Alice Sauerwein
Sauerwein, Alice

Verlegerin, Übersetzerin, Generalsekretärin der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankreich

*12.07.1865 Marseille (Frankreich)
†11.02.1932 Montreaux (Schweiz)







Für Alice Sauerwein war die Begegnung mit Rudolf Steiner das entscheidende Ereignis ihres Lebens; ihr Wirken zeichnete sich durch ein ununterbrochenes Streben aus, dieser Begegnung würdig zu werden, die tieferen Intentionen Rudolf Steiners zu erkennen und diesen – unter Hintansetzung aller persönlichen Wünsche und Vorstellungen – zu dienen. Darum war Alice Sauerwein lange Zeit die wesentlichste Stütze Rudolf Steiners in Frankreich.

Sie wird als zweites von acht Kindern und als die ältere Schwester Jules Sauerweins geboren. Der Vater war 1848 aus dem Rheinland nach Frankreich gezogen, die Mutter stammte aus Nantes. Marseille als Schmelztiegel der Kulturen und Nationen prägte das Leben der streng protestantischen Familie.

Mit dem Tod ihrer Mutter im Jahre 1894 muss Alice Sauerwein schon frühzeitig Verantwortung übernehmen und persönliche Ziele und Wünsche den so entstandenen Familienpflichten opfern; ein Charakterzug, den diese eigenwillige und starke Persönlichkeit ihr ganzes Leben weiterentwickeln wird. Nachdem sie in Marseille erste Beziehungen zur theosophischen Bewegung geknüpft hat, geht sie 1898 nach Paris und wird für kurze Zeit Leiterin der Clinique des Batignolles, was ihrem – allerdings niemals ausgelebten – therapeutischen Interesse entspricht. 1903 tritt sie in die Theosophische Gesellschaft ein und lernt im August 1909 Rudolf Steiner und Marie von Sivers ( Marie Steiner) in München persönlich kennen – nachdem ihr Bruder Rudolf Steiner schon im Februar 1907 in Wien begegnet war und ihr von diesem Treffen sicherlich berichtet hat. Sehr schnell wird sie empfunden haben, dass diese Begegnung ihrem Leben eine klar gezeichnete Richtung geben sollte.

Im Jahre 1911 trifft Alice Sauerwein in London Mabel Collins (1851–1927), eine theosophische Schriftstellerin, die durch ihr kleines Buch „Light on the Path“ berühmt geworden war und die aus dem Munde von Alice Sauerwein zum ersten Mal von Rudolf Steiner hört. Mabel Collins, die auf ihrer eigenen Suche nach einer modernen Spiritualität in Konflikte mit H. P. Blavatsky gekommen war, wird für Alice Sauerwein zu einer Freundin, sodass Letztere neben zwei kleinen Schriften von Blavatsky auch den Roman von Mabel Collins „The Idyll of the White Lotus“ aus dem Englischen ins Französische übersetzt. – Ende 1911 begründet Alice Sauerwein in Paris eine erste, zur Theosophischen Gesellschaft gehörende Gruppe, der sie den Namen Rudolf Steiners gibt, was auf den erbitterten Widerstand der französischen Theosophen um Charles Blech stößt. Nachdem Annie Besant am 7. März 1913 die Gründungsakten der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zurückgezogen hat und damit der Zusammenhang Rudolf Steiners mit dieser Gesellschaft aufgehoben ist, bereist Steiner Holland, London und Paris. Am 8. Mai 1913, dem ehemaligen Michaelstag, begründet er in Paris zusammen mit Alice Sauerwein die Gruppe Saint-Michel mit offiziellem Sitz in der Wohnung von Alice Sauerwein. Diese Gruppe sollte allen Unbilden der weiteren Entwicklung trotzen und bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1978 regelmäßig – auch während der zwei Weltkriege – auf der Grundlage eines von Rudolf Steiner gegebenen Meditationsspruches weiterarbeiten.

Nachdem Rudolf Steiner im Mai 1914 erneut in Paris Vorträge gehalten hat, scheinen alle Keime eines beginnenden anthroposophischen Lebens in Frankreich durch den im August ausbrechenden Ersten Weltkrieg wie auf einen Schlag zerstört. Edouard Schuré und sein Freund Eugène Levy, beide einstige Bewunderer und Verteidiger Rudolf Steiners, distanzieren sich von ihm wegen seines angeblichen Chauvinismus und treten aus der Anthroposophischen Gesellschaft aus. Keiner der beiden Geschwister Sauerwein scheint allerdings von derartigen Vorkommnissen innerlich erschüttert worden zu sein.

Im Zuge der Nachkriegsjahre greift Alice Sauerwein als erste französische Anthroposophin die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus auf und begründet eine Arbeitsgruppe zu dem Werk Steiners „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) . Ebenso fördert sie ihre zukünftige Widersacherin Simonne Rihouët, die durch Alice Sauerwein zu Steiner gekommen war und mit einem Empfehlungsschreiben von ihr nach Stuttgart geht, um dort die Waldorfpädagogik kennen zu lernen. Doch schon bald kommt es zu ersten Konflikten: Rihouët übersetzt einen Vortrag Steiners, ohne vorher Alice Sauerwein, der von Rudolf Steiner die Verantwortung für die Übersetzungen seiner Werke übertragen worden war (zunächst mündlich und 1922 dann schriftlich), davon informiert zu haben. 1921 begründet Alice Sauerwein den Verlag „L’Aube“ („Morgendämmerung“), der 1922 in „Edition Alice Sauerwein“ umbenannt wird und den sie einem der größten französischen Verlage anschließt: den „Presses Universitaires de France“ . Auffällig ist, dass Alice Sauerwein von Anfang an diejenigen Werke Steiners veröffentlicht, die den Kern der Anthroposophie ausmachen, wie „Die Philosophie der Freiheit“, „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, „Theosophie“, „Goethes Weltanschauung“ (GA 6), „Die Schwelle der geistigen Welt“ (GA 17), „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen“ (GA 16), „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“ (GA 15) etc.

Kurz nach dem Brand des Goetheanum am 1. Januar 1923 stellt Rudolf Steiner Alice Sauerwein ein Schreiben aus, in dem er seine Zusammenarbeit mit ihr als Generalsekretärin der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankreich bestätigt – eine Entscheidung, die von verschiedenen französischen Gruppen angezweifelt wird und die Steiner daher im kommenden Jahr wiederholt bei seinen Ansprachen befestigt (GA 259, S. 486ff.). Die diesbezüglichen Bemerkungen Steiners erscheinen von besonderem Interesse, da sie die Freiheit verbindlicher Zusammenarbeit jenseits von Machtansprüchen schildern. Kurz nach Beginn der schweren Erkrankung Steiners 1924 bricht der Konflikt zwischen Simonne Rihouët und Alice Sauerwein, in dem es neben den Übersetzungsrechten auch um den Leitungsanspruch der französischen Landesgesellschaft geht, in seiner ganzen Vehemenz aus. Doch zunächst organisiert Alice Sauerwein – entsprechend den Hinweisen Steiners – regelmäßige Versammlungen der Gruppe Saint-Michel , die im „Salle des Propriétaires“ stattfinden, in dem Saal, in dem Rudolf Steiner in Paris die meisten seiner Vorträge gehalten hat. – Nach dem Tod Steiners am 30. März 1925 spitzt sich der Konflikt zwischen Simonne Rihouët-Coroze und Alice Sauerwein derartig zu, dass Letztere sogar zwei Werke Steiners in französischer Sprache ediert, ohne vorher die Genehmigung Marie Steiners erbeten zu haben. Marie Steiner hatte – für Alice Sauerwein unverständlicherweise – Übersetzungsrechte auch an Rihouët-Coroze übertragen. In der Folge wird Alice Sauerwein in einer außerordentlichen Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am 27./28.12.1930, genau sieben Jahre nach der Weihnachtstagung, aufgefordert, von ihrer Funktion als Generalsekretärin der französischen Landesgesellschaft zurückzutreten. Am 11. Januar 1931 begründet der Dornacher Vorstand die Section Française de la Société Anthroposophique Universelle und ernennt als Vorsitzende Simonne Rihouët-Coroze. Alice Sauerwein erklärt, dass sie dennoch die ihr von Rudolf Steiner übertragene Verantwortung nicht aufgeben würde und daher unter ihrer Leitung die Société Anthroposophique de France , die dieser begründet habe, fortbestehe.

Noch vor Ende eines von ihr angestrengten Gerichtsprozesses, in dem sie Rihouët-Coroze der unrechtmäßigen Herausgabe der Werke Steiners beschuldigt, stirbt Alice Sauerwein nach schwerer Krankheit.

Irene Diet


Diet, Irene: Alice und Jules Sauerwein und der Kampf um die Anthroposophie in
Frankreich. Zeist 1998. Diet, Irene: Alice und Jules Sauerwein und der Beginn der
anthroposophischen Bewegung in Frankreich. in: MaD 1994, Nr. 188, S.141 ff.
Wheeler, M.: Alice Sauerwein. in: AM 1932, Nr. 5, S. 40.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org