Renate Riemeck
Riemeck, Renate

Historikerin, Pädagogin, Publizistin.

*04.10.1920 Breslau (Polen)
†12.05.2003 Alsbach (Deutschland)







Aus ihrem Bewusstsein für geistesgeschichtliche Zusammenhänge wurde sie in der Zeit des Kalten Krieges zur Symbolfigur der „Außerparlamentarischen Opposition“ gegen Adenauers Ostpolitik, gegen Atombewaffnung und Aufrüstung, für Völkerverständigung und Frieden. Ihr Anliegen war die aus geisteswissenschaftlicher Betrachtung gesehene Aufgabe Mitteleuropas.

„Ich bin ein Mensch für mich“ betitelt sie ihre Lebenserinnerungen. Sie empfand sich als Schlesierin. Hochbegabt und sensibel verinnerlichte sie Land und Leute, die Sprachen, die Heimatgeschichte, die Zeitereignisse. Gegensätze prägten ihre Kindheit: in den Lebensverhältnissen durch Stadt- und Landleben; in den Konfessionen durch den evangelischen Vater, die katholische Mutter und den geliebten Großvater; in der Politik durch den national-konservativen Vater (Stahlhelm) und die Rotfront-engagierte Mutter; in den Sozialverhältnissen durch den Reichtum und die Armut nach der Trennung der Eltern.

Das Lernen fiel ihr immer leicht, das Lesen aller erreichbaren Bücher begleitete sie durch die Schulzeit: Dorfschule, katholische Klosterschule in Breslau, evangelisches Lyzeum, Privatlyzeum in Stettin, wo sie durch Nachhilfeunterricht zum Lebensunterhalt beitrug, führten zum glänzenden Abitur 1939. Nach kurzem „Kriegshilfsdienst“ begann sie als Werkstudentin in Jena 1940. Renate Riemeck war sportlich, war musikalisch, konnte andere gut anleiten. Das goldene HJ-Abzeichen war ein Schutz vor Belästigung durch die NSDAP. Nach 1933 erkannten die Eltern die Gefahr. Von der Mutter, die Linken und jüdischen Mitbürgern half, hatte sie gelernt zu schweigen. Dies öffnete ihr auch den Zugang zur Anthroposophie. Eine Lehrerin vertraute der 14-jährigen Bücher von Rudolf Steiner an und nahm sie 1936 – ein Jahr nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland – nach Dornach mit. Dann fuhr sie über die Christengemeinschaft in Stettin 1938 zur ersten Gesamtaufführung von Faust I und II. ans Goetheanum. Sie erlebte Marie Steiner, Albert Steffen und wurde durch Guenther Wachsmuth als Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft aufgenommen.

Schwerpunkte ihrer Studien waren die mittelalterliche Geschichte, Kunstgeschichte und Linguistik. Es war wie ein Schutzmantel um sie, die zu ihrer Gesinnung ebenso stand, wie zu ihren „nichtarischen“ Freunden und es bildete sich ein Kreis des „inneren Widerstandes“ um sie. Eng befreundete sie sich mit Ingeborg Meinhof, der Mutter von Wienke und Ulrike. 1943 promovierte sie mit einer Arbeit über spätmittelalterliche Ketzerbewegungen, mit denen sie sich besonders verbunden fühlte. Nicht zuletzt „Das Schicksal des deutschen Volkes und seine Not“ von Karl Heyer hatte sie inspiriert. 1944 legte sie das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen ab.

Die Besatzungsbehörde setzte sie 1945 in Berneck bei Bayreuth in der Volksschule ein. Die Erfahrung, Kinder zu freien, kreativen Individualitäten nach der NS-Ideologisierung umerziehen zu können, machte ihr die vordringliche Bedeutung der Lehrerbildung bewusst. Dies führte sie nach Oldenburg zur Referendarausbildung in die englische Zone. Studienhalber, dann als Gastdozentin, kam sie dadurch mehrfach nach England. 1949 starb ihre Freundin Ingeborg Meinhof. Die Verantwortung für die Kinder Wienke und Ulrike ruhte ganz auf ihr.

Um das magere Einkommen aufzubessern, schrieb sie Aufsätze, gab Bücher heraus, insbesondere für den Schulbetrieb. Sie wurde an die Wuppertaler Pädagogische Hochschule berufen, wurde beamtete Professorin. Sie unterrichtete nebenher weiter Kinder in der höheren Schule, um praxisnah zu bleiben. Im „Sog des Zeitgeschehens“ geriet sie in die öffentliche Aus-einandersetzung um den Kalten Krieg, die atomare Bewaffnung und die Wiederaufrüstung Deutschlands. Sie verfasste Aufsätze zur Gegenwartspolitik. Nach einem Artikel zur Verteidigung Martin Niemöllers nahmen die Anfragen für Beiträge und Vorträge zu. Ihrem Gewissen verpflichtet, setzte sie sich für Menschlichkeit und Völkerverständigung in der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) ein, war Mitinitiantin bei dem Appell der 44 Professoren gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr und verfasste einen ähnlichen Appell für die Gewerkschaften, vor denen sie am 1. Mai 1958 eine vielbeachtete Rede hielt.

Man griff sie an. Sie verzichtete 1960 auf Beamtung und Pension, um frei zu sein. 300 Studenten veranstalteten für sie den ersten „Sitzstreik“ der Nachkriegsgeschichte, Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Bertrand Russell unterstützten sie, mit dem Nobelpreisträger Linus Pauling aus den USA reiste sie auf Veranstaltungen. Im Sinne einer „Akademie der Freien Geister“ wirkte sie für Freiheit und Menschenwürde. Sie wurde – allerdings widerstrebend – Gründungs- und Vorstandsmitglied der DFU (Deutsche Friedensunion). An der „Prager Christlichen Friedenskonferenz“ vermittelt sie zwischen den verschiedenen Bekenntnissen. Sie wird Opfer hasserfüllter Verleumdungen im Vorwahlkampf in der BRD – und ihre Kräfte schwinden. 1961 fand sie Hilfe bei der anthroposophischen Ärztin Ruth Jensen in Freiburg.

In Verbindung mit Herbert F. Hillringhaus und dem Kreis um „Die Kommenden“ entstanden Leitartikel und die Serie „Mitteleuropa – Bilanz eines Jahrhunderts“ erschien 1965 als Buch. Ihre Nähe zur Anthroposophie, die durch die gesellschaftsinternen Auseinandersetzungen in den Hintergrund getreten war, wurde wieder wach. Sie war überzeugt, dass Marie Steiner seit Beginn der 40er-Jahre Unrecht geschehen war, zollte aber auch Albert Steffen Achtung. Durch ihren Einsatz gelang es die Carlo Septimus Picht-Bibliothek zu retten.

Sie wurde Lektorin im Stimme-Verlag (Frankfurt/Main) und zog nach Alsbach. Schwer zu tragen war das Schicksal ihrer Pflegetochter Ulrike Meinhof, deren radikales politisches Engagement in den RAF-Terrorismus glitt; ihre Zwillinge betreute sie liebevoll als „Pflegegroßmutter“.

1976 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der theologischen Fakultät der Universität Budapest verliehen. Sie wirkte in Basel im Zusammenhang von Ernst Marti und Conrad Schachenmann. Im Johanneshaus Öschelbronn hat sie eine für die Lebensgestaltung im Alter auf anthroposophischer Grundlage wertvolle seminaristische Arbeit geleistet. Daraus entstanden Publikationen der frühen Goetheanisten. Am Goetheanum wirkte sie am anthroposophischen Studienjahr mit. In den Verlagen Freies Geistesleben, Urachhaus und Pforte erschienen symptomatologische Geschichtsbetrachtungen.

Kompromisslos, geradlinig ist sie ihren Weg gegangen, auf dem es in den 90er-Jahren stiller wurde. „Ein Mensch für sich“, um selbstbewusst selbstlos ihren Lebenseinsatz für die anderen zu leisten.

Conrad Schachenmann


Werke: Spätmittelalterliche Ketzerbewegungen. Dissertation, München 1942;
Adrian Ludwig Richter. Künstler und Mensch, Wedel 1946; Vom Leben der
Vorzeit, Weilburg/L. o. J.; Große Gestalten der Frankenzeit, Weilburg/L. o.J.;
Weltgeschehen von 1914 bis zur Gegenwart, Wetzlar 1957; Moskau und der
Vatikan, Frankfurt/M. 1964/1965, Basel ³1988; Mitteleuropa. Bilanz eines
Jahrhunderts, Freiburg/Br. 1965, Stuttgart 4 1997; Jan Hus, Frankfurt/M.
1966, Basel ²1982; Der andere Comenius, Frankfurt/M. 1970; Beispiele
goetheanistischen Denkens, Basel 1974; Umgeben von großer Geschichte.
Das Johannes-Haus Öschelbronn, Basel 1974; Glaube. Dogma. Macht.
Geschichte der Konzilien, Stuttgart 1985; verstoßen, verfemt, verbrannt.
Zwölf Ketzergeschichten, Stuttgart 1986; Rosa Luxemburg, in: Oldenburg,
A. [Hrsg.]: Zeitgenossen Steiners in Berlin, Dornach 1988; 1789. Heroischer
Aufbruch und Herrschaft des Schreckens, Stuttgart 1988; Ich bin ein Mensch
für mich, Stuttgart 1992, ²1993; Rosalia und ihre Nachfahren. Ostdeutsche
Vergangenheit, Stuttgart 1997; Übersetzungen ins Niederländische
erschienen; zahlreiche Beiträge in CH, weitere in BfA, G, I3, JA, K, ny.
Literatur: Wirtz, H.: Brief an einen Pfarrer, Köln [1960]; „Rot und Rosa“, in: Der Spiegel, Nr. 35, 23.8.1961; Weirauch, W.: Europa in der Zange. Interview mit der Historikerin Renate Riemeck, in: Brüll, R.: „Abenteuer des Lebens und des Geistes“, Frankfurt/M. 1985; Mäurer, I., Oldenburg, A.: „Es war ja Schicksal...“ und Renate Riemeck. Kurzbiographie, in: I3 1992, Nr. 10; Wehr, G.: Begegnungen im Kreis der Kommenden, in: No 1996, Nr. 7/8; von dem Borne, R.: „Aus einem unbequemen Leben“. Zum Tod von Renate Riemeck, in: DD 2003, Nr. 7; Schachenmann, C.: „Ich bin ein Mensch für mich“. Zum Tod von Renate Riemeck, in: G 2003, Nr. 22; Mansel, B.: Renate Riemeck, in: Wochenzeitung 23. Mai 2003; Maier, J. M.: „Ihren Menschen ein Mensch“, in: CH 2003, Nr. 7–8.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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