Diether Rudloff
Rudloff, Diether

Kunsthistoriker, Kunstwissenschaftler.

*06.11.1926 Kiel (Deutschland)
†19.01.1989 La Floresta, Provinz Lerida (Spanien)





Diether Rudloff – ein engagierter, wissender und liebender Kämpfer für die Weltmission der Kunst, in der das schöpferische und freie Individuum seine eigene Ästhetik entwickelt.

Geboren in der Weimarer Zeit als erstes von vier Kindern, verbrachte er viele Tage in den Räumen der väterlichen Kunstdruckhandlung und der Vergolder-Werkstatt seines Großvaters. Das Leben mit Bildern und dem Kunsthandwerk berührte ihn ebenso wie die Sommermonate im Ferienhaus am Meer, wo er die Kraft fand, um später weltoffen und frei mit Kunst zu leben und über sie zu schreiben. Die harmonische Kindheit wurde mit dem Donner der alliierten Luftangriffe beendet, die den 13-Jährigen die Zerstörung seiner Heimatstadt erleben ließ. Seine Schulzeit reicht genau von 1933 bis 1945 und er beendete sie als Luftschutzmelder und Flakhelfer mit dem „Kriegsabitur“.

Das Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie nahm er an der Universität in Kiel auf. Die Zugfahrten zum Studium brachten dem 21-Jährigen im Gespräch mit Freunden die erste Begegnung mit der Anthroposophie. Er lernte die Welt Steiners im Gespräch kennen, während Landschaften an ihm vorbeizogen und er in ständiger Bewegung war – Bild für eine lebendige Anthroposophie ganz im Rudloffschen Sinne. Neben dem Studium gründete er mit Kommilitonen eine anthroposophische Studentengruppe. 1953 schloss er sein Studium mit einer Dissertation über die Preetzer Klosterkirche ab.

In den folgenden sieben Jahren wandelte er sensibel und gekonnt das Eutiner Schloss in ein Museum um, hält Vorträge und lehrt Kunstgeschichte an verschiedenen Waldorfschulen. Von 1962 bis 1977 arbeitet Rudloff als Redakteur des Feuilleton bei der Zeitschrift „Die Kommenden“, der er bis zu seinem Tode schreibend und auch privat verbunden bleibt. Wissenserweiterung ist für ihn während dieser Tätigkeit genauso wichtig wie eine echte persönliche Durchdringung dieses Wissens mit individueller Erkenntnis.

Seinem Unabhängigkeitsstreben folgend, gründete er 1977 seinen eigenen Verlag für Kunst und Geisteswissenschaft in Gundelfingen, in dem er von nun an regelmäßig publizierte. Daneben war er in verschiedenen Einrichtungen Seminarleiter und Vortragsredner, außerdem führte er zahlreiche Kunstreisen. Dabei beeindruckte er die Teilnehmer nicht nur durch ein umfangreiches Wissen, sondern vor allem durch seine ansteckende Begeisterungsfähigkeit, der aber blinde Verzückung fremd war. Alle Erkenntnis war für Rudloff nur so lange gültig, bis er andere, auch widersprüchliche Erfahrungen gemacht hatte, die Altes in Frage stellten. Wahrheit war für ihn nichts Gegebenes, sondern ein individueller, schöpferischer Prozess. Im persönlichen Umgang mit Menschen, in wissenschaftlichen und künstlerischen Auseinandersetzungen ließ er sich nicht von moralischen Schablonen leiten, sondern suchte das individuelle Menschsein. Aus diesem ethischen Individualismus beschreibt er in seinem Werk mit dem richtungweisenden Titel „Die unvollendete Schöpfung“ komprimiert das Wirken von 28 Künstlern. Im Untertitel dieses herausragenden Buches offenbart sich das Grundmotiv seines Schaffens: „Freiheit und Liebe – Grundlagen einer Ästhetik der Zukunft.“

Seine eigene Zukunft suchte und fand er in Spanien an der Seite seiner geliebten Frau Waltraud. Sie ist ihm die letzten 14 Jahre seines Lebens nicht nur geistig Vertraute, sondern schützt, pflegt und hilft ihm mit seiner körperlichen Zerbrechlichkeit fertig zu werden. Von Kindheit an ist Rudloff an einen Körper gebunden, der nur mit einem Rollstuhl und unter großen Anstrengungen bewegt werden kann. Die glückliche Zeit auf dem Landgut in Katalonien kehrte sich in den letzten Lebensjahren um, als der körperlich Schwache seine krebskranke Frau pflegte. Nach ihrem Tod zog er sich nach La Floresta zurück und verabschiedete sich zusehends von seinem Erdenleben. Am 19. Januar 1989 entschlief er in seinem Kaminsessel, vier Monate nach dem Tod seiner Frau.

Sebastian Gronbach


Werke: Die Bau- und Kunstgeschichte der Klosterkirche Preetz in Holstein.
Dissertation, Kiel 1953; Schloß Eutin, München ²1962; Wird die Schönheit die
Welt retten? Gundelfingen [1977]; Mit Widersprüchen leben. Gundelfingen
1977; Apokalypse und Prophetie, Gundelfingen [1977]; Die Zerstückelung des
Dionysos, Gundelfingen [1978]; Triumph der Rationalität, Gundelfingen [1978];
Zwischen Vision und Konstruktion, Gundelfingen 1978; Von Edward Munch
zu Paul Klee, Gundelfingen 1979; Von Ernst Barlach bis Henry Moore,
Gundelfingen 1979; Einheit und Vielfalt, Gundelfingen 1979; Romanisches
Katalonien, Stuttgart 1980; Magisches Dunkel und beredtes Schweigen,
Gundelfingen 1981, Grünenmatt 1993; Von Gabriel zu Michael, Freiburg/Br.
1982; Unvollendete Schöpfung – Künstler im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982;
Die Geburt der individuellen Schönheit. Gundelfingen [1983]; Himmelskunst –
Erdenkunst. Gundelfingen [1983]; Manfred Welzel. Plastiken, Zeichnungen,
Aphorismen, Stuttgart 1984; Freiheit und Liebe – Grundlage einer Ästhetik
der Zukunft, Stuttgart 1986; Die Parabel der sieben Künste, Schaffhausen
1987; Mit Christoph Eggenberger: Kosmische Bildwelt der Romanik. Die
Kirchendecke von Zillis, Stuttgart 1989; zahlreiche Beiträge in CH, weitere in
Bau, FH, Ggw, I3, K, MaB.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Meyer, F.: Von den Tugenden der modernen Kunst. Interviews mit
dem Kunstwissenschaftler Diether Rudloff, in: Brüll, R. (Hrg.): Abenteuer des
Lebens und des Geistes, Frankfurt/M. 1985; Meyer, F.: Ein individualistisch-
anarchistischer Robin Hood. Diether Rudloff zum 60. Geburtstag, in: I3 1986,
Nr. 11; Rauer, W.: Diether Rudloff, in: MaD 1989, Nr. 169; Barkhoff, M.:
Diether Rudloff gestorben, in: G 1989, Nr. 6; Müller-Westernhagen, D.: Zum
Tode Diether Rudloffs und Wiegand, P.: Ein Leben für die Kunst, in: K 1989,
Nr. 3; Rohner-Radegast, W.: „Mit Widersprüchen leben“ – Dank an Diether
Rudloff, in: K 1989, Nr. 5 und 6; Brotbeck, K.: Diether Rudloff – ein
unabhängiger und kosmopolitischer Geist und Seiler, U.: Diether Rudloffs
Erdenabschied, in: Ggw 1989/90, Nr. 1.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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