Ludwig Graf von Polzer-Hoditz
Graf von Polzer-Hoditz, Ludwig

Offizier, Gutsbesitzer.

*23.04.1869 Prag (damals Österreich-Ungarn)
†13.10.1945 Wien (Österreich)









Ludwig Graf (vor 1916 Ritter) von Polzer-Hoditz gehörte zu den esoterischen Schülern und vertrautesten Mitarbeitern Rudolf Steiners. Er wird als einer der Ersten angesehen, mit denen Rudolf Steiner die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus besprochen hat, und war maßgebend an deren Verbreitung beteiligt. Zudem war er einer der wenigen – und der einzige Deutschsprachige –, die von Rudolf Steiner damit betraut wurden, die esoterischen Stunden der Ersten Klasse der Freien Hochschule eigenverantwortlich in freier Form zu halten.

Seine Kindheit und Schulzeit erlebte v. Polzer-Hoditz im Schlösschen Mensdorf in Graz. Sein Vater Julius war als Mathematiker in der Garnison einer technischen Heeresabteilung stationiert und Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Ludwig kam nach dem Gymnasium mit 15 Jahren auf die Kavallerie-Kadettenschule, die er 1888 als Jahrgangsbester abschloss. 1889 wurde er Leutnant, 1895 Reitlehrer für Offiziersschüler und Ordonnanzoffizier. Im September 1900 heiratete er die Dichterin Baronin Berta Kot < von Dobr < , die ihre Gedichte in einem Band veröffentlicht hat. Bald wurden ihre beiden Söhne Josef und Julius geboren. Als diese 1920 für mehrere Jahre nach Dornach kamen, haben sie sich u. a. an den Schnitzarbeiten und der Goetheanumwache beteiligt. Josef, der Mathematik studiert hatte, arbeitete später in der heilpädagogisch-landwirtschaftlichen Einrichtung Pilgramshain bei Striegau in Schlesien, Julius hat die Verwaltung des väterlichen Gutes übernommen. Beide Brüder sind 1944/45 gefallen.

1902 wird Ludwig von Polzer-Hoditz zum Rittmeister ernannt, er tritt aber bald darauf wegen eines durch Reiterstürze verursachten Kopfleidens in den Ruhestand. 1906 erwirbt er das Gut Tannbach bei Gutau in Oberösterreich. Angeregt durch seinen Vater hörte er am 23. November 1908 in Wien Rudolf Steiners Vortrag „Was ist Seelenerkenntnis?“ (GA 108) Diese Begegnung war ein entscheidendes Erlebnis für von Polzer-Hoditz, dem sich – gemeinsam mit seiner Frau – ein intensives geisteswissenschaftliches Studium anschloss. In München im August 1911 wurde er mit ihr Mitglied und als persönlicher Schüler Rudolf Steiners 1912 in die Esoterische Schule aufgenommen.

Nach den Münchner Mysteriendramen im August 1912 nahm von Polzer-Hoditz am Zyklus über das Markus-Evangelium in Basel teil. Er besuchte dabei zufällig Dornach – wie „in einer Vorahnung“ – am gleichen Tag, an dem Rudolf Steiner unabhängig von ihm das künftige Baugelände besichtigte. Im Jahr darauf, am 20. September 1913, nahm er als einer von wenigen an der dortigen Grundsteinlegung des Goetheanum teil, zu der ihn Rudolf Steiner telegrafisch hatte einladen lassen. Eindrucksvoll beschreibt von Polzer-Hoditz die Feier bei der Versenkung des Doppelpentagondodekaeders (1985, S. 45 ff).

Ebenfalls 1913 lernte er in München den 20 Jahre jüngeren Walter Johannes Stein kennen, woraus eine langjährige Freundschaft entstand. Durch seine berufliche Unabhängigkeit konnte von Polzer-Hoditz damals zahlreiche Vortragszyklen Steiners besuchen, z. B. in Oslo, München, Wien und Norrköping. 1914 begann seine regelmäßige, bis ins hohe Alter andauernde 14-tägige Vortragstätigkeit in Prag, da Rudolf Toepell, der „vorher viel dort gearbeitet hatte“, einrücken musste (1985, S. 54). 1915 war von Polzer-Hoditz mit seiner Familie in Dornach und schnitzte mit seiner Frau am ersten Goetheanumbau mit. Mit dem Tod Kaisers Franz Josef I. in Wien wurde 1916 sein älterer Bruder, Arthur von Polzer-Hoditz, Kabinettschef des neuen Kaisers Karl. Dabei wurde die Familie Ritter von Polzer in den Grafenstand erhoben.

1917 erschien in Linz seine von Rudolf Steiner anerkennend (GA 174, S. 98f.) besprochene Schrift „Betrachtungen während der Zeit des Krieges“. Im selben Jahr wurde er – nach telegrafischer Anfrage – zusammen mit dem in dieser Sache initiativen Otto Graf von Lerchenfeld und Walter Johannes Stein in Berlin von Rudolf Steiner persönlich über die Memoranden unterrichtet, die Kaiser Karl überbracht werden sollten. Dass diese Memoranden nicht die erhoffte Wirkung im Hinblick auf die Friedensbemühungen und die von Steiner vorgeschlagenen geo- und sozialpolitischen Ordnungen zeitigten, hat von Polzer-Hoditz schwer belastet. Ab Anfang 1919 setzte er sich als einer der ersten Mitarbeiter für die soziale Dreigliederung ein. Dies vor allem in österreichischen, aber auch tschechischen Regierungskreisen, wie z. B. auch in Prag bei Thomas Masaryk und Edvard Beneš.

Im Juni 1918 besuchten Rudolf und Marie Steiner Polzers Gut Tannbach, machten dort auf einen Rosenkreuzer-Weiheort aufmerksam und reisten anschließend mit der Familie von Polzer nach Prag zu Vorträgen und einem Ausflug zur Burg Karlstein.

Am 7. September 1919 wohnte er der Eröffnung der Freien Waldorfschule in Stuttgart bei. Dort plante er auch bereits 1920 mit Rudolf Steiner den „West-Ost-Kongress“, den er als Kongressleiter und Vertrauenspersönlichkeit der Anthroposophischen Gesellschaft in Österreich am 1. Juni 1922 vor rund 2.000 Teilnehmern eröffnete.

Aus den Bestrebungen des Kongresses ging die von Polzer-Hoditz als Schriftleiter herausgegebene Zeitschrift „Anthroposophie – Österreichischer Bote von Menschengeist zu Menschengeist“ hervor, die bis Ende 1923 bestand und in den von Hans Erhard Lauer herausgegebenen „Österreichischen Blättern für freies Geistesleben“ (1924–30) eine Fortsetzung fand.

Den tragischen Brand des ersten Goetheanum hat von Polzer-Hoditz persönlich miterlebt und anderntags mittags in der Villa Hansi mit Rudolf Steiner Fragen der weiteren Entwicklung besprochen. An Michaeli 1923 wurde er bei der Gründung der Anthroposophischen Landesgesellschaft in Wien – unter Anwesenheit Rudolf Steiners – in den sechsköpfigen Vorstand gewählt.

Ludwig Graf von Polzer-Hoditz gehörte zu den wenigen, mit denen Rudolf Steiner wiederholt nach seiner Erkrankung im Herbst 1924 gesprochen hat. Rudolf Steiner hat ihm dabei u. a. die Sorge für seine beiden Geschwister Leopoldine und Gustav in Horn/Niederösterreich übertragen und betraute ihn mit der Hochschularbeit in Wien und Prag.

In den gesellschaftsinternen Auseinandersetzungen nach Rudolf Steiners Tod setzte sich von Polzer-Hoditz engagiert für einen Ausgleich zwischen den Parteien ein – insbesondere 1930 durch ein Memorandum und durch eine Rede auf der Generalversammlung 1935, in der er – eine historische Tat – gegen die Majorität als ein unbequemer Mahner zur Bescheidenheit und Zusammenarbeit auftrat. Daraufhin hat ihm der Vorstand das Vertrauen entzogen. Am 30. Mai 1936 trat von Polzer-Hoditz aus der Anthroposophischen Gesellschaft aus. Im gleichen Jahr hat er – aufgrund einer Anregung von W. J. Stein – seine „Erinnerungen an Rudolf Steiner“ (Prag 1937, Dornach ²1985, mit Bibliografie) ausgearbeitet.

Neben seinen diplomatischen Aktivitäten war von Polzer-Hoditz ein erfahrener Landwirt – ein Landwirt, der den für eine Neuorientierung der Landwirtschaft grundlegenden Koberwitzer Kurs 1924 mitinitiiert hat. Im Juli 1929 finden wir ihn unter den Mitgliedern des Landwirtschaftlichen Versuchsringes der Anthroposophischen Gesellschaft. Besonders im letzten Lebensjahrzehnt wirkte er in dem daraus hervorgegangenen biologisch-dynamischen Demeter-Wirtschaftsbund und gehörte zum Freundeskreis des Gutes Marienhöhe in der Mark Brandenburg um Erhard Bartsch.

Ludwig Graf v. Polzer-Hoditz darf als einer der bedeutenden Esoteriker in der Umgebung Rudolf Steiners angesehen werden. Das grundlegende Anliegen dieser stets umfassend historisch denkenden Persönlichkeit war, die ausgleichenden Aufgaben der Mitte Europas zwischen Ost und West zu stärken (Werke 1926, 1928). Dazu untersuchte er insbesondere die spirituellen Verbindungen zwischen Böhmen und England. Sein unmittelbares Lebenswerk war allerdings die Förderung der anthroposophischen Geisteswissenschaft in Böhmen und Österreich, deren Entwicklung in einer schwierigen Zeit auf seinem unermüdlichen Einsatz beruhte.

Michael Toepell


Werke: Betrachtungen während der Zeit des Krieges, Linz 1917; Die
Notwendigkeit der Erhaltung und Weiterentwicklung des deutschen
Geisteslebens für die europäische Kultur, Wien 1919; Politische
Betrachtungen auf Grundlage der Dreigliederung des sozialen Organismus,
Stuttgart 1920, ²1920; Der Kampf gegen den Geist und das Testament Peters
des Großen, Stuttgart 1922, Dornach ²1989; Die Mysterien der Mitte zwischen
Ost und West, in: Wachsmuth, G. [Hrsg.]: Gäa Sophia, Bd. III, Stuttgart
1926; Das Mysterium der europäischen Mitte, Stuttgart 1928;
Schicksalsbilder aus der Zeit der Geistesschülerschaft, Basel 2000;
Übersetzung ins Englische erschienen; Beiträge in AM, AÖ, AT, BeH, DD,
DsO, G, N, OeB, PA, WdN.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Tradowsky, P.: Einleitung, Berthold, K.: Ludwig Polzer-Hoditz –
eine chronikartige Lebensskizze, Willmann, K. T.: Erinnerungen an die
Lebensbegegnungen mit Berta und Ludwig Polzer-Hoditz, in: Erinnerungen
an Rudolf Steiner, Dornach 1985; Schöffler 1987; Deimann 1987; Lindenberg,
Chronik 1988; GA 259, 1991; Meyer, T.: Ludwig Polzer-Hoditz und das erste
Goetheanum, in: MaD 1993, Nr. 186; ders.: Ludwig Polzer-Hoditz – ein
Europäer, Basel 1994; ders., Heisterkamp, J.: Ein Pionier der
Anthroposophie, in: I3 1994, Nr. 11; Koepf, H., von Plato, B.: Die
biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert, Dornach 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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