Friedrich Rittelmeyer
Rittelmeyer, Friedrich Karl Robert Franz

Evangelischer Theologe, Mitbegründer und Erzoberlenker der Christengemeinschaft.

*05.10.1872 Dillingen/Donau (Deutschland)
†23.03.1938 Hamburg (Deutschland)











Väterlicherseits entstammte er einer mittelfränkischen Familie. Sein Vater Heinrich Rittelmeyer (1844–1926) war Pfarrer, später Dekan und Kirchenrat in Schweinfurt/Main, wo Friedrich Rittelmeyer zusammen mit seinem Bruder Heinrich und fünf weiteren jüngeren Geschwistern aufwuchs und am dortigen Gymnasium 1890 Abitur machte, um in Erlangen und Berlin evangelische Theologie und Philosophie zu studieren, in Berlin u. a. bei Adolf von Harnack. Nach den Examen 1890 und 1894 erfolgte seine erste Anstellung als Vikar 1895–1902 an der Johanniskirche in Würzburg. In seiner Autobiografie „Aus meinem Leben“ ist diese von gesundheitlichen und beruflichen Belastungen, auch geistig-religiösen Anregungen erfüllte Zeit ausführlich dargestellt.

Als evangelischem Theologen kam es ihm darauf an, die lutherische „Freiheit eines Christenmenschen“ innerhalb der betont orthodox ausgerichteten bayerischen Landeskirche kompromisslos zu erhalten. Deshalb schloss er sich der liberal ausgerichteten theologischen Minderheit innerhalb der bayerischen Pfarrerschaft an. Als Pfarrer an der (im Zweiten Weltkrieg zerstörten) Heilig-Geist-Kirche (1902–16) in Nürnberg hatte er in dieser Eigenschaft leidenschaftliche Kämpfe auszufechten. Das geschah in enger geistiger und freundschaftlicher Verbindung mit seinem Kollegen Christian Geyer. Die beiden Gleichgesinnten ergänzten sich durch die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere und Charismen. Ihre menschlichen Qualitäten, eine für alle Fragen der Zeit aufgeschlossene Bildung und eine ernsthafte religiöse Orientierung hinterließen nicht nur in Nürnberg eine vielseitig bezeugte Erneuerungskraft im gesellschaftlichen wie im kulturellen Leben. Die Strahlkraft ihrer Predigten und ihre schriftstellerische Darstellungsweise, u. a. in der (ab 1910) gemeinsam herausgegebenen Monatsschrift „Christentum und Gegenwart“, erlangten überregionale Bedeutung. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde Rittelmeyer 1916 an die im deutschen Protestantismus viel beachtete „Neue Kirche“ in Berlin berufen.

Lebensentscheidend sollte für ihn, den um eine Vertiefung des religiösen und geistigen Lebens bemühten lutherischen Theologen, die Begegnung mit Rudolf Steiner am 28. August 1911 werden. Aus eigener Erfahrung hatte Rittelmeyer erkannt, dass die Zeit der gefeierten Kanzelredner, zu denen er selbst gezählt wurde, abgelaufen war. Er hatte einen Zugang zur Evangelien-Meditation, insbesondere zum Johannesevangelium gefunden. Andererseits war er bestrebt, die Gestalt Jesu gleichsam von innen her erfassen zu lernen. In seinen vier Vorträgen über „Jesus“ (1911), die er in einer gleichnamigen Schrift veröffentlichte, spiegelt sich das Jesus-Bild der liberalen Theologie seiner Zeit, mitgeprägt und belebt durch die Anregungen, die er von dem in freier Weise, außerhalb jeder kirchlichen Bindung wirkenden Theologen Johannes Müller (1864–1949) auf Schloss Mainberg/Unterfranken bzw. in Elmau/Oberbayern empfing. Die mehrjährige persönliche Verbundenheit mit ihm, die im Sinne von Rittelmeyers früher Jesus-Interpretation auch theologisch gegründet war, zerbrach um 1918, als Müller gegen Rudolf Steiner Front machte, Rittelmeyer aber in werbender Weise – ihm gegenüber erfolglos – für die Anthroposophie eintrat.

Dem Bestreben eines Kreises jüngerer Theologen und Nichttheologen, die ihre Religiosität auf ein geisteswissenschaftliches Fundament stellen wollten, verschloss sich Rittelmeyer nicht, sondern trat als der in diesem Bemühen Erfahrenere an ihre Spitze, als am 16. September 1922 in Dornach, durch Rudolf Steiner spirituell beraten, die „Christengemeinschaft“ als Bewegung für religiöse Erneuerung begründet wurde. Seine Berliner Pfarrerstelle hatte er zuvor aufgegeben, jedoch ohne formell aus der evangelischen Kirche ausgetreten zu sein. Der Empfehlung Steiners folgend, übernahm er sowohl das Leitungsamt als „Erzoberlenker“, das er bis zu seinem Tod bekleidete, als auch einen Sitz im deutschen Landesvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft.

Vor allem durch seinen späteren Nachfolger Emil Bock und eine Reihe weiterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt, begann er von Stuttgart aus mit dem Aufbau der Christengemeinschaft, die noch zu seinen Lebzeiten auch außerhalb Deutschlands zur Bildung von eigenständigen Gemeinden schritt. Das geschah unter den erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Hinzu traten in der Folgezeit außerordentliche Belastungsproben einerseits durch den Nationalsozialismus, andererseits infolge der inneranthroposophischen Auseinandersetzungen, bei denen Rittelmeyer seine vermittelnden und ausgleichenden Bemühungen zur Geltung brachte. Von Anfang an war klar, dass die nationalsozialistische Ideologie mit ihren rassistischen und antisemitischen Tendenzen dem Wesen eines spirituell und kultisch erneuerten Christentums aufs Schärfste widersprach. Von daher ergab sich die zunehmende Gegnerschaft durch den Nationalsozialismus, deren Opfer 1935 auch die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland geworden war. Rittelmeyers Einsatz in Wort und Schrift, das Lebensrecht der Christengemeinschaft zu sichern, beanspruchte einen Großteil seiner seit einem gefährlichen Sturz gesundheitlich angeschlagenen physischen Kraft während der letzten Lebensjahre. Sein Engagement in den Verhandlungen mit der Gestapo in Berlin – unterstützt von Eduard Lenz und Alfred Heidenreich – war zweifellos entscheidend, um der Christengemeinschaft noch einige Jahre die weitere Arbeit zu ermöglichen. Ihr Verbot 1941 erlebte er nicht mehr.

Rittelmeyer war Theologe und Anthroposoph. Das geistig-religiöse und das theologisch-publizistische Lebenswerk Rittelmeyers ist dadurch gekennzeichnet, dass er als Christ einen Weg zu gehen und zu gestalten hatte, der vom konfessionellen Kirchentum lutherischer Prägung zu einer Geistigkeit führte, in der das Christusereignis durch die Anthroposophie Rudolf Steiners eine dem heutigen Bewusstsein gemäße Klärung und Beleuchtung erhalten sollte. Deutlich wird das bereits, wenn man sieht, welche Entwicklung er in seinem Verständnis von Jesus Christus vollzog. Er selbst hat diese Entwicklung als einen Weg „von Jesus zu Christus“ betrachtet. Sein bis etwa zur Lebensmitte vertretenes Jesus-Bild charakterisierte er um 1912 mit den Worten: „Wir suchen durch die Weiten der Jahrhunderte und durch die Trübungen der Überlieferung hindurch mit unserer Seele Jesus zu erleben. Eine Welt hoher Reinheit umfängt uns. Aus dieser Welt dringt eine vollmenschliche Stimme zu uns herüber. Sie redet zu uns in echter, lauterster Menschlichkeit, mit unbedingtem Ernst der Forderung und mit unergründlicher Güte.“ (Rittelmeyer 1912, S. 32)

Bezeichnenderweise vertrat Rittelmeyer diese Position zur selben Zeit, als Steiner seinen Karlsruher Vortragszyklus „Von Jesus zu Christus“ (GA 131) hielt. Dieser Titel stellt im Leben Rittelmeyers so etwas wie eine individuelle Weg- und Zielangabe dar. Daher war er sich bewusst, einen geistig-seelischen Prozess durchlaufen zu müssen, der ihn zu „Christus“ weitergehen ließ, markiert durch die gleichnamigen Betrachtungen, die er 25 Jahre später veröffentlichte. Die innere Wendung war freilich früher erfolgt: „Je stärker wir ihn (den Gottgeborenen) so erleben [...], um so näher ist der Augenblick, wo wir einfach hinter diesem Jesus den Christus stehen sehen, als eine große, lichte Herrlichkeit, in die wir hineinschauen, und können aus ihr nehmen Gnade um Gnade, Wahrheit um Wahrheit [...].“ (In: CGw 1922, S. 36)

Es ist kein Zufall, dass es vor allem Texte aus dem Johannesevangelium waren, die seine Christuserkenntnis reifen ließen. Dazu gehörte Christus als „das neue Ich“, das sich unter den Zeichen von Brot und Wein den Menschen Gemeinschaft stiftend mitteilt als „der Sonnengeist“ des Organismus Erde. „Ein erhabenes Mysterium, nicht nur des Christus, sondern auch der Erdengeschichte enthüllt sich uns hier. Wirklich ein Hineinstreben in Brot und Wein, in das Erdenleben, in die kommende Erdengeschichte ist damals vor sich gegangen [...].“ (Rittelmeyer 1936, S.35) In den, an die Tradition anknüpfend, erneuerten sieben Sakramenten der Christengemeinschaft, speziell im Altarsakrament der „Menschenweihehandlung“, ereignet und vergegenwärtigt sich das Christuswirken Mal um Mal aufs Neue.

Auch methodisch-praktische Hilfen zur persönlichen Aneignung dieser Erkenntnis hat Rittelmeyer vorgelegt, konkret in seinem Buch „Meditation“, das schon seiner kompositionellen Gestalt wegen Beachtung verdient: Aus dem im Evangelium enthaltenen Organismus der sieben Ich-bin-Worte, der sieben Leidensstufen und der sieben Christustaten gewann er meditative Anregungen für eine spirituelle Transformation des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens und ein tiefes Verständnis für den Sakramentalismus der Bewegung für religiöse Erneuerung.

Rittelmeyer war sich im Klaren darüber, dass die von ihm mitbegründete Bewegung nicht nur auf theologische Arbeit allein gestellt werden solle, zumal die von der Anthroposophie ausgehenden Impulse ganzheitlicher Natur sind. Von daher gesehen ging er einen anderen Weg als etwa die gleichzeitig auf den Plan getretene kirchengeschichtlich nachhaltig wirkende dialektische Theologie Karl Barths. Er unternahm aber einen Dialogversuch mit der kirchlichen Theologie, als er mit seiner Schrift „Theologie und Anthroposophie“ seine früheren Kollegen auf die Möglichkeiten aufmerksam machte, die vom Werk Steiners ausgehen und die er selbst neben vielen anderen seit Jahren erprobt hatte. Gemessen an dem Einsatz war der Ertrag dieser Kontaktaufnahme vergleichsweise gering, sofern sich Theologen wie sein früherer Nürnberger Kollege Wilhelm Stählin überhaupt ansprechen ließen.

Insgesamt muss gesehen werden, dass es an Wirkungen, die über die unmittelbare Mitgliedschaft in der Christengemeinschaft hinausgingen, keineswegs fehlte. Ehemalige Schüler und Schülerinnen reihten sich z. B. als Priester bzw. Priesterinnen in die Mitarbeiterschaft ein; eine ausgedehnte Vortragsarbeit kam zum Tragen. Neben seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen ist die Herausgabe der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ zu nennen, die auch in kirchlich-theologischen Kreisen aufmerksam gelesen wurde und für die er regelmäßig Beiträge schrieb.

Wie Rittelmeyer auf die unterschiedlichen Menschenkreise als Christ und als Zeitgenosse gewirkt hat, dafür liegen zahlreiche Zeugnisse vor (vgl. Wehr 1998, S. 289ff.). Der Alttestamentler Gerhard von Rad kleidet einen Nachruf (1939) in Worte der Trauer darüber, „dass dieser Hochbefähigte, um den allezeit eine Atmosphäre der Lauterkeit und Güte war, der in Kirche und Schule den Menschen über Jesus ins Herz zu reden wusste, hat von uns gehen müssen“. (Gerhard von Rad 1939) Aus demselben Anlass Eberhard Kurras: „Mit Friedrich Rittelmeyer ist eine der bedeutendsten religiösen Persönlichkeiten des neueren Christentums von uns gegangen. Er war ein weit gebildeter Theologe, ein unerschrockener Kämpfer, ein tief erfahrener Seelsorger. Und zwar nicht auf dem Boden einer Frömmigkeit, deren Unzulänglichwerden überall bemerkbar wird, sondern im Namen eines neuen, fortgeschrittenen, geistgemäßen Christentums, dessen Vorkämpfer er war.“ (CH 1938/39, Nr. 2)

Gerhard Wehr


Werke: Jesus, Ulm 1912, München 1920 (8. Aufl.); als Herausgeber:
Vom Lebenswerk Rudolf Steiners, München 1921; Christus und die Gegenwart,
Stuttgart 1926; Der kosmische Christus, Stuttgart 1926; Die
Menschenweihehandlung, Stuttgart 1926; Meine Lebensbegegnung mit
Rudolf Steiner, Stuttgart 1928, (10)1983; Der Ruf der Gegenwart nach
Christus, Stuttgart 1928; Meditation, Stuttgart 1929, (13)1997; Theologie
und Anthroposophie. Eine Einführung, Stuttgart 1930; Das heilige Jahr,
Stuttgart 1930, (5)1959; Wiederverkörperung im Lichte des Denkens, der
Religion, der Moral, Stuttgart 1931; Deutschtum, Stuttgart 1934; Das
Vaterunser als Menschwerdung, Stuttgart 1935, 71998; Christus, Stuttgart
1936, ²1950; Aus meinem Leben, Stuttgart 1937, ³1986; Briefe über das
Johannes-Evangelium, Stuttgart 1938, (4)1999; Einen Kern im Inneren
schaffen. Aphorismen zur Selbsterziehung, Hrsg. C. Rau, Stuttgart 1992;
Übersetzungen ins Englische, Französische, Spanische, Niederländische,
Schwedische, Norwegische, Dänische, Russische und Bulgarische erschienen;
zahlreiche Beiträge in CGw, CH, weitere in Tch, A, AT, Atn, CC, DD, DsO, FB,
G, In, Js, N, V u. a.
Literatur: Lüders, E.: Friedrich Rittelmeyer, München 1921; Wistinghausen, K.
von [Hrsg.]: Friedrich Rittelmeyer zum Gedächtnis, Stuttgart 1938; Rad, G.
v.: Theologische Blätter 18, 1939; Bock, E.: Rudolf Steiner und Friedrich
Rittelmeyer in Berlin, in: CH 1952, Nr. 10; ders.: Zeitgenossen,
Weggenossen, Wegbereiter, Stuttgart 1959; Wehr, G.: Der vergessene
Friedrich Rittelmeyer, in: Deutsches Pfarrerblatt 1968, S. 769ff.;
Wulf-Woesten, H.: Der theologische Werdegang Friedrich Rittelmeyers
(Diss.), Jena 1968; Schühle, E.: Entscheidung für das Christentum der
Zukunft, Stuttgart 1969; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der
Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Wehr, G.: Profile christlicher Spiritualität,
Schaffhausen 1982; ders.: Friedrich Rittelmeyer. Religiöse Erneuerung als
geistiger Brückenschlag zwischen den Zeiten, Wies 1985; Lindenberg,
Chronik 1988; Gädeke, R.F.: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach
1992; Rau, C.: Michael Bauer. Sein Leben und seine Begegnung mit Friedrich
Rittelmeyer, Stuttgart 1995; Führer, C.: Aspekte eines Christentums der
Zukunft. Zur Theologie und Spiritualität Fr. Rittelmeyers, Stuttgart 1997;
Wehr, G.: Friedrich Rittelmeyer. Sein Leben, religiöse Erneuerung als
Brückenschlag, Stuttgart 1998.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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