Wilhelm Rath
Rath, Wilhelm

Buchhändler, Landwirt.

*14.05.1897 Berlin (Deutschland)
†13.01.1973 Wolfsburg /Kärnten (Österreich)



Wilhelm Rath engagierte sich schon früh für die Anthroposophie. In der akademisch anthroposophischen Jugend zunächst in Berlin aktiv, setzte er sich für das Zustandekommen des Jugendkurses 1922 (GA 217) ein und gehörte zu den Mitinitianten des esoterischen Jugendkreises. Von 1923 bis 1930 war er Komiteemitglied und Sekretär der Freien Anthroposophischen Gesellschaft. Ab 1935 bewirtschaftete er das Landgut Farrach in Österreich und schuf zahlreiche literarische Übersetzungen, besonders von Werken aus dem Umkreis der Schule von Chartres.

Wilhelm Rath wurde am 14. Mai 1897 in Berlin geboren. Er besuchte das Gymnasium in Berlin, legte mit 17 Jahren das Abitur ab und zog als Kriegsfreiwilliger unmittelbar nach Kriegsbeginn ins Feld. Gegen Ende des Krieges geriet er in englische Kriegsgefangenschaft. In einem Offizierslager in Mittelengland lernte Wilhelm Rath die Anthroposophie kennen. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft begegnete er Rudolf Steiner 1920 und engagierte sich in der anthroposophischen Studentenbewegung. Rath studierte in Berlin Germanistik und Naturwissenschaften. Einer Empfehlung Rudolf Steiners folgend, versuchte er eine „doppelte Buchführung“ zu praktizieren und so eine Verbindung zwischen seinen anthroposophischen Studien und dem akademischen Studium herzustellen. Anfang der 20er-Jahre leitete Wilhelm Rath die Berliner Studentengruppe, nebenbei war er als Buchhändler tätig. Von 1924 bis 1927 besorgte er die deutsche Auslieferung des Philosophisch-Anthroposophischen Verlags Dornach in Berlin.

Sein besonderes Interesse galt dem Schrifttum der deutschen Mystik und der Schule von Chartres. Durch die Lektüre der deutschen Mystik inspiriert, suchte er nach einer besonderen Art der Gemeinschaftsbildung. Als ihm Ernst Lehrs im Sommer 1922 von der Initiative einiger Studenten erzählte, Rudolf Steiner um einen besonderen Kurs für junge Menschen zu bitten, schloss er sich begeistert an. Er selbst hatte das Ideal, eine Gruppe zu bilden, die durch einen gemeinsamen meditativen Inhalt, unabhängig von ihrer beruflichen Orientierung verbunden sein sollte. Diese Idee brachte Wilhelm Rath in die Tagungsinitiative des Pädagogischen Jugendkurses mit ein und bat Rudolf Steiner um seine Unterstützung. So wurde während des Jugendkurses durch die Initiative von Wilhelm Rath und Ernst Lehrs der esoterische Jugendkreis gebildet, dem sich damals zwölf Mitglieder zugehörig fühlten.

Rath gehörte dem Komitee der 1923 gegründeten Freien Anthroposophischen Gesellschaft an und leitete bis Ostern 1924 den Berliner Zweig. Er nahm an der Weihnachtstagung teil und war auch als Vortragender tätig.

Überraschend konnte er als Nichtlandwirt im Sommer 1924 auch am Landwirtschaftlichen Kurs (GA 327) in Koberwitz teilnehmen. Rath war bis Ende der 20er-Jahre mit dem Sekretariat der Freien Anthroposophischen Gesellschaft betraut und leitete an verschiedenen Orten, zuletzt auch im Ruhrgebiet, anthroposophische Studiengruppen. Zusammen mit Maria Röschl übernahm er 1924 die Mitverantwortung für die Verteilung der 2. Auflage des Jugendkurses, der damals nur für einen bestimmten Kreis von Menschen zugänglich war. 1927–28 war er für die Redaktion der Rundbriefe der Sektion für das Geistesstreben der Jugend tätig.

Nach dem Tode Rudolf Steiners machte sich innerhalb der Mitgliedschaft teilweise eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich des meditativen Übungslebens geltend. Manche suchten nach schnelleren oder viel versprechenden Zugängen in die geistige Welt und gerieten so unter den Einfluss von Persönlichkeiten, die Fortschritte in dieser Richtung versprachen. Wilhelm Raths Arbeitsweise und seine geistige Haltung nahmen durch die Begegnung mit Erna Benthien, einer medial veranlagten Persönlichkeit, Ende der 20er-Jahre einen Stil an, den seine Kollegen im Komitee der Freien Anthroposophischen Gesellschaft als unvereinbar mit der Anthroposophie empfanden. Zudem verlangte der Dornacher Vorstand eine Klärung der Verhältnisse. So entschloss sich Wilhelm Rath auf Drängen seiner Kollegen im Sommer 1930, alle Aufgaben im Rahmen der Freien Anthroposophischen Gesellschaft niederzulegen und aus der Anthroposophischen Gesellschaft sowie der Hochschule auszutreten.

Auf literarischem Felde konnte er 1930 in Leipzig sein erstes Werk über den „Gottesfreund vom Oberland“ veröffentlichen. Er siedelte nach Urfahrn am Chiemsee in Bayern, der Wirkensstätte von Erna Bethien über. Die vorübergehende Trennung von der Anthroposophischen Gesellschaft brachte auch beruflich eine bedeutende Lebenswende mit sich. 33-jährig entschloss sich Rath, Landwirt zu werden und begann zusammen mit seiner Frau Maria, geb. Spira, ab 1935 das Gut Farrach in Maria Rojach, Kärnten, zu bewirtschaften. Dort entfaltete Rath mit seiner Frau bald neben der Landwirtschaft zahlreiche kulturelle und soziale Aktivitäten. Für die Ausbildung von Landwirtschaftspraktikanten wurde eigens ein Haus gebaut, das später, als das Interesse an Landwirtschaftspraktika zurückging, als Gästehaus genutzt wurde. Ein kleiner Festsaal mit Bühne machte auch kulturelle Veranstaltungen möglich. Zweimal jährlich wurden Tagungen auf Gut Farrach veranstaltet, die ein angestammter Teilnehmerkreis aus Holland, Deutschland, Österreich und der Schweiz besuchte. Meist hielten Wilhelm Rath und ein Gast Vorträge über verschiedene anthroposophische, kulturelle, geschichtliche und landwirtschaftliche Themen.

Im Jahre 1947 wurde Wilhelm Rath wieder Mitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Er intensivierte seine literarische Tätigkeit. Dem Erstlingswerk über den „Gottesfreund vom Oberland“ folgte bald eine nachhaltige Beschäftigung mit der Schule von Chartres. Bisher kaum zugängliche Texte wie „Der Anticlaudian“ des Alanus ab Insulis oder „Über die allumfassende Einheit der Welt“ von Bernardus Sylvestris erschloss Rath durch seine Übersetzungsarbeit. Des Weiteren übersetzte er auch ein Werk über den Gral aus dem Altfranzösischen. Ebenso betätigte er sich auf künstlerischem und historischem Felde. Daraus resultierte unter anderem ein Werk über die Goetheanum-Glasfenster und ein Bildband über Rudolf Steiners Jugendzeit in Österreich.

Auf Vortragsreisen, auch in das benachbarte Ausland, trug Rath die Ergebnisse seiner Arbeit in anthroposophischen Kreisen vor. Ein großer Freundeskreis und ein stets offenes Ohr für den anderen Menschen, dem er eine brüderliche Warmherzigkeit entgegenbrachte, charakterisieren das Wirken Wilhelm Raths. Er starb am 13. Januar 1973 im Alter von 76 Jahren nach einer Krankheit in Wolfsberg/Kärnten.

Christiane Haid


Werke: als Herausgeber: Die Legende von den Heiligen Drei Königen, Berlin 1925, Stuttgart ²1980; Der Gottesfreund vom Oberland, Leipzig 1930, Stuttgart, 4. Aufl. 1985; als Übersetzer: Bernardus Silvestris: Über die allumfassende Einheit der Welt, Stuttgart [1965]; Alanus ab Insulis: Der Anticlaudian, Stuttgart 1966, ²1983; Das Buch vom Gral, Stuttgart 1968, ²1980; Weihnachtsbrief, Farrach 1970; Die Bildsprache der Goetheanum-Glasfenster, Stuttgart 1971; Die Jugendzeit Rudolf Steiners in Österreich, Freiburg [1971]; Vom neuen Ostern, Farrach 1971; Bericht in: Keyserlingk, A. v.: Koberwitz 1924, Stuttgart 1974; Das Ostergeschehen im Zusammenhang der Evangelien, Stuttgart 1974; Rudolf Steiner und Thomas von Aquino, Basel 1991; Vom neuen Ostern, Farrach 1971; Weihnachtsgedanken aus der Schule von Chartres, in: Sixel, D.: Festeszeiten, Dornach 1993; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische und Niederländische erschienen; weitere Beiträge in MaD, DD, G, LE, N, Pfa.
Literatur: Der Vorstand am Goetheanum, Zum 70. Geburtstag von Wilhelm Rath, in: N 1967, Nr. 20; GA 262, 1967; Stracke, V.: Von den Tagungen in Farrach (Kärnten), in: N 1967, Nr. 44; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Raab, R.: Wilhelm Rath, in: MaD 1973, Nr. 104; GA 260a, ²1987; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; GA 259, 1991.




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