollzog Marie Steiner die Trauung, Guenther Wachsmuth war der Trauzeuge; am 29. August wurde er in Hamburg als Arzt zugelassen. Noch 1929 eröffnete er seine Praxis in der Rothenbaumchaussee 24, in der er – abgesehen von der Kriegszeit – bis zu seinem Tod erfolgreich praktizierte. Er wurde Schularzt der Freien Goethe-Schule Wandsbek. Soltis waren im Pythagoras-Zweig, den Hermann Poppelbaum leitete, aktiv. 1930/31 gründete er gemeinsam mit Paula Dieterich die Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Altona.

Nach der Abberufung Ita Wegmans aus dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft1935 gehörte er zu jener Gruppe von Ärzten, die in Verbindung mit dem Goetheanum-Vorstand die Gestaltung der Arbeit der Medizinischen Sektion bis zur Bestätigung des Sektionsleitungskollegiums im November 1935 übernahm.

Der Zweite Weltkrieg führte ihn zunächst in die Karpaten. Seit April 1941 nahm er als Stabsarzt am Süd-Ost-Feldzug teil, wirkte bis Juni 1943 im Kriegslazarett Saloniki und Dimotika auf Kreta. Im Herzen Griechenlands schrieb er im Sommer 1943 ein hymnisches Gedicht an Aton, den ägyptischen Sonnengott der Amarnazeit. Am 8. August 1944 geriet er in Gefangenschaft und wurde nach Ägypten überführt. Im Lager hielt er Vorträge über den Faust und die „Philosophie der Freiheit“, die unter den Gefangenen viel Beachtung fanden. Von April 1946 bis August 1947 war er außerhalb des Lagers als Arzt im General Hospital in Quassasin tätig.

Zurück in Hamburg eröffnete er im Herbst 1947 erneut seine Praxis und setzte sich für die von Paula Dieterich, Johannes Hemleben, Hans Börnsen und Werner Bohm begonnene anthroposophische Arbeit ein. Im Mai 1950 trat er in den Vorstand der Hamburger Anthroposophischen Gesellschaft ein und hielt mehrjährige Kurse, vor allem über die „Philosophie der Freiheit“ und die „Anthroposophischen Leitsätze“ (GA 26). Später kamen Kurse über die „Okkulte Physiologie“ (GA 128) und über Christologie hinzu. Im Oktober 1949 wurde er auf Vorschlag Dieterichs in den Beraterkreis des provisorischen Arbeitskollegiums (Vorstand) der künftigen Landesgesellschaft, den bis heute bestehenden „Mitarbeiterkreis“, aufgenommen. Seit 1954 vertrat er das Arbeitszentrum Hamburg im Vertreterkreis der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Auf alle erdenkliche Weise förderte Solti das Entstehen der Eurythmie-Schule Hamburg, deren Leiterin Carina Schmid er von Kindesbeinen an kannte. Auch die Gründung der Rudolf Steiner-Buchhandlung ist ihm zu verdanken.

Von wesentlicher Bedeutung für das medizinische Wirken Soltis war der Hinweis Steiners aus dem Jahre 1908, dass die Heilkunde von Paracelsus „ein Wiederaufleben dessen ist, was in den Tempeln des alten Ägyptens gelehrt wurde“ (GA 106, 3. Aufl., S. 177). Elise Wolfram hatte eine Skizze der paracelsischen Konstitutionsmedizin ausgearbeitet. Das Ideal einer Medizin, die durch einen individuellen Schulungsweg okkulte Naturkenntnis mit christlichem Heilerwillen verbindet, durchdrang in der Zusammenarbeit mit ihr Soltis Seele. Rückblickend nannte er sie oft seine eigentliche Lehrerin. Julius Solti verstand Ita Wegmans Idee, die Erneuerung der Medizin als Wiedergewinnung einer griechischen Mysterienmedizin aufzufassen, nicht. Er lehnte das rundweg ab.

In seiner Vortragstätigkeit vermittelte er vor allem große kosmologische Überblicke, besonders beschäftigte ihn der Zusammenhang des Herz- und Atemrhythmus mit dem Kosmos und dem christlichen Mysterium. Hannelore Heitmann, die ihm in den letzten Lebensjahren eng verbunden war, empfand, dass die musikalischen Impulse seiner Jugend in seine Vorträge eingeflossen sind, sie seien seine Symphonien gewesen.

Eine besondere Eigentümlichkeit Soltis war sein schleppender Gang mit kurzen Schritten. Dabei zog er die Beine mehr hinter sich her, als dass er sich darauf stützte: „Ich habe das Gefühl, meine Beine sind wie hineingesteckt in meinen Körper“, verriet er einmal.

Am 7. März 1983 betrat er unvorsichtig die Straße und wurde von einem Auto erfasst. Die ganze rechte Seite war betroffen, Kopf, Arm und Bein. Die Ärzte des Krankenhauses St. Georg hofften, doch zeigte sich, dass auch noch eine Lungenquetschung vorlag. Am nächsten Tag trat der Tod ein.

Rolf Speckner


Werke: Oberflächenspannungsbestimmungen bei Körperflüssigkeiten.
Dissertation, Leipzig 1924; Beiträge in N.
Literatur: Dieterich, P., Börnsen, H.: Zum 70. Geburtstag von Dr. med. Julius
Solti, in: N 1969, Nr. 15; Kühl, A.: Julius Solti, in: MaD 1983, Nr. 145; Selg, P.
[Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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