Alfred Rexroth
Rexroth, Alfred

Unternehmer.

*27.03.1899 Lohr am Main (Deutschland)
†18.01.1978 Schloß Elmau bei Klais/Obb. (Deutschland)
(Anderer Todestag: 13.)



Alfred Rexroth praktizierte sozial-spirituelle Ideen, die im rechtlich-wirtschaftlichen Bereich zu beispielhaften Modellen des Handelns in der komplexen Gesellschaft der post-industriellen Zeit führten.

Er war der ältere von zwei Söhnen einer Fabrikantenfamilie, die schon seit vier Generationen ein Eisenwerk im Spessart betrieb. 1917/1918 ist Alfred Rexroth Soldat. Nach der Rückkehr aus dem Krieg absolviert er ein Ingenieursstudium in Nürnberg. Während des Studiums lernt er die Anthroposophie kennen und hört im Jahre 1921 zum ersten Mal Rudolf Steiner in einem Vortrag. 1922, nach Abschluss seines Praktikums bei M.A.N., ging er nach Stuttgart und arbeitete dort als Bürohilfsarbeiter in der damals begründeten „Kommenden Tag AG“. 1923 trat er in den väterlichen Betrieb ein, den er später zusammen mit seinem Bruder und einem familienfremden Geschäftsführer über Jahrzehnte leitete und zu einem bedeutenden, weltweit tätigen Unternehmen ausbaute. Als Techniker legte er die Grundlagen für die Entwicklung des Unternehmens auf dem Hydrauliksektor. Durch entscheidende Verbesserungen bei der Herstellung konnte das Unternehmen ein besonders homogenes Gusseisen erzeugen, das sich für hohe Drücke eignete.

1930 heiratete Alfred Rexroth die Witwe eines verstorbenen Freundes, Friederike Schulz, geb. Fienemann, und adoptierte die Tochter aus ihrer ersten Ehe. Seine Frau wurde ihm eine tüchtige, lebenskluge und weltzugewandte, verständnisvolle Partnerin, die ihn in seinen weit reichenden sozialen Intentionen unterstützte und durch ihre Tatkraft und künstlerischen Fähigkeiten ergänzte.

In seinem Unternehmen suchte Alfred Rexroth zusammen mit seinem Bruder Ludwig partnerschaftliche Unternehmensverfassungen einzuführen. Im so genannten „Heidenheimer Kreis“ fand er geistverwandte Unternehmerpersönlichkeiten, die sich, jede an ihrem Ort, um die Pflege und Entwicklung des Dreigliederungsgedankens bemühten. Ihm war das aber nicht handlungsorientiert und lebenspraktisch genug. Diesen Zug zur verbindlichen Tat und Praxis fand er dann in den 60er-Jahren in dem Kreis um Wilhelm-Ernst Barkhoff. Sie suchten Finanzierungswege und Rechtsformen aus anthroposophischen Leitbildern zu entwickeln. Hier sah er die Möglichkeit, an das Grundmotiv seines Strebens anzuknüpfen, den Impuls des gescheiterten „Kommenden Tages“ wieder aufzugreifen und neue bankähnliche Einrichtungen zu begründen. Nicht zuletzt durch sein Engagement sind wesentliche Grundlagen für das Entstehen eines erweiterten Rechts- und Finanzwesens entstanden, die heute unter der Bezeichnung GLS Gemeinschaftsbank eG und Gemeinnützige Treuhandstelle e.V. existieren.

Vier Gründungen Alfred Rexroths zeigen deutlich seine Intentionen auf. Er richtete im Eisenwerk Lohr seit 1965 Industrie-Schulpraktika für Waldorfschulen ein. Viele hunderte Waldorfschüler aus den Oberstufen durchliefen auf diese Weise ein meist drei- bis vierwöchiges Industriepraktikum. Hier offenbarte sich Alfred Rexroths Anliegen, Institutionen des Kultur- und Geisteslebens und Wirtschaftsunternehmen miteinander zu verbinden. Er hatte das ahnungsvolle Bild von Menschengemeinschaften, Arbeitsgemeinschaften, die kraft der individuellen Einsichten und Fähigkeiten ihrer Mitglieder die sozialen Bedingungen und Kooperationsformen entwickeln, beleben und gestalten, die Menschen aus den institutionalisierten Sachzwängen, Lebensgewohnheiten und wissenschaftlichen Dogmen herausführen – drei Gegenkräfte, die eine Selbstverwaltung des sozialen und gesellschaftlichen Lebens erschweren, oft verunmöglichen. Anregung der sozialen Fantasie durch gezielte Praxis-Erfahrung in jungen Jahren war sein Ziel.

1974 errichtete Alfred Rexroth eine Stiftung für Arbeitsforschung. Die Stiftung sollte Forschungsvorhaben fördern, die es Menschen und Menschengruppen ermöglichen, im Vollzug, d. h. arbeitend, neue Erziehungs, Ausbildungs- und Arbeitsformen zu erproben. Sie sollten intellektuelle, industrielle, landwirtschaftliche, soziale und künstlerische Tätigkeiten und Ausbildungsgänge umfassen und integrieren. Bevor eine Spezialisierung einsetze, sollten gesamthafte Bezüge im Vordergrund stehen, gepflegt und entwickelt werden. Dadurch konnten in den Arbeitszusammenhängen der Gemeinnützigen Treuhandstelle in Bochum und der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren zahlreiche Ausbildungsinitiativen gefördert werden, die in dem angedeuteten Sinne wirken wollten.

Tief lebte in Alfred Rexroth die Einsicht, dass ein modernes, arbeitsteiliges, sich immer mehr globalisierendes Wirtschaftsleben in bestimmte rechtliche Rahmenbedingungen eingebettet sein müsse. Dabei ging es ihm insbesondere um neue Eigentumsformen an Produktionsmitteln und um das Problem, wie der menschlichen Arbeit in einem gesellschaftlichen Gefüge der Warencharakter genommen werden kann. Hier hat Alfred Rexroth Entscheidungen getroffen, die auch heute noch modellhaften Charakter haben.

So übertrug er seine Industrie-Beteiligungen auf eine Kapital-Verwaltungsgesellschaft, bestehend aus Treuhändergesellschaftern, die auch nach seinem Tode dafür zu sorgen haben, dass die private Verfügung über das Unternehmerkapital sowohl für die beteiligten Unternehmer als auch für deren Nachfolger ausgeschlossen werde. Durch eine stille Beteiligung wurde sichergestellt, dass ein Teil der anfallenden Gewinne aus den industriellen Tätigkeiten den bankähnlichen Einrichtungen (Gemeinnützige Treuhandstelle e.V. Bochum) zufließt. Auf diese Weise konnten und werden noch heute wichtige Initiativen des Kultur- und Geisteslebens aus Erträgen industrieller Tätigkeit finanziert. Einen weiteren bedeutungsvollen Schritt in die angedeutete Richtung unternahm Alfred Rexroth, als das inzwischen zu einem Weltunternehmen herangewachsene Unternehmen in Lohr das Schicksal vieler größerer Unternehmen in privater Hand teilen musste. Man stand als Branchenführer auf dem Gebiet der Hydraulik vor großen Investitionsentscheidungen, die die Kapitalkraft des Unternehmens überforderten. So wurde nach einem kapitalkräftigen Partner Ausschau gehalten, den man in dem Großunternehmen Mannesmann fand. Kommanditanteile der Brüder Rexroth als Haupteigentümer zusammen mit einigen Minderheitsanteilen von Familienmitgliedern wurden entgeltlich auf die Firma Mannesmann übertragen. Alfred Rexroth übertrug dann wiederum unter tatkräftiger Mithilfe seiner Gattin Friederike seinen Verkaufserlös aus dieser Transaktion gegen Zahlung einer Leibrente auf die Gemeinnützige Treuhandstelle in Bochum.

Mit diesen beiden Maßnahmen hatte sich Alfred Rexroth seines gesamten Industrievermögens begeben. Aus ihm wurden zahlreiche Initiativen in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, im pädagogischen, im heilpädagogischen, im Ausbildungs- und Forschungsbereich finanziert.

Der am weitesten in die Zukunft gerichtete Impuls Alfred Rexroths war der nach Heranbildung kooperativ-assoziativer Zusammenarbeit, die an die Stelle der anonymisierenden Marktkräfte treten sollte. Als Grundlage dafür sah er die Notwendigkeit, in den Unternehmen ein neues Arbeitsrecht zu entwickeln, das alle Mitarbeiter zu gleichberechtigten Partnern macht und den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit sowie Arbeitgeber und Arbeitnehmer überwinden hilft. Es sollen an dieser Stelle nur die seinerzeit wegweisende partnerschaftliche Betriebsvereinbarung in dem Werk Lohr und seine langjährige Tätigkeit in der „Arbeitsgemeinschaft für Partnerschaft in der Wirtschaft“ erwähnt werden. In zahlreichen Aufsätzen und Kommentaren, Vorträgen und Seminaren wurde er nicht müde, das Prinzip der Brüderlichkeit in der Wirtschaft darzustellen.

Das Leben von Alfred Rexroth zeigt einen außerordentlich zielvollen und konsequenten Handlungsverlauf. Dies ist umso erstaunlicher, als man ihn im täglichen Umgang oft als zögernd, ja zaudernd erlebte. Ihm war das Für und Wider einer Sache wohl bewusst und er musste oft mit Fragestellungen lange Zeit umgehen. Hier kam ihm seine Frau Friederike zu Hilfe, die ihn im rechten Augenblick und mit der nötigen Nüchternheit und Tatkraft zu Entscheidungen anregte.

Albert Fink


Werke: Beiträge in EK, HR.
Literatur: Persönliches, in: MaD 1969, Nr. 87; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Schilling, B. v.: „Pflüget ein Neues!“ Zum Tode von Alfred Rexroth, in: EK 1978, Nr. 4; Kreutzer, C.: Alfred Rexroth, in: MaD 1978, Nr. 125; Kroczek, J.: Zu Alfred Rexroths Tod, in: N 1978, Nr. 10.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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