Siegfried Pickert
Pickert, Siegfried

Heilpädagoge.

*03.06.1898 Glogau/Oder, Schlesien (damals Deutschland)
†12.03.2002 Borchen (Deutschland)





Siegfried Pickert war eine der drei Persönlichkeiten, die die Heilpädagogik auf anthroposophischer Grundlage begründet haben. Er war Mitbegründer des „Heil- und Erziehungsinstituts für seelenpflegebedürftige Kinder“ Lauenstein, Jena, und später der Heimschule Schloss Hamborn. Durch das hohe Alter, das er erreichte – er wurde 103 Jahre alt –, wurde er für spätere Generationen zu einem lebendigen Zeugen der Anfangsimpulse und Gründungsmotive.

Siegfried Pickert wird als viertes von sechs Kindern in Glogau an der Oder (damals deutsches Schlesien, heute Polen) geboren. Die Familie war deutschnational orientiert; aus gesundheitlichen Gründen wurde der Vater nicht Offizier, sondern Militärpfarrer. Seine Kindheit ist von einer gewissen konfessionellen Enge geprägt: Von Hause aus evangelisch, lebt er in einer stark katholisch geprägten Gegend. Schon als Knabe, so erzählte er später schmunzelnd, überwindet er diese Grenzen vermittels einer Schaukel an einem Birnbaum, auf der er im Garten des Gemeindehauses über die Mauer hinweg auf das Gelände der angrenzenden Jesuitenschule schaukelt und dabei singt: „Jetzt bin ich evangelisch – jetzt bin ich katholisch – jetzt bin ich evangelisch [...]“

1916 macht er das kriegsbedingte Notabitur und wird Soldat. Den Strapazen des Militärdienstes ist er gesundheitlich nicht gewachsen. Nach Lazarettaufenthalt wegen Lungenschadens wird er entlassen und beginnt in Posen, später auch in Jena und Berlin, Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik zu studieren. Er spricht gerne Polnisch und lernt auch Russisch. Es bleibt ihm eine lebenslange Sympathie zum östlichen Kulturraum. Die Suche nach lebendigem Erleben des Geistes führt ihn schon mit 16 Jahren zu den Idealen der Wandervogelbewegung. Auf verschiedenen Wegen wird Deutschland mehrfach durchwandert und die Natur- und Menschenbegegnung werden wichtig für die suchende Seele, genügen ihr aber nicht. Bedeutsam ist für ihn die Begegnung mit ersten anthroposophischen Anschauungen in einem Volkshochschulkurs. In Jena trifft Siegfried auf andere Jugendliche, die wie er auf der Suche nach wirklicher Geistbegegnung sind: Ernst Lehrs, Heinz Müller und die späteren Kollegen Albrecht Strohschein und Franz Löffler. Zu einem Höhepunkt in seinem Leben wird die Teilnahme am Kursus im Rahmen der Freien anthroposophischen Hochschulkurse im Frühjahr 1921 in Stuttgart (GA 324). Hier begegnet er Rudolf Steiner am 16. März 1921 zum ersten Mal. Seine Zukunft will er in den Dienst einer Kulturerneuerung durch Anthroposophie stellen. Im Sommer wandert er mit Werner Pache zu einem internationalen Kongress wieder nach Stuttgart (GA 78). Er wird Mitarbeiter im anthroposophischen Hochschulbund und nimmt am Berliner Hochschulkurs „Anthroposophie in ihrem Wissenschaftscharakter und als Lebensinhalt“ (GA 81) und 1922 am „Pädagogischen Jugendkurs“ (GA 217) in Stuttgart teil.

Im Sommer 1923 geht er nach Dornach, um das Studium der Anthroposophie zu vertiefen und gleichzeitig Wächterdienste am Goetheanum zu leisten. Hier erreicht ihn im September ein besonderer Schicksalsruf: Das Jugendsanatorium Sophienhöhe in Jena sucht nach einer Persönlichkeit, die aus anthroposophischer Menschenkunde heraus mit behinderten Kindern arbeiten will. Siegfried Pickert übernimmt die Aufgabe in der Pflegeabteilung für Zöglinge, denen keine Entwicklungschancen mehr zugesprochen werden. Einen Monat später stößt Franz Löffler dazu. Probleme, die sich in der Arbeit ergeben, besprechen beide mit Albrecht Strohschein, der in Jena Psychologie studiert. Lebensentscheidend wird für die drei jungen Männer die Teilnahme an der Weihnachtstagung 1923. In einem Gespräch mit Rudolf Steiner stellen die drei die entscheidende Frage nach dem Schicksal dieser Kinder. Er gibt ihnen verschiedene therapeutische Ratschläge und stellt einen Besuch an Ort und Stelle in Aussicht. Nachdem sie zusätzlich den Jungmedizinerkurs Anfang Januar 1924 (GA 316) wahrnehmen durften, kehren sie nach Jena zurück und beginnen die selbstständige Arbeit in einem Vorstadtgasthaus von Jena, dem Lauenstein. Schon am 18. Juni 1924, im Anschluss an den Landwirtschaftlichen Kurs in Koberwitz, besucht Rudolf Steiner den Lauenstein, schaut alle Kinder einzeln an und gibt Hinweise für Therapie und Schicksalsverständnis (Lauenstein-Tag). Als Antwort auf die kraftvolle Initiative der drei Freunde hält er den „Heilpädagogischen Kurs“ (GA 317) in Dornach als Grundlage für die künftige Arbeit. Auf Anraten Rudolf Steiners erwirbt Siegfried Pickert ein Schulleiterzertifikat, indem er die Mittelschullehrer-Prüfung ablegt.

1929 heiratet er Helene Weiß, die ihn auf allen inneren und äußeren Wegen begleitet und ihm überdies eine unentbehrliche Mitarbeiterin wird. Schon während der Weihnachtstagung hatte Rudolf Steiner die drei Freunde an seine ärztliche Mitarbeiterin Ita Wegman verwiesen, unter deren Begleitung sich die heilpädagogische Bewegung weiter fruchtbar entwickeln sollte. Der Lauenstein droht nach mehrfachen Erweiterungen aus allen Nähten zu platzen. Mit finanzieller Hilfe von Freunden aus der Schweiz ermöglicht Ita Wegman den Erwerb von Schloss Hamborn, wo Siegfried Pickert 1931 mit etwa 40 Betreuten und etlichen Mitarbeitern einzieht. Schloss Hamborn entwickelt sich unter seiner Leitung – unterstützt von Georg Moritz von Sachsen-Altenburg – zu einem Ort der Kultur, bis es 1941 von den nationalsozialistischen Machthabern geschlossen wird. Am 18. Juni 1946 (dem „Lauenstein-Tag“) wird als Neuanfang eine Waldorfschule mit drei Kindern begründet. Sie entwickelt sich über die Jahre ausgesprochen fruchtbar. Heute leben über 600 Menschen in dörflicher Gemeinschaft in Schloss Hamborn (Schule, Landwirtschaft, Werkstätten, Sanatorium, Altenwerk u. a. m.). 1968, mit 70 Jahren, übergibt Siegfried Pickert die Leitungsaufgaben an ein Kollegium. Bis 1985 ist er noch als Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft tätig. 1986 zieht er mit seiner Frau ins Haus Friedland des Altenwerks von Schloss Hamborn. Zu seinem hundertsten Geburtstag erhält er das Bundesverdienstkreuz.

Bis 1987 sprach Siegfried Pickert als Zeitzeuge für die Nachgeborenen auf Tagungen und in Seminaren in markanter, klarer und warmherziger Weise von den Motiven, Anfängen und Erfahrungen der Heilpädagogik auf anthroposophischer Grundlage, von seinen Begegnungen mit Rudolf Steiner; dann, bis kurz vor seinem Tod, in zahllosen Einzelgesprächen mit den vielen, die ihn aufsuchten. Aus seinen Worten sprach kraftvolle, moralische Kompetenz und lebensvolle Weisheit. Siegfried Pickert beanspruchte keine Autorität, sie wurde ihm verliehen. Gerne zitierte er das Wort des Alten mit der Lampe aus Goethes Märchen: „Ein einzelner hilft nicht – nur wer sich zur rechten Zeit mit anderen vereinigt.“

Johannes Denger


Werke: Fünfzig Jahre Heilpädagogischer Kurs, Vortrag, 9.10.1974, Arlesheim 1975; Die Anfänge der anthroposophischen Heilpädagogik, Dornach 1991; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzung ins Französische erschienen; Beiträge in MaD, Msch, Na, SbK, WNA.
Literatur: Krück von Poturzyn, M. J.: Aufbruch der Kinder 1924, Stuttgart 1968; Ries, E.: Siegfried Pickert 80 Jahre, in: MaD 1978, Nr. 125; Holtzapfel, W.: „Du tust, was die Götter tun“, in: N 1978, Nr. 23; GA 260a, ²1987; Wilmar-Strohschein, W.: Siegfried Pickert zum 90. Geburtstag, in: MaD 1988, Nr. 164; Schulz, R.: Zum 95. Geburtstag von Siegfried Pickert, in: N 1993, Nr. 25; Glöckler, M., Grimm, R.: Gruß zum 100. Geburtstag, in: SHS 1998, Nr. 2; dies., Zum Erdenabschied von Siegfried Pickert, in: N 2002, Nr. 16; Wispler, M.: Im Dienst der Kulturerneuerung. Siegfried Pickert, in: G 2002, Nr. 19; Girke, H.: Zum Tod von Siegfried Pickert, in: Mst 2002, Nr. 3.




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