Siegfried Pütz
Pütz, Siegfried

Bildhauer, Werklehrer, Kunstdozent.

*15.10.1907 Berlin (Deutschland)
†21.02.1979 Ottersberg (Deutschland)







Siegfried Pütz setzte durch sein Schaffen entscheidende Marksteine in der Entwicklung der Kunsttherapie und Sozialästhetik. Er gehörte zu den Waldorfschülern der ersten Stunde. Seine Kindheit verbrachte er mit vier weiteren Geschwistern in Berlin, wo seine Mutter schon zur Zeit seiner Geburt Mitglied der Theosophischen und später der Anthroposophischen Gesellschaft war. 1922–24 besuchte er die Stuttgarter Waldorfschule. Seine dortige Begegnung mit Rudolf Steiner hat ihn nachhaltig beeindruckt. Sie gab ihm, wenn auch zunächst kaum bewusst, eine entscheidende Orientierung für seinen Schaffensweg. Siegfried Pütz lebte erst in der Familie von Karl Schubert, später auch bei Carl Unger. Nach einem Bildhauerstudium an der Kunsthochschule Karlsruhe setzte er seine Studien bei Oswald Dubach in Dornach fort. Danach richtete er sich in der Nähe von Calw eine Werkstatt ein. Hier begann er auch künstlerisch mit Jugendlichen aus einer Sonderschulklasse Karl Schuberts zusammenzuarbeiten. Neben seinem Schaffen als freier Künstler entfaltete Siegfried Pütz eine vielseitige Tätigkeit in die unterschiedlichsten Bereiche der angewandten Kunst hinein, wozu er sich nach einem Berufsverbot durch die Nationalsozialisten auch zunehmend gezwungen sah. Er entwarf und baute Möbel, schnitzte, betätigte sich als Bauzeichner und Bauführer, gab Kurse bei Weleda in Schwäbisch Gmünd und schuf Modellzeichnungen für Automobile. Am Verbot der politischen Machthaber scheiterte das Vorhaben, zusammen mit seiner Frau Rose Maria ( Rose Maria Pütz), die er 1937 geheiratet hatte, am Bodensee ein heilpädagogisches Heim zu eröffnen. Einer Bitte von Erich Schwebsch folgend, engagierte sich Siegfried Pütz nach dem Krieg für die Waldorfschulbewegung und war elf Jahre lang als Kunst- und Werklehrer an der Ottersberger Rudolf Steiner-Schule tätig. Er richtete dort eine Tischlerwerkstatt mit zwei Gesellen ein und erneuerte den Werkunterricht aus der Idee der Urhandwerke vom Mauern bis zum Schmieden.

Sein Lebenswerk kulminierte 1967 in der Gründung der „Hochschule für das Soziale Wirken der Kunst“ in Ottersberg. Vorangegangen waren sechs Jahre künstlerischer Arbeit mit jugendlichen Arbeitern in einem Wuppertaler Industriebetrieb, wo er zusammen mit seiner Frau Grunderfahrungen in kunsttherapeutischer Praxis sammelte.

Siegfried Pütz griff Steiners Anregungen auf, die der Kunst immanenten sozialen Impulse zeitgemäß umzusetzen. Aus der anthroposophischen Menschenkunde und aus Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ gewann er die geistigen Grundlagen der Ausbildungskonzeption. In seinen Briefen hatte Schiller es als eine der wichtigsten Aufgaben der Kultur genannt, „den Menschen auch schon in seinem bloß physischen Leben der Form zu unterwerfen und ihn, soweit das Reich der Schönheit nur immer reichen kann, ästhetisch zu machen, weil nur aus dem ästhetischen, nicht aber aus dem physischen Zustand der moralische sich entwickeln kann“. Dieser Auffassung hatte sich Rudolf Steiner mit der Überzeugung verbunden, ein menschenwürdiges Dasein sei ohne die Durchsetzung unseres Kulturlebens mit künstlerischem Empfinden nicht zu denken.

Die in der Praxis gewonnenen Einsichten mündeten schließlich in das Berufsbild des Kunsttherapeuten ein. Die von Siegfried und Rose Maria Pütz gegründete Hochschule wurde 1984 als Fachhochschule staatlich anerkannt und entwickelte sich in der Folge zu einer der größten und bedeutendsten Hochschulausbildungen für Kunsttherapie in der ganzen Welt.

Von Anfang an hatte Siegfried Pütz das Ausbildungskonzept und das damit verbundene Berufsbild in einen großen gesellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Kontext gestellt. Kunsttherapie, das war in den Augen der Gründer mehr als eine Behandlungsmethode oder eine medizinische Ergänzungsleistung. Es war als Heilmittel gedacht für eine erkrankte Sozial- und Kulturwirklichkeit, die sich bis in individuelle Krankheitsbilder hinein auswirkt. Siegfried und Rose Maria Pütz erkannten die zentrale Aufgabe der Kunsttherapie darin, „mit Kunst sozial zu wirken und auf die Schäden der Gesellschaft gesundend Einfluss zu nehmen“. (Pütz, S. in: Evolution, Ottersberger Schriftenreihe für Kunst und Kunsttherapie 1993, Nr. 2) In der künstlerischen Arbeit mit den Jugendlichen in der Industrie hatten die beiden erfahren, dass künstlerisches Tun nicht nur einen Ausgleich zu einer menschenunwürdigen Arbeitswelt zu bilden vermag, sondern dazu beiträgt, erfahrene Welt seelisch zu verarbeiten und vor allem auch menschenwürdig zu kommunizieren.

Siegfried Pütz hat all seine Kräfte in den Aufbau und die Entwicklung der Ottersberger Hochschule investiert, an der er bis zu seinem Tod auch lehrte. Sein Lebenswerk ging in Praxis auf. So ist es nie zu einer systematischen Ausarbeitung der von ihm entwickelten Sozial- und Bildungsästhetik und der damit verbundenen methodischen Ansätze in der kunsttherapeutischen Praxis gekommen. Seine hinterlassenen Schriften, die überdies in den 80er-Jahren teilweise einem Brand zum Opfer fielen, sind ein groß angelegter Entwurf geblieben. Ein Vermächtnis, das der Ausführung harrt unter den Bedingungen fortgeschrittener kultureller Entwicklung und das in den berufspraktischen Erfahrungen von mittlerweile rund 2.000 pädagogisch und therapeutisch tätigen Absolventen der Ottersberger Hochschule eine reichhaltige Ergänzung findet.

Als Künstler hat Siegfried Pütz ein zeichnerisches und bildhauerisches Werk hinterlassen, das der von Rose Maria Pütz im Jahre 1990 in Bielefeld herausgegebene Bildband „Siegfried Pütz. Sein Schaffen“ dokumentiert. Noch kaum in seiner Bedeutung gewürdigt ist der Möbeldesigner und Möbelbauer Siegfried Pütz, der die Anregungen Rudolf Steiners zu einer Erneuerung der Möbelbaukunst aufgegriffen und exemplarisch umgesetzt hat.

Peer de Smit


Werke: Brief an einen Industriellen, in: Heymann, K.: Krisis der Bildungswege,
Basel 1964; Die betriebliche Nachwuchsförderung in ihrer menschenbildenden
Aufgabe, Frankfurt/M. 1969; Soziales Wirken in der Kunst, in: Lebenskunde
muss aller Unterricht geben, Basel 1974; Beiträge in Msch, Stl.
Literatur: Pütz-Nelsen, R. M., Götte, F.: Siegfried Pütz, in: MaD 1979, Nr. 129;
Rist, M.: Erinnerung an Siegfried Pütz, in: N 1979, Nr. 17; Lampe, K. H.:
Siegfried Pütz, in: Leh 1979, Nr. 19; Hermann, H.: Im Gedenken an Siegfried
Pütz, in: N 1980, Nr. 18; Pütz, R. M.: Siegfried Pütz, in: MaB 1981, Nr. 70;
Kurz notiert, in: MaD 1984, Nr. 148; Krüger, M.: Siegfried Pütz – sein
Schaffen, in: G 1991, Nr. 8.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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