Friedrich Benesch
Benesch, Friedrich

Naturwissenschaftler, Pfarrer in der Christengemeinschaft.

*06.07.1907 Sächsisch Regen, Siebenbürgen (damals Österreich-Ungarn)
†16.06.1991 Stuttgart (Deutschland)





Von Anfang an war das Leben Friedrich Beneschs geprägt von einer tiefen Liebe zur Erde. Diese Liebe hatte verschiedene Facetten: Da war zunächst der Ort, die Landschaft, in die er in Siebenbürgen hineingeboren war. Er war mit seiner Heimat tief verbunden und von ihr geprägt in seiner Sprache, in der Weite und Konfiguration seiner östlichen Seele. Der Geburtsort war ein Dorf, wo sich die Menschen alle gegenseitig kannten und sich noch ganz in der Blutsgemeinschaft verbunden fühlten. Das war zunächst die Erde im Kleinen.

Doch auch die Erde als Ganze und im Großen liebte er und kannte sie gut. Lächelnd und nicht ohne Stolz hat er oft in seinem Alter gesagt, er freue sich schon darauf, nach dem Tode der geistigen Welt alles, was er von der Erde gesehen und erkannt habe, mitbringen zu können. Eine reiche Ernte, denn er war weit gereist und hat wohl jeden Erdteil er-fahren, er hatte ein Bild von ihr. Oft hat er von der planetarischen Erde als einem „durch das Weltall schwebenden Haupt“ gesprochen und dazu angeregt, sich diese Imagination zu eigen zu machen.

Schließlich war da noch Erde buchstäblich, wie man sie in die Hand nehmen kann, bröselig, duftend, feucht oder trocken, leichter oder schwerer. In diesem Zusammenhang hatte Benesch, als er 1925 zum ersten Mal zum Studium nach Deutschland kam, ein ihn erschütterndes Erlebnis, denn was er hier in die Hand nahm, war tot, erstorben, es schien sich nach Wiederbelebung und Erneuerung zu sehnen.

Friedrich Benesch, dessen Vater Gymnasiallehrer war, stammte aus einer bäuerlichen Familie, wo das Ackern im Blut lag. Ein älteres Mitglied dieser Familie hatte ihm jedoch als Jungen schon vorausgesagt, dass er nicht Bauer, sondern Hirte werden sollte, ein Hirte für Menschen, ein Priester.

Zuvor aber studierte er 1925–28 Naturwissenschaften: Biologie, Physik, Chemie und im Nebenfach Theologie und erst 1932–34 evangelische Theologie und später, 1938–41, auch Vorgeschichte, Volkskunde und Anthropologie. Neben diesem Studium – er promovierte in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften – kam ihm auf der Suche nach der lebendigen, zu verwandelnden Erde eine weitere Liebe zu Hilfe. Es war eine tiefe Seelenverwandtschaft zu Goethe, die sein ganzes Leben lang anhielt. Immer neu hat ihn vor allem der Naturforscher, aber auch der Dichter begeistert und angeregt im Lernen und Lehren der reinen Anschauung der Phänomene.

Sein Verhältnis zur Natur war also vom Ursprung her ein lebendiges und zu den Menschen ein von der Gemeinschaft geprägtes. Beides musste in seinen Jugend- und Studentenjahren zunächst verloren gehen, ersterben, damit eine neu erworbene Geistigkeit in der Natur gefunden werden konnte und ein individuelles Verhältnis zu Menschen.

Es gab aber noch eine dritte Verwandlung, die durchgemacht werden musste: die Beziehung zum Göttlichen. So wie er davon in der protestantischen Theologie an der Universität erfuhr, konnte er es nur als erstorben erleben gegenüber dem, was er in seiner Heimat an ursprünglicher Religiosität noch gefunden hatte. Das war ähnlich wie die veraschte Ackererde in der Hand. Sehnsucht nach Wiederbelebung und Erneuerung auch hier.

Unter den Theologen, die ihm im Studium begegneten, war einer, der ihn auf Anthroposophie hinwies. Das muss für ihn wie Tautropfen im ausgetrockneten Wissenschaftsbetrieb gewesen sein. Eine Zeit lang hat er versucht, als evangelischer Pfarrer diese Keime der Erneuerung in seinen Gemeinden fruchtbar zu machen, zuerst 1934–38 und 1941–44 in Siebenbürgen, dann 1945–47 in Neuenkirchen bei Halle/Saale. Doch dann mussten die Konsequenzen gezogen werden, von außen durch die Kirchenbehörde, aber auch von innen. 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, kam der 40-Jährige nach Stuttgart ans Priesterseminar und wurde noch im selben Jahr zum Priester in der Christengemeinschaft geweiht.

Friedrich Benesch hat oft davon gesprochen, wie ihn die Frage bewegt hat und was es für ihn bedeutete, Rudolf Steiner nicht persönlich begegnet zu sein, obwohl es ihm als junger Mensch hätte geschehen können. Er gehörte in diesem Sinn nicht zu den Begründern, die eine solche Begegnung hatten und aus eigenen Erfahrungen und Anschauungen, aus ihren Erinnerungen sprechen und handeln konnten. Und doch erlebte man ihn als einen Zeugen nicht nur des Wesens Anthroposophie, sondern auch Rudolf Steiners selbst. Seine Liebe und Verehrung ihm gegenüber reichten weit, er besaß große Verehrungskräfte, denn Benesch war neben allem, was er studiert und wissenschaftlich geleistet hat, ein tief religiöser Mensch.

Nach einer fruchtbaren Tätigkeit als Gemeindepfarrer in Coburg und Kiel wurde er 1956 nach Stuttgart als Leiter an das Priesterseminar gerufen, wo er bis 1987 tätig war. In dieser Zeit entwickelte sich seine Lehrtätigkeit gänzlich neu. Das Besondere daran waren einerseits die goetheanistischen Kurse, wo das verwandelte Naturwissenschaftliche zum Vorschein kam, aber auch die Art, wie er Anthroposophie lehrte. Dabei hatte er oft mehrere Zyklen, manchmal ganze Stapel davon aus der Gesamtausgabe von Steiners Werken zur Hand. Sein Zitieren aber war immer mit Wirklichkeit erfüllt, als habe er im eigenen Geist das Herangezogene neu erzeugt. Er tat das in demütiger Haltung, auf Größeres hinweisend, obwohl er in anderen Zusammenhängen auch autoritär sein konnte. Benesch war ein Souverän, weil er dienen konnte. Er hat eigenständig geforscht, gedacht und gehandelt, was für andere oft unbequem sein konnte, aber er diente der Sache mit seinem ganzen Wesen, und diese Sache war die Anthroposophie.

Zusammenfassend ist eine dreifache Wirkung, die von ihm ausging, zu beschreiben:

Benesch war ein „Vater“. Er war es nicht nur für eine große Familie, für Gemeinden, für einzelne Menschen, die in Not geraten waren, er hatte überhaupt ein väterliches Wesen. Diese Eigenschaft kam an einem Ereignis seiner Biografie klassisch zum Ausdruck, als er 1944 auf einem großen Treck seine siebenbürgische Gemeinde wie ein Hirte unter abenteuerlichen Umständen sicher nach Österreich führte.

Auch in seiner Lehr- und Vortragstätigkeit wirkte dieses Element mit. Er konnte bei seinen Zuhörern und Schülern großes Vertrauen erwecken, das oft durchaus charismatischen Charakter hatte, was ihm bei kritischen Zeitgenossen auch Ablehnung eingebracht hat. Diese warfen ihm vor, trotz Wissenschaftlichkeit die Brücke zur Geisteswissenschaft nicht immer, ohne indirekt an Glaubenskräfte zu appellieren, geschlagen zu haben.

Als Zweites kann gelten, dass das Zentrum seines Wirkens die Christus-Verkündigung war. Er konnte das „Christus-Wesen“ – wie er gern sagte – in eindrucksvoller Weise vergegenwärtigen. Das geschah in der unterschiedlichsten Weise: im Zelebrieren des Kultus natürlich, aber auch in seinen Predigten, einem Lehrkurs, im seelsorgerlichen Gespräch und nicht zuletzt in öffentlichen Vorträgen. Dann wurde die Stimme warm, die harte, von seinem Herkunftsland geprägte Sprache ganz geistdurchlässig. Es ereignete sich aber auch bei goetheanistischen Studien und auch hier gibt es ein klassisches Beispiel, das viele erlebt haben: Wenn Benesch eine Pflanze oder einen Stein in der Hand hielt, an denen er Farbe, Gestalt und Gebärde beschrieb, dann wurde es „fromm“ und es erschien das gezeigte Wesen in einem neuen Licht. Er konnte seine Schüler neu sehen lehren, ihnen die Augen öffnen für die durchchristete Erde.

Ganz unvergesslich ist schließlich, wie er das Wort „Geist“ aussprechen konnte. Da wurde immer besonders deutlich, dass er aus eigener Anschauung sprach. Am Priesterseminar bewirkte er so oft die Selbsterkenntnis, im Seelischen stecken geblieben zu sein, und zugleich die Aufforderung, die eigene Seele durch Arbeit und Übung zum objektiv Geistigen zu bringen. Benesch war ein Lehrer, der das Geistige der Anthroposophie, insbesondere der Christologie Steiners, in die jeweils eigene Erfahrbarkeit zu führen suchte.

Dadurch konnte eine Entwicklung zur Freiheit immer neu angeregt werden, frei zu werden auch von ihm als Priester und Lehrer und eigene Forschung anzustreben.

N a c h t r a g

Kurze Zeit nach dem Erscheinen dieses Beitrags in “Anthroposophie im 20. Jahrhundert. Ein Kulturimpuls in biografischen Porträts“ (Hg.: Bodo v. Plato) zeigte eine Veröffentlichung Tatsachen, die zuvor unbekannt waren und die auch den Selbstaussagen Friedrich Beneschs widersprechen. Im Mai 2004 stellte ein ehemaliger Schüler Beneschs in Siebenbürgen, der Historiker Dr. Johann Böhm, in der „ Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik“ (16.Jahrgang, Heft 1) dar, dass Benesch 1934 Mitglied der „ Radikal-nazistischen DVR“ (Deutsche Volkspartei Rumäniens) wurde, und dass er 1939 in die Waffen-SS eingetreten ist. Diese Tatsachen sind überprüft und bestätigt worden.

Seine eigenen Angaben über die Gründe seiner zeitweiligen Dispensierung vom Pfarramt waren unzutreffend. Diese hing nicht mit seiner Verbindung mit Anthroposophie zusammen, sondern geschah wegen seiner kämpferisch-politischen Aktivitäten.

Dass er später zu diesen Tatsachen geschwiegen hat, sie in seinem weiteren Leben und seinen Tätigkeiten im Zusammenhang mit Anthroposophie und Christengemeinschaft keinerlei Rolle mehr gespielt haben und er so erlebt werden konnte, wie in obigem Porträt beschrieben, gehört wohl zu den tiefsten Widersprüchen menschlicher Existenz, die besonders in Biografien des 20. Jahrhunderts zur Geltung kommen.

Mechtild Oltmann-Wendenburg


Nachtrag des Herausgebers (2014):
Die Leitung der Christengemeinschaft ging wiederholentlich auftauchenden
Vorwürfen nach, denen zufolge sexuelle Übergriffe im Leben Beneschs eine
Rolle gespielt haben sollen und veröffentlichte ihre Ergebnisse 2010
("Mitteilungen aus der Christengemeinschaft", August 2010).
Werke: Energiekrise und Wachstumsfragen im Zeichen des Materialismus,
Stuttgart 1974; Das Ereignis der Himmelfahrt Christi, Stuttgart 1974, 4. Aufl.
1987; Zur Bewußtseinskrise der Gegenwart, Stuttgart 1975; Pfingsten heute,
Stuttgart 1976, 4. Aufl. 1992; Ostern. Passion – Tod – Auferstehung,
Stuttgart [1978], 4. Aufl. 1998; Apokalypse. Die Verwandlung der Erde. Eine
okkulte Mineralogie, Stuttgart 1981, ²1993; mit K. Wilde: Kiesel, Kalk, Ton;
Das Religiöse in der Anthroposophie, Basel 1985; Ideen zur Kultusfrage, Basel
1986; Zerstörung und Verwandlung der Erde, Stuttgart 1986; Der Turmalin,
Stuttgart 1990; Aproximación a la Cristologia, Barcelona 1992; Leben mit der
Erde, Stuttgart 1993; Christliche Feste. Weihnachten – Passion – Ostern –
Himmelfahrt – Pfingsten, Stuttgart 1993; Christliche Feste, Johanni und
Michaeli, Stuttgart 1994; Christus und die Gegenwart, Stuttgart 1995; Das
verborgene Gottesreich auf Erden, Stuttgart 1996; Weihnachten im Sommer
feiern?, Stuttgart 1998; Zur Äthergeographie der Erde, Stuttgart 2000;
Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische und Rumänische
erschienen; zahlreiche Beiträge in CH, weitere in EK, Msch, SO, VOp.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Frieling, R.: Zu Dr. Friedrich Beneschs 70. Geburtstag, in: CH
1977, Nr. 7; Gardner, M.: The Deeds of Friedrich Benesch in New York, in:
NAA 1981, Nr. Winter; Jänchen, R.: Erinnerungen aus Siebenbürgen, Lenz, J.:
Friedrich Benesch zum 80. Geburtstag, in: CH 1987, Nr. 7; Bay T. u. a.: Dr.
Friedrich Benesch, autobiografisch: Ein Weg zum Priestertum, in: CH 1991,
Nr. 8; Barkhoff, M.: Friedrich Benesch ist gestorben, in: G 1991, Nr. 25;
Böttcher, C.: Friedrich Benesch, in: MaD 1992, Nr. 179; Böhm, J.:Fritz
Benesch (1907-1991).Naturwissenschaftler, Anthropologe, Theologe und
Politiker, in:Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und
Politik, 16.Jahrgang, Heft Nr.1/Mai 2004, AGK Verlag Dinklage 2004.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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