Raoul Ratnowsky
Ratnowsky, Raoul

Bildhauer.

*10.07.1912 Zürich (Schweiz)
†02.08.1999 Arlesheim (Schweiz)





„Die reine Form erzählt nicht, erinnert an nichts. Sie spricht entgegen dem Gang der irdischen Geschichte – aus der Zukunft in die Gegenwart herein. Sie ist selbst Wesen.“ (Raoul Ratnowsky)

Im Umfeld der Skulpturen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg, in dieser Katastrophen- und Aufbruchszeit des 20. Jahrhunderts, auftreten, steht Raoul Ratnowsky als Kämpfer da, als Kämpfer um den unerbittlich eigenen Schaffensweg. Die Formen, die aus diesem Schaffen hervorgehen, erscheinen selbst wie Individualitäten, die – nach intensiven Umänderungen und Prüfungen auf ihre Wahrheits- und Wirklichkeitsaussage hin – sich als organische Ganzheit dem Umraum mitteilen und ihn verwandeln. Liebevollstes Interesse an Natur und Menschen sind Ratnowsky eigen, wache Teilnahme am Zeitgeschehen, strenge Selbstdisziplin in Leben und Arbeit zeichnen ihn aus.

1912 als Kind russischer Eltern in Zürich geboren, wächst er am Seeufer in Küsnacht auf, tief verbunden mit dem Leben des Dorfes, den Elementen, Pflanzen und Tieren. Den eigentlichen Lebensgrund dieser frühen Zeit schaffen ihm und seiner Schwester Nora die künstlerische Hand und die unsentimentale Religiosität seiner Mutter, die früh Anthroposophin wurde, mit der er später eng verbunden bleibt.

Nach dem Gymnasium ist er ein Jahr Kunstkritiker bei der Zeitung, entschließt sich dann definitiv zur Bildhauerei und nimmt sporadisch Stunden bei verschiedenen Bildhauern. 1933 stellt er erstmals aus und erhält ein Stipendium, das ihm Kunststudien in Rom, Florenz, Paris und Chartres ermöglicht. Seit 1934 hat er eigene Ateliers in St. Gallen, Zürich, Dornach. Im Oktober 1934 wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. In das Jahr 1936 fällt die Begegnung mit dem Dichter Albert Steffen. Der Schulungsweg Rudolf Steiners und Albert Steffens dichterisches Werk, verbunden mit dessen Besuchen im Atelier, eröffnen dem jungen Bildhauer neue Perspektiven. Dazu kommt das intensive Studium der Formenwelt des ersten Goetheanum-Baus, Begegnungen mit den Bildhauern Oswald Dubach und Carl Kemper.

Ratnowskys Arbeit entspringt der Fülle seiner originären Erlebniskraft, die ihr Material ergreift – Holz, Stein, Zement – und in eigensten Motivschöpfungen Gestalt gewinnt; die sich in von innen gewachsener Vereinfachung des Figürlichen plastisch konzentriert oder sich in „freier Form“ entfaltet, ohne sich je vom Menschen als Geistwesen zu lösen. In der Echtheit dieser Formen klingt eine kosmische Welt im sichtbaren Raum auf.

Mitten in den Umwandlungsschritten zu immer freierer Gestaltung wird er von Steffen zur Leitung des plastischen Gebietes am Goetheanum berufen. 1952 beginnt Ratnowsky auf der Grundlage von ganz neuen Übungen eine Ausbildung für Werklehrer aufzubauen. Diese Übungen sind so fundamental, dass alle Elemente des drei- bis vierjährigen Ausbildungsweges und auch die spätere Erweiterung zum Kunsttherapiestudium darauf basieren. – Ratnowskys Einführungen befeuern unmittelbar den Willen der jungen Menschen. Jeder spürt, dass der volle Einsatz im künstlerischen Schaffen auch das Schaffen an sich selbst herausfordert. – Die Ausbildung ist einerseits getragen von dem Künstler Ratnowsky, der neben dem Unterricht konsequent täglich im eigenen Atelier arbeitet, andererseits von dem Menschen Ratnowsky. Seine Art, den anderen aufzunehmen, durchwärmt allen Unterricht, stilles Danebenstehen in der Stunde kann des Öfteren genügen, um neue Schritte bei dem Schüler anzuregen. Menschliche Begegnungen bedeuten für Ratnowsky oft tief nachklingende Erlebnisse. Dieser Wesenszug bildet eine der Grundlagen für seinen späteren Einsatz in der künstlerischen Therapie.

1949 findet Raoul Ratnowsky in Eve Nägele seine Lebensgefährtin, die viele Jahre an der Eurythmiebühne am Goetheanum tätig ist.

Mit dem ersten Auftrag für eine Großplastik – am Stausee Zervreila auf 1800 m im Graubündener Hochgebirge – wächst die Spannkraft des Bildhauers in neue Dimensionen. Ein neuer Schritt plastischer Gestaltung gelingt mit dieser Raum greifenden, Lichtflächen ausspannenden Figuration. Die 4,40 m hohe Skulptur, über schmale Stele aufragend, spricht wie der Geist der Natur selber in dieser Gebirgsformation. Als Ausgleich zu den gewaltigen Eingriffen in die Natur wird sie dem Staudamm vorangestellt (1956–59).

In das Jahr 1956 fällt die Begegnung mit Hermann Abele, der den Künstler aus Begeisterung für sein Werk aufsucht. Daraus entwickelt sich eine Wirkensgemeinschaft, die dem Bildhauer den Weg zur Gestaltung der Großplastiken eröffnet.

Sein plastisches Schaffen in ungegenständlichen Formen charakterisiert Ratnowsky in seinen Aphorismen: „Der Weg der freien ungegenständlichen Kunst darf nicht der Weg zur Abstraktion, nicht der Weg durch die Kälte sein, sondern der durch ,Christus in mir’. Die Form der Zukunft, die absolute Form ist selbst Feuer!“ (Anderegg [1979], S. 150)

1962 wird die erste, 5,70 m hohe Freiplastik am Arthur Kutscher Platz in München erstellt: „Durchrhythmisierung des Raumes“. In ihren hoch ragenden durchlässigen Formgliedern klingt sie weit hinaus in den Umraum. Eine weitere Großplastik an der Leopoldstraße trägt, auf kleinstem Grund sich entfaltend, mächtiges Leben in großen Raumflügeln heran. Auch hier entsteht mitten im Verkehr der Großstadt etwas wie ein Anhalten des Alltagsgeschehens, ein Zusichkommen, ein Willensanstoß.

Weitere Großplastiken stehen bald im sozialen Wohnungsbau in München, in Frankenthal, Bad Godesberg, Frankfurt, Stuttgart, Berlin; Plastiken kleineren Formats in weiteren deutschen und in schweizerischen Städten und Einrichtungen, vorwiegend in Schulen, heilpädagogischen Instituten oder Kliniken; zahlreiche Ausstellungen zeigen seine Arbeiten.

Ende der 70er-Jahre tritt die Frage nach der plastisch-künstlerischen Therapie an den Bildhauer heran. Er kann sich ihr zunehmend widmen, nachdem Mia Rist mit einem Kollegium die Leitung der Werklehrerausbildung übernommen hatte. Unterstützt durch seine langjährige Mitarbeiterin Elke Dominik, baut er einen kunsttherapeutischen Ausbildungslehrgang im Sinne der Heileurythmie mit neuen plastischen Übungen auf. Aus einer intensiven Patientenarbeit entwickeln sich neben dem Allgemeinen des Ausbildungslehrgangs ganz individuelle Übungen, die allerdings auf einem so objektiven Boden stehen, dass sie später mit Erfolg auch bei der therapeutischen Arbeit mit anderen Menschen angewendet werden.

Die Schulungs- und Ausbildungsarbeit entfaltet sich Schritt für Schritt, Absolventen der Ausbildung arbeiten bald in Kliniken, psychiatrischen oder heilpädagogischen Einrichtungen, Tagungen unter Mitarbeit von Ärzten entstehen.

Neben allen neuen Impulsen steht für Ratnowsky immer die tägliche künstlerische Arbeit im Zentrum. In seinem Spätwerk scheint die Feuerkraft des Künstlers immer freier den Schwerekräften entgegenzuwirken – in immer tieferen und umfassenderen Formschöpfungen. Die Form wird gegenwärtiges Geschehen, der Raum zum Überraum, über den Tod hinausgreifend. In dieser Sphäre urständen beispielsweise die vielfältigen Gestaltungen für Albert Steffen, begonnen mit dem Relief, das beim Tod des Dichters entstand.

1981 wird durch Hermann Abele und Raoul Ratnowsky die Stiftung für therapeutische Kunst gegründet (später: Raoul Ratnowsky-Hermann Abele-Stiftung). Sie schafft 1992 mit dem „Haus Ganna“ einen Ort der Anschauung, der Ausstellungen, Seminare und musikalisch-dichterischer Matinées – im Sinne der von Raoul Ratnowsky gelebten engagierten Künstlerschaft, im Sinne seiner Arbeit am Werden einer künstlerischen Therapie und Pädagogik.

Mia Rist/Eve Ratnowsky


Werke: Beiträge in G, N; Werkverzeichnis bei der Raoul Ratnowsky-Hermann Abele-Stiftung, Dornach, Schweiz.
Literatur: Künstler aus dem Kreis des Goetheanum, Bern 1945; Krell-Werth, E.: Einiges über die Bildhauerwelt Raoul Ratnowskys, in: G 1945, Nr. 18; Bühler, P.: Raoul Ratnowskys Kunst am Goetheanum, in: G 1957, Nr. 12; Berger-Gerster, C, Mast, H.: Raoul Ratnowsky, Dornach 1963; Anderegg, J.: Raoul Ratnowsky, Stuttgart o. J.; Frischknecht, A.: Die Plastikschule in Dornach im Rückblick eines ehemaligen Schülers, in: N 1972, Nr. 32/33; Anderegg, J., Thöns, I.: Raoul Ratnowsky, Plastiken, Modelle, Stuttgart [1979]; Rist, M.: Begegnung mit der plastischen Form. Zum Werk des Bildhauers Raoul Ratnowsky, in: Stl 1980/81, Nr. 2; Michel, R.: Skulpturenausstellung von Raoul Ratnowsky in Augsburg, in: MaD 1987, Nr. 161; Steffen, W.: Begegnung mit dem Werk Raoul Ratnowskys, in: G 1992, Nr. 19; Rist, M.: Raoul Ratnowsky verstorben, in: N 1999, Nr. 33/34; Thöns, I.: Eine Art Nachgespräch, in: G 1999, S. 43; Luft, G.: Spirituell verdichtete Ausdrucksformen, Hintermann, U.: Raoul Ratnowsky als Lehrer, in: N 1999, Nr. 43; Angelov, B. [Hrsg.]: Albert Steffen. Raoul Ratmowsky. Ich-Form, Sofia 2000; Krattiger, U.: „Formwesen – Wesensform”. Skulpturen von Raoul Ratnowsky, in: MNS 2001, Nr. III.




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