Otto Rennefeld
Rennefeld, Otto

Dichter.

*17.01.1887 Kaldenkirchen (Rheinland) (Deutschland)
†22.07.1957 Köngen am Neckar (Deutschland)
(anderer Geburtsmonat: 05.)





Otto Rennefeld begann seinen Erdenweg, als Ältester unter drei Geschwistern, in Kaldenkirchen, einem Grenzort westlich des Niederrheins, unweit des holländischen Venlo. Sein Vater war Kaufmann und entstammte einer Familie, die seit Generationen das Künstlerische (Malerei, Musik, Dichtung) pflegte; seine Mutter, Bauerntochter aus dem Eifelgebiet, hatte die Jugendjahre bei ihrem hoch verehrten Onkel Friedrich Wilhelm Weber (1813-94), dem Autor des Romans “Dreizehnlinden”, verbracht.

Otto Rennefeld zeigte sich schon als Knabe körpergewandt und phantasiebegabt, aber auch lernfreudig, weshalb ihm seine im ersten Lebensjahr durch Keuchhustenanfälle erworbene Sehschwäche, welche beim Schuleintritt entdeckt wurde, kein Hindernis schuf. Deutsch, Religion und Turnen gehörten zu seinen Lieblingsfächern.

1896 – die Familie war inzwischen nach Köln gezogen – trafen den Neunjährigen zwei schicksalhafte Geschehnisse. Zum einen starb damals seine überaus geliebte Großmutter mütterlicherseits, zum andern versetzte ihm ein unbekannter Knabe mutwillig einen Faustschlag in das sehkräftigere Auge. Da das noch verbliebene Auge zusehends schwächer wurde, gab man den 16-jährigen in die Blindenanstalt Düren. Dort erhielt er neben dem Schulunterricht auch eine Ausbildung im Besenbinden, Korbflechten und Klavierstimmen.

Rennefeld war 17-jährig, als er gegen eine Eisenstange stieß und dadurch vollends erblindete. Sein letzter Augeneindruck war das Rot der Abendsonne gewesen. Was er in den Jahren vorher so hingebend stark aus allem Naturgeschehen in sich aufgetrunken hatte, es konnte fortan nur noch in Erinnerungsbildern leben, die sich aber nun innerlich vertieften und späterhin, vor allem durch die Begegnung mit der Anthroposophie, immer mehr vergeistigten.

Da die Anstalt im Grunde dem regsamen Jüngling zu wenig Nahrung bot, wagte dieser mit 19 Jahren den Übertritt zum Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln, wo er dann 1908, nach dem Tod seines Vaters, die Reifeprüfung bestand. An der Universität Bonn belegte er anschließend Vorlesungen über Philosophie, Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte, absolvierte aber auch, was ihm bald für das Rezitieren seiner ersten Dichtungen zugute kam, einen Kurs für Vortragskunst.

Im Kreise von fünf Studienkameraden, die zur Pflege moderner Dichtung (Rainer Maria Rilke, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Christian Morgenstern) eine “Literarische Vereinigung” begründet hatten, wirkte Rennefeld geistig anregend und führend. Unter den nächsten Freunden war auch der Anthroposoph Hans Hasso von Veltheim-Ostrau, der auf seiner Schloss-Besitzung eine Art “modernes Kloster” einzurichten gedachte. Die vielen Gäste, welche sich dort immer häufiger zu mancherlei geistigen Gesprächen einfanden, mussten jeweils selber für Unterkunft und Essen sorgen. Den Parkwegen beim Schloss verliehen sie bedeutende Namen wie etwa “Goethe Weg”, “Richard Wilhelm Weg”, oder auch “Rudolf Steiner Weg”. Emil Bock und Erich Schwebsch arbeiteten dort an ihren ersten Büchern. Legationsrat Kästner bot literarische Anregung. Otto Rennefeld las aus seinen 1911-1913 veröffentlichten Erstlingswerken (Helldunkel, Halbseele, Regina, Des Lichtes Melodie), für die er von zwei Stiftungen (Johannes Fastenrath, Köln; Kuszinski, Berlin) Dichterpreise empfangen hatte. Leider musste sich diese Gemeinschaft bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wiederum zerstreuen. Vier der nächsten Freunde fielen schon während der ersten Kriegsmonate.

Durch das Rezitieren eigener Dichtung wurde Rennefeld in literarisch interessierten Kreisen sehr bald beachtet. Er beeindruckte nicht nur durch bardenhaft vorgetragene Wort-Macht, sondern – was im Spätwerk sich noch steigern sollte – geradezu durch Wort-Gewalt, die aber immer freilassend, nie magisch zwingend erschien. Das Los der Erblindung hatte innere Klänge und Bilder auferweckt, die zur Gestaltung drängten und die nun, dank der Anthroposophie, welche ihm von Veltheim und andern Freunden nahe gebracht worden war, sich wesentlich erkraften durften. In Köln, wo er 1914 unter Mathilde Scholl die Mitgliedschaft im Zweig erworben hatte, konnte er auch erste Vorträge von Rudolf Steiner hören. Das Licht geistiger Weltschau, immer klarer in ihm aufdämmernd, formte insgeheim am Gepräge seiner Dichtung. Wundersam ist uns dies in einem von Albert Steffen erhaltenen Briefteil bezeugt, der am 23. September 1922, nachdem Rennefeld in einem Dornacher Privathaus vorgetragen hatte, an eine Freundin schrieb: “Der Dichtervortrag gestern gipfelte in einem Lichtgesang. Der blinde Rennefeld hatte mehr Sonne als die Zuhörer. Sie war von Willen durchdrungen, der zuweilen gewaltsam war, grausam. Das Wort 'Tanz' kam immer wieder vor. Er will den Körper mit Leuchtkraft durchdringen und konnte es im freiesten Augenblick, so dass er triumphierte über sein Unglück. Es ist gewiss der Beginn des Auferstehungs-Erlebnisses im toten Auge. Es freute mich für ihn.” Am 16. Dezember 1924 wurden seine Gedichte von Gerlinde Zaiser und Edwin Froböse auch in der Schreinerei in Dornach rezitiert, eine Veranstaltung, die Rudolf Steiner handschriftlich ankündigte.

Rennefeld ahnte nicht, dass unter den Schülerinnen des Mädchen-Gymnasiums von Berlin-Charlottenburg, wo er einmal rezitierte, auch Ilse Bobreker, seine spätere Gattin, saß. Als diese, Medizinstudentin geworden, um 1915 in Tübingen ein zweites Mal den blinden Dichter vortragen hörte, kam es zur entscheidenden Begegnung. Die Kunde von der Verlobung beider nahmen Eltern und Freunde mit Verwunderung, ja fast Befremden auf. Aber beide wussten ihren Willen durchzusetzen. Bemerkenswert genug, dass die vermögenden Eltern der Braut den Wunsch ihres Schwiegersohnes erfüllten und ihm zur Hochzeit alle lieferbaren Zyklen und Vorträge Rudolf Steiners schenkten. In der Tat erwies dann die Anthroposophie sich wie der tragende Grund für eine gemeinsame, von Liebe, Fürsorge und schöpferischem sich Beschenken durchwobene Lebenswanderschaft, welche auch schwerste Prüfungen zu bestehen vermochte.

1920 fand die Trauung statt. Des Dichters Gattin eröffnete ihre Arztpraxis in einem geräumigen Hause in Berlin-Charlottenburg, die in Kürze Zuspruch von Patienten aller Volksschichten, besonders auch höchster Adelskreise erhielt. Bedeutsam war, dass die Ärztin Kläre Meumann, Ilse Rennefelds einstige Schul- und Studienkameradin, sich in selbstlos dienender Art als gleichsam Dritte eines außergewöhnlichen Schicksalsbundes hinzugefunden hatte. Dadurch wurde im Ärztehaus nach vielen Seiten hin eine schöpferische Wirksamkeit möglich. Otto Rennefelds Dichterfreund Albert Steffen – beide hatten sich 1922 am anthroposophischen West-Ost-Kongreß in Wien kennengelernt – zeichnete Jahrzehnte später diesen Dreierbund sehr treffend : “Otto Rennefeld war der geistige Berater der beiden Ärztinnen und durfte so ihre selbstlose, durch Jahrzehnte gehende Hilfe vergelten. Davon ging ein therapeutischer Impuls aus, der im Geist begründet war, und der auch weiterhin die segensreichsten Folgen haben wird.” (Steffen, A.: Im Gedenken an O. R. 19657)In der Tat haben sich diese Folgen bis über den Tod der Beteiligten hinaus auf das schönste erfüllt.

Das Berliner Ärztehaus entfaltete sich immer deutlicher zu einem Zentrum gemeinsamer kultureller Bemühungen. Dichtung, Musik, Naturwissenschaft – ihnen gewährte man gerne Heimatrecht. Gespräche und Begegnungen, kräftig durchwoben von Wetterstimmungen der Begeisterung, ernster Besinnung oder auch herzhaften Humors, bedeuteten für Otto Rennefeld ein Lebenselement. Man berichtet, wie der blinde, aber seine Umgebung überaus wach und hingebend gewahrende Dichter die Wesensart seiner Gäste schon aus deren Stimme erkannte, treffsicher oft bis in Gang und Gebärde hinein. Und wenn er sprach, so erlebte man in seinen Worten, wie das erstorbene Sinnenlicht in ihm eine wundersame Auferstehung von Licht und Klang erfuhr, insbesondere wenn er dann aus eigenen Vers-Schöpfungen vortrug. Solches gewahrt man schon mit Staunen in den Gedichten des 25-jährigen: “Gefährten der Frühe”, deren Druck Rudolf Steiner 1922 im Kommenden Tag Verlag Stuttgart veranlasst hatte.

Der blinde Dichter zeigte sich unter den ihm anvertrauten Gefährtinnen unermüdlich im Anregen und auch kräftig-zielsicheren Bewältigen von Studienreisen mannigfacher Art. Er befeuerte sie zum Besuch von Rudolf Steiners Ärztekursen in Dornach oder auch zu dessen Vortragsreihen in andern Städten. Verschiedenste Gegenden Deutschlands, der Schweiz (hier oft das Engadin), Italiens, Finnlands, dazu auch Wien, Paris, Chartres, London, Moskau und Leningrad wurden aufgesucht und erwandert.

Durch die von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hereinbrechenden, politischen Umwälzungen wurde die Gemeinsamkeit auseinandergerissen. 1942, in den Jahren, da Rennefelds Gattin sich ins Exil nach Holland hatte retten können, wurde der Dichter selbst mit der ihn betreuenden Kläre Meumann unversehens durch einen Bombenangriff obdachlos. Unverzüglich wagte die Gattin ihre Rückkehr ins zerstörte Berlin. Nur dank der Hilfe höchster Stellen im “Untergrund” konnten die Eheleute Rennefeld damals – “bewacht” von SS-Offizieren! - in die Schweiz ausreisen.

Während Kläre Meumann bald danach in Köngen am Neckar neue Unterkunft und Praxis fand, weilten Rennefelds als Flüchtlinge, vermittelt, so darf man wohl sagen, durch von Engeln geführte Umstände, in einem zur Pension umgebauten Herrschaftshaus in Basel. Doch die harten Prüfungen hatten damit noch keineswegs ihr Ende erreicht. Am Morgen des 4. Januar 1945, also gute zwei Jahre nach der Flucht, erhielt Albert Steffen in Dornach von Frau Rennefeld die telefonische Nachricht, es sei in den Garten der Basler Pension die Bombe eines verirrten amerikanischen Flugzeugs gefallen und habe auch ihr Haus demoliert. Zum zweiten Male obdachlos! Das Bett, in dem der grippekranke Rennefeld damals lag, stand überschüttet mit Splittern von Fensterglas. Im oberen Stock stand, von Scherben übersät, die leere Wiege eines Kindes, das man kurz vorher zum Waschtisch gebracht hatte, und das nun wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen war. Der fast verzweifelnde Blinde reimte galgenhumorig: “Der Dichter fuhr mit einem Knall - ins Weltenall.”

Tätiges Eingreifen verschiedener Schweizer Freunde ermöglichte von da an weitere Aufenthalte, erst in Dornach, später in St. Gallen, bis sich dann 1946 eine glückliche Rückkehr nach Köngen ergab, wo im neu erworbenen Ärztehaus der Dichter mit beiden Ärztinnen ein letztes, helles Refugium finden durfte. Gemeinsames Lesen, freundschaftliche Begegnungen und Hauskonzerte erfüllten wiederum das gastliche Haus, wenn dies auch nicht mehr im einstigen Umfang geschehen konnte. Von Köngen aus gelang es dann auch, anlässlich einer Reise nach Moskau, Otto Rennefelds Schwester Leni Lamparter in die alte Heimat zurückzuführen.

In den Lebensjahren zwischen Berlin und Köngen, welche Otto Rennefeld noch gewährt blieben, ging dieser daran, die aufwühlenden Erlebnisse, sei es im Weltgeschehen, sei es in einzelnen Schicksalen, umzuschmelzen zur dichterischen Form. “Das Rätsel der Rose” gestaltet in einer Folge von achtzig Gedichten tief ergreifend, wie der Dichter die Seele der “Rose”, einer 23-jährigen, welche auf äußerst tragische Art freiwillig aus dem Leben geschieden war, mit liebestarkem Seherblick durch die Regionen der Nachtod-Welt begleitet, und wie er, nach Jahren treuesten Hinüberdenkens, erfahren darf, dass der Verstorbenen vom Schicksalslenker das Ordnen ihres Schicksals in einem bald bevorstehenden neuen Erdenleben zuerteilt wird. In “Ein heimatloser Mensch” (drei Gedichtbücher samt Epilog aus einem Totengedichtbuch) ist erregend geschildert, wie Rudolf Steiner aus dem Flammenhintergrund der Goetheanum-Brandnacht von 1922/23 sich als wahrer Sieger über die Dämonen unseres Jahrhunderts offenbart.

Otto Rennefeld war es vergönnt, seine in schwersten Schicksalsprüfungen errungene Ernte fast im ganzen Umfang einzubringen. Unter der Fülle seines 1958 in drei Bänden veröffentlichten Lebenswerkes treffen wir wohl kein einziges schwaches Gedicht. Im Jahr zuvor, am 22. Juli 1957, durfte er klaglos gefasst und friedsam ruhig von der Erde Abschied nehmen. Albert Steffen schrieb im Geleitwort, das er der Gesamtausgabe beifügte, mit Recht: “ ... eines der tapfersten Leben, das ... überstanden wurde, unsäglich erschwert von innen und von außen her ...”. Den Dichter und sein Werk charakterisierte er abschließend: “Otto Rennefeld kämpft gegen die Verwesung der Gegenwart. Er ist nicht Zuschauer. Er bleibt nicht Richter. Er erhebt sich nicht zum Hierarchen, der geweiht über dem Geschehen dieser Erde steht. Er wird nie zum Weltflüchtigen, trotzdem er, wie kaum ein Dichter unserer Zeit, vereinsamt bleibt. Nein, er verleiht Gemeinschaft. Er gibt sogar Kain in sich eine Stätte. Durch das Wogen des Blutes, das ihm Bild um Bild des Niedergangs entgegenwirft, schreitet er zum Licht empor. In das Tosen und Donnern der Unterwelt mischt sich ein Sphärenklang, der immer mächtiger wird. Er erringt die himmlische Harfe und trägt, jetzt nicht mehr nur naturbegabt, sondern geistbegnadet, heilig-heilenden Wohllaut herunter, als Verkünder einer höheren Heimat, hier auf dem irdischen Gestirn. Das ist die Berufung dieses Dichters.”

Nach dem Aufsatz von Friedrich Behrmann, gekürzt bzw. ergänzt von Heinz Matile


Werke: Gedichte: Halbseele - Helldunkel - Bilder & Balladen, Berlin 1912; Regina, Berlin 1912; Des Lichtes Melodie, Berlin 1913; Gefährten der Frühe, Oldenburg 1922; Urgeschwister, 1. und 2. Teil, Stuttgart 1922; Ein heimatloser Mensch, Basel 1945; Das Rätsel der Rose, München 1958; Der Fremdling, München 1958; Dichtungen. Sieben Bücher in drei Bänden mit einem Geleitwort von Albert Steffen und einem Bild des Dichters. München 1958; Ein Brief an Zenta Maurina, in: G 1967, Nr.16; zahlreiche Beiträge in G, weitere in CH, EK, G, MaD.
Literatur: Steffen, A.: Otto Rennefeld, in: G 1922/23, Nr. 45; P.H.: Vortragsabend von Otto Rennefeld, in: G 1922/1923, Nr. 25; Bock, E. u. a.: 60. Geburtstag, in: MaD 1947, Nr. 1; Uehli, E.: Otto Rennefeld, in: MaD 1957, Nr. 41; Steffen, A.: Otto Rennefeld. Zum 70. Geburtstag, in: G 1957, Nr. 19; Pfabel, F.: Des Dichters Gabe an eine früh Verstorbene, in: G 1958, Nr. 27; Thiersch, H.: Erlöschen des Äußeren, Aufschlagen des inneren Auges. Zum Erscheinen des dichterischen Gesamtwerkes von Otto Rennefeld, in: DD 1959, Nr. 4; Pfabel, F.: Zu einem Brief des Dichters Otto Rennefeld an einen Freund, in: G 1960, Nr. 29; Hiebel, F.: In Erinnerung an Otto Rennefeld, in: G 1963, Nr. 29; Pfabel, F., Elster, H. M.: Zum Gedenken an Otto Rennefeld, in: G 1964, Nr. 29; Steffen, A.: Im Gedenken an Otto Rennefeld, Dornach 1965; Thiersch, H.: Otto Rennefeld zum 10. Todestag, in: MaD 1967, Nr. 81; Behrmann, F.: Vom Leben und Werk des Dichters Otto Rennefeld, in: G 1987, Nr.22; Plato, B. v. [Hrsg.]: Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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